Ausgelesen #9 – Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

Buchcover PicoultIn Jodi Picoults Buch Bis ans Ende der Geschichte (Original: The Storyteller) kommt das Wort Geschichte in seiner ganzen Mehrdeutigkeit zum Zug. Anders als die beiden englischen Wörter Story und History, die zum einen auf die reale, historische, zum anderen auf die fiktive Möglichkeit einer Geschichte hinweisen, können wir unser Wort Geschichte hier gerne als ein Wort mit Vorsilbe interpretieren. Ein Geschiebe, ein Gespinst, ein Geschichte, ein Aufeinandergeschichte, ein Nebeneinandergeschichte von Dingen, von Menschen, von Erfahrungen, von Erzählungen – das erfahren wir in diesem Buch hautnah. Nicht nur erzählt Picoult meisterhaft – wie schon im von mir hochgelobten Buch Die Spuren meiner Mutter –  parallalel mehrere Geschichten, hier jene der Hauptfiguren Sage, Josef, Leo und Minka, auch erzählt sie als weiteren Strang die abenteuerliche Gruselgeschichte nach, welche Minka vor siebzig Jahren im KZ buchstäblich das Leben gerettet hat.

Die fünfundzwanzigjährige Sage ist Bäckerin aus Leidenschaft. Seit einem Autounfall, an deren Folgen ihre Mutter gestorben ist, fühlt sie sich schuldig, weil sie den Wagen gelenkt hat. Als eine Art Selbstbestrafung besucht sie nun schon set drei Jahren eine Trauergruppe, wo sie den über neunzigjährigen Josef Weber kennenlernt. Trotz des großen Altersunterschieds spüren die beiden die geheimen Wunden des jeweils andern und werden schließlich Freunde. Josef erzählt Sage eines Tages seine schreckliche Geschichte und bittet sie um einen höchst ungewöhnlichen Freundschaftsdienst. Doch das Geheimnis ist für Sage zu groß und sie holt sich Hilfe beim Anwalt Leo, dem sie sich – obwohl sie eine Eigenbrötlerin ist – nach und nach öffnen kann. Mit Leos Unterstützung gelingt es Sage endlich, ihre Großmutter, eine KZ-Überlebende, dazuzubringen, ihnen ihre Geschichte zu erzählen.

Mit unglaublicher und brutal schmerzhafter Detailtreue und Glaubwürdigkeit bringt Jodi Picoult uns vier so unterschiedliche Lebenswege nahe. Aus unterschiedlichen Perspektiven sehen wir die Wirkungen dieser Menschen aufeinander. Umrahmt wird alles von Auszügen aus Minkas Gruselgeschichte, die sie in den ersten Jahren des Krieges, damals noch in vermeintlicher Sicherheit, zu schreiben begonnen hat. Selbst im KZ hat sie, auf die Rückseiten von Fotos, weitergeschrieben und erzählt.

Am Ende der Geschichte und am Ende aller Geschichten ist alles anders. Und wir wissen nicht, wie die Geschichten zu Ende gehen; weder die aus Minkas Notizbuch, die sie nach dem Krieg erneut aufgeschrieben hat, noch jene, die im Buch stehen, das ich eben gelesen habe.

Eine Gesichte gekonnt in einer Geschichte zu verpacken ist eine große Kunst, doch hier gleich liegen fünf Schichten – was sage ich da? zig Schichten! – nebeneinander, weitesgehend kunstvoll verwoben und dennoch auch ein bisschen so chaotisch wie all die Leichen, die Minka in den KZ  gesehen hat. Und über die sie siebzig Jahre zu reden verweigert hat.

Ein Buch über Schuld und die Idee des Verzeihens, über Freundschaft, Familie und Liebe und auch ein Buch über die Sehnsucht nach all jenen Menschen, die nicht mehr da sind.

