Am Anfang war nichts. Erst später war da ein bisschen mehr. Nach dem Knall drehten irgendwann und irgendwo ein paar Planeten ihre Bahn. Details ahnen wir nur. Letztes Wissen ist eine Frage des Glaubens. Auf einmal stieg Wasser aus den Tiefen der Erde. Wind wehte über das Land. Die Menschen kauerten sich an ihre Feuer und brieten, was sie gejagt hatten. Ich gestehe es: So elementar zu leben, würde mir schwer fallen. Wir haben im Laufe der Evolution gar vieles vergessen, unsere Instinkte sind verkümmert. Überleben hat heute einen gänzlich andern Beigeschmack bekommen.
Wasser
Wenn die Temperaturen in den Minusbereich sinken, verändert sich einiges in Irgendlinks Künstlerbude. Minus heißt, dass er seine Wasserzufuhr unterbrechen muss, damit die Wasserleitungen nicht einfrieren und platzen. Deshalb speichern zwei große Wasserbehälter im noch unvollendeten Bad Brauch- und Trinkwasser, das wir – wie zu Gotthelfs Zeiten – in Becken, Flaschen und Krügen abgefüllt beim Spültrog lagern. Warmwasser wird bei Bedarf gekocht.
Während meiner winterlichen Wochenenden beim Liebsten auf dem einsamen Gehöft, lasse ich mich immer relativ leicht auf diese Umstellung ein. Jedes Mal wird mir neu meine Selbstverständlichkeit bewusst, mit der ich Wasser konsumiere. Fließend warmes und kaltes Wasser – noch gar nicht so lange ist es her, dass das in unsern Breiten Luxus war.
Letzten Freitag waren die Behälter leer. Für kurze Zeit öffnen wir alle Hähne und befüllen per Schlauch die gr0ßen Tanks. Ich fühle mich kurzfristig wie im Wasserparadies und genieße es, dass das Wasser einfach fließt. Geschirr- und Händespülen geht einfacher. Sich waschen auch.
Feuer
Im Winter schrumpft die Künstlerbude auf den Koch- und Schlafbereich, da das große, gemütliche Wohnzimmer nicht beheizbar ist. Während ich Geschirr spüle, holt Irgendlink neues Brennholz hoch. Nicht, dass ich das nicht auch machen kann – und auch tue, natürlich –, doch er kann es besser. Geschirrspülen dagegen übernehmen meistens ich. Meine kleine Reinigungsmeditation, die mir in meinem zentralgeheizten Spülmaschinenalltag zuweilen ein bisschen fehlt. Nicht genug allerdings, gestehe ich, um auf die Maschine verzichten zu wollen. Holzfeuer wärmt mich anders als es Zentralheizungsradiatoren können. Es spendet Wärme, die tief ins Herz dringt. Unter die Haut. Die Schwedenofenwärme schließt auch das Hochbett mit ein. Kuschelwarm ist es da oben.
Erde
Wir kochen uns Kartoffeln – Erdäpfel, Härdöpfu – auf dem Herd. Leider keine eigenen, da diese letztes Jahr an einer Pilzkrankheit zugrunde gegangen sind. Kartoffeln: im Winter eins meiner Lieblingsgemüse. Pellkartoffeln vor allem. Dazu schmelzen wir einen Backofenkäse in der Bratpfanne auf dem Ofen. Einige Champingnons stehen kopfüber – entstielt und mit Streichkäse gefüllt – in drei Raclettepfännchen daneben. Dazu Rosenkohl. Eine wahrhaftig göttliche Mahlzeit.
Luft
Ein eisiger Wind zieht ums Haus und rüttelt am Nussbaum. Wir hören die Äste auf dem Dach knirschen. Wind verweht auch den Schnee, der spärlich, aber beharrlich, das Blitzeis zudeckt und eine neue noch weißere Decke über alles legt. Pfeifender Wind, rüttelnder Wind, Sturmwind, Regenwind – schon fast alle Arten von Wind, auch schmeichelnd-streichelnd sanfter Sommerwind, habe ich hier oben erlebt. Windstille auch.
alles – immer – jetzt
Die Erde kreist weiter. Täglich zieht sie ihre Bahn. Täglich wird ihr Abstand zur Sonne kleiner. Die Tage werden länger. Das Wetter wärmer. Doch jetzt, jetzt genieße ich, dass es so ist, wie es ist.
Nachher ist nachher. Und nachher fahre ich nach Hause, in die Schweiz. Auchnachhause.
Pellkartoffeln?! Ganz prima. Esse ich gerne mit Heringsstipp [kann ich mir hier, nachdem ich eingelegte Heringe im Supermarkt gefunden habe, selber machen], oder auch ganz einfach mit Leinöl und Quark [dafür muss ich hier aber leider auf „cottage cheese“ ausweichen].
Liebe Grüße aus dem südlichen Texas,
Pit
hach, die völkerverbindende kartoffel aber auch. guten appetit nach texas!
liebgrüß, soso
Sich auf das Einfache und das Geradeso zu besinnen, und es zu leben versuchen, stelle ich mir spannend vor. Schön, dass Ihr das jetzt genießen könnt und erleben wollt.
