Von schiefen Bahnen, Sandburgen und andere Fallmaschen

1.)
Schon früh bin ich auf die schiefe Bahn geraten. Schon bald hatte ich den Glauben daran verloren, dass mein Leben wirklich so funktionieren kann. Mit diesem sacrosankten Dualismus Arbeit versus Freizeit. Wobei Arbeit ja nicht nur sicheres Einkommen, sondern oder besonders auch Image und Prestige bedeutet.
Nein, nichts gegen Arbeit. Ich arbeite gerne. Ich hatte auch immer tolle Arbeitsstellen. Fast immer, jedenfalls. Kleine Ausnahmen bestätigen bloß die Regel. Ich hatte Glück und ich hatte viele verschiedene Jobs. Vieles arbeitete ich auch, ohne Geld dafür zu bekommen. Sicher mehr für ohne oder wenig als für viel Geld. Und eigentlich arbeite ich immer. Jetzt auch. Arbeit ist ein Synonym für das, was wir tun, um den Geist zu befriedigen, der sich immer neue Dinge ausdenkt. Der sich mit dem, was geschieht, auseinandersetzt.
Ich mag die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit und auch das Feindbild Arbeit, das damit unbewusst in uns lebt, nicht. Ich mag sinnvolle Arbeit und tue mich zugleich schwer damit, Arbeit und Leistung als Beinahe-Synonyme zu betrachten. Ich will der Arbeit ihren schweren Rucksack ausziehen. Arbeit, besonders die richtige Arbeit für mich, ist nicht in er erster Krampf, Last, Kampf und Druck. Auch nicht in erster Linie Leistung. Arbeit muss nicht weh tun um als Arbeit zu gelten. In erster Linie ist sie Erfüllung. Ich erfülle den in mir lebenden Auftrag, das zu tun, was nur ich nur so kann. Nenn es die Erfüllung des Lebensplans – aus wessen Feder das Drehbuch zu diesem Plan auch immer stammen mag. Umgeschrieben wird es eh laufend. Wie sagte Herr S. neulich bei einem Vorstellungsgespräch:
Mir imponiert Ihr Lebenslauf, Frau Sophia. Was Sie alles gemacht und gelernt haben!
Mein Leben ist mir Schule und laufende Entwicklung, sagte ich. Und genau das ist es.
Leider hat es mit der Stelle nicht geklappt, da das Pensum nach oben wachsen könnte und das für mich nicht geht. Die Frage, was für einen Preis ich zu zahlen bereit wäre, um wieder selber meine Brötchen verdienen zu können, habe ich mir eine Nacht lang gestellt. Nein, mehr als 70% (29,4 Wochenstunden bei 42 Wochenstunden) verkaufte Lebenszeit kann ich einfach nicht schaffen. Lieber weniger. Mehr beim besten Willen nicht (den ich dafür allerdings nicht aufbringe). Nicht ohne krank zu werden.
Schon seit dreiundzwanzig Jahren arbeite ich nur noch Teilzeit und ich bin immer – wenn auch oft superknapp – irgendwie über die Runden gekommen. Mein Credo, ich erinnere mich gut, war schon sehr früh: Lieber viel freie Zeit als viel Geld. Mit Geld kann man sich nämlich genau eins nicht kaufen: freie Zeit. Wer immer dem Geld hinterher rennt, verbraucht seine Lebenszeit für die Geldbeschaffung. Momo lässt grüßen.
Die freie Zeit ist mein Reichtum und ich wandle sie in das um, was mir wichtig ist: Ich arbeite an kreativen Projekten, ich hänge ab, lese, schaue gute (und auch mal weniger gute) Filme, pflege Beziehungen – manchmal alles gleichzeitig.
Ich weiß, die meisten Menschen haben keine andere Wahl. Sie würden mit Freuden zusagen. Sie würden nicht zaudern, nicht zögern. Ein guter, sicherer Arbeitsplatz. Ja. Aber nein. Zu viele Neins, die sich mir in den Weg stellen. Solange ich wählen kann.
2.)
Ein bisschen bin ich wie die Hipstamatic-App, wo man – je nach Belichtungsverhältnissen und Motiv, das man fotografieren will – eine individuelle Filter- & Blendenkombination auswählen kann. Es gibt sogar den Zufallsmodus, der durch kurzes Schütteln des iPhones generiert wird.
Ich schüttle mich kurz und schon bin ich kleine Schwester. Oder schräge Tante von mir aus. Nichte auch oder Cousine. In dieser Rolle bin ich oft ein bisschen schusselig, wie damals, als Kind, und stoße schon mal ein Glas um oder so. Keine Ahnung, wie das funktioniert.
Ich schüttle mich erneut und bin Freundin. Mit M., einer Freundin, die ich schon sehr lange kenne, bin ich mehr so und so und mit Freundin C., die ich erst sechs Jahre kenne, mehr so und so. Als würden jeweils andere Teile meines Hirns aktiviert, je nachdem mit wem ich kommuniziere.
Ich schüttle mich von neuem und bin Partnerin. Mit Irgendlink spreche ich zudem in einer Fremdsprache. Meiner ersten, was das Hochdeutsch faktisch tatsächlich für mich ist.
Ich bin mehr als die Summe all dieser Aspekte.
Ich bin ein Farbenkreis.
Ich bin eine Sandburg.
Ich bin ein Fotoalbum.
Und manchmal bin ich mir fremd. Wenn ich mich erzählen höre, stehe ich manchmal neben mir. Sage ich das wirklich? Meine ich, sehe ich das wirklich so? Noch immer? Manchmal stelle ich fest, dass innere Veränderungen sowie veränderte Verhaltens- und Sichtweisen noch nicht in allen Zellen angekommen sind. Updaten ist angesagt. Wäre es doch so einfach wie beim PC.
3.)
Der Sinn des Lebens ist ja der Tod, zitierte der junge Fabio einen nicht genannten Philosophen, als er in der neuen Schweizer Krimiserie Der Bestatter (Folge 4, 28. Minute) einer Schulklasse, seinen Lernberuf des Bestatters nahezubringen versuchte. Der Tod mache den Augenblick zu etwas einmaligen. Ob das nun Punk ist, wie Vanessa, eines der Mädchen dieser Schulklasse sagt, sei dahingestellt.
Die Sinnfrage mal wieder. Sollte es eines Tages für mich eine Art letztes Gericht geben (und falls ja: wer außer mir selbst könnte über mich richten?), wird es nur eine einzige Frage geben: Was hast du getan, um die Welt zu einem lebenswerteren Ort für alle zu machen?
Ob da Schreiben als Antwort wohl gut ankäme?

