Wirbeltage

Ein bisschen wie Ebbe und Flut ist mir … als wäre ich ein Stein, ein Blatt, ein Ast, den das Wasser mal mit sich in den See zieht, mal ans Ufer spült. Ziellos treibe ich dahin, und doch nicht ziellos. Absichtslos. Und lustvoll auch … Seit einigen Tagen ist die Lust wieder da, aus Fotos Appspressionismen zu gestalten, zu appen. So absichtslos wie früher nicht. Nicht weil ich am Schluss ein Kunstwerk geschaffen haben will, nein, eher so, wie ich als Kind gemalt habe. Schauen, was passiert. Natürlich weiß ich, wie die einzelnen Apps funktionieren, natürlich weiß ich, was passiert, wenn ich so oder anders. Und nein, ich weiß es eigentlich trotzdem nicht. Oder ich weiß nicht, wie es aussieht, wenn das und jenes passiert ist. Wie ich nicht weiß, was passiert, wenn ich dies und jenes im Alltag so und so entscheide. Hypothesen. Theorien. Nur wenn ich sie anwende, werden sie wirklich. Sichtbar.
Heute gedacht: Die Orientierung an Normen schadet uns, sie lässt uns zu Leistungsmaschinen werden. Auch Vergleichen ist schädlich, es macht uns zu AnpasserInnen. Bedingungslose umfassende Liebe lässt uns Menschen sein, die sich diesem Druck entziehen können. Das ist Kunst, wahre Lebenskunst.
Kunst und Liebe. Liebe und Kunst – Zwillingsschwestern.
Kunst darf verspielt sein. Kunst darf eine Botschaft haben. Kunst ist so unfassbar wie ihre Kunstschaffenden. Kunst entzieht sich jeder festgelegten Definition, sie überholt ihre Definition sozusagen ständig. Kunst ist längst nicht mehr monogam, die meisten Kunstschaffenden arbeiten interdisziplinär. Kunst ist. Kunst genügt sich selbt. Kunst widerspricht sich selbst.
Und ob das hier Kunst ist, ist mir egal.

You and me, November 2012 by Sofasophia

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vor der Geburt, November 2012, by Sofasophia

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Anläßlich meines Geburtstagsgratulationsanrufes heute Morgen bei Freund M., der dieser Tage zum ersten Mal im hohen Alter von 46 Jahren Papa wird, erfahre ich – während ich auf meinem iPhone intuitiv dieses Schneckenhaus male –, dass ihr Baby zu warten beschlossen hat und sich keinen Deut um längst vertagte Geburtstermine schert.

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Bilder: iDogma | Appspressionismus –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Novemberstrudel

Nun sucht sie Worte. Jene, die es nie gibt. Jene Buchstabenfolgen, die noch
sinnleer sind. Jungfräuliche. Nie gedachte. Nein. Nicht
denken. Nicht. Nicht jetzt, denn
Schmerzen
sind nur wirklich, wenn sie sie denkt. Denken
tut weh. Ist treten an Ort. Ist drehen im Kreis. Ist taumeln. Aber sie
sucht. Sie sucht.
Sinnvoll sinngebend sinnig unsinnig sinnentleert Punkt.
Der Strudel. Ist. Sie. Nie ohne ihn. Immer der Strudel. Erwacht
sie, ist er da. Bereits. Immer. Er wartet überall. Kopfkino
nennt sie ihn auch. Ein Wort, das es gab. Weil es Kino und
Kopf schon gibt. Wörter aus der Kiste. Nein, dort findet sie keine
neuen Worte. Sie sucht sie anderswo. In sich. Neue weiche
Wörter, die sich nicht irren können. Noch nicht. Sie sagen ihr, was
hinter dem Nebel wartet.
Weicher Nebel.
Auf dem Weg von Wort zu
Wort hüpft sie wie von Stein zu Stein. Das Kind,
das sie war. Ist. Springt. Von Stein. Zu Stein. Ohne
die Ritzen, die Straßenwunden, zu berühren. Gib ihr für
jede neue Ritze, an die sie rührt, ein altes
Wort.
Ein omnipräsentes. Ein oft gekautes. Ein klebriges. Weinen wie
ein Schloßhund. Die Sonne lacht. Nach dem Regen.
Alles
wird wieder. Gut! Das Leben geht weiter.
Viele Ritzen. So viele. Sie fällt hin. Zwischen die Steine. Unsinnig. Grundlos.
Fallen tut weh. Ein Wort, das es gibt. Gab. Schon immer.
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Ein kleines Weitergespinst zu Mützenfalterins „Novembernebel“-Blogartikel vom 27. November 2012.