Depressionen – zwei Tipps #notjustsad

Heute Abend seid ihr herzlich eingeladen – so ihr in Hamburg oder der Umgebung wohnt oder hinfahren könnt oder wollt –, einer Lesung über das Leben mit Depressionen beizuwohnen. Markus Bock, der in seinem Blog, auf Twitter und in seinem Buch (Link folgt) über sein Leben als von Depressionen betroffener Mensch erzählt, wird persönliche Erfahrungen teilen. verbockt - Buchcover In „Die Depression hat mich bestimmt. Jetzt bin ich dran. Vielleicht …“ erzählt Markus ungeschönt von der Gefühlswelt in depressiven Lebensabschnitten. Das Buch ist kein Ratgeber, sondern ein verständnisvoller Tatsachenbericht: Ob der Suizid der vermeintlich letzte Ausweg ist und warum suizidale Menschen nicht egoistisch sind, auch diese Frage versucht er zu beantworten.

Wo? Im Hörsaal in Hamburg, um 18.30 Uhr  > hoersaal-hamburg.de

+++

Nächsten Freitag, also heute in einer Woche, erscheint Uwe HaCover Buch von Uwe Hauckucks erstes Buch Depressionen abzugeben. Uwe schreibt darin über seine Erfahrungen mit der Klapse, nachdem er seinen Suizidversuch im letzten Moment abgebrochen. Mühsam hat er den Weg zurück ins Leben gefunden. Mit seinem Buch will er aktiv dazubeitragen, das Tabu, das Stigma, das Depressionen anhaftet, aufzulösen. Auch Uwe Hauck bloggt und twittert.

Ich habe vom Verlag ein Rezensionsexemplar erhalten und werde hier bald über das Buch berichten. Die ersten Seiten haben mich bereits sehr berührt.

Vorbestellen könnt ihr das Buch als Print- und als eBook bereits jetzt in eurer Buchhandlung.

Flussnoten goes Buch

Endlich geht es mit dem Bau des Flussnoten-Buches voran. Wir haben die fürs Buch relevanten Kapitel aus allen im Laufe der Reise entstandenen Blogartikeln ausgewählt und nun redigieren wir die einzelnen Texte sanft. Gruslig, wie viele Tippfehler sich da über die Handytastatur in unsere täglichen Erfahrungsberichte geschlichen haben! Zuweilen schönen wir zwar die Satzstellung ein klein bisschen, was damals, am kleinen Handybildschirm, nicht so elegant ging wie jetzt, am großen Laptop-Bildschirm, doch am Text selbst wird nicht groß gefeilt, die Wander-Authentizität soll ja erhalten bleiben.

Was soll ich sagen? Es macht Spaß! Es ist schön, nochmals in unsere Reise dem Rhein entlang einzutauchen, mich zu erinnern, mich zu freuen darüber, was wir da alles erlebt, gesehen, erlitten haben, was uns gefreut und begeistert hat.

Das Buch wird sowohl als eBook erscheinen als auch als Printbuch mit einem Bildanhang (Selbstverlag, bei epubli erhältlich). Vorbestellen könnt ihr es schon jetzt bei Irgendlink. Erscheinen wird es im Frühling dieses Jahres und ungefähr Fr. 17.-, resp. € 16.- (plus Versandspesen) kosten. Als epub um die Fr. 11.-/€ 10.-.

PS: Das Poster mit 96 Bildern unserer Reise ist noch immer zum Vorzugspreis von Fr. 43.–, resp. € 40.– erhältlich.

Ausgelesen #8 – Die Spuren meiner Mutter von Jodi Picoult

Buchcover von Die Spuren meiner Mutter»Die dreizehnjährige Jenna sucht ihre Mutter. Alice Metcalf verschwand zehn Jahre zuvor spurlos nach einem tragischen Vorfall im Elefantenreservat von New Hampshire, bei dem eine Tierpflegerin ums Leben kam. Nachdem Jenna schon alle Vermisstenportale im Internet durchsucht hat, wendet sie sich in ihrer Verzweiflung an die Wahrsagerin Serenity. Diese hat als Medium der Polizei beim Aufspüren von vermissten Personen geholfen, bis sie glaubte, ihre Gabe verloren zu haben. Zusammen machen sie den abgehalfterten Privatdetektiv Virgil ausfindig, der damals als Ermittler mit dem Fall der verschwundenen Elefantenforscherin Alice befasst war. Mit Hilfe von Alices Tagebuch, den damaligen Polizeiakten und Serenitys übersinnlichen Fähigkeiten begibt sich das kuriose Trio auf eine spannende und tief bewegende Spurensuche – mit verblüffender Auflösung.« Schön und gut, aber dieser Klappentext verschweigt, wie sehr mich das Buch erschüttern wird.