Melinda im Gulliverland

Große Kopfhörer über die Ohren gestülpt, ein glückseliges Lächeln auf den Lippen und einen großen Einkaufskarren vor sich her schiebend, spaziert ein Mann, bekleidet mit schwarzen Gummistiefeln, Shorts und gelber Outdoorjacke, durch die Regale eines Baumarktes und lädt seinen Wagen voll und voller. Die Ansage, dass der Laden in fünf Minuten geschlossen werde, hört er nicht. Er hört Musik. Als er bezahlen will – nachdem er unter fürchterlichen Verrenkungen in der unerlaubten, weil schon inventarisierten Zone eine Klobürste geholt hat –, wird er auf einmal zum Betreuer eines kleinen, nur arabisch sprechenden Mädchens. Er sei von der Polizei. Der Versuch, das Mädchen zu seinem vermeintlichen Vater ins Hotel jenseits des Parkplatzes zurückzubringen, mündet nach einer Schlägerei in eine dramatische Flucht. Mann und Mädchen finden sich in einer Hütte im Gulliversland, einem alten Spielplatz im Wald wieder. Drei schwarz gekleideten Araber mit Pistolen und einem Geländewagen auf den Fersen. Natürlich trifft irgendwann Hilfe ein, die Verfolger flüchten und Jens und das Mädchen sind in Sicherheit. Melinda hat sofort Vertrauen zu Jens gefasst. Er ist der einzige, den sie mit einem Lächeln belohnt, für alle anderen ist sie unnahbar und bewahrt ihr Geheimnis für sich.
So also gerät Jens, noch bevor er seinen Dienst antreten kann, eines harmlosen Samstagnachmittags mitten in einen äußerst dramatischen Fall, bei dem es um Drogenschmuggel in den Bäuchen afrikanischer Kinder geht. Die arabisch sprechenden Drahtzieher aus einem Phantasieland verstecken sich hinter diplomatischen Ämtern und sind, bis auf den Dolmetscher, dank ihrer Ämter unangreifbar. Die Mordermittlungen – das Opfer ist die angebliche Mutter Melindas – laufen beinahe nebenher. Zu sehr sind alle, vor allem die tussige Staatsanwältin, mit den diplomatischen Problemen beschäftigt.
Jens ist also der Neue. Der Neue, für den Lisa am Freitagabend versucht, das Büro, das sie ab nächster Woche mit ihm teilen wird, ein bisschen wohnlicher einzurichten. Wir sehen sie in einer der ersten Szenen des gestrigen Saarbrücker Tatortes Melinda, wie sie den Schreibtisch hin- und herschiebt und so die beste Arbeitsposition sucht. Kollege Horst schaut zu und rät zu einer Position mit Blickkontakt. Fast identisch wiederholt sich die Szene Tage später. Doch diesmal ist es Jens, der den Tisch hin- und herschiebt, kaum dass er das neue Büro betreten hat. Zwar trägt er nun weder Shorts noch Gummistiefel, doch seine indischen Wickelhosen sind auch nicht ohne. Er bringt eine Topfpflanze für den Schreibtisch und eine Klangharfe mit, die ihren Platz später über der Türe findet und Besuche ankündigt. Wie Lisa schiebt Jens nun den Tisch von da nach dort. Erneut fällt der Tipp: Wie wäre es mit Blickkontakt?
