Lösungen

Bereits im Büro fing es an. Scheff textete mich, kaum angekommen, bereits mit Problemen zu, die ich dringend und unbedingt subito – will heißen gestern – noch lösen müsse. Und schon war er weg. Sitzung und so. Sofasophia zauberte innerhalb einer Stunde die Sorgen vom Tisch und denkt: Was für eine lösungsorientierte Energie! Guut, so kann sie getrost ins Wochenende fahren!

Die Kontrolluntersuchung bei meiner Ärztin verlief ebenfalls „lösungsorientiert“. Alle Tests fielen positiv aus, will heißen negativ für die Bakterien. Null Borreliose-Indizien mehr undsoweiter.

Nordwärts floss ich gestern so ruhig und entspannt wie kaum je. Was sind schon 333km von Bern nach 2brücken zu J. – nach 7000km bis zum Polarkreis wie vor einem Monat?

Kurz vor Colmar dann dies: Wir Autofahrenden werden, wegen einer neugebauten, aber noch nicht markierten Autobahnspur in eine einspurige, rechts und links mit Betonelementen befestigte Straße ein gespurt. An sich nichts ungewöhnliches, wenn da nicht auf einmal das Tempo immer langsamer geworden wäre. Schließlich Stagnation. Rien ne va plus.

Vor mir ein fetter Offroader, hinter mir eine zierliche Blondine in rotem Peugeot-Blech. Über uns eine Sonne, die noch einmal so richtig Sommer spielt. Die ersten fünf Minuten, noch angegurtet, in ständiger Bereitschaft, dass es gleich weitergeht. Die zweiten fünf Minuten verbringe ich mit Musikhören, was nur mit halbabgestelltem Motor geht und was ich sonst selten mache. Ökologie und so. Noch immer weiterfahrbereit und angegurtet. Die dritten fünf Minuten mache ich, Musik hörend, ein paar Bilder aus dem Auto und löse endlich die Gurte. Schreibe SMS und öffne die Fahrerinnentüre um ein bisschen Wind einzulassen.

Ich stelle mir vor, wohin wir alle unterwegs sind. Einige bestimmt, wie ich, zum oder zur Liebsten, andere in Urlaub, zu Oma, an ein Konzert, ins Theater, zum Arzt oder ganz einfach nach Hause. Donnerstagnachmittag, 25km südlich von Colmar. Fröhliche Menschen rollen uns auf der Gegenspur entgegen. Uns? Ja, längst habe ich solidarische Gefühle für uns Wartende entwickelt. Dass ich schon bald meine Mit-Leidensgenossinnen und -genossen, meines eigenen Vorteils willen, verlassen würde wie die berühmte Ratte das sinkende Schiff – wer hätte das gedacht?

Ich wünsche mir einen Hubschrauber, der mich aus dem eingeklemmten Zustand befreit – na ja, noch mehr wünschte ich mir aber eine dauerhafte, alle umfassende Lösung. So ähnlich wie „Frieden für die ganze Welt“. Doch wem hätte es gedient, wenn ich aus Solidarität zu den andern, die Hilfe, die schließlich eintraf, verweigert hätte? Eben!

Deus ex machina – die Erlösung fährt auf uns zu. Rechts von unserm Gefängnis ist, wie ich bereits schrieb, eine nigelnagelneue, zweispurige Autobahn, allerdings noch nicht für den Verkehr freigegeben. Ein geisterfahrender Securité-Wagen fährt uns ebendort entgegen und hält etwa zwanzig Meter hinter mir. Im Rückspiegel sehe ich jetzt, dass die Abgrenzung zur rechten von dort an nicht mehr aus Beton-, sondern aus rotweißen Kunststoffdingern besteht. Diese werden nun von zwei orangeleuchtenden Männern weggeklappt. Nun winken sie mal jene Autos, die hinter der Öffnung stehen, mal die Autos aus unserem Stau – wir müssen uns dazu bloß rückwärts ausfädeln – auf die neue Straße. Mein Glück, dass ich so nahe, vier Autolängen nur, von dieser Öffnung entfernt bin. Wäre fünf oder zehn Minuten früher losgefahren ecetraecetera …

Zuerst einmal fahre ich – auf der neuen Straßen angelangt – an einer unendlich langen, zwischen Betonelemente eingesperrten Autoschlange vorbei. Meine ehemaligen Mitleid(ens)genossInnen! Die ganze Welt auf ein paar Kilometern. Schwarz und weiß, jung und alt, rauchend, smsend, telefonierend, weinende Kinder beschwichtigend, plaudernd, lachend, flirtend, Adressen austauschend vielleicht. Wer weiß, vielleicht hatte gar Amor etwas zu tun, gestern Nachmittag auf der Autobahn nach Colmar! Zuvorderst stehen auch ein paar orange gewandete Straßenbauer im Siestamodus.

Die Auflösung? Nein, am Ende der einspurigen Strecke fand kein Unfall statt. Wie soll ich sagen, da war … einfach … nix. Okay, da stand eine kleine Stopp-Skulptur, doch ich denke mir jetzt, dass wir alle nur auf Grundeines Missverständnisses in dieser Spur gelandet sind. Oder ist es gar ein böser Scherz gewesen?

Bis Colmar bin ich beinahe alleine auf der Straße. Bald habe ich alle Mitgestauten überholt, Denn obwohl die Tafeln „110“ sagen, fahren viele – noch unter Schock – im Beinahe-Schritttempo.

Merke: Manchmal ist rückwärts vorwärts.

Nun sitze ich im Garten des einsamen Gehöfts und schaue einem Eichhörnchen beim Frühsport zu. Rückwärts, aufwärts, abwärts, Hauptsache Nüsse. So haben eben alle ihre Träume …

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