Schwestern

Eine Weile her. Angefangene Geschichte. Unvollendet wie viele. Über Clio schrieb ich, die mit ihren Selbsten zusammensitzt, sich mit ihnen austauscht. Nein, dazu muss eine nicht schizophren sein, überhaupt nicht. Wir alle sind viele. Schon Pessoa wusste es. Und vor ihm andere, gewiss. Ach, möge sie in Frieden ruhen, meine Clio, denn heute erzähle ich von uns. Vom siamesischen Zwillingspaar. Ich bin sie. Sie sind ich. Alle. Mehrere. Viele. Ich bin die depressive Schwester, nennen wir sie Dolorosa, und ich bin ihre lebensfrohe Schwester, Allegrina. Eine, die sich traut und eine die vor jedem neuen Ding erst einfach mal Schiss hat, sich nichts zutraut. Und immer ist eine von beiden ein bisschen mehr am Ruder. Doch sag, ist eine von beiden nun weniger real als die andere, nur weil sie im Augenblick stiller und ein bisschen anders ist?
Ach hör nur, wieder nörgelt Dolorosa an Allegrina herum, weil diese den Dingen, so behauptet sie, nicht mit dem nötigen Ernst begegnet. Und Allegrina? Ach, sie nervt sich, ein klein bisschen jedenfalls, über die Behäbigkeit und Schwermut Dolorosas, weiß aber, denn darin ist sie ihrer Schwester überlegen, in ihrer heiteren Weisheit, dass es nichts bringt, sich zu nerven. Verlorene Energie. Verschwendete Kraft. Besser vorwärts gehen.
Doch geht zusammen vorwärts gehen, zumal wenn man nur zwei Beine hat, am besten, wenn man sich über die Richtung einig ist. Ach, wie oft wir schon gestolpert sind! Wie oft wir schon gefallen sind! Immer wieder haben wir uns hochgerappelt, manchmal allein, manchmal uns gegenseitig unterstützend, manchmal war auch Hilfe anderer notwendig.
Doch noch mehr bin ich, noch mehrere. Auch die, die ich vor einem Jahr war, als ich in Deutschland lebte. Und die auch, die vor sechszehn Monaten durch Schweden reiste. Vor zehn Jahren war ich die Mutter eines kleinen Jungen. Vor vierzig Jahren ging ich in der ersten Klasse. Und auch die, die im Bauch meiner Mutter der Geburt entgegen wuchs, war ich. Davor die Ungezeugte. Die Idee. Ein Funke. Ein Tropfen. Ein Punkt. Davor weniger als ein Punkt. Die Nicht-Idee. Die Nichtseiende. Nichts.
Im Nichts ist immer auch alles. Jetzt.

0 Kommentare zu „Schwestern“

  1. Sehr schöner Text!
    Liebe Grüße an Allegrina, sie soll mal schön die Oberhand gewinnen. Und auch schöne Grüße an Dolorosa, sie soll ihrer Schwester mal schön die Bodenhaftung bewahren.

    1. ich denke, wenn ich die beiden dazu bringe, sich nicht immer gegenseitig zu bekämpfen, könnten wir es schön zusammen haben. die beiden haben zum glück lernpotential. deine grüße richte ich gerne aus … 🙂
      herzlich, soso

  2. Meine Schwester, die nicht mehr lebt, sollte eigentlich noch eine Zwillingsschwester haben. Darüber habe ich schon lange nachgedacht. Ja wie wird das dann bei Zwillingen- 4 Leute am Tisch. Ein sehr intertessanter, nachdenklich machender Text! LG 🙂

    1. @Blinky, das ist ja interessant (und traurig) … Hat sie sich eigentlich auch – ohne, dass sie ihre Zwillingsschwester kannte – irgendwie unfertig gefühlt? 🙁
      @Liebe Soso: Schöner Text. Erinnert mich daran, dass wir nie die Selben sind. In jedem Augenblick kommt ein Gedanke, der uns verändert.