Es ist weniger der Plot dieser Geschichte an sich, der diesen Tatort zu einem Highlight am Tatort-Himmel macht, sondern die Besetzung. Und die Umsetzung. Ein bisschen muss ich an die Münster-Tatorte denken, doch Jens ist besser. Er ist zwar zum einen eine Lachnummer – was ihm am Arsch vorbeigeht, denn er weiß genau, was er kann und was er will –, zum andern aber ein messerscharf denkender, unkonventionell handelnder und sich auf seine Intuition verlassender Kriminalist. Einmalig die Szene im Pausenraum, wo er die Yogaübung Baum praktiziert, die beim Zentrieren hilft und auf einmal – mit einem lauten Aufschrei die Übung auflösend – das Kennzeichen des Verfolgerwagens herunterleiert. Alles toppt jedoch jene Szene, wo er mit seinem roten Roller an einer roten Ampel das Diplomatenauto einholt, worin Melinda sitzt. Er jagt sie ihrem angeblichen Vater ab und setzt sich mit ihr in das nebenan stehende Auto einer älteren Dame. Schon bald hat Jens diese von seiner Rettungsmission überzeugt und so versteckt sie die beiden in ihrem Haus. Margot Müller ist definitiv eine Seelenverwandte von Jens. Sie hat ihr Leben lang darauf gewartet, mal live in einem Krimi mitzuwirken. Mit viel Gespür schaffen es die beiden, Melina ihre Geschichte zu entlocken. Nicht zuletzt, weil Melinda von Anfang an Vertrauen zu Jens gefasst hat und eine begnadete Zeichnerin ist.
Einfach nur schräg ist die Beinahe-Schlussszene, das Showdown an der deutsch-französischen Grenze, wo der Dolmetscher wegen Mordes verhaftet wird. Wie Jens den einen der Araber, jenen der deutsch spricht, in die Zange nimmt, geht unter die Haut und zieht mir zugleich die Mundwinkel hoch.
Wenn du Melinda nicht wohlbehalten zurückbringt, komme ich zu dir. Ich weiß, wo du wohnst. Ich weiß, wo deine Familie wohnt. Ich werde kommen.
Dann übergibt er Melinda sein Handy. Nach langen Reisestunden ruft sie ihn schließlich an. Happy End. Schluss. Punkt.
Zugegeben, die Puristinnen und Traditionalisten werden aufschreien. Dieser Tatort ist anders. Dieser Tatort ist schräg. Aber dieser Tatort, trotz der dramatischen Ereignisse, die er transportiert, hat offensichtlich Spaß gemacht hat. Jedenfalls den Schauspielerinnen, Schauspielern und mir. Ich stelle mir vor, wie der eine oder andere Gag erst beim Spielen entstanden ist. Jens‘ Bürokollegin Lisa Marx, die am Anfang als coole Superwoman drauf war, schüttelt zwar auch am Schluss noch über Jens, der sich ein paar Disziplinarverfahren aufgehalst hat (und das noch bevor er offiziell angefangen hat), ein klein bisschen den Kopf, doch sie hat verstanden, dass sie sich auf ihn verlassen kann. Ob bis zur Pension, wird sich allerdings zeigen.
Ich freue mich bereits auf die Fortsetzung aus Saarbrücken!
(Rezension des Fernsehkrimis Tatort vom 27. Januar 2013, Melinda, Drehort: Saarbrücken)
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to do or not to do