Ja, von der ersten bis zur letzten Seite hat es mich gefesselt, dieses Buch. Und begeistert. Und zu Tränen erschüttert. Nicht zuletzt wegen der gewählten Erzähltechnik: Die Autorin lässt kapitelweise immer wieder eine andere der Figuren in Ich-Form aus ihrer Gegenwart und Vergangenheit erzählen, was mir als Leserin nicht nur tiefen Einblick in die einzelnen Geschichten und deren Zusammenhang mit allen anderen gibt, sondern auch in die Welt der Elefanten. Schon als Kind haben mich diese Tiere fasziniert, doch darüber, dass sie so klug, so sozial und so sehr zu Trauer und Beziehungen fähig sind, wie das die Autorin – durch die Augen der Elefantenforscherin Alice – beschreibt, war mir nicht bewusst.

Trauer und Verluste sind im Grunde die roten Fäden dieses Romans – bei den Menschen ebenso wie bei Elefanten. So stehen Mutterkind-Beziehungen im Zentrum sowie immer wieder auch die Liebe zwischen Menschen und Menschen, Tieren und Tieren, Menschen und Tieren.

Alice‘ Tagebuch-Stimme erzählt immer wieder vom Elefantenalltag und den Beobachtungen desselben in der Wildnis Afrikas und im später im Reservat in den Staaten. Was ich über das Zusammenleben von Elefanten lese, lässt sich unmittelbar auf die Menschenwelt übersetzen. Jugendliche Elefantenbullen, zum Beispiel, die durch Wilderei ihre Mütter und Väter verloren haben, werden verhaltensauffällig und unverhältnismäßig aggressiv. Weil sie unnatürlich aufwachsen. Bei Elefantenherden ist es die ganze Herde, die das Elefantenkalb aufzieht. Und es sind die Matriarchinnen, die dem Rudel vorstehen. Ein intaktes Rudel, ein intaktes Matriarchat, lässt jedem Kalb genug Zeit und Raum, geborgen und beschützt heranzuwachsen. Ein Kalb wird, nach und nach, als Schwester oder Bruder, in die Aufzucht und Mitverantwortung für die anderen eingebunden, um eines Tages selbst in der Lage zu sein, ein Kalb aufzuziehen. Werden aber Matriarchinnen ihrer Größe und des begehrten Elfenbeins wegen abgeschlachtet, geht mit ihnen gleichsam die Geschichte der Herde verloren, die kollektive Erinnerung. Das Gleichgewicht des Rudels wird gestört und die jungen, zurückgelassenen Tiere wissen nicht oder noch zu wenig, wie das Rudelleben funktioniert. Das Wissen um die Wege zu den Wasserstellen geht zum Beispiel verloren ebenso wie das Wissen um die Zyklen, die Rhythmen des Überlebens in der Wildnis.

Ich schlucke immer wieder schwer beim Lesen und komme nicht umhin, Parallelen zu uns Menschen zu ziehen. Zu all den jungen Menschen, die ohne Leitplanken aufwachsen, zu all den älteren Menschen, die verlernt haben, Vorbilder zu sein.

Das Buch dreht sich aber weit mehr um Menschen als um Elefanten. Um Menschen, die etwas verloren haben, sich selbst, einen lieben Menschen, eine Gabe. Es geht um Menschen, die vermissen und die suchen.  Nicht zuletzt auch durch die feine spirituelle Note, die durch das sehr glaubwürdig dargestellte Medium Serenity eingebracht wird, hat mich dieser Roman tief berührt und erschüttert. Und auch wegen der letzten Seiten, dieser Auflösung, mit der ich so wirklich nicht gerechnet hatte, die aber schlussendlich alles Vorherige in einen Zusammenhang stellt und mich besser verstehen lässt.

