aus alt wird neu

Da! Schau! Fledermäuse! Er räkelt sich neben mir auf der Decke. Zeigt himmelwärts. Ich bin zu spät. Da, wieder eine!

Dafür sehe ich Venus zuerst. Heller Abendstern. Die Dämmerung hat sie enthüllt. Das Plätschern der Aare macht mich schläfrig und ich fühle mich pudelwohl. Ob er sich mir auch so nahe fühlt, wie ich mich ihm?

Wie sehr er sich verändert hat! Innerhalb eines Jahres ist er fast zwanzig Zentimeter gewaschen, hat ungefähr fünfzehn Kilos zugelegt und seine Stimme ist eine Oktave gesunken. Mindestens. Beim Armdrücken habe ich nicht mehr die kleinste Chance. Wie sich das alles zusammen genommen wohl anfühlt? Die kindlichen Züge verlieren sich zusehends. Als häute er sich. Vierzehn Jahre alt sein. Sich selbst dabei zusehen, wie das Kind und der junge Mann um ihre neuen Plätze rangeln.

Welten könnten uns trennen, zumal unser Kontakt aktuell weniger intensiv ist als noch vor ein-zwei Jahren. Doch heute ist die Brücke weit offen. Wie der Himmel. Da! Wieder eine. Diesmal habe sogar ich sie gesehen. Ob Fledermäuse ebenso Glück bringt wie Sternschnuppen?

Als wir zu frösteln beginnen, gehen wir zurück zum Auto. M. an Krücken. Beim Pausenhofgerangel hat er sich den einen Fuß gequetscht. Einer seiner vielen heldenhaften Unfälle mal wieder.

Kaum war ich am späteren Nachmittag eingefahren, stiegen wir in den Keller, wo sich seine Volière befindet. Darin leben unter anderem seine vor drei Wochen geschlüpften Wellensittiche. Sein erster Zuchterfolg! Stolzer Vogelvater, der er ist, stellt er mir zärtlich die flaumigen Küken vor. Entwicklungsbedingt können sie noch nicht fliegen. Aber bald. Einfach so. Doch jetzt wissen sie noch nichts von den Gefahren der Welt und krabbeln mir über Bauch und Rücken, in die Ärmel und reiben ihren Schnabel an meiner Nase. Auf einmal verstehe ich, warum er diese Tiere so mag, mein Patensohn.

Beim Gemüse-Kichererbsen-Pasta-Eintopf, den ich gezaubert habe, schlägt er zu. Und vor, an die Aare zu gehen. Erzählt. Dies und das. Vertrauensvoll wie immer.

Irgendwann später, zur Schlafenszeit, frage ich ihn, ob ich ihm vorlesen soll. Er hat mir von seinem aktuellen Buch erzählt. Wir machen es uns in seinem Zimmer gemütlich und wie früher, in guten alten Zeiten, lese ich vor. Zuerst simultan, hochdeutsch-mundart, doch das Buch ist zu komplex für spontane Übersetzung. Vogelherz. Von Clive Woodall. Eine politische Metapher auf diktatorischen Machtmissbrauch. Ein Heldenepos. Ein Buch wie für M. und für diese Lebensphase geschrieben, will mir scheinen, während ich Seite um Seite lese und mich dem Bann der Geschichte ebenfalls nicht entziehen kann.

Alte Zeit? Neue Zeit? Egal, Hauptsache, dass ich meinen Patenjungen lieb habe. Ich seufze vor Wohlbefinden. Lautlos natürlich. Will ja nicht unkuhl sein, wo er es doch grad mal wieder sein kann.

So findet uns Papa M. vor, vom Ausgang zurück. Er staunt. So was geht bei ihm nicht mehr, sagt er später. Neue Zeiten eben.

Alten Zeiten entsprechend bleiben wir noch lange sitzen. Und ich freue mich – wie so oft – darüber, dass aus Exen Freunde werden können. Neue Zeiten eben.