Wie ich durch den Wald spaziere, das klare Licht der Sonne genieße und mir bei der eisigen Kälte beinahe den Rotz in der Nase einfriert, wünsche ich mir einmal mehr, alle meine Gedanken, eins zu eins und unzensiert, aufnehmen zu können. Gedankendirektdiktat sozusagen. Ich müsste mir keine Eselsbrücken bauen und merken, keine Innen-drin-Lesezeichen, die ich in einer Viertelstunde eh wieder vergessen haben werde, keine Notizen machen (was ich mir heute spare) und ich müsste vor allem nicht alles, was mir des Aufschreibens wert erscheint, nachher mühsam in die Tasten hacken.
Okay, mühsam ist das ja eigentlich nicht. Schreiben – der technische Vorgang ebenso wie der gedankliche – ist für mich wie essen, trinken, pinkeln und scheißen. Normal. Alltäglich. Unverzichtbar. Einer der vielen Prozesse für mich, über die ich mir grundsätzlich keine Gedanken mache. Sie sind notwendig für mein Leben. Unabdingbar. Einen Tag ohne Schreiben gab es schon ewig nicht mehr bei mir. Nein, ich meine nicht den Einkaufszettel und die Do-do-Liste, ich meine wirkliches Schreiben. Gedanken notieren. Ideen für Geschichten festhalten. Tagebuch schreiben, Blogartikel schreiben, Artikel verfassen, Geschichten schreiben, an bereits geschriebenen Texten feilen. Schreiben wie Gemüse schippeln. Schreiben wie kochen. Schreiben wie denken.
Doch geht aktuell mehr Zeit mit allen anderen Dingen drauf. Ich räume da und dort auf, erledige Dinge, die ich schon ewig auf der langen Bank hatte, klebe an Büchern fest, die ich unbedingt jetzt lesen muss und meine eigenen Ideen brodeln derweil fast ohne mein Dazutun unter der eisigen Oberfläche. Ich habe das Feuer auf klein gestellt, damit alles schön einkochen kann und weder verdunstet noch anbrennt. Der Deckel sitzt fest.
Jeden Abend die gleiche ernüchternde Erkenntnis, dass ich nun doch wieder nicht.
Wieder nicht mit den Charakterbögen der neuen Figuren angefangen.
Wieder nicht den Ideenstrang niedergeschrieben.
Wieder nicht.
Wieder nicht.
Eine leise Frustration breitet sich aus wie ein Weinfleck auf dem weißen Tischtuch. Kein Salz in Sicht um den Schaden einzudämmen. Schnell ziehe ich auch heute wieder mein Zauberwort aus dem Säckel:
Mañana. Domani. Demain. Tomorrow. Morgen.
Ein geliebtes Kind mit vielen Namen.
Morgen werde ich früher aufstehen.
Morgen werde ich gleich nach dem Erwachen schreiben.
Morgen werde ich.
Werde ich?
Morgen?
Ich glaube, jetzt werfe ich mich aufs Sofa und lese weiter Åke Edwardsons Der letzte Winter. So spannend!
Nein. Halt. Schreib zuerst den Charakterbogen über deine neue Figur, die dir vorhin auf dem Spaziergang begegnet ist. Du hast es Irgendlink versprochen. Jetzt.

