Machen uns Illusionen möglicherweise zu besseren Menschen? Weil sie uns das Leben von seinen schönsten Seiten zeigen? Weil sie unseren Glauben an das Schöne-Gute-Heilsame aufrecht erhalten? Weil sie uns glücklich machen? Es sind ja auch die guten Menschen in unserem Leben, die uns zu besseren Menschen machen (können). Gut ist ansteckend. Schlecht allerdings auch. Was ist es, was uns wie entscheiden lässt und ist dieses Es außen oder innen? Huhn oder Ei?
Schreibend verbinde ich meinen ganz persönlichen Hühnerstall mit dem Ei in der Pfanne. Schreiben ist für mich ein notwendiger Stoffwechselprozess. Nicht das Geschriebene an sich zählt primär, sondern der Prozess. Er ist unabdingbar und überlebensnotwendig. Wie das Scheißen.
Wir gehören einer Sippe an, die mit Wörtern um sich wirft. Wir produzieren mehr Kultur, als wir verdauen können.
Jostein Gaarder in: Der Geschichtenverkäufer
Natürlich stellt mich Gaarder mit diesem Buch ganz schön in Frage. An einer Schlüsselstelle des Buches lässt sich Gaarders Protagonist Petter genau über meine Spezies Mensch aus: Über (uns Möchtegern-)Autorinnen und Autoren. Nicht eben rühmliches lese ich. Da ist von Eitelkeit die Rede, von Einfallslosigkeit und von solchen Schreiberlingen, die zwar ihr Handwerk, das Schreiben, beherrschen, aber nichts zu sagen haben. Die in der Mittelmäßigkeit und Alltäglichkeit vor sich hin dümpeln. Denen verkauft Petter seine Ideen. Jeder und jedem einzelnen vermittelt er das Gefühl, die oder der Einzige zu sein. Auserwählt. Und natürlich wird eine Autorin nach einem Bucherfolg niemals verraten, dass sie die maßgeschneiderte Idee (den Plot, das Sujet) auswärts eingekauft hat. Petter ist sicher mit seinem Geschäft. Jedenfalls bis ihn jemand ablehnt und auch nur so lange niemand seinen Schriftstellerkumpels erzählt: Da hat mir doch neulich einer versucht, eine Synopsis zu verkaufen.
Die Frage steht ebenfalls im Raum (und im Buch), ob eine Erzählung wirklich ohne Einflüsse von außen werden kann. Nur aus dem Innern eines Menschen geboren. Petter, der Ich-Erzähler dieser immer abstruser werdenden Geschichte, stellt sich quasi als unermesslichen Brunnen dar, der aus den tiefsten Tiefen der unermesslichen Ideenquelle stetig schöpft und ständig neue Geschichten zu erzählen in der Lage ist. Ich denke immer wieder über diesen Ansatz nach, seit Tagen schon. Seit ich das Buch lese. Wir haben sogar schon darüber diskutiert, in Blogs irgendwo, dass alles, was wir von uns geben, irgendwelchen Einflüssen geschuldet ist. Einer Inspiration.
Scheiden wir aus, was wir mehr oder weniger autonom verdaut haben oder plappern wir zuvor Aufgenommenes einfach nur nach? Wie sähe wirkliche Originalität ohne jegliche Außeneinflüsse aus?
Ein kreativer Ansatz, originelles Denken, ungewöhnlich witzige oder ernsthafte Herangehensweisen an Themen, scharfsinniges Infragestellen sind mögliche Verdauungsvorgänge, die dafür sorgen, dass das erzeugte Stoffwechselprodukt unverwechselbar mit mir (mit dir, mit ihr) in Zusammenhang gebracht wird. Bildsprache nennt sich das in der bildenden Kunst. Beim Schreiben ist es nicht anders.
Petter durchschaut den Buchmarkt, erkennt die Zeichen der Zeit, hängt die Fahne nach dem Wind (und ich reihe hier Klischee an Klischee). Petter weiß darum, was gefragt ist. Und das liefert er (also auch er den jeweiligen Einflüssen gehorchend?). Er ist käuflich und er lebt gut von seinen Ideen. Er verzichtet auf den Ruhm, weil er lieber Ideen als ganze Romane gebärt und dafür erst noch Geld bekommt. Viel weniger anstrengend als ganze Romane schreibenund danach im Rampenlicht stehen zu müssen. Lieber sieht er „seinen“ Schriftstellerinnen und Autoren zu, wie sie mit seinen Geschichten Bestseller schreiben.
Er zeugt Kinder, sozusagen, doch er sieht ihnen nicht, oder nur aus der Ferne, beim aufwachsen zu. Das tut er, im Laufe der Geschichte sogar in seinem wirklichen Leben. Eine einzige Frau, Maria, die ihm das Wasser reichen kann (nein, bescheiden ist Petter nicht), lässt sich von ihm – von ihr gewünscht doch in gegenseitiger Absprache – schwängern und verschwindet anschließend nach Schweden. Seine Tochter sieht er nur wenige Male, mit dreijährig das letzte Mal. Eine Metapher und eine Realität, die zu Petters Leben passen. Sein Hühnerstall.