Warum Marius der Richtige sein könnte

Verflixt! Natürlich will ich! Nichts lieber. Vorwärts. Drauflos ohne zu denken. Eintauchen. Genießen. Schwimmen. Mit dem Strom und gegen ihn. Ich sitze am Küchentisch in der Künstlerbude. Auf dem einsamen Gehöft. Novembernachmittag und der Liebste unterwegs in Sachen Kunst, als Hüter einer laufenden Ausstellung.
Schreiben wolle ich, endlich mal wieder, sagte ich, bevor er sich auf den Weg machte. Doch zuvor hole ich mir einen Becher Joghurt – Reiseproviant muss sein. Ich setze mich wieder hin und lasse meine Gedanken zur Klippe hin spazieren, an den Rand. Dorthin, wo das Meer unter mir rauscht und riecht und wo ich den Rand der Welt sehen kann. Dort, wo meine Ideen sich am liebsten tummeln. Dort, wo sie oft auf mich warten. Dumm nur, dass meine Kehle brennt. Ein Schluck kalter Tee schafft Abhilfe.
Gut. Wo waren wir gleich? Ah, ja, mental gehe ich erneut den Weg zur Klippe. Los, los …
Doch nun friert es mich. Ich stehe auf und lege Holz nach und erneut die Finger auf die Tasten. Stopp, eben ist eine Mail angekommen. Von wem sie wohl ist? Nur schnell gucken … bin gleich wieder da, versprochen!
So, Mädel, jetzt aber … spann das Netz auf! Fang sie endlich ein, die Wörter! Tauch ein ins Buchstabenmehr. Schwimme! Lass dich ein, genieß die Trance. Oh, das Handy bimmelt. Eine SMS von Irgendlink. Ausschalten? Oder doch spazieren gehen? Es klopft. U. und N. sagen kurz Hallo!, bleiben aber nicht lange, richten Grüße aus.
Und wieder stehe ich am Rand der Klippe. Nein, zuerst schaue ich auf die Uhr. Was, schon fast fünf! Nein. Vergiss die Zeit. Schreib! Jetzt.
Schreiben ist melken. Die Ideenkuh um ihre Milch erleichtern, die sie aus grünem Sommergras, längst Heu geworden, geschaffen hat. Weil es ihre Natur ist. Mein Gras sind die Buchstaben und meine Natur die Wörter, Sätze, Geschichten. Alle Wörter aus allen Geschichten, die ich auf meiner Festplatte hüte – die angefangenen, angedachten, beinahe fertigen, erst geplotteten, gesponnenen, gewobenen – alle zusammen in einen Topf schnippeln, Wasser dazu und Salz, Zwiebeln und Knoblauch … umrühren, aufkochen … Wie es wohl schmecken würde?
Ich lese mich ein, da und dort, zappe mich zum nächsten Ordner und treffe Altbekannte. So viele Texte! So viele Ideen! Ein zauberhafter Vormittag in meinen Kellerräumen geht wie im Flug vorbei.
Nach dem Essen machen wir ein Nickerchen. Während Irgendlink schnell abtaucht, steht meine Kellertüre viel zu weit offen, als das ich schlafen könnte. Ist ja logisch, dass alle hinauf kommen, wenn die Türe geöffnet ist:
Stephanie, die soziopathische Lehrerin und Ivan, die Romanfigur setzen sich nebeneinander in den Warteraum in meinem Kopf und betrachten sich verstohlen. Kennen wir uns?, fragt sie. Nun kommt Lia, die als versponnene Bloggerin Clio das WWW aufmischt und dabei Henrik den Kopf verdreht. Nein, halt, Henrik ist doch der Autor jener Liebesgeschichte, die Stephanie im Internet gelesen hat – wo Ivan die Hauptfigur ist? Hm. Nein, Ivan war doch … und wie hieß gleich der schräge Leser von Clios Blog? Benno? Nein, Benno ist der Musiker, der von Marc verfolgt wird, nachdem seine Freundin Birgit diesen indirekt für den Suizid ihrer Mutter verantwortlich gemacht hat. Und Rona, Olivia und Camilla? Ach ja, die drei haben auch einiges erlebt. Zum Glück ist Marius aufgetaucht – und Nonna war zur Stelle, als es Camilla so schlecht ging. Und Elena! Elena, die nicht mehr konnte – Dario könnte eigentlich ihr Bruder sein. Auch er hat aufgegeben. Doch Christa und Irène werden es schaffen, da bin ich fast sicher. Wie genau, weiß ich allerdings noch nicht. Vermutlich werde ich es erst wissen, wenn ich es selbst geschafft habe.
Von allen Figuren sind mir Christa und Rona am ähnlichsten. Rona, die mir vorgemacht hat, wie man zurück ins Leben findet, die mir gezeigt hat, dass der erste Schritt nicht immer so schwer sein muss, wie ich immer dachte. Rona, die über ihren Schatten gesprungen ist. Ihre Liebesgeschichte, die ich vor langem geschrieben habe, wurde Jahre später durch meine eigenen Wirklichkeit sozusagen verwirklicht. Sowas soll vorkommen. Ach, ja, wo wir schon dabei sind … all die Liebesszenen, die ich in meinem Keller gefunden habe, schön sind sie. Ich staune über Texte, die ich längst vergessen habe. Erotische ebenso wie witzig-ironische. Längst nicht alle sind depressiv, längst nicht alle Figuren stehen am Abgrund.
Und jetzt sitzen sie alle da, warten auf ihren Auftritt, warten darauf, dass ich ihnen das Skript in die Hand drücke. Wie es wäre, sie alle im gleichen Stück auftreten zu lassen? Wie es wäre, alle diese angedachten Geschichten – schon geplottet und zum Teil geschrieben – miteinander zu verweben?
Mir fällt ein Schreibprojekt aus meinem Deutschunterricht ein. Wir Siebzehnjährigen hatten die Aufgabe, uns eine Figur auszudenken und über sie drei oder vier kurze Alltagsszenen zu schreiben. Einzige Vorgabe war eine bestimmte, per Los ermittelte Tageszeit. Was genau tut meine Person um 14:15? Und was tut sie um 18:30 und um 22:45? Unsere Szenen fügten wir anschließend zu einem ganzen Tag zusammen. Eine tolle Geschichte haben wir da gewoben. Sie lässt mich an Short Cuts denken, jenen Film aus den Neunzigern von Altman: Ausschnitte aus den Leben von Menschen, die einzig durch wenige Gemeinsamkeiten miteinander verbunden sind: Alle wohnen sie in Los Angeles und alle waren betroffen von einem Erdbeben am Schluss des Filmes. Auch kommt in allen Eröffnungesszenen ein Helikopter vor. In meiner Geschichte ließen sich mindestens so viele Gemeinsamkeiten finden. Nur schon, dass fast alle in Bern spielen. Oder spielen könnten.
Die Lust, zu spinnen ist da. Zugegeben, die Arbeit scheue ich, die Planungsarbeit vor allem, die Kopf- und Denkarbeit, obwohl … die Lust, einen übergreifenden Plot aus all den Geschichten zu weben, wabert bereits durch Herz und Kopf. Hey, warum nicht gleich eine Trilogie? Think big, Sofasophia! 🙂
Ähm, und das soll ich jetzt bloggen? Okay … ist ja schließlich mein Blog.

