Wie ich durch den Wald spaziere, das klare Licht der Sonne genieße und mir bei der eisigen Kälte beinahe den Rotz in der Nase einfriert, wünsche ich mir einmal mehr, alle meine Gedanken, eins zu eins und unzensiert, aufnehmen zu können. Gedankendirektdiktat sozusagen. Ich müsste mir keine Eselsbrücken bauen und merken, keine Innen-drin-Lesezeichen, die ich in einer Viertelstunde eh wieder vergessen haben werde, keine Notizen machen (was ich mir heute spare) und ich müsste vor allem nicht alles, was mir des Aufschreibens wert erscheint, nachher mühsam in die Tasten hacken.
Okay, mühsam ist das ja eigentlich nicht. Schreiben – der technische Vorgang ebenso wie der gedankliche – ist für mich wie essen, trinken, pinkeln und scheißen. Normal. Alltäglich. Unverzichtbar. Einer der vielen Prozesse für mich, über die ich mir grundsätzlich keine Gedanken mache. Sie sind notwendig für mein Leben. Unabdingbar. Einen Tag ohne Schreiben gab es schon ewig nicht mehr bei mir. Nein, ich meine nicht den Einkaufszettel und die Do-do-Liste, ich meine wirkliches Schreiben. Gedanken notieren. Ideen für Geschichten festhalten. Tagebuch schreiben, Blogartikel schreiben, Artikel verfassen, Geschichten schreiben, an bereits geschriebenen Texten feilen. Schreiben wie Gemüse schippeln. Schreiben wie kochen. Schreiben wie denken.
Doch geht aktuell mehr Zeit mit allen anderen Dingen drauf. Ich räume da und dort auf, erledige Dinge, die ich schon ewig auf der langen Bank hatte, klebe an Büchern fest, die ich unbedingt jetzt lesen muss und meine eigenen Ideen brodeln derweil fast ohne mein Dazutun unter der eisigen Oberfläche. Ich habe das Feuer auf klein gestellt, damit alles schön einkochen kann und weder verdunstet noch anbrennt. Der Deckel sitzt fest.
Jeden Abend die gleiche ernüchternde Erkenntnis, dass ich nun doch wieder nicht.
Wieder nicht mit den Charakterbögen der neuen Figuren angefangen.
Wieder nicht den Ideenstrang niedergeschrieben.
Wieder nicht.
Wieder nicht.
Eine leise Frustration breitet sich aus wie ein Weinfleck auf dem weißen Tischtuch. Kein Salz in Sicht um den Schaden einzudämmen. Schnell ziehe ich auch heute wieder mein Zauberwort aus dem Säckel:
Mañana. Domani. Demain. Tomorrow. Morgen.
Ein geliebtes Kind mit vielen Namen.
Morgen werde ich früher aufstehen.
Morgen werde ich gleich nach dem Erwachen schreiben.
Morgen werde ich.
Werde ich?
Morgen?
Ich glaube, jetzt werfe ich mich aufs Sofa und lese weiter Åke Edwardsons Der letzte Winter. So spannend!
Nein. Halt. Schreib zuerst den Charakterbogen über deine neue Figur, die dir vorhin auf dem Spaziergang begegnet ist. Du hast es Irgendlink versprochen. Jetzt.
Es heißt auch: Was du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf morgen!
Ich selbst kann wunderbar schieben. sogar prokrastinieren. Es gelingt mir immer schlechter, wenn mehrere Dinge zusammenkommen. Irgend etwas bleibt auf der Strecke.
Manchmal muss ich mich dann auch ganz diszipliniert mahnen und eine Sache nach der anderen abarbeiten. Danach, wenn keine Zwischenfälle von Verschiebungen (wegen innerem Schweinehund) vorlagen, bin ich richtig zufrieden und denke mir: Was du da alles geschafft hast! 😉
..grüßt dich Monika
drum bin ich noch immer am arbeiten und so verdien ich mir die sofaabsolution!
du hast so recht, liebe monika, geniess den feierabend!
