Eine Frage nur

Das schönste W***geschenk, das man mir machen kann? Wenn heute die Welt nicht untergeht* – worauf ich wette (wer macht mit?) –, werden ab morgen die Tage wieder länger. Juhuuu!!!

Für das bevorstehende Lichter-Fest – ihr wisst schon: Sonnwende und die rauhen
Nächten, die ihr folgen – wünsche ich euch allen, liebe Leserinnen und Leser,
eine stille, friedliche, stressarme und genüssliche Zeit.

Mögt ihr das neue Jahr nicht nur gut starten, sondern
auch ein richtig gutes 2013 erleben.

+++ … und nun: Vorhang zu bitte bis zum nächsten Jahr ! +++

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Dies noch: Auf pixartix_dAS bilderblog und Sofasophia appt die Welt
geht es noch ein paar Tage weiter, bevor auch dort bis nächstes Jahr die Vorhänge fallen.

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Bild: iDogma | Appspressionismus
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).
* und wenn? Wäre es wirklich so schlimm?

Leise gedacht

Auch ich hake die vergehenden Tage ab bis … nein, nicht bis Weihnachten, sondern bis wir endlich im Tessin angekommen sind. Ferien. Auszeit. Friedliche Stille. Weg vom Feiertagsrummelgliltzerkram. Nur zu zweit sein. Ankommen.
Ist es das Ankommen, das uns Suchende glücklich macht? Ist aber nicht jedes Ankommen bereits wieder ein Abstoßen ins Nächste, so wie ich, wenn ich im Schwimmbad meine Bahnen ziehe, bereits die nächste Runde starte, wenn ich am Ende der Bahn angekommen bin?
Meereswellen. Es ist nur ein klitzekleiner Bruchteil einer Sekunde, bevor die Welle bricht. Ein kaum sichtbarer Moment, da sie innehält. Da alles still steht.
Ein Musikstück ohne Pausen – undenkbar.
Ein Text ohne Leerschläge – unvorstellbar.
Ein Tag ohne Pausen – nicht auszudenken.
Ein Leben ohne freie Tage – lebensgefährlich.
Ich brauche sie, die Lücken, und ich brauche auch die Vorfreude auf sie und dabei vergesse ich zuweilen, dass ich auch jetzt und jetzt und jetzt bin.
Möglich, dass meine Mitmenschen die Pausezeichen in meinem Leben sind, aber die Melodie kann nur ich selbst komponieren. Meine Lieben sind vielleicht die Leerschläge auf meinen Zeilen, doch die Wörter und ihre Geschichten schreibe ich. Und wenn sie meine Pausen sind, dann ist das Leben drumrum zwar ohne sie undenkbar, doch es ist mein Leben.
Den Dingen den richtigen Platz geben. Über- oder unterbewertet ist etwas schnell und eigentlich werten wir – auch wenn wir es nicht wollen – immer und alles. Sei es emotional, subjektiv, oder eher nüchtern und analytisch. Aber wir tun’s. Wie ich Objektivität misstraue! Wer kann schon objektiv leben und wer will das überhaupt? Büne Huber, der Kopf von Patent Ochsner, der während der aktuellen Tournee wieder Tour-Tagebuch schreibt, hat  den Soundcheck vor einem Konzert beschrieben: Wie sie alle in der minimalistischen Musik, die sie zu neunt – ohne Publikum – gespielt haben, miteinander eins geworden sind. Das muss ein phantastisches Erlebnis sein. So ähnlich wie guten 6 stell ich mir das vor. Ankommen. Miteinander beieinander.
Leben ist lebendig-sein. Nicht nur die Fuktion von Herz und Niere, von Darm und Lunge meine ich. Lebendig-sein ist Emotion. Ist Betroffenheit. Ist Unvollkommenheit. Ist Ja-sagen zu meinen Grenzen und sie bei Gelegenheiten dennoch ausdehnen. Ist Unvernunft und ist vor allem eins: Liebe.
Ich schaue mir beim Schreiben zu und begreife: Alle von mir gedachten Gedanken gibt’s so oder ähnlich oder anders, bei mir und bei andern längst und immer wieder.
Wäre es da nicht besser zu schweigen?