Schwestern

Eine Weile her. Angefangene Geschichte. Unvollendet wie viele. Über Clio schrieb ich, die mit ihren Selbsten zusammensitzt, sich mit ihnen austauscht. Nein, dazu muss eine nicht schizophren sein, überhaupt nicht. Wir alle sind viele. Schon Pessoa wusste es. Und vor ihm andere, gewiss. Ach, möge sie in Frieden ruhen, meine Clio, denn heute erzähle ich von uns. Vom siamesischen Zwillingspaar. Ich bin sie. Sie sind ich. Alle. Mehrere. Viele. Ich bin die depressive Schwester, nennen wir sie Dolorosa, und ich bin ihre lebensfrohe Schwester, Allegrina. Eine, die sich traut und eine die vor jedem neuen Ding erst einfach mal Schiss hat, sich nichts zutraut. Und immer ist eine von beiden ein bisschen mehr am Ruder. Doch sag, ist eine von beiden nun weniger real als die andere, nur weil sie im Augenblick stiller und ein bisschen anders ist?
Ach hör nur, wieder nörgelt Dolorosa an Allegrina herum, weil diese den Dingen, so behauptet sie, nicht mit dem nötigen Ernst begegnet. Und Allegrina? Ach, sie nervt sich, ein klein bisschen jedenfalls, über die Behäbigkeit und Schwermut Dolorosas, weiß aber, denn darin ist sie ihrer Schwester überlegen, in ihrer heiteren Weisheit, dass es nichts bringt, sich zu nerven. Verlorene Energie. Verschwendete Kraft. Besser vorwärts gehen.
Doch geht zusammen vorwärts gehen, zumal wenn man nur zwei Beine hat, am besten, wenn man sich über die Richtung einig ist. Ach, wie oft wir schon gestolpert sind! Wie oft wir schon gefallen sind! Immer wieder haben wir uns hochgerappelt, manchmal allein, manchmal uns gegenseitig unterstützend, manchmal war auch Hilfe anderer notwendig.
Doch noch mehr bin ich, noch mehrere. Auch die, die ich vor einem Jahr war, als ich in Deutschland lebte. Und die auch, die vor sechszehn Monaten durch Schweden reiste. Vor zehn Jahren war ich die Mutter eines kleinen Jungen. Vor vierzig Jahren ging ich in der ersten Klasse. Und auch die, die im Bauch meiner Mutter der Geburt entgegen wuchs, war ich. Davor die Ungezeugte. Die Idee. Ein Funke. Ein Tropfen. Ein Punkt. Davor weniger als ein Punkt. Die Nicht-Idee. Die Nichtseiende. Nichts.
Im Nichts ist immer auch alles. Jetzt.

hingucken

Stammleserinnen und -leser wissen es bereits. Für alle anderen sag ich es hier gerne immer wieder:
Jeden Montag öffnen Irgendlink und ich auf pixartix_dAS bilderblog unsere Türen für Gäste aus dem weiten Netz. Diesmal ist die Künstlerin Cambra Skadé bei uns zu Gast und für einmal gibt es keine Fotografien und Fotomontagen, sondern Kunstwerke mit anderen Techniken. Mehr verrate ich aber noch nicht. Seht und klickt selbst …
Cambra hat sich künstlerisch einem sehr sensiblen Thema genähert, der Zeit der dünnen Wände, der Ahnin- und Ahnenzeit …
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Weiterhin stelle ich auf Sofasophia appt die Welt meine Appspressionismen vor.
Auch hier: Seid herzlich willkommen!

Entscheide dich!

Die Türe fällt hinter uns zu. Wir sind gefangen. Im Paradies blubbert es. Pflanzen strecken ihre (künstliche) Grünheit in den Raum. Pseudofarn und Kunstefeu. Vogelgezwitscher ab Band. Wasser plätschert. Heile Welt. Auf einmal fällt das Licht aus. Stille. Muss das so? An den Wänden um uns, vorne, rechts und links, erscheinen nun in schönster Zeichentrickmanier Bilder, die uns die Welt erklären. Wie sie war, wie sie wurde, wie sie ist. Wir rasen innerhalb weniger Minuten durch die Menschheitsgeschichte. Sündenfall inklusive.
Mensch des 21. Jahrhunderts, sagt die Stimme, die die Bilder ergänzt, du hast die Wahl. Im Supermarkt der Möglichkeiten kannst du wählen. Unzählige Möglichkeiten stehen dir zur Verfügung. Entscheide dich! Und schon öffnet sich die Türe und wir betreten den Supermarkt der Möglichkeiten.
Wähle eine Tasche aus!, fordert uns eine unübersehbare Tafel auf, unter der an Haken unzählige verschieden bedruckte Tragtaschen hängen. In jeder steckt eine große Kartontafel, auf die ich (in die vorgesehenen Felder) meine vier persönlichen, an den entsprechenden PC-Stationen mittels Fragetests erhaltenen Strichcode-Kleber aufkleben kann/darf/soll/muss.
Gleich zu Beginn finden wir eine gläserne Vitrine vor, die uns mindestens hundert verschiedene Pralinen präsentiert. Ich gestehe, dass mir der Mund wässrig wird. Die dazugehörige Informationstafel klärt uns darüber auf, dass diejenigen Menschen, die aus hundert Pralienen wählen dürfen, ebenso unglücklich sind wie jene, die nicht wählen können, sondern einfach nur eine Praline vorgesetzt bekommen. Am glücklichsten sind die Menschen, die aus sechs Pralinen auswählen können.

Wie hältst du es mit der Liebe, Gretchen? Bei der nächsten Station erwarten uns übersichtlich dargestellte Statistiken über Treue, Scheidungsraten und Ehedauer und die erste PC-Station stellt mir fünfzehn Fragen über mein Liebesleben, die ich – Ehrensache! – ehrlich beantworte. Was die schwarzen Striche auf dem Kleber, den die Maschine nach der letzten Frage ausspuckt, wohl bedeuten? Ich klebe ihn ins erste Feld auf dem großen Karton. Freundin T. hat sich Kopfhörer aufgesetzt und hört den Jugendlichen in den Fernsehern zu, die bei der zweiten Station – hier geht es um Beruf und Karriere – über ihren Traumberuf erzählen. Ich setze mir ebenfalls Kopfhörer über und bin berührt von diesen jungen Menschen und ihren großen Lebens- und Berufsträumen. Und wie sie diese in Worte kleiden. Ärztin, Profifussballer, Modedesignerin und vieles mehr wollen sie werden. Ja, die Jungen träumen auch. Noch. Zum Glück.
Wieder klicke ich meine fünfzehn Antworten an und klebe die zweite Etikette auf den Karton. Am Glücksrad vorbei, wo ich lesen kann, wie viel mehr Chancen wir in der Schweiz in Bezug auf Berufsausbildungen, Gesundheitsversorgung, Mobilität und v. m im Vergleich zu andern Ländern haben (und ich über die Infos nur dankbar und beschämt staunen kann), gelangen wir in den politischen Sektor. Über ihr Wahlverhalten befragte Menschen – in einem Land der Basisdemokratie und mit einer peinlich-mageren Stimmbeteiligung von knapp 50% – erzählen, warum sie immer, nie oder nur manchmal an die Urne gehen. Die einzelnen Voten werden auf einer Fernsehwand gezeigt vor welcher Kopfhörer von der Decke baumeln. In den restlichen Bildschirmen werden Archivbilder von Abstimmungen und Volkswahlen durch die letzten hundert Jahre gezeigt. Zum Beispiel Stimmenzählen heute (alles maschinell) und früher (Menschen, die die Stimmzettel von Hand in Zehnerhäufchen sammeln).
Dahinter ein Loungebereich. Auf Großleinwand erzählen Entscheidungsträgerinnen und -träger aus Politik, Wirtschaft, Medizin und Justiz, wie sie ihre Entscheidungen treffen. Verblüffend und erfreulich ist die Essenz dieser Voten: Reine Kopfentscheide gibt es kaum. Contre-coeur-Entscheidungen, so sagt der SBB-Direktor, hätten bei ihm meist zu Fehlentscheidungen geführt. Das Herz und der Bauch wüssten oft genau, was am besten sei. Eine Entscheidung, so sagt auch die grüne Aargauer Regierungsrätin, müsse bei ihr immer aus Kopf, Bauch und Herz kommen. Als der (EX-)CEO der UBS**** zu Wort kommt, kommt mir beinahe das große Kotzen. Stimme und Gestik dieses Bankenheinis sind zu gruselig. Selbst der beste Schauspieler könnte das nur knapp toppen. Wir fliehen in den ersten Stock.
Dort geht es um Entscheidungsfindung, um Psychologie und Hormone. In Schubladen können wir Tipps lesen wie 10-10-10*, 80. Geburtstag**, Gegengift*** und andere. Hier erfahreun wir von all den Folgeerkrankungen, die eine Welt der tausend Optionen auslösen kann (Depressionen um nur eine zu nennen) und was der Körper in Entscheidungsprozessen alles so leistet (bitte auf die Bilder klicken zur Vergrößerung).


Das Marshmallow-Experiment ist ebenfalls im ersten Stock aufgebaut. Es besteht aus drei Süßigkeiten-Automaten – so sieht es jedenfalls von weitem aus. Kleine Displays, in denen Filme laufen, sind daran auf Augenhöhe angebracht. Die Filme zeigen je ein Kind im Vorschulalter, das allein vor einem Teller sitzt, auf dem ein einzelner Marshmallow (igiiitt) thront. Die Betreuerin hat die Kinder zuvor, je einzeln, in den Raum geführt. Von der versteckten Kamera haben die Kleinen natürlich keine Ahnung. Das Ganze spielt ja auch, so steht es auf einer Tafel neben der Installation, in den Sechzigern des letzten Jahrhunderts.
Du kannst das Marshmallow essen, wenn du willst. Wenn du es nicht isst, bis ich in zwanzig Minuten wiederkomme, bekommst du ein zweites!, sagt die Frau und verlässt den Raum. Die einen schnüffeln am Teil, die andern lecken dran, einige essen es, weil sie nicht warten mögen, wieder andere betrachten es nur und schlucken leer. Da es sich bei diesem Experiment um eine Langzeitstudie handelt, lässt sich heute „beweisen“, dass jene Kinder, die damals der Versuchung widerstanden haben, es später beruflich weiter gebracht haben als die Schleckmäuler.
Die daran geleckt, ein klitzekleines Stück abgebröselt und das Teil dann umgedreht auf den Teller zurückgelegt haben, sind heute bestimmt in der Politik, meinte Irgendlink heute Morgen als ich ihm davon erzählt habe.
Mag sein. Na ja, bei Marshmallow hätte ich locker widerstehen können, ohne dass ich es deswegen heute weit gebracht habe. Da hätte es schon andere Versuchungen gebraucht.

Am Ende unserer Expedition ins Land der unendlichen Möglichkeiten – sprich in die Realität – kommen wir zum Ausgang. Ich scanne meine Karte mit den Strichcodes ein und erhalte einen langen Kassenzettel mit einem ausführlichen Testergebnis, das mich erstaunlich gut beschreibt. Wie im Supermarkt üblich, wird erst am Schluss bezahlt. Auch der Eintritt wird erst jetzt berappt. Nach dem Einkauf, denn zu kaufen gibt es, was das Herz begehrt: Marshmallows, Pralinen in Sechserpaketen, Postkarten mit klugen Zitaten von Goethe, Woody Allen und andern klugen Menschen, Bücher zum Thema. Der Mensch im Supermarkt der Möglichkeiten. Bezahlt wird natürlich an einer Kasse, die mit klassischem Rollband ausgestattet ist.
Hat wirklich Spaß gemacht und zum Nachdenken gebracht. Wir sind uns einig, dass sich dieser Ausstellungsbesuch gelohnt hat.
Die Ausstellung „Entscheiden!“ läuft noch bis im nächsten Frühling. Veranstaltet vom Stapferhaus Lenzburg, ausgestellt im Lenzburger Zeughaus. Details: Hier klicken!
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Tipps zur Entscheidungsfindung:
* Welche (möglichen) Folgen hat die eine oder andere Entscheidungsvariante für mein Leben in zehn Minuten? In zehn Monaten? In zehn Jahren?
** Was würde mich an meinem 80. Geburtstag zu Weinen bringen, weil ich es erleben durfte oder weil ich es versäumt habe?
*** Suchen Sie sich das jeweilige Gegengift zur ihren Entscheidungshemmern und – treibern und formulieren die dazu Sätze, die Sie in Entscheidungsmomenten hervornehmen können.
**** Schweizer Großbank, die nach der Bankenkrise alt ausgesehen hat und mit Steuergeldern „saniert“ worden ist.

ich müsste platzen

Machen uns Illusionen möglicherweise zu besseren Menschen? Weil sie uns das Leben von seinen schönsten Seiten zeigen? Weil sie unseren Glauben an das Schöne-Gute-Heilsame aufrecht erhalten? Weil sie uns glücklich machen? Es sind ja auch die guten Menschen in unserem Leben, die uns zu besseren Menschen machen (können). Gut ist ansteckend. Schlecht allerdings auch. Was ist es, was uns wie entscheiden lässt und ist dieses Es außen oder innen? Huhn oder Ei?
Schreibend verbinde ich meinen ganz persönlichen Hühnerstall mit dem Ei in der Pfanne. Schreiben ist für mich ein notwendiger Stoffwechselprozess. Nicht das Geschriebene an sich zählt primär, sondern der Prozess. Er ist unabdingbar und überlebensnotwendig. Wie das Scheißen.

Wir gehören einer Sippe an, die mit Wörtern um sich wirft. Wir produzieren mehr Kultur, als wir verdauen können.

Jostein Gaarder in: Der Geschichtenverkäufer
Natürlich stellt mich Gaarder mit diesem Buch ganz schön in Frage. An einer Schlüsselstelle des Buches lässt sich Gaarders Protagonist Petter genau über meine Spezies Mensch aus: Über (uns Möchtegern-)Autorinnen und Autoren. Nicht eben rühmliches lese ich. Da ist von Eitelkeit die Rede, von Einfallslosigkeit und von solchen Schreiberlingen, die zwar ihr Handwerk, das Schreiben, beherrschen, aber nichts zu sagen haben. Die in der Mittelmäßigkeit und Alltäglichkeit vor sich hin dümpeln. Denen verkauft Petter seine Ideen. Jeder und jedem einzelnen vermittelt er das Gefühl, die oder der Einzige zu sein. Auserwählt. Und natürlich wird eine Autorin nach einem Bucherfolg niemals verraten, dass sie die maßgeschneiderte Idee (den Plot, das Sujet) auswärts eingekauft hat. Petter ist sicher mit seinem Geschäft. Jedenfalls bis ihn jemand ablehnt und auch nur so lange niemand seinen Schriftstellerkumpels erzählt: Da hat mir doch neulich einer versucht, eine Synopsis zu verkaufen.
Die Frage steht ebenfalls im Raum (und im Buch), ob eine Erzählung wirklich ohne Einflüsse von außen werden kann. Nur aus dem Innern eines Menschen geboren. Petter, der Ich-Erzähler dieser immer abstruser werdenden Geschichte, stellt sich quasi als unermesslichen Brunnen dar, der aus den tiefsten Tiefen der unermesslichen Ideenquelle stetig schöpft und ständig neue Geschichten zu erzählen in der Lage ist. Ich denke immer wieder über diesen Ansatz nach, seit Tagen schon. Seit ich das Buch lese. Wir haben sogar schon darüber diskutiert, in Blogs irgendwo, dass alles, was wir von uns geben, irgendwelchen Einflüssen geschuldet ist. Einer Inspiration.
Scheiden wir aus, was wir mehr oder weniger autonom verdaut haben oder plappern wir zuvor Aufgenommenes einfach nur nach? Wie sähe wirkliche Originalität ohne jegliche Außeneinflüsse aus?
Ein kreativer Ansatz, originelles Denken, ungewöhnlich witzige oder ernsthafte Herangehensweisen an Themen, scharfsinniges Infragestellen sind mögliche Verdauungsvorgänge, die dafür sorgen, dass das erzeugte Stoffwechselprodukt unverwechselbar mit mir (mit dir, mit ihr) in Zusammenhang gebracht wird. Bildsprache nennt sich das in der bildenden Kunst. Beim Schreiben ist es nicht anders.
Petter durchschaut den Buchmarkt, erkennt die Zeichen der Zeit, hängt die Fahne nach dem Wind (und ich reihe hier Klischee an Klischee). Petter weiß darum, was gefragt ist. Und das liefert er (also auch er den jeweiligen Einflüssen gehorchend?). Er ist käuflich und er lebt gut von seinen Ideen. Er verzichtet auf den Ruhm, weil er lieber Ideen als ganze Romane gebärt und dafür erst noch Geld bekommt. Viel weniger anstrengend als ganze Romane schreibenund danach im Rampenlicht stehen zu müssen. Lieber sieht er „seinen“ Schriftstellerinnen und Autoren zu, wie sie mit seinen Geschichten Bestseller schreiben.
Er zeugt Kinder, sozusagen, doch er sieht ihnen nicht, oder nur aus der Ferne, beim aufwachsen zu. Das tut er, im Laufe der Geschichte sogar in seinem wirklichen Leben. Eine einzige Frau, Maria, die ihm das Wasser reichen kann (nein, bescheiden ist Petter nicht), lässt sich von ihm – von ihr gewünscht doch in gegenseitiger Absprache – schwängern und verschwindet anschließend nach Schweden. Seine Tochter sieht er nur wenige Male, mit dreijährig das letzte Mal. Eine Metapher und eine Realität, die zu Petters Leben passen. Sein Hühnerstall.
Nein, ich schreibe in erster Linie nicht, weil ich etwas zu erzählen habe (also mit dem Publikum vor Augen, das gebannt an meinen Lippen hängt, nicht missionarisch getrieben also), sondern ganz einfach, weil ich schreibend verdaue. Ich werfe, mit Gaarder gesagt, mit Wörtern um mich, weil ich sonst ersticken würde. Weil ich platzen müsste. Erst zweitens, weil es mir Freude macht, meinen Gedanken eine schriftliche Form zu geben und drittens, weil zuweilen dabei etwas entsteht, das geteilt werden will. Eitelkeit? Nenn es wie du willst, Petter, ich nenne es überlebensnotwendig.