        1. es gibt ja die theorie, dass die meisten embryonen eigentlich im gleichen ei drin noch ein geschwister hatten. so sind wir eigentlich (wenn die untersuchungen wirklich stimmen) alles verlassene halb-zwillinge. die schlechte, trübe laune deiner schwester einzig auf die verlorene schwester zurückzuführen, würde allerdings doch ein bisschen zu kurz greifen. sehnen wir uns nicht alle nach „mehr ganzheit“? hm …

  3. Wie passend in die momentane Zeit, liebe Soso. Ich bin auch viele und hadere gerade mit der kleinen stillen Wütenden, die sich nicht traut und sich immer benachteiligt fühlt. Und manchmal verlangt sie Unmögliches von mir, z.B. dass ich so handeln soll, dass sofort die Zahnbeschwerden aufhören und nie mehr zurück kommen. Und als ich vom Zahnarzt kam und erst mal noch mehr Beschwerden hatte, war sie unendlich wütend darüber, dass ich ihr das scheinbar eingebrockt hatte. Und so musste ich, wie vielleicht immer öfter, sagen: Es war nicht anders möglich. Das ist das Sinnvollste für den Moment gewesen. Das Leben ist nicht berechenbar, nicht planbar. Man kann es nur leben. Das will manchmal einfach nicht in ihren ganz eigenen Kopf. Ganz schön stur, die Kleine. Und ich liebe sie. Denn ich brauche manchmal ihre Kraft der Wut, um etwas zu wandeln und zu handeln.

    1. mit meiner wut-schwester, ach, da hab ich auch ein recht ambivalentes verhältnis. ich glaube, sie ist die infantilste meiner schwesternschar. sie tut sich schwer mit akzeptieren von unabänderlichem. tja, ich weiss von daher sehr gut, was du meinst. ich schicke dir verständnisvoll-schwesterliches mitgefühl und liebe grüsse
      soso

  4. Ach, liebe Soso, wie ich das kenne!!! Bei mir sind es mein Widder- Sternzeichen und der Aszendent Krebs… Der Widder kennt nichts, gebiert täglich tausend Ideen, blüht, sprüht, brennt! Und der Krebs sagt ganz gemächlich: Neee, das geht nun gar nicht. Denk doch mal… und sowieso… was bildest du dir eigentlich ein? Er stellt alles und vorallem auch mich immer und immer wieder in Frage. Im Augenblick bin ich leider ganz zünftig am zurück-krebsen. Es scheint mir dieses Jahr auch ein gar grauer November, das Feuer fast etwas ausgebrannt… Aber ich schreib Dir, wie versprochen! Konnte grad heute Nachmittag etwas abschliessen für dieses Jahr, das mich in den letzten Wochen sehr belastet hat – Futter für den Krebs, nicht für den Widder! 😉

    1. liebe mol
      ja, auch der krebs soll leben dürfen! irgendwie möchte ich bei meinem versöhnungsakt zwischen allegrina und dolorosa auch diese wertschätzung lernen: beide haben ihre berechtigung. vielleicht lernt dolorosa ja, das leben lebensbejahender zu leben. das wäre allen zu wünschen. ansonsten kann ja auch die melancholie-energie eine inspirierende sache sein.
      verbinden statt mich nerven. hach, das leben …
      herzliche grüsse und lieben dank für deine zeilen!
      soso

    2. Liebe mol,
      erlaube, dass ich an dieser Stelle meinen „Senf“ dazu gebe, das muss an der Stelle einfach sein. Ich bin das Umkehrexemplar von dir: Krebs mit Widder-Aszendent. Überhaupt nicht leichter, es sind einfach zwei sehr gegensätzliche Qualitäten. Die unter einen Hut zu bekommen, kann ein Leben lang Bemühung brauchen – oder so.
      Liebe Grüße
      Marion

  5. Ohhhhh. Ohhhhh.
    Ich bin vom Sternzeichen Zwilling – der Typ, der Wahlzettel ruiniert, weil er für beide Seiten stimmen will – und kenne das nur zu gut.
    Manchmal heitere ich mich selbst und meine Mitmenschen auf, wenn die mich fragen, ob ich „einen Knall“ hätte: «Bis gestern abend war ich schizophren, seit heute morgen sind wir zu zu acht.» Dabei zeige ich mit den Zeigefingern an meine Schläfen.
    Zu Deinem Schlußsatz: In Allem ist nichts. Für alle Ewigkeit.