Vorhin habe ich mich auf der Webseite des Elephant Sanctuary in Tennessee umgeschaut, welches im Buch vorkommt. Ein riesiges Reservat, ein Heiligtum für Elefanten, die in Zirkussen oder Zoos gelebt haben und aus unterschiedlichen Gründen schließlich ins Sanctuary übersiedelt wurden, wo sie nun endlich so artgerecht wie möglich leben können. Und ja, auf einmal sehe ich die Elefanten dort mit anderen Augen, sehe ihre Gesichter, ihre Gesten, ihre Haltung anders.

Das Buch ist ein großartiger Herz- und Augenöffner.

Bücher

Mit Büchern ist es ja so eine Sache. Sie erzählen dir Geschichten und machen immer etwas mit dir. Oft sogar etwas, das du im Voraus gar nicht ahnen kannst.

Früher habe ich viele Sachbücher gelesen, oder sagen wir mal Selbsthilfebücher. Bücher, von denen ich mir versprochen hatte, dass es mir hinterher besser gehen würde. Wenn ich sie gelesen hatte. Einfach so. Weil ich sie gelesen hatte.

Nun ja, nur durch das Lesen wird normalerweise nichts anders, auch wenn uns ein Text berührt, etwas mit uns macht. Lernen tun wir erst durch Wieder- und Wiederholungen, und wir lernen, in dem wir uns auf etwas einlassen. Wir lernen auch dabei, wenn wir uns und unseren Gedanken zuhören. Den Geschichten, die wir in uns tragen, diesen Büchern in uns drin sozusagen.

Barbara Walti, eine liebe Frau, eine Mutter, deren Sohn gestorben ist, hat ein Buch geschrieben, das trosthandbuch. Kürzlich hat sie es mir geschenkt und nun arbeite ich mich langsam in dieses neue Land ein, in das sie mich mitnimmt. In ihrem Buch geht es nämlich nicht nur um den Tod ihres Sohnes und ihre Trauer, es geht vielmehr darum, wie sie aus der Trauer, aus den Schulgefühlen, aus der Not einen neuen Umgang mit ihrer eigenen Geschichte gefunden hat. The Work ist zu ihrem Weg geworden. Ich gestehe, ich habe schon oft von The Work gehört und auch von Byron Katie, die das Ganze initiiert hat. Ich habe es sogar, wenn auch sehr skeptisch, angeschaut damals, habe mich ein wenig eingelesen, es halbherzig ausprobiert, vor vielen Jahren, als das Konzept erst in englisch verfügbar war. Mehr schlecht als recht hatte ich mir nämlich ein paar Dinge selbst übersetzt. Kurz und gut: Ich war vermutlich einfach noch nicht bereit.

Heute Nachmittag nun, als ich das trosthandbuch von Barbara Walti zu lesen angefangen hatte, stieg eine leise Ahnung in mir auf, die Ahnung nämlich, dass ich mich diesmal darauf einlassen will – frei nach dem guten alten Spruch: hilft es nicht, so schadet es wenigstens auch nicht. (Nur: Ob sich damit auch Depressionen und andere chronische Geschichten wandeln lassen? Ich weiß es nicht. Ich werde es aber erfahren.)

The Work ist keine Lehre und auch kein Dogma, weder religös noch sonst etwas seltsames, es ist eigentlich nichts mehr und nichts weniger als ein Erfahrungsweg, der uns dabei hilft, unsere Denkmuster zu verstehen und zu wandeln. Und sich vom Leiden zu verabschieden.

Ich bleibe dran. Danke, Barbara.

Versehrte Kindheiten

Bastard, dieser deutsche Psychothriller mit Martina Gedeck als Kriminalpsychologin, der zurzeit auf ARD Mediathek zu sehen ist, wartet mit Szenen auf, die beinahe die Netzhaut verätzen. Ein Film, der Bilder sichtbar macht, wie ich sie Tage vorher im neuen Buch von Linus Reichlin gelesen habe. In einem anderen Leben.