herzlich, soso
Sofaabsolution. Welch Großwort. I Nomini Habiti
du wieder! 😉
erfinde doch eine figur, nenne sie adomani, und dekliniere an ihr all deine nöte durch. der charakrerbogen dafür dürfte dir nicht schwerfallen. und überhaupt:
vielleicht ist dein aufschieben nur das „zögern vor der geburt“ (kafka).
gruß, uwe
sie heisst zwar nicht adomani (obwohl, das könnte eigentlich ihr übername werden?), ansonsten liegst du ziemlich richtig 🙂 (ich bin schon verdammt leicht zu durchschauen!).
das zögern vor der geburt – ach, lieber kafka, auch er hat mich prehum durchschaut.
danke für deinen anstubs, lieber uwe.
liebe grüße, soso
Woher kennst du mich eigentlich so gut?
Der Text spricht mir aus der Seele, weil ich mich so sehr darin wiederfinde. 🙂
Liebe Grüße in den Sonntag, Szintilla
friert dir auch zuweilen der rotz in der nase?
😉
Herrlich. Ja, das auch, aber nur wenn ich mich ausnahmsweise mal bei Minustemperaturen raustraue. *mbg*
Ich meinte allerdings eher die Aufschhieberei von zu erledigenden Aufgaben und das faszinierende Phänomen, dass dann plötzlich andere ungeliebte und bis dahin aufgeschobene Aufgaben plötzlich dringlicher werden und viel leichter von der Hand gehen. :-/
aber ja doch … 😉
Beim Kreativen braucht es mehr als einen Wunsch: fang jetzt an, man sollte auch die Person sein, die jetzt anfangen will. Aber, wenn man, wie Du schreibst, täglich was macht, kommt auch der entscheidende Stups vorbei. Gutes Gelingen dann!
dass ich für das, was nur ich nur so tun kann/soll/will, die richtige bin, ist natürlich voraussetzung, klar.
ja, es geht vor allem drum, den immer-wieder-stups anzunehmen! 🙂
lg, soso
Da habe ich mich falsch ausgedrückt: die kreative Person, die Du bist, muss zu der kreativen Person werden, die schreibt und zu Ende bringt. Da ist keine Kritik versteckt, es ist nicht immer leicht das eigene Ego so zu behandeln, oder so zu leben, dass Nerv und Zuversicht auf gutes Gelingen da sind. Also der Goethe war jeweils in seinem Arbeitszimmer mit seinem Sekretär und einer Flasche Wein und ist diktierend von einem Fenster zum anderen gegangen und wenn der Wein alle war, hat er aufgehört.
Bei Zagajewski habe ich gelesen (unsichtbare Hand Hanser Verlag S.83)“
„Manchmal beneide ich verstorbene Dichter: sie haben keine „schlechten Tage“ mehr, kennen keine „Melancholie“, haben sich verabschiedet von „Leere“, „Rhetorik“, Regen, Tiefdruck, haben aufgehört, „scharfsinnige Kritiken „zu verfolgen und sprechen dennoch weiter zu uns. Ihre Zweifel sind mit ihnen verschwunden, ihre Begeisterung lebt.“
boah, liebe u., ja, da hab ich dich wohl missverstanden. großes dankeschön für den nahrhaften nachschub und nochmals liebe grüße, soso
Weißt du, was ich manchmal denke? Dass dieses Hinausschieben gerade in kreativen Dingen eigentlich bedeutet, dass dein Werk von dir fordert, ihm noch etwas Zeit zum reifen zu lassen. Vielleicht ist genau dieses Verschieben eigentlich das, was für dein kreatives Werk wichtig ist, liebe Soso …
ja und nein, liebe sherry. manchmal ist es reifen, manchmal eine art angst vor dem, was ich tun soll (kann ich das? „muss ich wirklich?“ etc.), manchmal faulheit, manchmal eine mischung. weisheit ist, herauszufinden, wann es welches ist und was ich dann tun soll.
danke für den input!
lg soso
Jack Kerouac in On The Road
“Sure baby, mañana. It was always mañana. For the next few weeks that was all I heard––mañana a lovely word and one that probably means heaven.”