Ich stelle es mir nicht leicht vor.
Herzlich, mb
leicht oder schwer, liebe mb, das frag ich mich gar nicht. es ist einfach, wie es ist.
und vielleicht ist das das geheimnis des lebens – oder zumindest eins?
herzlich, soso
das ist schon ziemlich elementar … 🙂
hoffe du bist gut auchnachhause gekommen
herzlichst
Ulli
ja, durchs elsass sogar mit sonnenschein und opulenter sonnenuntergangszenerie vom feinsten.
schon wieder hab ich heimweh nach dem dortzuhausegebliebenen und jenem auchzuhause.
herzlich, soso
Das mit der Künstlerbude kann ich mir gut vorstellen. Als ich neulich die Nase reinsteckte, dachte ich: richtig warm ist es hier nicht bei all dem Holz davor.
Hin-her.. da empfielt sich das Elsaß als Wohnsitz- bei Albé hat es mir gut gefallen.
du warst ja auch nur „vor dem vorhang“, gemütlich und warm ist es erst „hinter der vorhang“ 🙂
das elsass mag ich – zum durchfahren. so topfeben!
liebgrüß, soso
Das muss wundervoll befreiend sein, ein paar Tage so ursprünglich zu leben. Danke, dass du die Elemente so schön in einen einfachen Alltag eingebunden hast. Beim Lesen hatte ich richtig viel Spaß und habe dich sogar beneidet. Ich würde anfangs vielleicht meckern, aber bestimmt wäre das ein Gefühl von Befreiung – irgendwann.
deine zeilen zaubern mir ein lächeln auf die lippen. jetzt, wieder auchzuhause in meiner wohnung, geniesse ich, ich gestehe es, das fließende wasser sehr. einer der vielen kontraste meines lebens 🙂
herzlich, soso
Ein wunderbarer Gedankenspaziergang. Wie viel wir doch haben … einfach so!
🙂
und es oft beinahe vergessen … einfach so … 🙂
und wieder ist es der kontrast, der bestimmend wirkt. das sowohl-als-auch und das balancieren dazwischen. vielleicht eine struktur, die dir eigen und eigentümlich ist. zudem eine, die es dir ermöglicht, das spezifische der unterschiedlichen lebens-weisen zu erfassen. eine pendelbewegung, bei der jeder auschlag – im günstigsten falle – eine bereicherung darstellt. beneidenswert. gruß, uwe
wörtlich sagte ich diese tage zu jürgen: ich bin ein pendel zwischen den welten …
du sagst da etwas wahres, das ich erst so allmählich am entdecken bin (denn früher war ich eher eine entweder-oder).
danke für deinen input!
herzlich, soso
Wir sind verwöhnt, doch ich könnte mich auch mit dieser anderen Welt zwischendurch, in der die Elemente mehr Bedeutung gewinnen, arrangieren. Auch wenn mich stört, dass meine Spülmaschine gerade kaputt ist. Aber im Urlaub kann ich auch viel einfacher leben, genau, da wird Geschirrspülen, hier einfach nur lästig, zur meditativen Tätigkeit, da liebe ich es, ein Feuer im Kamin anzuzünden. Das Einfache gewinnt an Bedeutung, wird gar zum Luxus, aus dieser anderen Perspektive. Danke für den schönen Text, soso.
solange wir die wahl haben, würden wir sicher – jedenfalls für das alltagsleben – die komfortablere version wählen. ich stelle mir manchmal vor, was für konsequenzen es hätte, wenn wir wirklich – im sinne einer ökologischen massnahme oder weil, wir nicht mehr anders können – umstellen müssten auf einfach. von daher bin ich froh, dass das ein teil meines „alltags“ ist, das einfache.
ich danke dir, für dein kompliment ebenso wie für deine anregung.
herzlich, soso
„Am Anfang war nichts. Erst später war da ein bisschen mehr.“
… und am Ende ist oft alles viel zu viel.
Liebe Grüße, Szintilla
das hast du schön gesagt. ach, und ganz am schluss ist wieder nix. oderrrrr?
herzlich, soso
Das ist wie beim Schrauben eindrehen, nach fest kommt locker. *mbg*
Dir einen schönen Abend, Szintilla
😉
Ist das schön, soso! Ich meine weniger das frugale Leben — das kann ich nicht gut beurteilen; auch wenn ich mich gern reduziere, war ich winters noch nie auf meine Holzhackkünste angewiesen –, aber Deine Gedanken dazu. Daß es ist wie es ist, und daß Du es so nimmst und magst.
daaanke, liebe lakritze.
ich glaube, ich habe ein angeborenes talent zur improvisation, zum das-beste-draus-machen-wollen (auch wenns nicht immer gelingt). nein, holzhacken kann ich auch nicht wirklich (nur kleine scheite) und maschinengesägt hab ich ewig nicht mehr. gut, wenn es andere können. synergien und so.
herzlich, soso
Das ist ein nützliches Talent! (Nur, wie schreibt man das auf einen Bewerbungsbogen?)
vielseitig, vernetzend, lösungsorientiert und so sachen 🙂