Zwar ist es unmöglich, beiden – Film und Buch – in diesem Artikel gerecht zu werden, da die Geschichten grundsätzlich verschieden sind; ich möchte einzig ein paar Parallelen erwähnen.

ReichlinCoverDie weibliche Hauptfigur aus Bastard, das Mädchen Mathilda, erinnert nämlich an das Kind, das die erwachsene weibliche Hauptfigur Nora in Reichlins neuem Roman, einmal war. Beide haben eine Kindheit erlebt, die keine war. Beide haben ihre Gespenster – auch Noras Partner und Ich-Erzähler Luis. Kindheiten, die keine waren. Eltern, Elternteile, die sich aus der Verantwortung gesoffen oder mit Pillen heraus katapultiert haben.

Während in Bastard dreizehnjährige Kinder versuchen, einzufordern, was ihnen versagt geblieben ist, versuchen Luis und Nora einen Weg zu finden, mit den Entbehrungen ihrer Kindheit umzugehen.

Im Film diese Szene, wo Mathilda nach Hause kommt und ihre Mutter, die den Tod des Vaters vor zehn Jahren noch immer nicht verarbeitet hat und mehr trinkt als ihr gut tut, vom Boden aufkratzt und in die Dusche schleppt. Natürlich hat sie nichts gekocht.

Im Buch diese Szene, wo Nora Luis erzählt, wie ihre Mutter jeweils in der chinesischen Reisschale ihre Tabletten vermörsert hat. In eine Wattewelt geflüchtet ist. Dem Kind nicht die Mutter war, die dieses gebraucht hätte. Versehrte Kinder.

Reichlin seziert die Gefühle der beiden, entblößt, schaut hin, schönt nicht, schreibt über Verdrängung so dicht, so unglaublich menschlich, so schwerzhaft präzis, dass wir nicht anders können als verstehen. Er macht es sich nicht einfach, wenn er beschreibt, wie sich Nora und Luis angesichts der Veränderungen, die sich in ihrem Leben abzeichnen, beinahe gegenseitig kaputtmachen.

Beinahe.

Buch und Film ist gemein, dass die Enden neue Anfänge sind Und dass sie Mut machen, wider alle Vernunft, Mut, dem Leben doch immer wieder neu zu vertrauen. Und dass trotz der erlebten Dramen neue Möglichkeiten warten.

_____________________________

Bastard – Film von Carsten Unger
In einem anderen Leben – Roman von Linus Reichlin

Brücken bauen

Ein ähnliches Projekt wie jenes, das ich selbst, allerdings mit einer anderen Menschengruppe*, angedacht habe, will die Bloggerin und Fotografin Sarah Berger realisieren.

Ich zitiere sie hier:

„Meine Idee ist daher, den Kontakt zu Menschen zu suchen, die sich mittels des Hashtags [#notjustsad] auf Twitter den Raum geschaffen haben, ihre eigene Depression öffentlich zu thematisieren. Ich möchte ihnen begegnen und mir ihre Geschichte anhören: Ihr je eigenes Erleben dieser Krankheit. Im Zuge dessen möchte ich im gemeinsamen Gespräch ein Bild entwerfen, welches die je eigenen Aspekte und Konsequenzen dieser Erkrankung am Besten zum Ausdruck bringt. Mein Photoprojekt soll eine Brücke schlagen zwischen dokumentarischer Photographie – denn ich möchte nur mit Menschen arbeiten, die an Depressionen leiden und bereit sind, darüber zu sprechen – und inszenierter Photographie, denn das Endergebnis soll ein Bild sein, welches zwar die eigenen Erfahrungen aufgreift, diese jedoch auf ein Moment reduziert und im Lebensraum des Protagonisten inszeniert. Ich möchte mich mit der Nicht-Sichtbarkeit dieser Krankheit auseinandersetzten und versuchen, die verschiedenen Erlebnisse, Eindrücke, Ängste, sozialen Schwächen in durchdachten Bildern dokumentieren.