elementar

Am Anfang war nichts. Erst später war da ein bisschen mehr. Nach dem Knall drehten irgendwann und irgendwo ein paar Planeten ihre Bahn. Details ahnen wir nur. Letztes Wissen ist eine Frage des Glaubens. Auf einmal stieg Wasser aus den Tiefen der Erde. Wind wehte über das Land. Die Menschen kauerten sich an ihre Feuer und brieten, was sie gejagt hatten. Ich gestehe es: So elementar zu leben, würde mir schwer fallen. Wir haben im Laufe der Evolution gar vieles vergessen, unsere Instinkte sind verkümmert. Überleben hat heute einen gänzlich andern Beigeschmack bekommen.
Wasser
Wenn die Temperaturen in den Minusbereich sinken, verändert sich einiges in Irgendlinks Künstlerbude. Minus heißt, dass er seine Wasserzufuhr unterbrechen muss, damit die Wasserleitungen nicht einfrieren und platzen. Deshalb speichern zwei große Wasserbehälter im noch unvollendeten Bad Brauch- und Trinkwasser, das wir – wie zu Gotthelfs Zeiten – in Becken, Flaschen und Krügen abgefüllt beim Spültrog lagern. Warmwasser wird bei Bedarf gekocht.
Während meiner winterlichen Wochenenden beim Liebsten auf dem einsamen Gehöft, lasse ich mich immer relativ leicht auf diese Umstellung ein. Jedes Mal wird mir neu meine Selbstverständlichkeit bewusst, mit der ich Wasser konsumiere. Fließend warmes und kaltes Wasser – noch gar nicht so lange ist es her, dass das in unsern Breiten Luxus war.
Letzten Freitag waren die Behälter leer. Für kurze Zeit öffnen wir alle Hähne und befüllen per Schlauch die gr0ßen Tanks. Ich fühle mich kurzfristig wie im Wasserparadies und genieße es, dass das Wasser einfach fließt. Geschirr- und Händespülen geht einfacher. Sich waschen auch.
Feuer
Im Winter schrumpft die Künstlerbude auf den Koch- und Schlafbereich, da das große, gemütliche Wohnzimmer nicht beheizbar ist. Während ich Geschirr spüle, holt Irgendlink neues Brennholz hoch. Nicht, dass ich das nicht auch machen kann – und auch tue, natürlich –, doch er kann es besser. Geschirrspülen dagegen übernehmen meistens ich. Meine kleine Reinigungsmeditation, die mir in meinem zentralgeheizten Spülmaschinenalltag zuweilen ein bisschen fehlt. Nicht genug allerdings, gestehe ich, um auf die Maschine verzichten zu wollen. Holzfeuer wärmt mich anders als es Zentralheizungsradiatoren können. Es spendet Wärme, die tief ins Herz dringt. Unter die Haut. Die Schwedenofenwärme schließt auch das Hochbett mit ein. Kuschelwarm ist es da oben.
Erde
Wir kochen uns Kartoffeln – Erdäpfel, Härdöpfu – auf dem Herd. Leider keine eigenen, da diese letztes Jahr an einer Pilzkrankheit zugrunde gegangen sind. Kartoffeln: im Winter eins meiner Lieblingsgemüse. Pellkartoffeln vor allem. Dazu schmelzen wir einen Backofenkäse in der Bratpfanne auf dem Ofen. Einige Champingnons stehen kopfüber – entstielt und mit Streichkäse gefüllt – in drei Raclettepfännchen daneben. Dazu Rosenkohl. Eine wahrhaftig göttliche Mahlzeit.
Luft
Ein eisiger Wind zieht ums Haus und rüttelt am Nussbaum. Wir hören die Äste auf dem Dach knirschen. Wind verweht auch den Schnee, der spärlich, aber beharrlich, das Blitzeis zudeckt und eine neue noch weißere Decke über alles legt. Pfeifender Wind, rüttelnder Wind, Sturmwind, Regenwind – schon fast alle Arten von Wind, auch schmeichelnd-streichelnd sanfter Sommerwind, habe ich hier oben erlebt. Windstille auch.
alles – immer – jetzt
Die Erde kreist weiter. Täglich zieht sie ihre Bahn. Täglich wird ihr Abstand zur Sonne kleiner. Die Tage werden länger. Das Wetter wärmer. Doch jetzt, jetzt genieße ich, dass es so ist, wie es ist.
Nachher ist nachher. Und nachher fahre ich nach Hause, in die Schweiz. Auchnachhause.

Hund, Katz und Maus

Ich schiebe die Computermaus über den Tisch, um dieses Fenster hier anzuklicken. Damit ich mit Schreiben loslegen kann. Und jetzt schiebe ich sie auf dem Tisch herum, um eine Bilddatei einzufügen. Diese hier.
Hier seht ihr Mietze, wie sie ihre guten Vorsätze fürs neue Jahr sehr konsequent und sehr energiesparsam umsetzt. Sie übt Yoga ganz sanft. Im Schlaf. Irgendwie hat sie es voll kapiert mit dem Leben.

Katze im Hund_neu2

Katze im Hund_neuS1sm

(Draufklick für groß)

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Bilder:
Undogmatischer Appspresionismus (iPhoneArt mit Gimpunterstützung)

Was ich mag

Wenn ich die Augen öffne, dich zu sehen. Meistens erwachen wir praktisch gleichzeitig und liegen ruhig und mit geschlossenen Augen nebeneinander. So heißen wir den neuen Tag willkommen. Dann die Augen öffnen, dich neben mir zu sehen, ein feines Lächeln auf deinem ganzen Gesicht. Ein Tag, der so beginnt, ist einfach schon von vornherein ein besserer Tag als einer ohne dich.
Die ersten Sätze, das erste Lachen, die ersten Wortgespinste des Tages mit dir zu tauschen. Und einen ersten Kuss. Staunen, dass du da bist. Staunen über das Geschenk des Lebens. Du und ich. Ich und du.
Ich mag es, wie du dich bewegst – wie sich deine Gedanken bewegen, wie sich deine Worte, deine Hände, deine Haare, deine Lippen bewegen. Ich mag es, wie du inne hältst. Ich mag das Stillsein mit dir. Ich mag es, wie wir miteinander reden, schweigen, spinnen und lachen, wenn wir zusammen wandern, Rad fahren, Auto fahren. Ich mag den Moment, wenn wir nahe davor sind, einen Geocache zu finden. Diese Spannung! Meine Bereitschaft, dich den Cache finden zu lassen, diese Freude, wenn du mich das Teil finden lässt. Diese Übermut, wenn wir beide im gleichen Moment den richtigen Einfall haben, wo das Versteck liegt.
Ich mag es, wie du selbst tragischen Momenten einen Glanz von Liebe und Hoffnung verleihen kannst – weniger mit Worten als mit deiner Präsenz. Wie du mit deiner Gegenwärtigkeit den Sorgen um die Zukunft, die uns zuweilen zentnerschwer auf den Schultern hocken, ein Schnippchen schlagen kannst und aus Stroh Gold spinnen. Wie du den Wert hinter den Dingen erkennst und ihn in dein Leben holst. Wie du mit einfachsten Mitteln und unter einfachsten Umständen ein zufriedener Mensch sein kannst.
Ich mag es, wie wir zusammen am gleichen Strick ziehen und verrückte Projekte ausdenken – auch wenn die meisten davon mangels Zeit und Geld nie in die Wirklichkeit geholt werden. (Oder doch?)
Deine Verlässlichkeit und Verbindlichkeit mag ich, die neben deiner Abenteuerlust und deiner eremitischen Affinität möglicherweise wie ein großer Gegensatz aussehen. Allerdings nur im ersten Moment.
Ich mag deine immer tiefer werdenden Lachfältchen um die Augen und um den Mund. Und dein Grinsen, das dem eines Schuljungen gleicht, wenn du einen witzigen Text gefunden oder einen schrägen Blogkommentar ausgetüftelt hast – ach, es ist/du bist so lebendig.
Ja, ich mag deine Lebenslust, deine Liebeslust, deine Weisheit und deine Arglosigkeit. Frei von Raffinesse bist du dennoch klug und durchschaust den Lauf der Dinge – und trotzdem gibst du dich dem Leben und deinen Lieben hin.
Nein, ein Engel bist du nicht, weder fehlerlos noch ohne Schwächen – zum Glück! Auch bist du viel mehr als all das. Und all das ist eh nur eine subjektive Momentaufnahme.
Ich danke dir für jede Sekunde, die wir zusammen erlebt haben, ob im Alltag oder auf Reisen. Mit dir ist das Leben farbiger, lebendiger, tiefer, heiterer und jederzeit voller Liebe.
Und den Rest, mein Liebster, den Rest werden wir sehen und erleben. Den ganzen Rest. Doch jetzt gratuliere ich dir einfach dankbar und aus tiefsten Herzen zum neuen Lebensjahr.
Carpe diem.

