Ge(steins)schichten

Erst kurz nach halb zehn. Freitag – Freier Tag. Habe wenig geschlafen und bin, wie so oft, wenn ich nicht zur Arbeit muss, voller Ideen erwacht. Kippte Wörter aus Kopf und Bauch auf Papier.

Ausgelöst durch das aktuell so intensive Eintauchen in die Lebensgeschichten anderer und einem Gespräch neulich über das Leben früher – vor sieben Jahren zum Beispiel –, zog ich mein damals säuberlich ausgedrucktes Tagebuch aus der schweren Schachtel voller Alltagserlebnisse. Hätte ich besser bleiben lassen, denke ich nach fünf Minuten Blättern im Bett. Heavy Stuff. Nein. Schon gut so. Veränderungen zu sehen tut gut.

Bin das ich, die das schrieb? Die das erlebt hat?

Oktober 2002: Massive Depression. Sinnsuche. Leere. Sehnsucht nach dem Tod. Nach Erlösung zumindest. Suche auf allen Kanälen. Nach Antworten. Spirituellen vor allem. Suche außen draußen irgendwo. Selbstzweifel. Kraftlosigkeit. Lebenskrise. Freundinnen und Freunde werden erwähnt, die mir zur Seite stehen. Kaum mehr Träume. Täglicher Kampf, zu tun, was zu tun war. Die Beziehung zu A. stand kurz vor dem Kollaps. Der Countdown lief bereits. Lars noch am Leben. Blonde Engelslocken. Süße zweieinhalb Jahre alt. Das einzige wohl, was mich am Leben hielt – damals.

War das ich – echt? Und wenn ja welches Ich? Wohin war all die Kraft versickert, die ich heute wieder in mir wahrnehme?

Gut zu wissen, dass aus dem Chaos Neues entsteht. Entstehen kann. Konjunktiv. Es tut sich nicht allein. Trümmer können gesichtet werden. Bücher können geschlossen werden. Und neue geschrieben. Und Seiten gewendet.

Oder sind solche Aussagen wie jene im letzten Abschnitt bloße Augenwischerei? Lebenslügen? Überlebensstrategien? Selbstvera…ung?

Ich spiegle mich in mir selber. Ich jenem alten Alter Ego. Was ich dabei empfinde, wenn ich IHRE Geschichte lese? Mitgefühl. SIE tut mir verd… leid diese Frau! Wie gefangen SIE ist. In sich selber. In den überhöhten Ansprüchen, wie Leben zu sein hätte.

Nein, ganz frei bin ich immer noch nicht von verinnerlichten Mustern und gesellschaftlichen Vorgaben. Doch ich kämpfe nicht mehr. Heute lasse ich zu. Klopfe mir hin und wieder auf die Schulter. Jener Frau, die ich damals war. SIE ist weitergegangen. Irgendwo hat SIE Mut gefunden.

Zwischen Yoga und Dusche noch mehr Papier bekritzelt. Nun Zwetschgenfrühstück am Laptop. Den Schreibtisch voller Zettel.

Sichten. Umschichten. Verdichten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert