Als ich vor – huch! – einundzwanzig Jahren zum ersten Mal nach Bern zog, ahnte ich noch nicht, dass die Liebe zu dieser Stadt länger anhalten würde als meine damalige Liebesgeschichte, denn auch später bin ich immer wieder hier gelandet. Ich möchte mal einen Berner heiraten!, hatte ich als Teenie meiner damals besten Freundin anvertraut, mir gefällt dieser Dialekt so gut. Gesagt, getan. Wobei … K. hätte ich damals äuä auch genommen, wenn er Zürcher gewesen wäre. An der Trennung war denn auch nicht die Sprache schuld.
Ich gebe es trotzdem zu: Wie jemand spricht, spricht mich an. Oder eben nicht. Ähnlich wie Gerüche gehen auch Stimmen und Redewendungen in meinem Inneren ganz seltsame Wege. Sie berühren mich unvermittelt – oder eben nicht. Gerüche, Stimmen, Geräusche und Wörter verwandeln sich in meinem Inneren in Farben. Menschen speichere ich in mir als Farben ab – und als Geschmack auf der Zunge. Nix Esoterik, nein, ich sehe keine Auren! Ich ticke einfach so. Immer schon. Seit ich gelesen habe, dass dieses Phänomen einen wissenschaftlichen Namen hat, habe ich keine Hemmungen mehr, darüber zu reden (obwohl ich den Namen des Phänomens längst vergessen habe. Keine Beweise also!).
Sorry, ich schweife ab. Wollte doch über jenes Wort schreiben, das …
Nein. Halt. Vorgreifen will ich nicht. Mein Leben in Bern. Die erste Runde vor einundzwanzig Jahren. Buchhandlung S., wo ich damals meinen zweiten Beruf erlernt hatte. Meine Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen wurden nicht müde, mich meines Dialektes wegen zu necken. Nicht, dass der so besonders wäre. Eher das Gegenteil. Das Aargau ist sprachlich und geografisch einfach immer irgendwo dazwischen. Für Berner Ohren mag mein Dialekt sogar zürichdeutsch klingen, auch wenn ich das nicht verstehen kann. Und das war denn auch ihre Hauptneckerei. Denn zwischen Bern und Zürich liegen Welten, nicht bloss ein paar Kantone!
Längst habe ich meinen alten Mitbuchhändlern und -buchhändlerinnen ihre Foppereien verziehen. Später, als ich ein paar Jahre in Zürich gelebt hatte, wurde ich umgekehrt immer wieder gefragt, ob ich Bernerin sei. Hm. Das hörte ich, ehrlich!, doch viiiel lieber als die Frage, ob ich Zürcherin sei. Obwohl ich auch Zürich liebe. Die Stadt. Die Menschen. Und mein lieber Freund M. gab niemals auf, seine Aufgabe als mein Mitbewohner als Entwicklungshilfe in Metropolität zu betrachten. Dennoch mag ich die gemächlichere Gangart der Bundeshauptstadt lieber als die Hektik jener gernegrossen City an der Limmat.
Ich schweife schon wieder ab, verzeiht. Mit Umwegen über das Tessin und das Aargau – gopf, oder heisst es nöime der Tessin und der Aargau? – bin ich dann doch wieder hier gelandet. Im Kanton meines Herzens. Ja, auch damals der Liebe wegen. Vor allem aber, weil ich mich hier einfach zuhause fühlte. Und es noch immer tue.
Die vielen Berner Jahre haben meine Aargauer Dialekt dennoch nicht aufgefressen. Mein Assimilationsbestreben zielte nie daraufhin, mich und meine Sprache zu verleugnen. Es genügte mir, umgeben von dieser Sprache zu leben, in den Klängen dieser Sprache zu baden. Jeden Tag von neuem. Dennoch habe ich natürlich ein paar Fetzen verinnerlicht. Ohne es zu merken. Angefangen bei der Satzstellung. Zum Beispiel sagt die Bernerin in mir ‚wo-n-ig es paar Jahr ha z’Züri gläbt‘ statt meiner Aargauerin‚ die natürlich ‚wo n i es paar Johr z’Züri gläbt ha‘ sagt. Auch die Artikel mixe ich ebenfalls oft, ohne es zu merken. Oft Neutrum statt männlich oder weiblich. Das Agenda statt die Agenda zum Beispiel. Und natürlich sind da ein paar eigenwillige Begriffe wie nöime für eventuell oder irgendwo, die aus meinem Wortschatz nicht mehr wegzudenken sind.
Doch – und jetzt komme ich endlich zur Pointe! Selber schuld, ihr lest hier freiwillig! – das genialste Wort, das zugleich die Gemütlichkeit und Lebenskunst, Bernerin oder Berner zu sein, aufs Genauste illustrier, das Berner Universum gleichsam, besteht aus nur drei Buchstaben!
Kommst du als Fremdling nach Bern, genügt es, dieses eine Wort, je nach Bedarf anders betont, anzuwenden und alle Einheimischen akzeptieren dich als einen oder eine der ihren! Just try! Darfst einfach sonst nix sagen, sonst merken sie, dass du Import bist.
1.) äuä = ausgesprochen: äuäää? mit fragendem Ton und langem zweiten ä > Soll ich dir das wirklich glauben? Du veräppelst mich bestimmt!
2.) äuä = ausgesprochen: äuä? mit fragendem Ton > ähnlich wie 1.) doch im Klang weniger fragend, mehr bestätigend, bedeutet: Ja, es ist wahr, obwohl es verrückt klingt!
3.) äuä = ausgesprochen: äuä. Kurzes zweites ä. > Ja! So ist es! Kann auch als äuä scho! daher kommen und heißt ebenfalls ja.
4.) äuä = ausgesprochen: äääuä?! Fragender Ton, doch abschließend die Stimme senken > Nein. Definitiv nicht. Vergiss es!
Doppelmoral? Na ja … ich weiß ja, dass wir Leute aus Bern (zwar ist Gstaad im Berner Oberland, doch über Polanski möchte ich hier nicht schwadronieren) zuweilen nicht so recht wissen, was nun eigentlich gelten soll, was Irgendlink bewiesen hat, dennoch meinen wir es meistens nicht böse. Wir Berner und Bernerinnen.
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Treffen sich eine Bernerin und ein Berner am Loebegge*:
– äuä!
– äuä?
– äuä …
– äuä.
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* waaas? Du kennst den Loebegge nicht?