Nein, ich schreibe in erster Linie nicht, weil ich etwas zu erzählen habe (also mit dem Publikum vor Augen, das gebannt an meinen Lippen hängt, nicht missionarisch getrieben also), sondern ganz einfach, weil ich schreibend verdaue. Ich werfe, mit Gaarder gesagt, mit Wörtern um mich, weil ich sonst ersticken würde. Weil ich platzen müsste. Erst zweitens, weil es mir Freude macht, meinen Gedanken eine schriftliche Form zu geben und drittens, weil zuweilen dabei etwas entsteht, das geteilt werden will. Eitelkeit? Nenn es wie du willst, Petter, ich nenne es überlebensnotwendig.
Vielleicht ist es ja Eitelkeit, wenn man selbst überleben will ;-).
Ich glaube, es gibt keine allgemeingültige Antwort, darauf, was Schreiben ist, was Literatur ausmacht und welche Art von Geschriebenem mehr Berechtigung hat als eine andere. Für mich ist Schreiben nicht nur ein Dialog mit dem Leben, mit meinen Erfahrungen und mit Begegnungen und Beobachtungen, die ich mache, sondern auch ein fortwährender Dialog mit denen, die vor mir geschrieben haben, oder die jetzt zeitgleich mit mir schreiben. Schreiben ist eine Auseiandersetzung, viel mehr als eine Aneignung, (das, was Petter anbietet), das erst, einen Markt bedienen zu wollen, berühmt werden zu wollen, sehe ich als Eitelkeit, während ich mir einbilde, mir ginge es in erster Linie um den Text, die Worte. Was womöglich noch viel eitler ist…
liebe mützenfalterin
genau das ist schreiben für mich auch: dialog. seltsam, dass ich das zu erwähnen vergass und danke für deine spannende aspekte als anregung und ergänzung!
herzlich, soso
ps: ach, ja, diese deine absicht teile ich auch, diese deine „einbildung“ … wer es eitel nennen will, tue es 🙂
Ein Buch, das zu mir passen könnte.
Danke fürs „Mundwässrigmachen“
und ein lieber Samstagsgruß
Elke
PS: Du hast eine sooo schöne Erzählstimme. Magst mal eine Kindergeschichte erzählen? 😉
liebe elke
ja, das buch könnte dir gefallen. es ist provokativ und kontrovers und aber einfach wunderwunderbar erzählt und voller geschichten in der geschichte, denn petter ist tatsächlich auch ein guter erzähler 🙂
herzlich, soso
ps: öhm, echt? daaanke, verlegen …
Mein Eindruck beim Lesen: Einmal im Kopf im Kreis gedreht. Was zählt ist das Ergebnis: Du schreibst. Es dient dir, wie du sagst. Und ich behaupte, es dient auch anderen. So wie wir Blogger einander mit dem Bloggen dienen, einander befruchten, unsere Geschichten und Wahrnehmungen aufschreiben und das Geschriebene vielleicht auch in eine Art gemeinsamen Blog-Pool eingeht. In diesem schwimmen meine Blog-Fettaugen, deine und viele andere. Zusammen ergeben sie eine feine Suppe. Und aus dieser kann erneut etwas abgerufen werden. Ein steter Prozess…
Meine bescheidene Sicht heute Abend 🙂
Marion
oh, das ist schön, liebe marion, dieses bild von der suppe, dem ideen-pool, der berfruchtung. danke, dass du das teilst. ja, das im kreis-geschrieben-haben ist mir bewusst, war sogar halb beabsichtigt (schön, dass du es gemerkt hast) …
auf weiteres-uns-alle-gegenseitig-inspirieren.
herzlich, soso
So ein Geschichtenverkäufer scheint ja auch nicht ohne Eitelkeit zu sein. Warum soll man sich nicht zu Wort melden können, ohne schepp angesehen zu werden. Ich denke, diese Bloggerei hat den Vorteil, dass man auch Halbverdautes bringen kann- das alles fließt ja schnell wieder ab.Mit lieb Grüß aus Z. von mir.
du hast ihn ertappt, liebe u., den petter, und ja, das ist er, so sehr er es auch zu sein vermeidet.
danke für deine inputs und herzliche grüsse zurück nach z. von w. auch an n.
