Entscheide dich!

Die Türe fällt hinter uns zu. Wir sind gefangen. Im Paradies blubbert es. Pflanzen strecken ihre (künstliche) Grünheit in den Raum. Pseudofarn und Kunstefeu. Vogelgezwitscher ab Band. Wasser plätschert. Heile Welt. Auf einmal fällt das Licht aus. Stille. Muss das so? An den Wänden um uns, vorne, rechts und links, erscheinen nun in schönster Zeichentrickmanier Bilder, die uns die Welt erklären. Wie sie war, wie sie wurde, wie sie ist. Wir rasen innerhalb weniger Minuten durch die Menschheitsgeschichte. Sündenfall inklusive.
Mensch des 21. Jahrhunderts, sagt die Stimme, die die Bilder ergänzt, du hast die Wahl. Im Supermarkt der Möglichkeiten kannst du wählen. Unzählige Möglichkeiten stehen dir zur Verfügung. Entscheide dich! Und schon öffnet sich die Türe und wir betreten den Supermarkt der Möglichkeiten.
Wähle eine Tasche aus!, fordert uns eine unübersehbare Tafel auf, unter der an Haken unzählige verschieden bedruckte Tragtaschen hängen. In jeder steckt eine große Kartontafel, auf die ich (in die vorgesehenen Felder) meine vier persönlichen, an den entsprechenden PC-Stationen mittels Fragetests erhaltenen Strichcode-Kleber aufkleben kann/darf/soll/muss.
Gleich zu Beginn finden wir eine gläserne Vitrine vor, die uns mindestens hundert verschiedene Pralinen präsentiert. Ich gestehe, dass mir der Mund wässrig wird. Die dazugehörige Informationstafel klärt uns darüber auf, dass diejenigen Menschen, die aus hundert Pralienen wählen dürfen, ebenso unglücklich sind wie jene, die nicht wählen können, sondern einfach nur eine Praline vorgesetzt bekommen. Am glücklichsten sind die Menschen, die aus sechs Pralinen auswählen können.

Wie hältst du es mit der Liebe, Gretchen? Bei der nächsten Station erwarten uns übersichtlich dargestellte Statistiken über Treue, Scheidungsraten und Ehedauer und die erste PC-Station stellt mir fünfzehn Fragen über mein Liebesleben, die ich – Ehrensache! – ehrlich beantworte. Was die schwarzen Striche auf dem Kleber, den die Maschine nach der letzten Frage ausspuckt, wohl bedeuten? Ich klebe ihn ins erste Feld auf dem großen Karton. Freundin T. hat sich Kopfhörer aufgesetzt und hört den Jugendlichen in den Fernsehern zu, die bei der zweiten Station – hier geht es um Beruf und Karriere – über ihren Traumberuf erzählen. Ich setze mir ebenfalls Kopfhörer über und bin berührt von diesen jungen Menschen und ihren großen Lebens- und Berufsträumen. Und wie sie diese in Worte kleiden. Ärztin, Profifussballer, Modedesignerin und vieles mehr wollen sie werden. Ja, die Jungen träumen auch. Noch. Zum Glück.
Wieder klicke ich meine fünfzehn Antworten an und klebe die zweite Etikette auf den Karton. Am Glücksrad vorbei, wo ich lesen kann, wie viel mehr Chancen wir in der Schweiz in Bezug auf Berufsausbildungen, Gesundheitsversorgung, Mobilität und v. m im Vergleich zu andern Ländern haben (und ich über die Infos nur dankbar und beschämt staunen kann), gelangen wir in den politischen Sektor. Über ihr Wahlverhalten befragte Menschen – in einem Land der Basisdemokratie und mit einer peinlich-mageren Stimmbeteiligung von knapp 50% – erzählen, warum sie immer, nie oder nur manchmal an die Urne gehen. Die einzelnen Voten werden auf einer Fernsehwand gezeigt vor welcher Kopfhörer von der Decke baumeln. In den restlichen Bildschirmen werden Archivbilder von Abstimmungen und Volkswahlen durch die letzten hundert Jahre gezeigt. Zum Beispiel Stimmenzählen heute (alles maschinell) und früher (Menschen, die die Stimmzettel von Hand in Zehnerhäufchen sammeln).
Dahinter ein Loungebereich. Auf Großleinwand erzählen Entscheidungsträgerinnen und -träger aus Politik, Wirtschaft, Medizin und Justiz, wie sie ihre Entscheidungen treffen. Verblüffend und erfreulich ist die Essenz dieser Voten: Reine Kopfentscheide gibt es kaum. Contre-coeur-Entscheidungen, so sagt der SBB-Direktor, hätten bei ihm meist zu Fehlentscheidungen geführt. Das Herz und der Bauch wüssten oft genau, was am besten sei. Eine Entscheidung, so sagt auch die grüne Aargauer Regierungsrätin, müsse bei ihr immer aus Kopf, Bauch und Herz kommen. Als der (EX-)CEO der UBS**** zu Wort kommt, kommt mir beinahe das große Kotzen. Stimme und Gestik dieses Bankenheinis sind zu gruselig. Selbst der beste Schauspieler könnte das nur knapp toppen. Wir fliehen in den ersten Stock.
Dort geht es um Entscheidungsfindung, um Psychologie und Hormone. In Schubladen können wir Tipps lesen wie 10-10-10*, 80. Geburtstag**, Gegengift*** und andere. Hier erfahreun wir von all den Folgeerkrankungen, die eine Welt der tausend Optionen auslösen kann (Depressionen um nur eine zu nennen) und was der Körper in Entscheidungsprozessen alles so leistet (bitte auf die Bilder klicken zur Vergrößerung).