SAD feat. Büne Huber, Lo und Leduc – 1

Frischer Wind aus der Schweizer Musiklandschaft! Der Produzent SAD hat sich mit Lo & Leduc und Büne Huber, dem Frontmann von Patent Ochsner, zusammen getan. Dabei rausgekommen ist eine wunderschöne Verschmelzung von akustischer Gitarre, Beat, Mundart und Rap.
“1” heisst der Track und versinnbildlicht die Kollaboration der Musiker: Alles wird eins. Aber lass dich doch selbst überzeugen:
[youtube=http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=zGtUQ6t8aRo]
Quelle:
www.joiz.ch

Die Fahrt

Eigentlich sollte ich keine Rezensionen lesen. Nicht, wenn mir ein Buch so gut gefallen hat wie Die Fahrt von Sibylle Berg. Einfach bei meinem Eindruck bleiben, denn immer werden die Rezensentinnen und Rezensenten irgendwas finden, was sie nicht mögen. Und meine Freude am Leseerlebnis ein wenig dämpfen.
Und es gäbe in der Tat viel zum Nichtmögen in diesem Buch, denn die Menschen darin sind keine Heldinnen und keine Helden. Nicht einmal Anti-Helden sind sie. Einfach nur Suchende. Desperat die einen, soziophob die anderen, auf der Flucht vor sich selbst alle – und somit ziemlich normal. Menschen wie du und ich. Nicht mögen könnte die Leserin zum Beispiel den subtilen zynischen Unterton, der allen Geschichten leicht anhaftet, sich aber auch immer wieder relativiert, weil die Figuren in sich selbst glaubwürdig und trotz allem liebenswert sind. Und nicht mögen könnte der Leser auch, dass in fast jeder Geschichte Kakerlaken und Dreck vorkommen. Auch sprechen die RezensentInnen von den allzu vielen Selbstzitaten Sibylle Bergs aus früheren Werken und innerhalb des Buches selbst. Dazu kann ich nur sagen: Und wenn? Wer zitiert sich nicht hin und wieder selbst? Und warum auch nicht? Ja, es gäbe vieles zum Nichtmögen. Noch mehr aber, das ich mag.

„Getrieben sind sie alle, die Figuren in Sibylle Bergs neuem Buch, einem Reiseroman. Ruhelos fahren die einen an exotische Orte, auf der Suche nach einem kleinen bisschen Glück. Oder Sinn oder Abwechslung. Hauptsache, etwas passiert. Die anderen haben keine Wahl und müssen bleiben, wo sie sind. Wo auf der Welt kann der Mensch glücklich sein?
Heimat gibt’s nicht mehr. Heimat ist für Menschen, die in Bergdörfern aufgewachsen sind, dort wo man alle kennt, auch die Tiere und wo man statt ins Kino Sonnenuntergang schauen geht. Für alle anderen, also für die meisten, stellt sich die Frage immer wieder neu: gehen oder bleiben? Bleibe ich in meinem blöden Berliner Leben hocken oder suche ich das Glück in Sri Lanka, Rio de Janeiro, Shanghai oder Tel Aviv? […] Vor dem Hintergrund der verschiedenen Lebensverhältnisse stellt sie die Frage: Wie entstand die aberwitzige Idee des Individuums, ein Individuum sein zu wollen? Mit allen dazugehörigen Individuumsansprüchen? Glücklich sein zu wollen, zum Beispiel.“

Quelle: kiwi-verlag.de.
[Vorhin habe ich Mützenfalterins genialen Artikel über die Gefahren der (Über-)Interpretation gelesen (siehe Susan Sontag „Kunst und Antikunst“). Auch deshalb verfasse ich hier keine Buchinterpretation – auf alle Fälle keine allgemeingültige. Bestenfalls eine persönliche …]
Sibylle Bergs ProtagonistInnen reisen nach Südamerika, Nah- und Fernost, Indien, Europa. Und wir reisen als Lesende mit ihnen um die ganze Welt. Bergs Menschen denken über die Sinnlosigkeit ihres Leben nach, fliehen vor sich selbst, finden sich (immer wieder ein bisschen), bloß um sich erneut zu verlieren. Da ist Einsamkeit, Sehnsucht nach Liebe, Hoffnungslosigkeit , die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit und jener, der Menschen, die man liebt. Der Tod tanzt durch die Buchseiten und das Glück wird gefunden, aber mehr in Frage gestellt als willkommen geheißen. Das Leben ist zum Davonlaufen, zum Weglaufen, woher auch immer. Und es ist zum Hinlaufen, wohin auch immer, aber Hauptsache einfach weg von da, wo man ist. Ob das nun Berlin ist oder Bangladesh, im Endeffekt ist das gar nicht so relevant, denn solange wir nicht bei uns angekommen sind, tut leben so oder so weh. Wo immer ich hin flüchte, es sei denn zu mir, ich werde das Glück nicht finden. Falls ich solchen Wohlstandsluxus denn überhaupt brauche.
Ist das Schicksal entschuldbar, das Frank und Ruth in Island doch noch zusammenführt und ihr Glück schon nach wenigen Monaten, da Frank an Krebs stirbt, wieder auseinanderreißt? Ist Glück, erst einmal gefunden, nicht viel schmerzhafter in seiner Abwesenheit, als wenn wir es nie gekannt hätten? Wird nicht durch Drittwelttourismus erst die Maschinerie angekurbelt, die Unwissende zu Wissenden und somit zu Entbehrenden macht?
Sie moralisiere lese ich in einer Rezension, die Berg, sie moralisiere. Und wenn schon!
Hinten auf dem Buchumschlag steht: Die umweltfreundlichste Art zu reisen: „Die Fahrt“ kaufen. Und zu Hause bleiben! Hat was.
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Noch mehr über das Buch:
http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/diefahrt-r.htm

Konjunktiv sei Dank

hätte es nicht zu regnen angefangen
hätte ich nicht umgedreht
hätte ich den Kopf nicht erhoben
hätte ich nicht hingesehen

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Bild(er): iDogma | Appspressionismus –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

J.R.R. versus Bernhard

1. J. R. R. kann nichts dafür!
Ich hätte es wissen müssen. Schon bei Herr der Ringe rang ich mit mir: To watch or not to watch? Würde ich die Bilder, die ich in mir drin aus diesen wunderbaren Erzählungen geschaffen hatte, behalten können, fragte ich mich, oder würden sie mir durch die Filme genommen? Von der HdR-Trilogie habe ich mir darum auch nur einzelne Teile angesehen. Äußerlich kommen die Figuren, das muss ich zugeben, denen, die ich in mir beim Lesen der Bücher gemalt hatte, sehr nahe. Doch warum braucht es so viele Schlachtszenen?, fragte ich mich, als ich die Videos zu schauen versucht hatte. Auch im Buch habe es viele Schlachtszenen, musste ich mir damals sagen lassen. Stimmt. Ja. Aber nicht im gezeigten Verhältnis! Sonst hätte ich die Bücher damals nie und nimmer so begeistert gelesen. Ja, ich erinnere mich noch, wie ich zwischendurch quer gelesen, ganze Seiten überflogen hatte – was ich auch heute noch bei Büchern tue – doch sicher nicht die Hälfte oder mehr? Nein, ich brauche mir diese Bilder weder schildern noch filmisch vorführen zu lassen. Ich brauche solche Bilder schlicht und einfach nicht, um mir die Erde – Auenland und Mittelerde inklusive – als schrecklichen Ort vorstellen zu können. Das kann ich gut auch ohne. Und ja, auch als schönen Ort kann ich mir die Erde bisweilen vorstellen, aber darum geht es ja hier nicht.
Item. Da saßen wir also im Kino, Freundin L. und ich, und eigentlich hätte ich mir lieber Anna Karenina angeschaut. Selbst wenn wir da einige Stunden Rotz und Wasser geheult hätten. Weil ich aber neugierig und nicht abgeneigt war The Hobbit zu schauen, fanden wir uns gestern Abend mit großen, schweren Kunststoff-3D-Brillen beladen in der zweithintersten Kinoreihe im Saal 2 wieder. Der große Raum war, bis auf wenige Plätze, bis vorne voll. (Zum Glück saß ich am Rand, denn so voll mag ich nicht.) Als Brillenträgerin sehnte ich mich bald nach den Karton-3D-Brillen, die wir seinerzeit bei Harry Potter 7/2 erhalten hatten – in Deutschland war’s, im Sommer 11. Die waren leicht und kaum spürbar gewesen, kein Vergleich mit den edlen, schweren Schweizer Brillen. Das Teil drückte mir schon nach fünf Minuten meine normale Brille so sehr in den Kopf, dass es weh tat und ich ständig am Druckausgleichen war. Der Lärm des Filmes – ja, sage es laut und schreib es groß: LÄRM! – kam diesem dumpfen Schmerz nicht eben entgegen. Musik? Ach, das war Musik? Programmmusik, die im richtigen Moment mal laut, mal dramatisch, mal so, mal so war. Auf-Knopfdruck-Musik nenne ich das. Keine Nuancen. Kein Herzblut.
Den Hobbit habe ich als philosophisches Phantasy-Werk in Erinnerung, als Metapher, als dramatische Geschichte um die Suche nach Schatz, Heimat und Herkunft. Ähnlich wie in Herr der Ringe gibt es auch im Hobbit unzählige Schlachtszenen im Buch, wo Gute gegen Böse kämpfen, denn Tolkien war ein Philosoph und, seien wir ehrlich, er war auch ein Moralist.
Und er würde sich im Grab umdrehen, wenn er diesen Film sähe! So ein Schrott!,
raune ich L. zu, als das grelle Licht im Kinosaal die Pause ankündigt. Und doch sitzen wir auch den zweiten Teil des Filmes ab. Die Hoffnung stirbt zuletzt, vielleicht lohnt sich das Ticketinvestition ja doch noch?
Vielleicht für diese eine Szene, die die eigentliche Schlüsselszene und Grundlage der ganzen anschließenden HdR-Geschichten ist? Bilbo findet den Ring, den Gollum verliert und bald begreift er zufällig, dass ihn der Ring unsichtbar macht. Das Gespräch Bilbos mit Gollum – gezwungenermaßen, denn er ist eingesperrt in einem Felsspalt, während seine Gefährten gegen die Orks kämpfen – ist wirklich zauberhaft. Die Figur und Mimik Gollums als beinahe nackte, beinahe menschliche Kreatur (die nicht zuletzt wegen der übergroßen Augen an Harry Potters Elfen erinnert) sind wirklich ein kunsthandwerklich-computertechnisches Meisterwerk. Bilbo erspielt sich mit Rätseln den Weg in die Freiheit und könnte, wenn er denn wollte, Gollum mit seinem Elbenschwert umbringen. Wie anders hätte sich die Geschichte entwickelt, wenn er es getan hätte?
Nein, ich empfehle den Film trotzdem nicht. Lohnt sich nicht. Zeitverschwendung. Wie ganz anders hätten die Drehbuchschreiberlinge die Schwerpunkte setzen können! Natürlich sind die Special Effects bei Schlachtszenen faszinierend und aufregend und publikumswirksam. Wenn man denn hinschaut. Die meisten ließ ich mit geschlossenen Augen vorüberziehen. Aber … großes ABER: Nein, die Intention von Tolkiens Geschichte wurde meiner Meinung nach nicht erfasst, nicht einmal annähernd (und ich vermute, dass auch Teil 2 und 3 das Ziel nicht erreichen werden). Falls der Versuch überhaupt gemacht wurde, dann nur so leise, dass jemand, der das Buch und die Geschichte nicht kennt, keine Ahnung von der wirklichen Idee hat. Ein weiterer plumper Hollywood-Lärm-Schrott-Action-Streifen, auf den die Welt gut verzichten könnte oder ist es das, was die Welt wirklich will? Na dann Gut‘ Nacht, liebe Welt!
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2. Bernhard
Wie gut, dass ich mich auf dem Heimweg im Zug mit Schlinks Liebesfluchten auf andere Gedanken bringen konnte. Ich las weiter in der angefangenen Geschichte Die Beschneidung. Geniale Auseinandersetzung zum Thema Toleranz, Liebe, Hingabe und deren Grenzen.
Der deutsche Austauschstudent Andi verliebt sich in New York in die jüdische Programmiererin Sarah. Dass sie ihn im Laufe der Beziehung, obwohl sie ihn als Menschen liebt, doch immer wieder im Kontext seiner deutschen Herkunft sieht und unbewusst den Deutschen und Nazi in ihm sucht, macht Andi zu schaffen. Wenn er kontert, dass er sie doch auch einfach liebt, obwohl sie Jüdin ist, reagiert sie – nachvollziehbar natürlich – sehr verletzt, ohne deswegen seine Situation besser verstehen zu können. Dieses unausgesprochene Ich-liebe-dich-obwohl-du-Deutscher-bist, erträgt er irgendwann nicht mehr und entschließt sich dazu, in ihr Boot zu steigen und zu konvertieren. Ihr zuliebe. Um sich eine traditionelle Beschneidung zu ersparen, geht er unter einem Vorwand nach Deutschland und lässt sich die OP dort machen. Zurückgekehrt bemerkt Sarah den Unterschied nicht einmal (was ich mir zwar nur schwer vorstellen kann). Endlich versteht Andi, dass äußere und innere Veränderungen zwei Paar Schuhe sind.
Mit größter Sensibilität schildert Schlink diesen stetig wachsenden Beziehungskonflikt. Weder schönt er Sarah, die Jüdin, noch Andi, den Deutschen. Beide Standpunkte stehen nebeneinander und beider Sicht der Dinge verstehe ich als Leserin sehr gut. Ich mag die beiden Protagonisten und kann doch nicht glauben, dass sie den wachsenden Graben noch überwinden werden. Es sei denn sie lassen alle Vorgaben von Herkunft und Religion außen vor. Es gelingt nicht. Andi nimmt seine Schuhe und geht.
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Die meisten der sieben Geschichten dieses Erzählbandes drehen sich um das Scheitern von Liebe. Von Paar- ebenso wie von Elternliebe. Dem gescheiterten Versuch folgt für mich als Leserin die Erkenntnis, dass Liebe nur funktionieren kann, wenn wir sie nicht erzwingen wollen. Wenn wir Erwartungen loslassen.
Wie in allen Büchern, die ich bisher von Schlink gelesen habe, gibt er sich auch hier dem Versuch hin, seine Protagonisten die deutsche Geschichte von der einen oder anderen Seite aufarbeiten und verstehen zu lassen. Menschlich und nachvollziehbar. Und immer authentisch.
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Bild: iDogma | Appspressionismus –
Fotografiert mit Hipstamatic (ins iPhone integrierte Kamera).

Was darunter liegt

Erst im August, nachdem mich Windows mit ständigen Aufhängern und Abstürzen im Stich gelassen hat, bin ich – dank Irgendlinks technischem Support – endlich auf freie Software umgestiegen. Heute fühle mich mit Ubuntu und Co. mehr als glücklich. Einzig Photoshop habe ich nachgetrauert, ich gestehe es, denn mit Gimp bin ich einfach nicht warm geworden. Besonders verwirrt hat mich die dreiteilige Benutzeroberfläche. Auch die Benutzung der Werkzeugkiste empfand ich nicht selbsterklärend. Letzte Woche fasste ich, dank eines Youtube-Tutorials, den Mut, Gimp eine reale Chance zu geben, denn Nikonbilder auf dem iPhone zu appen macht nun wirklich keinen Spaß. Überraschend schnell begreife ich, wie ich Ebene auf Ebene setzen kann und die einzelnen Elemente abschließend zu einem einzigen neuen Bild vereinen kann.
Der Hintergrund, so begreife ist, gibt die Form vor. Er sagt, wie breit, wie hoch. Er sagt, ob transparent oder bunt und wenn ja, wie bunt oder welches Bild zuerst. Er ist das große JA! Ich lege andere Bilder darüber, übe das Handwerk von Gimp allmählich. Ja, es ist anders und nein, so anders als andere Programme ist es auch wieder nicht. Zuweilen ähnlich sogar wie die eine oder andere iPhone-App. Ich bin immer wieder fasziniert von der Vielschichtigkeit, verzaubert von den unmöglichen Möglichkeiten der Technik.
Die unterste Bildebene, der Hintergrund, ist meine Herkunft. Eltern. Geschwister. Kindheit.
Formgebung. Halt. Eingrenzung. Gefängnis.
Weitere Ebenen, die ich über die erste, zweite, dritte lege, heißen Beziehungsnetz, Beruf und Berufung, persönliche Identität als Frau, Vorlieben. Spannungsfelder. Jede einzelne Bildebene ist zustande gekommen, weil ich irgendwann irgendwo irgendwas gesehen, gespürt, erlebt und abgespeichert habe. Inklusive Wunden.
Ich bin viele. Bin jetzt, war gestern, werde morgen sein. Verschiedene Zeit- und Seinsschichten aufeinander.
Meistens arbeite ich an den einzelnen Schichten, oft an mehreren gleichzeitig, bewege sie, skaliere sie, drehe oder spiegle sie oder verändere ihre Farben, die Oberflächenstruktur oder die Intensität des Lichts.
Nur in ganz besonderen Momenten lassen sich alle Ebenen zu einem einzigen Bild vereinen. Mein kleines Nirwana: Einssein mit mir, das ein klein bisschen nach Erleuchtung riecht. Der letzte Akt. Vollendung.
Ist mein Hintergrund wirklich fix oder lässt er sich möglicherweise doch verändern? Wie viel Freiraum gibt er mir? Wie wäre mein Lebensbild, wenn er … und muss er darum bleiben, wie er ist? Ist er es …, ist er dieser ewig dunkle Ton, der meinem Leben seine Melodie vorgibt?
Bis zum letzten Klang?

Stairways – die Galerie

Nachtrag zu meinem Artikel vom 2. Dezember. Inzwischen habe ich das WordPress-Update geknackt und die Galeriefunktion wieder entdeckt.
Hier nun nochmals die Bilder von Artur Bozem, ergänzt mit Bildern von Martin Schöneichs Skultpuren. Alles und mehr wird aktuell augestellt im Rockenhauser Museum Pachen unter dem Titel “Habitat”.

Ganz unten liegt der Schatz

Unerzählte Geschichten sind in der Mehrzahl. Nicht alle können sich vor dem Vergessen retten. Diese hier hat sich in den letzten Tagen ans Licht gedrängt. Sie will erzählt werden, auch wenn bereits Schnee über ihr liegt.
Schon mehr als zwei Wochen ist es her. Bei Irgendlink auf dem einsamen Gehöft war es, wo wir einmal mehr per Zufallsgenerator Himmelsrichtung und Distanz bestimmten, um unser Ausflugsziel zu definieren und mit diesen Vorgaben auf geocaching.com einen schönen Geocache ganz in der Nähe des von uns ermittelten Punktes zu suchen.
Die Wanderschuhe sind schnell geschnürt und schon geht’s los. Auf einem kleinen Hügel parken wir das Vierrad und machen uns von dort aus zu Fuß auf die Suche. Unten im Tal liege der Schatz, sagen unsere Kompassnadeln und sagt auch die Karte, unten, ganz tief unten, in einer waldigen Schlucht. Die Wanderwege machen Schlenker über Felder und Wiesen, die das Waldgebiet umgeben, weshalb ich vorschlage, querfeldein zu gehen. Zumal die Felder und Wiesen ziemlich trocken und ausgetreten sind. Und noch ganz und gar schneefrei. Wir gelangen problemlos an den Waldrand, wo jegliche Wege enden. Die Schlucht unter uns ist wirklich kein Sonntagsspaziergang. Feuchtes Laub. Steil abfallendes Terrain. Sehr steil abfallendes Terrain.

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(das Smiley zeigt die Koordinaten des Geocaches)

Zwar haben wir beide ausgezeichnetes Schuhwerk, dennoch schlägt Irgendlink vor, zurückzugehen und den Wanderwegen zu folgen.
Wir müssen ja nicht immer den mühsamsten Weg nehmen, wenn es einen anderen gibt, sagt er. Recht hat er, dennoch überlegen wir hin und her, und entscheiden uns schließlich doch dafür, versuchsweise ein paar Schritte ins Waldinnere zu tun. Um zu testen, wie gefährlich die Steigung wirklich ist. Einmal im Wald drin, gibt es aber kein Zurück mehr. Mehr rutschen wir als wir gehen und es macht richtig Spaß, sich von Baum zu Baum zu schlängeln. Ganz unten angelangt, erwartet uns ein herbstbuntes Märchenland. Stille. Ein wilder Bach am Talboden, den wir überqueren. Nun folgen wir einem Trampelpfad, der uns wieder ein wenig aufwärts führt.
Unsere digitalen Kompassnadeln lotsen uns Richtung Quelle. Zehn oder zwanzig Meter vor uns liegt der gesuchte Schatz versteckt, doch hier ist vor uns unter uns. Etwa fünfzehn steile, felsige Luftlinie-Meter unter uns, um genau zu sein.
Hier eine Kletterpartie zu wagen, grenzt schon ein wenig an Verrücktheit!, sagt Irgendlink. Doch schon bald ziehen wir die zuvielen Jacken und Rucksäcke aus und klettern vorsichtig über die glitschigen Steine. Denn natürlich sind wir verrückt genug für so was. Kurz darauf stehe ich auf einem letzten hohen Stein. Irgendlink hat sich mit seinen langen Beinen bereits zwei Ebenen tiefer geschoben, doch ich hänge fest. Wie kann ich diesen Graben von der oberen zur tiefer liegenden Zwischenebene bloß überwinden ohne zu stürzen? Was gäbe ich jetzt für längere Beine! Ich habe Schiss davor, mich ins Leere fallen zu lassen. Irgendlink überlegt, dass er mich einfach auffangen könnte, doch das geht nun gar nicht. Zwei müssen nun wirklich nicht stürzen.
So überlegen wir hin und her, bis ich den Einfall habe, dass er sich doch einfach in den Spalt stellen könnte. Ich kann nun problemlos den Graben zwischen oberer und mittlerer Ebene mit meinem rechten Bein überwinden, denn dieses ist auf einmal lang genug und die Distanz von unüberwindbar zu überwindbar geworden. Irgendlink tut nichts weiter als dastehen.
Von der mittleren Ebene auf die unterste ist es nun nur noch ein kleiner Sprung und von unten sehen wir sofort, dass der Cache genau unter meinem großen Felsen versteckt ist, sorgfältig mit Ästen und Steinen zugedeckt. Unsern geübten Geocacheraugen entgehen solche Verstecke nicht. Wir tragen schon bald unsere Namen ins Logbuch ein, das in der Tupperdose liegt, und machen uns wieder an den Aufstieg. Viel undramatischer ist dieser, denn nun entdecken wir einen einfacheren Weg. Zwar ist er ein bisschen länger ist, doch gefährliche Kletterpartien bleiben uns erspart. Zurück bei den Rucksäcken, wird mir auf einmal klar, dass uns am Waldrand oben eine Rückkehr auf den Wanderweg nichts gebracht hätte. Die Schlucht kann nicht anders als kletternd erreicht werden, ob nun von Norden, von Westen oder von Osten – der Weg ist einfach steil und auch von Süden, dem Flussbett entlang, nicht einfacher zu begehen.
Wie war das gleich? Das Leben ist nicht ideal.

