1. J. R. R. kann nichts dafür!
Ich hätte es wissen müssen. Schon bei Herr der Ringe rang ich mit mir: To watch or not to watch? Würde ich die Bilder, die ich in mir drin aus diesen wunderbaren Erzählungen geschaffen hatte, behalten können, fragte ich mich, oder würden sie mir durch die Filme genommen? Von der HdR-Trilogie habe ich mir darum auch nur einzelne Teile angesehen. Äußerlich kommen die Figuren, das muss ich zugeben, denen, die ich in mir beim Lesen der Bücher gemalt hatte, sehr nahe. Doch warum braucht es so viele Schlachtszenen?, fragte ich mich, als ich die Videos zu schauen versucht hatte. Auch im Buch habe es viele Schlachtszenen, musste ich mir damals sagen lassen. Stimmt. Ja. Aber nicht im gezeigten Verhältnis! Sonst hätte ich die Bücher damals nie und nimmer so begeistert gelesen. Ja, ich erinnere mich noch, wie ich zwischendurch quer gelesen, ganze Seiten überflogen hatte – was ich auch heute noch bei Büchern tue – doch sicher nicht die Hälfte oder mehr? Nein, ich brauche mir diese Bilder weder schildern noch filmisch vorführen zu lassen. Ich brauche solche Bilder schlicht und einfach nicht, um mir die Erde – Auenland und Mittelerde inklusive – als schrecklichen Ort vorstellen zu können. Das kann ich gut auch ohne. Und ja, auch als schönen Ort kann ich mir die Erde bisweilen vorstellen, aber darum geht es ja hier nicht.
Item. Da saßen wir also im Kino, Freundin L. und ich, und eigentlich hätte ich mir lieber Anna Karenina angeschaut. Selbst wenn wir da einige Stunden Rotz und Wasser geheult hätten. Weil ich aber neugierig und nicht abgeneigt war The Hobbit zu schauen, fanden wir uns gestern Abend mit großen, schweren Kunststoff-3D-Brillen beladen in der zweithintersten Kinoreihe im Saal 2 wieder. Der große Raum war, bis auf wenige Plätze, bis vorne voll. (Zum Glück saß ich am Rand, denn so voll mag ich nicht.) Als Brillenträgerin sehnte ich mich bald nach den Karton-3D-Brillen, die wir seinerzeit bei Harry Potter 7/2 erhalten hatten – in Deutschland war’s, im Sommer 11. Die waren leicht und kaum spürbar gewesen, kein Vergleich mit den edlen, schweren Schweizer Brillen. Das Teil drückte mir schon nach fünf Minuten meine normale Brille so sehr in den Kopf, dass es weh tat und ich ständig am Druckausgleichen war. Der Lärm des Filmes – ja, sage es laut und schreib es groß: LÄRM! – kam diesem dumpfen Schmerz nicht eben entgegen. Musik? Ach, das war Musik? Programmmusik, die im richtigen Moment mal laut, mal dramatisch, mal so, mal so war. Auf-Knopfdruck-Musik nenne ich das. Keine Nuancen. Kein Herzblut.
Den Hobbit habe ich als philosophisches Phantasy-Werk in Erinnerung, als Metapher, als dramatische Geschichte um die Suche nach Schatz, Heimat und Herkunft. Ähnlich wie in Herr der Ringe gibt es auch im Hobbit unzählige Schlachtszenen im Buch, wo Gute gegen Böse kämpfen, denn Tolkien war ein Philosoph und, seien wir ehrlich, er war auch ein Moralist.
Und er würde sich im Grab umdrehen, wenn er diesen Film sähe! So ein Schrott!, raune ich L. zu, als das grelle Licht im Kinosaal die Pause ankündigt. Und doch sitzen wir auch den zweiten Teil des Filmes ab. Die Hoffnung stirbt zuletzt, vielleicht lohnt sich das Ticketinvestition ja doch noch?
Vielleicht für diese eine Szene, die die eigentliche Schlüsselszene und Grundlage der ganzen anschließenden HdR-Geschichten ist? Bilbo findet den Ring, den Gollum verliert und bald begreift er zufällig, dass ihn der Ring unsichtbar macht. Das Gespräch Bilbos mit Gollum – gezwungenermaßen, denn er ist eingesperrt in einem Felsspalt, während seine Gefährten gegen die Orks kämpfen – ist wirklich zauberhaft. Die Figur und Mimik Gollums als beinahe nackte, beinahe menschliche Kreatur (die nicht zuletzt wegen der übergroßen Augen an Harry Potters Elfen erinnert) sind wirklich ein kunsthandwerklich-computertechnisches Meisterwerk. Bilbo erspielt sich mit Rätseln den Weg in die Freiheit und könnte, wenn er denn wollte, Gollum mit seinem Elbenschwert umbringen. Wie anders hätte sich die Geschichte entwickelt, wenn er es getan hätte?