Eines der wenigen Bilder, die mir aus dem Buch geblieben sind, sieht so aus: Bei unglaublicher Hitze in einer unglaublich verlassenen, staubigen Gegend sitzen drei Menschen auf der Laderampe an einem unglaublich einsamen Bahnhof, schmieden hochtrabende Pläne bis in die Mittagshitze, konsumieren unglaublich viele Drogen und Alkohol und es wird Nacht und es wird Tag und so weiter. Das Gefühl, das zulassen zu können, könnte tatsächlich Himmel sein.
das ist ein toller aspekt, weil es hier darum geht die zeiten von sein, nicht als zeiten von verschieben, verklüngeln u.ä. anzusehen- sich hingeben an den schlendrian, wohlwissend, dass auch er zeitlich ist und vorüber geht!
letzteres wollte ich an sich, nur mit anderen worten schreiben- in diesen zeiten von was anderem oder nichts, wächst oder reift etwas, dass man später freudig ernten darf-
etwas anderes ist die disziplin … die es dann braucht, um angefangenes zu beenden und um irgendwann den punkt zu finden, an dem man sagt: FERTIG! ein ganz besonderes gefühl 😉 es summt von freiheit, freiwerden für neues …
herzliche grüße
ulli
ihr beiden lieben
ja, die musse … wie nötig sie wäre. wie nötig sie ist, wenn wir die welt verändern wollen. irgendwo, ich glaube in einer der grössten wochenzeitungen der schweiz, las ich noch nicht lange her einen psychologischen artikel über die heilsame wirkung von musse. und dass uns der mut dazu fehlt. gesellschaftliche ansprüche und so.
kerouac hat recht. und ihr auch. und überhaupt … es braucht vor allem hingabe: an das, was wir grad jetzt tun. arbeiten. ruhen. musse. mañana. ans nichts und ans alles.
herzlich, soso
das zögern vor der geburt, gefällt mir gut, na ja kafka, das kann ja nicht schlecht sein. ich lese gerade die poetikdozenturtexte aus wiesbaden, und dieses dein thema, ist immer wieder bei allen schriftstellern thema. und wie immer liegt die lösung dazwischen, in der balance, zwischen „dringlichkeit und geduld“ wie es toussaint nennt, zwischen mañana und hoy, oder wie auch immer man es nennen mag.
danke für deine anmerkungen. dass wir immer mal wieder ein wenig über ähnliche themen nachdenken, finde ich bereichernd!
herzlich, soso
Und mit diesem Druck, liebe Soso, macht man es sich vermutlich nur doppelt schwer. Wie lange es gedauert hat, zuzulassen, einfach einen spannenden und entspannenden Krimi zu lesen, anstatt … naja. Und wenn man (wie wir) mit einem sehr kreativen Menschen zusammen ist, dem es vielleicht leichter fällt, einfach loszulegen, eigentlich immer etwas erschaffen, ausdrücken und umsetzen zu können, fällt es vermutlich nicht gerade leichter, das Sofa dem Schreibtisch vorzuziehen.
Alles braucht seine Zeit. Nur wenn DU den für Dich richtigen Zeitpunkt für eine jeweilige Beschäftigung gefunden hast, ist sie vermutlich stimmig und möglich für Dich.
Herzliche Grüße, mb
ich glaube, ein bisschen druck, oder die richtige art von druck ist für mich nicht schlecht, liebe mb. eigentlich kann ich nur gut arbeiten, wenn ich mir ein bisschen druck mache. oder lernen für prüfungen konnte ich früher am besten unter zeitdruck. zu viel oder zu wenig ist bei mir nicht gut. das richtige mass zu finden, erfordert fingerspitzengefühl und selbstachtung. manchmal übertreibe ich aber schon in die eine oder andere richtung.
der liebe kreative mensch in meinem leben – er setzt mich eigentlich am allerwenigsten unter druck. ich bitte ihn nur manchmal, mir ein bisschen schub zu geben. 🙂
manchmal braucht es disziplin und manchmal muss etwas bis zum richtigen zeitpunkt wachsen. ja, alles braucht seine zeit, du sagst es. danke für deine gedanken!
herzlich, soso
Wie gut ich deine Gedanken nachvollziehen kann, soso…
daaanke!
herzlich, soso