Vom Ankommen. Irgendwann.

Eben erfahren wir, dass es in wenigen Minuten weitergehen soll. Ungefähr fünfundzwanzig Minuten nach dem Stopp. Wir befinden uns irgendwo vor Olten. Auf der Rückreise von Bern, die wir extra mit dem Zug unternommen haben, um unterwegs keine bösen Überraschungen auf der Straße zu erleben. Keine billige Reise, doch wir haben sie uns geleistet, um Stress zu vermeiden. Stressen kann aber auch zugreisen. Was zu beweisen war. Den ersten Zug haben wir um eine Minute verpasst, im zweiten hängen wir nun fest.
Seit ich Kind war, habe ich ähnliches nicht mehr erlebt. Ein Schweizer Zug, der für unbestimmte Zeit auf offener Strecke stehen bleibt. Ein vor uns fahrender Zug sei wegen Bremsproblemen auf der Schiene stehengeblieben, sagt die Ansagestimme. Alle fünf bis zehn Minuten werden wir über den Stand der Dinge informiert.

Wären wir doch in Bern „James Bond“ gucken gegangen, dann wären wir bestimmt nicht auf offener Strecke stehen geblieben,
sage ich.
Zugegeben, Pannen riechen immer auch nach Abenteuer. Wir Menschen verlassen das geplante Gedankengebäude und werden ungefragt Teil eines Konzeptes, das wir nicht beeinflussen können. Natürlich lassen wir uns nicht gerne von geplanten Wegen abbringen, wir wollen, dass die Dinge so funktionieren, wie wir sie uns vorstellen, aber ein bisschen Abenteuer geht. Wenn es gut ausgeht, jedenfalls.
Bei der ersten Verspätungsankündigung hatte ich noch damit gerechnet, dass wir den Anschlusszug in Olten erwischen. Diese Hoffnung habe ich längst aufgegeben. Wir stehen nun seit einer halben Stunde, doch noch fahren letzte Züge nach Hause. Wann wird es zu spät sein? Was wäre, wenn …? Der nächtliche Supergau: Ein Zug, der einfach nicht mehr weiterfährt. Der in alle Ewigkeit stehen bleibt.
Ich denke an Freund S., Mitglied unserer Berner Schreibgruppe, der früher nach jedem Schreibtreffen die abstrusesten Heimkehrer-Stories ins Schreibforum stellte, das wir damals noch regelmäßig frequentiert haben. Heute haben wir darüber mal wieder gewitzelt, bei unserm traditionellen Treffen am Berner Glühweinstand mit ihm und all den andern Schreiberlingen unserer Gruppe.
Ein bisschen ein „Weißt du noch?“-Abend ist es geworden, natürlich, wie immer, wenn sich die einen oder andern eine Weile nicht mehr gesehen haben, ein bisschen ernst war es auch und philosophisch, wie immer, doch haben wir auch viel gelacht. Hach, ich mag diese Bande einfach.
Ooops, wir fahren ja wieder! Wie schön. Irgendwann werden wir heute Nacht wieder zuhause sein.
Wie schön, in einem Land zu leben, wo Pannen behoben werden können und auch ein Nachtzug irgendwann irgendwo ankommt. Obwohl Irgendlink mosert, dass fünfundreißig Minuten für eine Schweizer Panne geradezu skandalös sind.
Später. Wieder zuhause. Irgendwann kommt man eben immer an … irgendwo.