Die Bilder sollen in Farbe sein, da der dokumentarische Charakter enthalten bleiben soll. Schwarzweiß Aufnahmen würden gerade in diesem Kontext wieder sehr plakativ und artifiziell wirken. Ziel ist eine Serie von sechs Bildern bis neun Bildern von jeweils unterschiedlichen Menschen und unterschiedlichen Inhalten, um den Facettenreichtum dieser Krankheit aufzugreifen.“

Kontakt: mail@sarah-berger.de
Quelle: Den gesamten Blogartikel mit mehr Details gibt es hier → klicken.

____________________________________________

[* Meine „Zielgruppe“ sind Menschen, die einen erweiterten Suizid überlebt haben und/oder durch andere Gewaltverbrechen ein „neues Leben“ zu leben haben. Ich suche ebenfalls Menschen für Interviews. Mehr Details gerne unter Kontakt erfragen.]

Die Sache mit der Wahrheit

Seit Tagen denke ich über diese Sache mit der Wahrheitssuche nach. Angestoßen von Sherrys Artikel über den weinenden Nietzsche, gehe ich der Frage nach, was uns wirklich antreibt – wohlwissend, dass ich diese Frage nicht werde beantworten können. Nicht abschließend jedenfalls. Wahrheitssuche haftet die Aura von Heldenhaftigkeit an – man denke nur an Artus und die Gralsgeschichten und an all die Philosophen und Denkerinnen, die bei ihrer Suche gefährliche Abenteuer erlebten und dabei oft mit dem eigenen Leben bezahlten. Ein bisschen verwandt und doch anders sind da die für ihren Glauben oder eine Überzeugung oder Ideologie einstehenden Menschen, die sich ähnlich auch nicht von ihrem Weg abbringen lassen. Während die ersten noch auf der Suche nach Antworten sind, sind die zweiten bereits Gefunden-Habende – und somit für mich höchst suspekt. Obwohl, wenn ich es mir so überlege … ist nicht finden das Ziel von suchen? Andererseits ist die Wahrheitssuche letztlich eine Art unendliche Geschichte, denn in Wirklichkeit ist die Wahrheit ja wie eine Kugel. Unfassbar. Endlos.

Ein bisschen zynisch gefragt: Suche ich um des Suchens willen? Ganz unzynische Erkenntnis: Wenn ich sie gefunden habe, die Wahrheit, erkenne ich schnell, dass sie nur eine Teilwahrheit ist und suche weiter nach anderen Teilwahrheiten und werde dennoch jedes Mal ein klein bisschen weiser, weil ich immerhin weiß, dass es DIE Wahrheit so gar nicht gibt. Und ich weiß, dass ich im Grunde nichts weiß.

Als ganz junge Frau, ständig in irgendwelchen Umbrüchen und depressiven Phasen, glaubte ich noch, wenn ich die Wahrheit nur erst gefunden haben würde, wäre alles gut. Doch mit jeder neuen Erkenntnis, obwohl sie mich immerhin ein wenig vorwärts gebracht hatte, wurde ich ein wenig desillusionierter. Heute ist mir, als wolle sie gar nicht gefunden werden (jedenfalls was mich betrifft). Als verberge sie sich in allem. Als sei sie in der Stille. Als sei sie nirgends. Als sei sie Ich selbst. Und du. Du auch. In Wahrheit ist die Wahrheit nicht mehr und nicht weniger als das große Alles und das große Nichts. Schrieb ich vor langem mal in ein Notizbuch. Aber da dieser Satz zugleich so wahr und so vage ist, nützt er niemandem etwas. Außer, dass es entspannend ist, die Wahrheit sozusagen entblößt zu haben. Aufzuhören, nach ihr suchen zu müssen und dennoch auf eine unfassbare Art Teil von ihr zu sein.