    1. du hast mir ein lautes lachen geschenkt, lieber emil. als auch-zwilling kann ich nur sagen: ich weiß ungefähr, was du meinst … fast ist mir ein „was? NUR zu acht?“ entfahren …
      ja, alles und nichts – diese mysterien … verstehen tu ich sie je länger je weniger.
      herzlich, soso

      1. Mysterien und Verstehen – nein nein, das geht nicht. Verstehen schließt das Mysterium aus, ein Mysterium ist doch per definitionem nicht verstehbar. Erfaß- und fühlbar. Aushaltbar. Wunderbar. Aber nicht verstehbar. Oh, das erinnert mich an die Quantenfluktuation des Vakuums (fies quantenphysikalisch-kosmologisch).
        Acht reichen mir – Fußball mag ich ja sowieso nicht.

        1. verstehen nicht, aber verstehen wollen halt doch, ich gestehe es … 🙂
          die neunte wäre bei mir nicht fussball, eher shopping oder so. ne danke, brauch ich nicht.
          ein grinsen richtung norden
          soso

  6. eine schöne Beschreibung ist das, von dem, was ist- ja, wir sind Viele und in dem Vielen gibt es eine Kaiserin oder einen Kaiser, eine Königin, einen König oder wie auch immer noch wir die innere Chefin, den inneren Chef nennen wollen, mit ihr/ihm zu tanzen ist meine Kür.
    herzlichst
    Ulli

    1. ich bin grad an meinem alten manuskript, wo ich diese geschichte, von clio, aufgeschrieben habe. da heißt die scheff „regiesseurin“ …
      mal schauen, ob ich mal was „altes“ bloggen soll …
      herzlichst auch, soso

      1. warum nicht auch einmal etwas „altes“, vielleicht im neuen Gewand blogen, ich bin auf alle Fälle neugierig.
        Als wir den Dialog über die Vielen in uns begannen, dachte auch ich an die Geschichte meines Ozeandampfers und überlegte, ob ich sie verblogen sollte, entschied mich aber vorerst dagegen, weil gerade das Neu aus mir heraus sprudeln will 😉 – das Neu, das mit dem Alt verwoben ist …
        gaaanz liiiebe Grüße von Berg zu Berg, auch an den Liebsten
        Ulli

  7. Ach, das gefällt mir, liebe Soso.
    Wandelbar, wie wir sind.Und das Loslassen üben mussten und immer noch lernen müssen, das Zugreifen auch. Vergessen und Erinnern, jedes zu seiner Zeit.
    @ Emil: bin auch Zwilling, sogar eineiig. Und Skorpion mit Aszendent Skorpion.
    Aber den November finde ich trotzdem klasse.
    Herzlich, mb

  8. Ich habe auch mehrere Schwestern, mal hat die eine die Obermacht, mal die andere. Manchmal ist das sicher gut, manchmal auch nervend und lähmend. Ein Text, der mir gut gefällt, eine schöne Idee, liebe soso!

    1. danke, liebe rotewelt, für deine zeilen. irgendwie ist es gut, dass ich darüber öffentlich geschrieben habe. weisst du, ich hatte immer das gefühl, dass das niemand kennt, dass ich nicht normal bin (bin ich wohl auch nicht), dass alle anderen ja keine ahnung haben, wie das ist mit diesen zwillingen in meiner brust (die ja eigentlich nicht nur zu zweit sind). die echos hier sind richtig hilfreich gewesen!
      herzlich, soso

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