Schwimmend nach Hause

Solche Dienstgänge lob ich mir! In der Vormittagspause beschließen wir, unsere abwesende Arbeitskollegin und Vielleserin K., die nächste Woche Geburtstag hat, mit einem neuen Buch zu beschenken. Doch wer von uns liest das Geschenk aus? Die Wahl fällt auf mich, da ich eh noch zur Post muss.

Nach der Mittagspause stöbere ich also glücklich, zumal ich mir diese Freude letzten Donnerstag versagt habe, durch den großen Bücherladen beim Bahnhof. Völlig ausgehungert stehe ich vor den Auslagen. Habe in der letzten Zeit Bücherläden gemieden, weil die sowohl Zeit als auch Geld fressen. Außerdem liegen noch stapelweise ausgeliehene Bücher bei mir rum, die ich lesen darf und zurückgeben soll.

Schon bald habe ich mich für Rolf Lapperts Nach Hause schwimmen entschieden, eines meiner Lieblingsbücher des letzten Jahres. Sowohl spannend wie auch philosophisch, tiefgängig, berührend ohne kitschig zu sein, menschlich, ironisch stellenweise. Lappert ist ein Buch gelungen, das – trotz des happigen Themas – alles andere als depressiv ist, literarisch wertvoll, herrlich, grotesk zuweilen, und voller Humor … Könnte K. gefallen, finde ich.

Dass ich für mich auch gleich zwei neue Bücher erstanden und für den baldigen Geburtstag einer anderen lieben Frau was gefunden habe, bleibt aber unter uns. Versprochen?!

Nun aber ab zum Postfach, schließlich bin ich auf Arbeit. Auf dem Fahrrad den Tramschienen ausweichend und gegen den Verkehr über den Bahnhofplatz zirkelnd, ziehe ich mit der linken Hand am Kopfhörerkabel, um mir die Kopfhörer aufzusetzen, um Musik zu hören. Ooops. Kein mp3-Player am anderen Ende des Kabels! Na sowas! Ein Blick zurück. Das schwarze Ding dahinten, mitten auf der Straße – immerhin noch knapp auf der Fahrradspur –, kommt mir irgendwie bekannt vor! Und das Plong von vorhin muss wohl dazu geführt haben, dass ich nun ein leeres Kabel in der Hand halte. Bremsen. Absteigen. Zurückrennen. Den Autos ausweichen. Den Schutzengel aller mp3-Player anflehen, dass fünf Sekunden lang kein Auto kommt. Das Teil am Boden packen. Dem erwähnten Schutzengel fürs Aufpassen danken. Vor mich hin grinsend zurück zum Fahrrad gehen und mir die Kopfhörer aufsetzen. Das alles geht blitzschnell. Keine drei Sekunden vermutlich. Als ich das Teil einschaltete, zeigte die Uhr, noch im Sommerzeit-Modus, 15:15. Sternschnuppenzeit!

Ei einzigi Sekunde, singt Kuno, als ich auf Play drücke. Kein Stück passt besser. Mein Shuffler weiß Bescheid. In einer einzigen Sekunde hätte ich beinahe meine geliebte Musik verloren. Hauchdünn die Grenze von hier nach da, singt der Züri West-Sänger. Wie schnell sich alles verändern kann. Hab ich mal wieder Glück gehabt!

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Ei einzigi Sekunde – Songtext

üsi Hüue isch papierdünn
mir exischtiere uf guet Glück
bi extrem schwache Quote
irgnd eine dräiht im Rote
u scho flügsch us em Renne
u liegsch dusse im Schotter
ei einzigi Sekunde
u aues isch vrbii

ei enizigi Sekunde
u du erwachsch im däm Zimmer
u aues hanget am ne Fade
u dr Zuefau schnippt mit em Finger
u dr Früehlig schteit vor dr Türe
im Schnee

Quelle: http://lyrics.wikia.com/Z%C3%BCri_West:Ei_Einzigi_Sekunde

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