Das Marshmallow-Experiment ist ebenfalls im ersten Stock aufgebaut. Es besteht aus drei Süßigkeiten-Automaten – so sieht es jedenfalls von weitem aus. Kleine Displays, in denen Filme laufen, sind daran auf Augenhöhe angebracht. Die Filme zeigen je ein Kind im Vorschulalter, das allein vor einem Teller sitzt, auf dem ein einzelner Marshmallow (igiiitt) thront. Die Betreuerin hat die Kinder zuvor, je einzeln, in den Raum geführt. Von der versteckten Kamera haben die Kleinen natürlich keine Ahnung. Das Ganze spielt ja auch, so steht es auf einer Tafel neben der Installation, in den Sechzigern des letzten Jahrhunderts.
Du kannst das Marshmallow essen, wenn du willst. Wenn du es nicht isst, bis ich in zwanzig Minuten wiederkomme, bekommst du ein zweites!, sagt die Frau und verlässt den Raum. Die einen schnüffeln am Teil, die andern lecken dran, einige essen es, weil sie nicht warten mögen, wieder andere betrachten es nur und schlucken leer. Da es sich bei diesem Experiment um eine Langzeitstudie handelt, lässt sich heute „beweisen“, dass jene Kinder, die damals der Versuchung widerstanden haben, es später beruflich weiter gebracht haben als die Schleckmäuler.
Die daran geleckt, ein klitzekleines Stück abgebröselt und das Teil dann umgedreht auf den Teller zurückgelegt haben, sind heute bestimmt in der Politik, meinte Irgendlink heute Morgen als ich ihm davon erzählt habe.
Mag sein. Na ja, bei Marshmallow hätte ich locker widerstehen können, ohne dass ich es deswegen heute weit gebracht habe. Da hätte es schon andere Versuchungen gebraucht.

Am Ende unserer Expedition ins Land der unendlichen Möglichkeiten – sprich in die Realität – kommen wir zum Ausgang. Ich scanne meine Karte mit den Strichcodes ein und erhalte einen langen Kassenzettel mit einem ausführlichen Testergebnis, das mich erstaunlich gut beschreibt. Wie im Supermarkt üblich, wird erst am Schluss bezahlt. Auch der Eintritt wird erst jetzt berappt. Nach dem Einkauf, denn zu kaufen gibt es, was das Herz begehrt: Marshmallows, Pralinen in Sechserpaketen, Postkarten mit klugen Zitaten von Goethe, Woody Allen und andern klugen Menschen, Bücher zum Thema. Der Mensch im Supermarkt der Möglichkeiten. Bezahlt wird natürlich an einer Kasse, die mit klassischem Rollband ausgestattet ist.
Hat wirklich Spaß gemacht und zum Nachdenken gebracht. Wir sind uns einig, dass sich dieser Ausstellungsbesuch gelohnt hat.
Die Ausstellung „Entscheiden!“ läuft noch bis im nächsten Frühling. Veranstaltet vom Stapferhaus Lenzburg, ausgestellt im Lenzburger Zeughaus. Details: Hier klicken!
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Tipps zur Entscheidungsfindung:
* Welche (möglichen) Folgen hat die eine oder andere Entscheidungsvariante für mein Leben in zehn Minuten? In zehn Monaten? In zehn Jahren?
** Was würde mich an meinem 80. Geburtstag zu Weinen bringen, weil ich es erleben durfte oder weil ich es versäumt habe?
*** Suchen Sie sich das jeweilige Gegengift zur ihren Entscheidungshemmern und – treibern und formulieren die dazu Sätze, die Sie in Entscheidungsmomenten hervornehmen können.
**** Schweizer Großbank, die nach der Bankenkrise alt ausgesehen hat und mit Steuergeldern „saniert“ worden ist.

0 Kommentare zu „Entscheide dich!“

  1. Ich meine: Interessante Sache, kann zweifellos unterhaltend sein und über das eine oder andere nachdenken lassen. Für mich persönlich: Eintrittspreis Erwachsene 19 Franken ist im Moment nicht drin bzw. ist es mir im Moment auch nicht wert. Ich kann diese Entscheidung treffen und fühl mich nicht beschnitten dadurch.
    Liebe Grüße
    Marion

    1. ja, ist schon sauviel. und nein, man muss es nicht gesehen haben.
      aber ich finde es trotzdem gut, sich über all dies gedanken zu machen. die idee der veranstaltenden, uns alle für immer wieder andere themenbereiche zu sensibilisieren, finde ich toll. ich würde auch gerne mal an so einem projekt arbeiten. das stelle ich mir sehr spannend vor.
      die ausstellung läuft noch eine weile. wer weiß, irgendwann hast du ja dann doch lust? kann, muss nicht.
      herzlich, soso