von soso
Bisher kannte ich von Jostein Gaarder auch nur Sofies Welt, aber der Geschichtenverkäufer ist auch ein Buch für die Leseliste, die länger und lääääänger wird. 🙂
Schreibend verdauen, wie gut ich das nachvollziehen kann, es geht mir ähnlich. Ohne Schreiben funktioniere ich nicht. 🙂
Dir herzliche Grüße ins Wochenende, Szintilla
liebe szintilla
so ist schreiben und verdauen etwas verwandtes auch bei dir. wundert mich eigentlich nicht 🙂
auch dir ein schönes sprudelndes und erholsames weekend
herzlich, soso
1. alles ist schon in gaaanz schönen Worten gesagt
2. schreiben, weil man schreiben muss, will, es kann, weil man teilen möchte, auch etwas mitteilen, vielleicht … du weißt, ich mag Fragen, aber in dem Fall will ich mich nicht mehr fragen oder messen oder vergleichen, einfach nur schreiben. Manche mögen es, manche nicht, manche mögen mich, adere nicht und es ist gut so, wie es ist… amen (hihi) … im Sinne von: so sei es
big hug Ulli (ich übe schon mal 😉 )
hihi, ich versteh dich gut …
so sei es …
herzlich, soso
Ich habe beim Lesen bemerkt, dass auch ich zwischen Autor’innen und Autor’innen dahingehend unterscheide, aus welchen Gründen sie schreiben, was ihr Motor zu sein scheint, was sie damit erreichen wollen und ob das, was sie erreichen wollen über sich selbst und den Interessen ihres Egos hinausgeht. Natürlich kann ich dabei in meiner Einschätzung falsch liegen, aber ich verlasse mich da einfach auf mein Gefühl, weil ja nichts passieren wird, wenn ich falsch liege. Im schlimmsten Fall lese ich den Blog oder das Buch nicht.
Schreiben war zu bloglosen Zeiten für mich eine sehr spürbare Lebensnotwendigkeit. Ich habe diesen Drang, diese Notwendigkeit regelrecht gespürt. Dinge rauslassen, die sonst unkontrollierbar explodieren würden, das gehörte zur Emotionsregulation. Doch das Bloggen hat die Qualität des Schreibens verändert, und das merke ich auch an anderen Blogs, sobald ihre Leserschaft sich erhöht. Irgendwann schreiben viele von uns mehr aus Eitelkeit, für die Zustimmung, für das „Ja, du hast Recht“ und „Ach, wie toll du bist.“ Irgendwann baden einige von uns in einer Idee, ihrer Individualität mit allen Mitteln Ausdruck zu verleihen. Das Ziel ist dabei immer: Sich von anderen zu unterscheiden und dafür Verstärker wie „Gefällt mir“ oder vielen Kommentaren zu erlangen. Die Ziele verschieben sich – ganz unbewusst – von einer Überlebensstrategie zu einer neuartigen Fishing-for-Compliments-Strategie.
Das ist bei mir oft der Punkt, an dem ich mich von mir und meinem Schreiben abwende oder auch von anderen Autor’innen/Blogger’innen ganz unbewusst distanziere, bis die kleine Identitätskrise aufhört. Immer, wenn mir das Bloggen keinen Spaß mehr macht, erkenne ich im nachhinein, dass ich während des Schreibens wieder zu oft daran gedacht habe, was andere von mir denken könnten, ob ich nicht doch wieder viel Kritik einstecken muss für das, was ich denke oder fühle. Das hat Gott sei Dank nachgelassen. Und das Interessante ist: Je weniger man andere Blogs liest, desto schneller lässt genau dieses Gefühl nach.
Ich habe jetzt einen ganz guten Rhythmus gefunden: Ich lese nicht mehr täglich Blogs, sondern 1-2 Mal die Woche in Ruhe. So bin ich nicht mehr so anfällig dafür, mein Geschreibsel mit den schönen Blogeinträgen anderer zu vergleichen. Das entlastet meine Offenheit zugunsten wiedergeborener Echtheit.
Danke für deinen schönen Blogartikel.
ja, liebe sherry, ich weiss sehr genau, was du meinst. dieses für-wen-schreibe-ich-überhaupt?-grübeln, sobald wir öffentlich geworden sind. meine blog“krise“ im frühling hast du ja mitbekommen. jetzt, aktuell, schreibe ich einfach, was grad ist. auch wenn ich weiss, dass das die einen langweilen mag. hier liest jeder und jede freiwillig. punkt.
das wenigeroftblogslesen habe ich mir auch angewöhnt. und am besten schreibt es sich, wenn ich vorher nichts gelesen habe. sonst falle ich zum einen in die vergleiche-falle und zum zweiten bin ich schon so angefüllt mit anderem, dass meins vergessen ist oder seine originalität schon verloren hat.
obwohl … ich bin mir sehr wohl bewusst, dass alles irgendwie zusammenhängt und sich gegenseitig inspiriert. und doch: es ist MEIN vedauungswerk, wenn ich einen text schreibe.
danke für deine inputs, die mich grad sehr dankbar machen für die möglichkeiten der blogkommentar-stränge 😉
herzlich, soso
Danke, liebe Soso, für Deinen Beitrag! Und auch für die Gespräche, die sich hier in den Kommentaren daraus ergeben haben! Es ist auch hilfreich zu sehen (lesen), wie ähnlich es einigen von uns doch geht, wenn es um das Schreiben und auch um das Veröffenltichen auf den Blogs geht.
Herzlich, mb
dieses ähnliche, liebe mb, macht es dann wahrscheinlich aus, warum ich dieses und jenes blog mag und lese und jenes nicht so. es gibt auch virtuelle sympa- und antipathien, sozusagen. ja, diese gespräche zurzeit da und dort in den kommentarsträngen finde ich auch spannend und hilfreich. und vor allem inspirierend!
herzlich zurück 🙂 soso