Den Anstoß gab ein Tröt im Fediversum.
Wenn ihr euch unbedingt jetzt sofort auf einen Gedanken konzentrieren müsst, wie schafft ihr es dann, die anderen 3 Dutzend Gedanken, die gerade eine Stampede machen, aus eurem Kopf zu verbannen oder wenigstens in den Hintergrund zu schieben?
Daraufhin sprachen Irgendlink und ich heute darüber, wie wir unsere Gedanken und Ideen priorisiert und in die Realität umgesetzt bekommen.
Wir erzählten einander unsere Denkmodelle.
Irgendlink erklärte mir sein Modell als eine Art Jonglage. Zitat:
Ich jongliere. Meist gehts gut und alle Gedanken bleiben in der Luft und das jeweils dahinter Stehende wird nach und nach fertig. Es bedeutet, dass ich mich nicht auf den einen Gedanken konzentriere, sondern auf alle immer so lange bis der nächste ‚dran‘ ist. Die dahinter stehenden abzuarbeitenden Dinge dauern ewig bis sie fertig werden. Als Arbeitnehmer in produktivem System würde ich damit sicher scheitern. Als selbständiger Künstler kann ichs mir erlauben, in anderen Zeitzyklen zu denken und zu handeln.
Als er mir sein Modell erklärt, sehe ich eine Art Mobilé vor mir, das mehrere Aufgabenbälle ausbalanciert. Nachteil: Wenn der eine Ball bearbeitet wird, verlieren die anderen Bälle Luft. Außerdem muss, bei jeder Neubearbeitung jedes Mal fast von vorn angefangen werden, wenn auch nicht ganz bei Null.
Mein Modell geht so, dass ich, wenn eine bestimmte Idee, ein bestimmter Gedanke nicht schon situationsbedingt schwer genug ist, um automatisch prioritär zu sein, den zu denkenwollenden Gedanken aktiv aufladen muss, damit er eine höhere Priorität bekommt. Ich kreise ihn gedanklich ein. Gebe ihm eine andere Farbe als die der anderen, ziehe ihn aus der Wulst der anderen Gedanken sozusagen heraus, verdichte ihn mit Assoziationen. Und beginne mit ihm eine neue, leere Gedankenzeile. Erst dann kann ich ihn fokussieren. Nachteil: Oft genug verliere ich die anderen Ideen aus dem Kopf. (Aufschreiben hilft.)
Das geschieht bei mir alles blitzschnell und beschreibt eher meine ADHS-Seite. Seit ich Medis als Unterstützung für mein Leben als ADHS-lerin nehme, sitzt mein autistischer Anteil häufiger am Schaltpult und dort dominiert zuweilen das monotrope Denkmodell mein Denken. Oft ist es auch eine Art Seilziehen in mir zwischen diesen beiden Anteilen.
Kann ich mich schließlich auf eine Aufgabe einlassen, geschieht das sehr tief und intensiv und ich blende dabei am liebsten alles anderes aus.
Monotropismus beschreibt eine bestimmte Art, Aufmerksamkeit zu organisieren:
Statt viele Dinge gleichzeitig im Blick zu haben, richtet sich der Fokus auf ein Thema – dafür mit großer Intensität.
Oder anders gesagt: Das Gehirn baut Aufmerksamkeitstunnel.
Ich vermute, dass Irgendlink und ich eher neurodivergente Denkmodelle praktizieren.
Die meisten Menschen funktionieren allerdings neurotypisch. Wie genau sie funktionieren, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht so genau. In meiner Vorstellung tauchen beim Großteil der Menschen die Aufgaben und Ideen schon beim Drandenken pfannenfertig umsetzbar auf einer Art Priorisierungsliste auf. So lassen sie sich in dieser Reihenfolge abarbeiten, ohne dass dabei etwas verloren geht. Oder jedenfalls nicht sehr viel.
Vermutlich habe ich aber über neurotypische Menschen genauso viele Vorurteile, wie diese sie über neurodivergente Menschen haben.
Darum träume ich von einer Gesellschaft, in der alle unterschiedlichen Arten, zu denken, zu träumen, zu planen, zu arbeiten etc., gleichberechtigt nebeneinander stehen, als gegenseitige Ergänzung nicht als Ausschluss und Bewertung. Auch sollten Arbeitsfelder all die unterschiedlichen Ansätze möglich machen.
Denn wir sind nämlich alle genau richtig so, wie wir sind, wie wir denken und wie wir fühlen.
Ich freue mich darum, wenn ihr in den Kommentaren eure ganz unterschiedlichen Denkmodelle erklären mögt. Es leben die Vielfalt.
Mehr über Monotropismus:
https://au-adhs-ambulanz.de/adhs-autismus-und-monotropismus-die-wissenschaft-hinter-dem-hyperfokus/