      1. Auf jeden Fall finde ich es gut, dass solche Sachen gemacht werden. Und der Aufwand darf auch bezahlt werden, klarer Fall. Und dich könnte ich mir in der Mitarbeit bei solchen Projekten gut vorstellen.
        Meine Lebenssituation im Moment lässt mich einfach nochmal ganz anders auf die Dinge sehen und für mich andere Prioritäten wählen. Wenn zwei Erwachsene in der Schweiz vom Gehalt eines einzigen 60% Jobs (ohne irgendwelche Zuschüsse von irgendwoher) leben, dann sollte klar sein, dass die Prioritäten darauf liegen, die wirklich notwendigen Dinge bezahlen zu können, wie Miete, Lebensmittel und dann noch sowas wie z.B. den Zahnarzt.
        Diese Situation lässt mich empfindsamer auf manches reagieren als es vielleicht nötig wäre. Ich möchte nicht jammern. Diese Situation ist auch durch mein Zutun entstanden und sie wird nicht ewig so bleiben. Es gibt einfach so vieles, das ich als unnötigen Luxus von der Ausgabenliste streiche und umso glücklicher bin, dass ich alles habe, was ich wirklich brauche.
        Ich wollte auf keinen Fall deinen Beitrag in irgendeiner Weise herabwerten. Ich finds wirklich prima, dass sowas gemacht wird, um das Bewusstsein der Menschen anzusprechen.
        Liebe Grüße
        Marion

      2. weisch, ich lebe ja auch extrem am existenzminimum. natürlich richtet sich meine prioritätenliste auch an den „lebensnotwendigkeiten“. zu meinen lebensnotwendigkeiten gehören aber immer kultur und kunst dazu. dafür spar ich bei anderem. zum glück war der zahnarzt dies jahr zufrieden und es gab nix zu bohren. glück gehabt. 🙂
        ich verstehe dich sehr gut. es werden wieder andere zeiten kommen, glaub mir. auch bei mir.
        herzlich, soso

  2. interessant liest sich das für mich, ja, und neugierig macht es mich auch … mal schauen, der Winter ist ja alng und noch haben wir erst Herbst … dank dir, für diesen Tipp (mail dir gleich noch)
    liebgrüß und so

    1. Ja nun, das ist doch in Ordnung, dass jeder die Prioritäten dann individuell setzt, was für ihn auf jeden Fall dazu gehört und wo er lieber verzichtet.
      Ja, es werden wieder andere Zeiten kommen, für uns beide! 🙂
      Liebe Grüße
      Marion

  3. Ich habe eher flüchtig gelesen und den Eindruck gewonnen, dass so etwas etwas von fast food hat. Ich denke manchmal noch an den Satz eines Amerikaners: how i do love.

    1. ja, liebe u., da ging es um eine art „fast food“ für den geist, aber eher im sinne von einer sensibilisierung darauf, wie wir eben das leben immer mehr angefangen haben „zu konsumieren“ als wirklich zu leben. wir als gesellschaft in einer art kollektivem „wahn“ vom „immer mehr“ gefangen, der nicht nur lebensförderlich ist …
      die ausstelleung ist eine art ad-absurdum und wartet dennoch mit ganz viel futter für den geist auf. dein „oberflächlich lesen“ ist ja auch so ein „zeichen dieser schnelllebigen zeit“ und ich gestehe, dass ich das manchmal auch mache – wenn ich es merke, höre ich sofort mit lesen auf. dann lieber nicht als nur oberflächlich, sage ich mir dann.
      selbstbeobachtung – darum ging es bei dieser ausstellung vorallem. reflexion des eigenen konsumverhaltens … spannend!
      herzlich, soso

  4. Mitmachausstellungen mit der einen oder anderen Erkenntnis zum mit nach Hause nehmen, die mag ich auch gerne und Verhaltensforschung ist schon ein spannendes Thema. Wenngleich der Effekt manchmal nicht ungefährlich ist. Von dem Marschmellow-Experiment hab ich z.B. auch in dem Buch „Die Kunst des klaren Denkens“ gelesen (nein, das ist keine Empfehlung, dafür war das Buch zu platt), seither ertappe ich mich dabei, Kinder unwillkürlich auf derlei Verhaltensmuster hin zu beobachten. Da ist die Bedrohung, jemanden (obendrein Kinder) im vorhinein abzustempeln, groß. Das ist mir auch entsprechend schnell unangenehm geworden.

    1. willkommen hier!
      ja, das sehe ich wie du. wenn wir gewonnenen erkenntnisse anwenden wollen, ist die gefahr der pauschalisierung sehr gross. ich hoffe, dass ich die hier erkannten werte einfach nur für mich und mein leben anwenden kann. andererseits ist gewiss eine sensibilisierung auf kollektive verhaltensmuster nicht schlecht. dein input zeigt mir, wie wichtig es ist, vom einzelnen menschen aus zu gehen.
      danke!!!
      liebe grüße, sofasophia

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