Einer dieser Tage I

05:13. Ohne Wecker erwacht. Geweckt von Kreisen, die in meinem Kopf kreisen. Ichen könnten man sozusagen dazu sagen. Sie formieren sich. Kongruenzen bilden sich. Einige berühren sich nur am Rand. Andere gar nicht. Am meisten hat es von jenen, die eine gemeinsame Schnittmenge haben.

Und. Oder. Nicht. – Wahr. Nicht wahr. – Konjunktionen. Disjunktionen. Negationen.
Weiße Kreide. Gänsehaut an den Ellbogen. Schwarze Tafel. Jimmy, der Algebra-Lehrer. R.I.P. Erinnerungen. Echos. Geruch von nassem Wandtafelschwamm.

In der gemeinsamen Kreis-Schnittfläche das Wort Füttern gelesen. Oder Futtern. Nein, Hunger habe ich nicht.

Wir leben nur, wenn uns jemand füttert. – Wahr?
Wir leben nur, weil uns jemand füttert. – Auch wahr? Nicht wahr?
Wir leben, um zu füttern? – Wahrer?
Wir leben, weil wir füttern? – Noch wahrer?
Wir leben, um gefüttert zu werden. – Kaum wahr? Oder doch?
Füttern wir überhaupt? …
Oder habe ich da gar statt leben lieben gemeint? Meine Nachtschrift ist noch schwieriger zu entziffern als die tageslichte.

Wo solche Träume, wo solche Sätze wohl waren, bevor sie sich in meinen Kopfkreisen eingenistet und wieder ausgesponnen haben? Einem Wespennest gleich stelle ich mir das Buchstabenreservoir in meinem Innern vor. Ein Gewusel. Ein Gerangel. Machtkämpfe vielleicht.

Einige schlummern. Wie jene dürren Wüstenrosendinger, die wir als Kinder so liebten. Leg sie ins Wasser und sie beginnen zu blühen. Ja, auch solche Buchstabenknäuel hab ich in mir drin. Bestimmt! Leise sind sie. Geduldig. Ausdauernd auch. Und auf einmal, wenn ich es regnen lasse, sind sie hellwach. Wunderschön. Klar. Da. Und nur sichtbar, weil ich hinsehe.

Füttern oder futtern? –Nicht wahr? Beides wahr?
Leben oder lieben? – Wahr?

Womöglich ist nur die Schnittmenge wahr. So es WAHR denn gibt. Die Schnittmenge aller Kreise. Aller Kopfkreise. Aus allen Köpfen. Aus allen Ländern. Winzige, riesige Schnittmenge. Nur eine. Für alle.

Später, unter der Dusche, gedacht: Ist es wahr, dass sich Kalk da besser ablagert, wo es bereits Kalk hat? Oder nur bedingt? Und, wenn nur bedingt, wie sehen diese Bedingungen aus? Sind sie thermischer Natur? Rein physikalisch erklärbar oder rein chemisch? Wobei das rein bereits wieder nach neuen Bedingungen schreit … Und mehrdeutig ist. Und dass diese Frage komplexer ist, als sie scheint. Und dass ich keine Antwort habe. Und dass es mir egal ist, wie die Antwort lautet, weil sie eh relativ ist.

Während ich meinen Saft trinke, frage ich mich, ob mein Bewusstsein und die Fähigkeit zur Selbstreflexion meine Authentizität und Unmittelbarkeit stören. Zerstören gar? Läuft Bewusstsein der Natürlichkeit zuwider? Wer wäre ich ohne meine Selbstwahrnehmung? Zum Beispiel im Straßenverkehr?

„Bildung ist wichtig, vor allem wenn es gilt, Vorurteile abzubauen. Wenn man schon ein Gefangener seines eigenen Geistes ist, kann man wenigstens dafür sorgen, dass die Zelle anständig möbliert ist.“
Peter Ustinov, 1921-2004

Gedruckt auf eine Werbe-Postkarte. In der Büro-Post gefunden. Zur Verschönerung meiner Bürohälfte an die Pinnwand gehängt. Und mich gefragt, ob Ustinov wahrsagt.

Und dann? Dann habe ich gearbeitet.