Bekenntnisse

Zuerst das Zweite. Ein Coming-Out: Ich bin temporäre Soziophobikerin. Ah. Jetzt ist’s raus. Tut gut. Nein, verstehen muss das niemand. Ich tu‘s ja selber nicht. Die Schübe überfallen mich vor allem in großen Menschenmassen. Können aber auch kleine sein. Oft vermeide ich sie natürlich und sie treffen eben auch nicht immer ein, will heißen, nicht in allen Menschenaufläufen drin. Also sind wohl noch andere Voraussetzungen nötig. PMS zum Beispiel. Oder lunare Launenhaftigkeit. Und anders geartete Dünnhäutigkeiten, verursacht durch Leistungsdruck oder Überforderung. Und natürlich das Wichtigste: zu wenig Zeit und Ruhe. Zu wenig Rückzug. Zu wenig Schlaf.

Migros Köniz nach Feierabend. Na ja. Ich wüsste es eigentlich. Meiden! Jedenfalls an Tagen wie heute. Doch wo ich schon mal vorbei fuhr, an diesem Konsumtempel … Natürlich weiß ich inzwischen, wie ich diese Schübe bannen kann. Musik in den Ohren ist eines der probatesten Schutzmittel. Mir mittelfristige Ziele versprechen, ein anderes. Will heißen, mich auf später vertrösten, auf die Zeit nach dem Stress. Immerhin hat sich der Migros-Besuch wegen der Bilderrahmen gelohnt. Dennoch: Herzklopfen, Cortisolüberproduktion, Adrenalinschub. Panik. Mikro-Paranoia. Kommt mir alle bloß nicht zu nahe, ihr anderen. Drängelt doch nicht so. Wieso geht’s denn nicht vorwärts? Und wieso ist ausgerechnet mein neues Fahrrad-Gummispannset mit einem Code angeschrieben, den die Kasse nicht lesen kann? Wie lange dauert das denn noch?

Rückblende. Oder erstens. Noch ein Coming-Out: Ich tauge definitiv nicht zur Entertainerin und Schauspielerin. War heute zur Textleseprobe bei Pfarrer H. in der Kirche. Stammlesende ahnen, worum es geht.

Schei…schei…schei… hätte ich doch damals bloß nicht zugesagt, anlässlich dieses Erntedankgottesdienstes einige meiner Texte vorzulesen. Ihr müsst wissen, dass ich mit der Kirche nichts am Hut habe. Und dass ich Orgelnmusik hasse. Alles zieht sich in mir zusammen, wenn so ein Teil zu lärmen beginnt. Der Bauch verkrampft sich. Warum muss der Organist auch ausgerechnet heute proben, wo H. und ich doch die Akustik der Kirche testen wollten? Ooops, mit Funk-Mikrophon? Wo ist denn hier der Notausgang?

Ja, ich habe zugesagt, murmle ich, und: Nein, ich werde nicht aussteigen! Schließlich wurden Flyer gedruckt. Mit meinem Konterfei. *grmpf* Der Raum ist schrecklich hoch. Das Echo macht, dass ich langsamer als langsam lesen muss. Meine Geschichten entgleiten mir, resonieren nicht mehr in mir drin. Leer und hohl wirken sie, denn H. unterbricht mich bei jedem nicht verstandenen Wort. Meine Nerven sehe ich bald schon wie blankgeschälte Kupferkabel vor mir. Ich sage H., dass ich am liebsten alles abblasen möchte. Wir zoffen. Auch Pfarrer sagen so Sachen wie: Es schei…t  mich langsam an. Irgendwie tröstlich.

Meine zweite Kurzgeschichte versteht er in ihrer Aussage und Absicht nicht. Den Bogen nicht, die Stilmittel sowieso nicht und die Pointe ist beim ihm hundertachtzig Grad verkehrt angekommen. Kein Empfang für subtile Ironie. Ich mag diese Geschichte, will sie nicht mit ihm analysieren und werde sie deshalb nicht vorlesen. Dennoch zweifle ich an mir. Und ich trotze. Verhalte mich rebellisch. Motze. Zicke. Diva-Allüren?

Nein, ich bin nicht geschaffen für so was. Bin nicht gesellschaftstauglich. Nicht an Tagen wie heute. Lautes Nein! Ich will im stillen Kämmerchen schreiben. Ich will nicht auftreten. Ich will für Lesende schreiben, nicht für Hörende.

Na ja. Immerhin habe ich etwas gelernt: So was nie mehr. Ist doch auch was.

Ge(steins)schichten

Erst kurz nach halb zehn. Freitag – Freier Tag. Habe wenig geschlafen und bin, wie so oft, wenn ich nicht zur Arbeit muss, voller Ideen erwacht. Kippte Wörter aus Kopf und Bauch auf Papier.

Ausgelöst durch das aktuell so intensive Eintauchen in die Lebensgeschichten anderer und einem Gespräch neulich über das Leben früher – vor sieben Jahren zum Beispiel –, zog ich mein damals säuberlich ausgedrucktes Tagebuch aus der schweren Schachtel voller Alltagserlebnisse. Hätte ich besser bleiben lassen, denke ich nach fünf Minuten Blättern im Bett. Heavy Stuff. Nein. Schon gut so. Veränderungen zu sehen tut gut.

Bin das ich, die das schrieb? Die das erlebt hat?

Oktober 2002: Massive Depression. Sinnsuche. Leere. Sehnsucht nach dem Tod. Nach Erlösung zumindest. Suche auf allen Kanälen. Nach Antworten. Spirituellen vor allem. Suche außen draußen irgendwo. Selbstzweifel. Kraftlosigkeit. Lebenskrise. Freundinnen und Freunde werden erwähnt, die mir zur Seite stehen. Kaum mehr Träume. Täglicher Kampf, zu tun, was zu tun war. Die Beziehung zu A. stand kurz vor dem Kollaps. Der Countdown lief bereits. Lars noch am Leben. Blonde Engelslocken. Süße zweieinhalb Jahre alt. Das einzige wohl, was mich am Leben hielt – damals.

War das ich – echt? Und wenn ja welches Ich? Wohin war all die Kraft versickert, die ich heute wieder in mir wahrnehme?

Gut zu wissen, dass aus dem Chaos Neues entsteht. Entstehen kann. Konjunktiv. Es tut sich nicht allein. Trümmer können gesichtet werden. Bücher können geschlossen werden. Und neue geschrieben. Und Seiten gewendet.

Oder sind solche Aussagen wie jene im letzten Abschnitt bloße Augenwischerei? Lebenslügen? Überlebensstrategien? Selbstvera…ung?

Ich spiegle mich in mir selber. Ich jenem alten Alter Ego. Was ich dabei empfinde, wenn ich IHRE Geschichte lese? Mitgefühl. SIE tut mir verd… leid diese Frau! Wie gefangen SIE ist. In sich selber. In den überhöhten Ansprüchen, wie Leben zu sein hätte.

Nein, ganz frei bin ich immer noch nicht von verinnerlichten Mustern und gesellschaftlichen Vorgaben. Doch ich kämpfe nicht mehr. Heute lasse ich zu. Klopfe mir hin und wieder auf die Schulter. Jener Frau, die ich damals war. SIE ist weitergegangen. Irgendwo hat SIE Mut gefunden.

Zwischen Yoga und Dusche noch mehr Papier bekritzelt. Nun Zwetschgenfrühstück am Laptop. Den Schreibtisch voller Zettel.

Sichten. Umschichten. Verdichten.