Dass ich damit am Ende meiner Suche bin, ist leider und zum Glück nicht so. Anstelle der Wahrheit suche ich heute Antworten. Vorläufige. Auf große Fragen. Und nein, bei diesen Antworten muss es sich nicht um die große Wahrheit handeln, ich gebe mich auch mit kleinen Antworten zufrieden. Viele kleine Antworten können manchmal mehr bewirken als eine einzige große (den Wechselkurs kenne ich allerdings nicht). Mit den kleinen Antworten meine ich die alltägliche Essenz aus alltäglichen Gesprächen mit alltäglichen Menschen. Da ein Pfefferkorn, dort ein Stück Brot. Dort ein Stück Schokolade. Nahrung für meinen Mind, der kaum je zur Ruhe kommt. Auch wenn er nicht mehr an die große Wahrheit glaubt, will er dennoch etwas zu kauen haben.

Auch das habe ich inzwischen begriffen: die Sinnfrage beantwortet jeder und jede anders. Sich und der Welt. Weil jeder und jede sie auch anders stellt. Weil die Motivation, sie überhaupt zu stellen, von Mensch zu Mensch total unterschiedlich ist. Für den einen ist es eminent wichtig, dass das, was er tut, nützlich ist, während für die andere, das was sie tut, möglichst viel Geld einspielen muss. Du fragst mich, ob das denn eine richtige, eine existentielle Sinnfrage ist oder zu banal? Wer bin ich, sag ich dir, zu beurteilen, welche Sinnfragen gehen und welche nicht? Was weiß ich schon wirklich über die Menschen?

Kommen wir – weil es grad so passt – zur Eitelkeit, zum Ego, zur Sehnsucht nach Anerkennung. Nenn es Perfektionismus. Wenn ich ganz ehrlich mit mir selbst bin, entspringen mein Wunsch und meine Sehnsucht nach Sinn und nach Antworten, die meinen Wahrheitshunger stillen, dem Bedürfnis richtig zu leben und damit meinem Anspruch an mich zu genügen. Will heißen: Perfekte Entscheidungen zu treffen, richtig zu handeln, adäquat zu leben in einem Netz von Ansprüchen, die ich selbst und meine Umwelt an mich stellen. Richtig lebt hieße  auch scham- und angstfrei, innerlich heil und ausgeglichen, in Balance und im Frieden mit mir selbst, frei von all meinen Mimosenhaftigkeiten und meiner geringen Stressresistenz, kurz und gut: nützlich, brauchbar, vielseitig einsetzbar, die eierlegende Wollmilchsau persönlich zu sein. Und natürlich alles locker und easy zu können. Ach, diese vielen Herzen in meiner Brust!

Gut zu wissen, dass ich mit solcherlei Allmachtsphantasien (die ich hier zugegeben doch ein klein wenig überzeichnet habe) nicht allein bin. Das lese ich in einem spannenden Sachbuch namens Verletzlichkeit macht stark, das demnächst erscheinen wird und das ich für meine Zeitschrift besprechen werde. Dass Scham und Angst jene zwei Energien sind, die einem Leben aus vollem Herzen zuwiderlaufen, sagt die Autorin Brené Brown immer wieder. Und dass wir nur dann wirklich aus vollem Herzen leben können, wenn wir authentisch und verletzlich sind. Wobei das Wort Verletzlichkeit mit unglaublich vielen Vorurteilen und falschen Synonymen zugekleistert sei. Schwächlich zum Beispiel. Dabei geht es um das Gegenteil. Wahres Menschsein heißt verletzlich zu sein und sich dafür weder zu schämen noch davor zu fürchten. Sich dafür selbst genug sein. Aber natürlich, ich weiß es und ihr wisst es ebenso, ist auch das nur eine weitere Antwort, eine weitere Teilwahrheit. Aber nicht die schlechteste!