Nein, ich empfehle den Film trotzdem nicht. Lohnt sich nicht. Zeitverschwendung. Wie ganz anders hätten die Drehbuchschreiberlinge die Schwerpunkte setzen können! Natürlich sind die Special Effects bei Schlachtszenen faszinierend und aufregend und publikumswirksam. Wenn man denn hinschaut. Die meisten ließ ich mit geschlossenen Augen vorüberziehen. Aber … großes ABER: Nein, die Intention von Tolkiens Geschichte wurde meiner Meinung nach nicht erfasst, nicht einmal annähernd (und ich vermute, dass auch Teil 2 und 3 das Ziel nicht erreichen werden). Falls der Versuch überhaupt gemacht wurde, dann nur so leise, dass jemand, der das Buch und die Geschichte nicht kennt, keine Ahnung von der wirklichen Idee hat. Ein weiterer plumper Hollywood-Lärm-Schrott-Action-Streifen, auf den die Welt gut verzichten könnte oder ist es das, was die Welt wirklich will? Na dann Gut‘ Nacht, liebe Welt!
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2. Bernhard
Wie gut, dass ich mich auf dem Heimweg im Zug mit Schlinks Liebesfluchten auf andere Gedanken bringen konnte. Ich las weiter in der angefangenen Geschichte Die Beschneidung. Geniale Auseinandersetzung zum Thema Toleranz, Liebe, Hingabe und deren Grenzen.
Der deutsche Austauschstudent Andi verliebt sich in New York in die jüdische Programmiererin Sarah. Dass sie ihn im Laufe der Beziehung, obwohl sie ihn als Menschen liebt, doch immer wieder im Kontext seiner deutschen Herkunft sieht und unbewusst den Deutschen und Nazi in ihm sucht, macht Andi zu schaffen. Wenn er kontert, dass er sie doch auch einfach liebt, obwohl sie Jüdin ist, reagiert sie – nachvollziehbar natürlich – sehr verletzt, ohne deswegen seine Situation besser verstehen zu können. Dieses unausgesprochene Ich-liebe-dich-obwohl-du-Deutscher-bist, erträgt er irgendwann nicht mehr und entschließt sich dazu, in ihr Boot zu steigen und zu konvertieren. Ihr zuliebe. Um sich eine traditionelle Beschneidung zu ersparen, geht er unter einem Vorwand nach Deutschland und lässt sich die OP dort machen. Zurückgekehrt bemerkt Sarah den Unterschied nicht einmal (was ich mir zwar nur schwer vorstellen kann). Endlich versteht Andi, dass äußere und innere Veränderungen zwei Paar Schuhe sind.
Mit größter Sensibilität schildert Schlink diesen stetig wachsenden Beziehungskonflikt. Weder schönt er Sarah, die Jüdin, noch Andi, den Deutschen. Beide Standpunkte stehen nebeneinander und beider Sicht der Dinge verstehe ich als Leserin sehr gut. Ich mag die beiden Protagonisten und kann doch nicht glauben, dass sie den wachsenden Graben noch überwinden werden. Es sei denn sie lassen alle Vorgaben von Herkunft und Religion außen vor. Es gelingt nicht. Andi nimmt seine Schuhe und geht.

Die meisten der sieben Geschichten dieses Erzählbandes drehen sich um das Scheitern von Liebe. Von Paar- ebenso wie von Elternliebe. Dem gescheiterten Versuch folgt für mich als Leserin die Erkenntnis, dass Liebe nur funktionieren kann, wenn wir sie nicht erzwingen wollen. Wenn wir Erwartungen loslassen.
Wie in allen Büchern, die ich bisher von Schlink gelesen habe, gibt er sich auch hier dem Versuch hin, seine Protagonisten die deutsche Geschichte von der einen oder anderen Seite aufarbeiten und verstehen zu lassen. Menschlich und nachvollziehbar. Und immer authentisch.
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Bild: iDogma | Appspressionismus –
Fotografiert mit Hipstamatic (ins iPhone integrierte Kamera).