Der mit Geschichten handelt

Es wäre ja mal spannend, erzähle ich Irgendlink heute morgen am Telefon, wenn wir das gleiche wie zurzeit in einigen Blogs mit Bildern geschieht, mal mit Texten ausprobieren würden.
Ich finde es so toll, wie in den verschiedenen Blogs die Kommentarkultur so phantasievoll geworden ist und aus einzelnen Bildern ganze Geschichten entstehen und wir einander Wollknäuel zuwerfen und mit diesen weiterstricken. Das könnte man auch mit Texten machen. Mit Geschichten. Mit einzelnen Szenen.
Es lebe die Phantasie! Petter, der Protagonist in Jostein Gaarders Geschichtenerzähler, das ich zurzeit lese, ist Träumer und Realist in Personalunion. Nicht einfach, wenn man bei allem, was einem vorgesetzt wird, von klein auf weiß, wie es richtiger und besser wäre. Als Schüler verkauft er sein Wissen und seine Ideen – in Literatur, in Mathe oder in Religion ist dabei unwesentlich – gegen harte Währung. Und noch während der Junge mit seiner Mutter im Theater sitzt, den Vater in den Zirkus begleitet, einer Radiosendung lauscht oder den Moderator im Fernsehen beobachtet, weiß er, wie auch hier das Ganze viel besser, viel lustiger, viel phantastischer inszeniert werden könnte.
Doch hört selbst.
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Wie die Geschichte weitergeht? Ich habe keine Ahnung. Nur ein paar Ideen. Und du?
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Das Buch: (klick drauf zu Amazon)

Und das sagt Wikipedia zur Geschichte: hier klicken!

Gummibaum

Eben habe ich mein erstes Sound-Teil auf Soundcloud geladen. Dreimal dürft ihr raten was … 🙂
Richtig,  ein weiteres Lied von Patent Ochsner. Aufgenommen von Irgendlink am Konzert in der Mühle Hunziken am 26. Oktober 2012

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I bi dr Gummiboum.
U schtah eifach so chli da,
so wie jedä Gummiboum,
’sch im Fau aues, woni cha.

Ich bin der Gummibaum.
Und steh einfach so ein wenig da,
so wie jeder Gummibaum,
das ist im Fall alles, was ich kann.

U i nime d Tage so, wie si sii,
u si chömed u gö wider verbii,
u aues wird anders oder blibt wies isch gsii,

Und ich nehme die Tage so, wie sie sind,
und sie kommen und gehen wieder vorbei,
und alles wird anders oder es bleibt wie es war,

ja i nime d Tage, so we si sii,
u si chömed u gö wider verbii,
aues wird anders oder blibt wies isch gsii.

ja, ich nehme die Tage so, wie sie sind,
und sie kommen und gehen wieder vorbei,
und alles wird anders oder es bleibt wie es war,

ja aues wird anders oder blibt wies isch gsii.

ja, alles wird anders oder es bleibt wie es war.

I bi dr Gummiboum
u verstoube fängs ä chli,
oh Gummiboum.

Ich bin der Gummibaum
und verstaube so allmählich ein wenig
oh, Gummibaum

I bin ä geile huere Gummiboum,
öppert mues ne schliesslich sii.

In bin ein geiler hure Gummibaum
jemand muss ihn schliesslich sein.

by Patent Ochsner, 2012

Den Text habe ich gefunden auf http://artists.letssingit.com
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Und bereits freue ich mich riesig auf Februar vor …


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Bild: iDogma | Appspressionismus –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

atmen

Heute erteile ich Linard Bardill das Wort.
Ein Wort zum Tag und eins zum Leben auch gleich:

Die Zeit heile Wunden
sagt man
doch die Zeit heilt nichts
es ist das Vergessen
das uns wieder lachen
lieben und singen lässt
Darum lobe ich das Vergessen
es macht uns lustig
und hilft uns
die grimmigen grauen
Gedanken fahren zu lassen
Wie der Wein
wie der Schlaf
Wie der Augenblick
der nie schmollt
oder grollt
oder atemlos ist
Ich zähle meinen Atem
Es gibt keine Wunden
Es gibt keine Zeit
Es gibt kein Vergessen

Linard Bardill im November-Newsletter