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=MFikEsmc9yc]

Teil 2 des Vortrages auf youtube: hier klicken
Teil 3 des Vortrages auf youtube: hier klicken

Erschienen ist das Buch bereits auf englisch unter dem Titel Daring greatly (Link auf Brené Browns Website)

Ausgelesen II. #2

An alles gewöhnt sich der Mensch, Mutantin, die sie ist. Sogar ans Zugfahren. Zumal ich lesen kann. Dazu bin ich nämlich schon früh morgens um halb acht in der Lage.

furchtbarliebZufällig bin ich neulich beim Surfen auf das e-Book Furchtbar lieb von Helen FitzGerald gestoßen und lud es mir aus Neugier aufs iPhone. Fast in einem Zug habe ich es verschlungen. Sicher werde ich noch mehr von dieser schottischen Autorin lesen. Fitzgerald schreibt glasklar und ironisch, zugleich äußerst sensibel und verstörend. Ihre Geschichte verblüfft mich immer wieder neu und lässt mich kaum zu Atem kommen. Wer englische Bücher mag, muss das lesen. Das Buch gibt’s übrigens auch als – ähm – Buch.

die_welt_auf_dem_kopfWeil ich dank der App Onleihe kostenlos an die eBooks meiner Bibliothek komme, habe ich mir das Neue von Milena Agus ausgeliehen und – wie vor einiger Zeit ihre Frau im Mond – bis zur letzten Seite mit offenem Mund dieser wunderbaren sardischen Geschichtenerzählerin gelauscht. Ihrer poetischen Sprache, die authentisch und bezaubernd den Alltag in einem verrückten alten Mietshaus in Cagliari auf Sardinien schildert. Die Welt auf dem Kopf liest sich wunderbar schwerelos, obwohl die Menschen darin keineswegs alle auf der Sonnenseite des Lebens stehen.
Ein tolles Buchgeschenk für Menschen mit Phantasie.

scheintotAuf dem Heimweg von der Arbeit habe ich heute einen Thriller von Tess Gerritsen, ebenfalls als eBook ausgeliehen, angefangen: Scheintot. Eine Autorin, die ich bisher nur vom Namen her kannte. Sie liest sich ausgesprochen spannend. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung.

+++

Wenn ich grad nicht Zug fahre oder im Büro sitze, bin ich am Laptop und lektoriere Irgendlinks Buch fertig: Schon wieder ein Jakobsweg soll Ende Woche als eBook bei neobooks erscheinen. Wenn alles klappt. Wenn wir fertig werden. Wenn nichts dazwischen kommt.

Und wenn ich nicht am Lektorieren bin, versuche ich meinen zurzeit überlasteten Geist irgendwie zur Ruhe zu bringen. Ich lasse alle Tippfehler sein, was sie sind. Sollen sie doch grad machen, was sie wollen. Miiir doch egal …

Wie gut, dass ich morgen frei habe … (Arbeit habe ich nämlich auch zu Hause genug.) Und, ja, auch viele Bücher, die darauf warten, von mir gelesen zu werden …

Habemus papam oder falls ich Papst werden sollte

Habemus papam!, sagt Irgendlink, der die Nachrichten aus dem Netz fischt.
Und – wer ist es denn? Eine Frau oder ein Mann?, frage ich, kurz vom Krimi aufschauend, den ich lese.

+++

Im heutigen Newsletter von SPUREN lese ich:

Eines von Adolf Holls schönsten Büchern heisst: FALLS ICH PAPST WERDEN SOLLTE.
Diese ungemein witzig und fein erzählte Geschichte handelt von einem sanften Umbau der katholischen Kirche unter einem altersmilden Papst, wie wir ihn uns nur wünschen können.
Im Rahmen eines kurzen, überaus freundlichen Gesprächs wurde ich mit dem Autor einig, dass dieses schöne, leider vergriffene Buch dringend wieder aufgelegt werden sollte. Und so darf ich Ihnen heute zurufen:
Habemus Holl!
Edition Spuren lässt weissen Rauch in den Himmel steigen und lädt Sie ein, sich dieses Leservergnügen zu gönnen.

Adolf Holl: Falls ich Papst werden sollte
Taschenbuch, 176 Seiten, Fr. 14.50
Mehr zum Buch und eine Leseprobe finden Sie unter
http://www.spuren.ch/edition_comments/1425_0_23_0_C/