Wie schön! Dann werden wir unsere heutige Kollekte also für ein Inland-Projekt sammeln?! Für Schweizerinnen und Schweizer. Gut so. Es gibt ja auch bei uns viele Hilfsbedürftige!, sagt die Frau, der gegenüber ich am zum Frühstück gedeckten Tisch im Gemeindesaal Platz genommen habe.
Öhm, sage ich, es ist zwar schon ein Inland-Projekt, aber … die Nutznießerinnen sind Frauen mit Migrationshintergrund. Ist eben ein Integrationsprojekt.
Wird sie trotzdem spenden? Wird sie unser neues Integrationsprojekt, das ich im Laufe dieses Erntedankfestes mit Powerpoint‘scher Hilfe vorstellen werde, unterstützen?
Hatte ich nicht neulich behauptet, dass ich keine Schauspielerin sein? Heute einen neuen Anlauf genommen. Statt Schauspiel Rollenspiel. Bin ja für meine Arbeitsstelle hier. Obwohl ich mit der Kirche nichts am Hut habe. Dass ich diesen Job übernommen habe, verdanke ich einer Verkettung von Umständen. Und der Tatsache, dass ich stellvertretende Projektleiterin bin.
Morgens um viertel vor acht ist die Welt noch in Ordnung. Vor allem sonntagmorgens. Fast allein auf der Autobahn. Lockerer Nebel, der die aufgehende Sonne durchblitzen lässt. Alles frisch. Ich fühle mich gut. Singe zur Musik. Brettere Kilometer um Kilometer zürichwärts und finde den Weg zum Gemeindehaus von D. dank Plänen und Wegbeschreibung denn auch auf Anhieb.
Lampenfieber habe ich kaum. Vorträge halten kann ich. Ist ja keine Kunst. Hm. Was für mich selbstverständlich ist, bestaunen andere. Was anderen selbstverständlich ist und ich nicht kann, bestaune ich. Das Licht unter dem Scheffel? Kunst kommt von können, sagt der Volksmund.
Gutbürgerliches Dorf. Gutbürgerliche Gemeindesaal. Gutbürgerliches Frühstück. Der Pfarrer stammt aus der Gegend zwischen Köln und Düsseldorf. Er heißt mich in seinem sympathischen Dialekt herzlich willkommen. Bald widmen wir uns dem Beamer und dessen Kabeln.
Doch, meine ich, das müsste klappen. Ich setze mich an einen der Tische. Zu irgendwelchen Menschen. Was mir, da ich heute Morgen die Rolle der Hilfswerk-Vertreterin angezogen habe, nicht mal so schwer fällt wie der eher scheuen Sofasophia im ganz normalen Leben. Die Maske drückt nicht, denn hinter dem Job, den ich hier tue. kann ich stehen. Dennoch versuche ich heute etwa Neues. Tue heute so, als sei ich Kirchgängerin. Tue es, um zu sehen, wie sich das anfühlt. Pokerfacemodus ein. Spannend, die Welt aus dieser Perspektive zu sehen. Ein anderes Objektiv. Zoom statt Weitwinkel. Die Kirchgängerin Sofasophia singt bei den Liedern mit. Gospels, die sie aus ihrer eigenen Konf-Zeit kennt. Wie herzig die Konfirmandinnen und Konfirmanden sind. Sie lesen den heutigen Bibeltext vor. Wann ich wohl das letzte Mal in einem Gottesdienst war? Muss Jahre her sein! Später stellen sich die jungen Leute mit Namen und Hobby vor. Und warum sie konfirmiert werden wollen. Mehrfachnennung: Damit ich später kirchlich heiraten kann. Sagen Fünfzehnjährige! Undercover-Spionin Sofasophia beißt sich auf die Zähne. Dream on, Kids. Kirchgängerin Sofasophia boxt sie in die Seite. Sei barmherzig. Sei tolerant!, flüstert sie. Ja, ja, schon gut.
Fünf grauhaarige Damen spielen auf der Zither nette Stücke. Alles besser als Orgel. Die Ladies spielen sehr konzentriert und sehen alles andere als verkalkt aus. Abgesehen von den Konfirmandinnen ist das Durchschnittsalter im Saal um die sechzig. Ich senke den Durchschnitt ein klein bisschen, höchstens um ein halbes Jahr. Bob Dylan wird gezithert. Dass nur der Wind die Antwort kenne.
Von der Predigt bin ich positiv überrascht. Eher philosophisch das Ganze. Um das Sich-Wundern geht es. Sich wundern über Schönheit. Schönheit sei ein Wunder Gottes, sagt der Kirchenmann. Der Göttinnen, ergänze ich für mich, wenn schon. Kann Schönheit absichtlich sein?, überlege ich. Gibt es zufällige Schönheit? Und wenn ja, wer shufflet sie?
Bei meinem Vortrag sehe ich in lauter interessierte Gesichter. Macht Spaß irgendwie. Doch sobald es sich mit den Gepflogenheiten der Höflichkeit vereinbaren lässt, verabschiede ich mich. Sehe, dass im Kollekte-Korb schon ein paar fette Geldscheine liegen und hoffe, dass die geputzten Klinken eine Weile weiterglitzern.
Im Auto Schönschuhe aus- und Alltagsschuhe anziehen. Spionin und Kirchgängerin lasse ich nicht einsteigen.
Zu M. fahren, die in der Nähe, auf der anderen Seite der Limmat, wohnt. Spontanbesuch, erst gestern beschlossen. Obwohl ihre sechsundneunzigjährige Mutter zu Besuch ist, die ich fast ebenso lange kenne wie meine Freundin M..
Jedes Mal, wenn ich die alte Frau sehe, glaube ich ein bisschen, dass alt werden schön ist. Die letzten paar Jahre waren die schönsten meines Lebens, sagt sie. Ich habe immer gemacht, worauf ich Lust hatte. Wandern zum Beispiel. Jedenfalls bis zum Unfall an Pfingsten, von dem sie sich nur allmählich erholt. Ihr Temperament lässt sich kaum bändigen und geduldig zu sein fällt ihr schwer. Die Zeit läuft ihr davon, dünkt es mich. Und bei der Abschiedsumarmung orakelt sie, ob es wohl das letzte Mal sei …
Beim Essen hat sie von ihrem früheren Beruf als Telefonistin erzählt. Obwohl sie doch viel lieber Turnlehrerin geworden wäre. Ich sehe das Kabelgewirr vor mir, während sie redet. Sehe, wie sie Leitung A mit Leitung B verbindet. Irgendwo im Hintergrund eine Kontrollinstanz, die ihre Arbeit überwacht hat.
Später spazieren wir an die Limmat, lassen die alte Dame auf einer sonnigen Bank Platz nehmen und drehen eine Runde von Brücke zu Brücke. M. hat viel erlebt, seit wir zum letzten Mal ausgetauscht haben. Ich auch. Freundinnen sind einfach eine geniale Erfindung. Im Gegensatz zur Zeit, die auch uns davon fließt. Wie die im Sonnenlicht glitzernde Limmat.