Patchwork

Wir fühlen uns richtig gut, wenn wir tun, was uns gut tut. Und wir tun uns und anderen gutes, damit wir uns gut fühlen. Soweit so gut, denn wir fühlen uns gerne gut. Eigentlich. Dumm nur, dass wir uns auch gut fühlen, wenn wir tun, was uns nicht gut tut, weil wir es zum Beispiel tun und taten, um uns selbst zu bestrafen. Was uns nur vermeintlich gut tut. Und dumm auch, dass wir uns oft schlecht fühlen, wenn wir tun, was uns eigentlich richtig gut tut. Weil wir es uns nicht gönnen.

***

Sie hütet sie gut, ihre Geheimnisse. Längst hat sie dicht gemacht. Ihre Schutzhaut gleich einer Jeans, jahrelang getragen, bequem, doch dünn da, wo wieder und wieder an ihr herum gerieben, gedrückt, gedrängt und gezwängt worden ist. Beinahe durchsichtig an besonderen Stellen. Berührbarer dort mehr als anderswo. Besonders dort. Ausgerechnet dort. Abgewetzte Schutzhaut. Anfällig für neue Wunden, wo es am meisten schmerzt. Empfindlicher, empfänglicher. Zum Glück auch für Glück.

***

Baustelle betreten auf eigene Gefahr. Schutzhelm obligatorisch. Ist das Kunst, oder was? Darf man Baustellen sehen, das Making-of, den Prozess, bevor etwas veröffentlicht wird und muss etwas, das veröffentlicht wird, perfekt sein? Was ist mit Ready-mades/Objets trouvés? Ist es eine Abwertung, wenn man den Vorhang öffnet, bevor …? Wird Kunst künstlich verklärt? Ich sag nur Fluxus*, John Cage, Marcel Duchamp. Von ihm übrigens der wunderbare Satz:
Der Betrachter vervollständigt das Kunstwerk.
Lebe deine Kunst, verkunste dein Leben.
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* Mehr dazu auch bei Wiki

Sonne, Mond und andere Fragen

1.)
Vermutlich würde ich noch einmal richtig intensiv leben wollen, sollte der Arzt eines Tages sagt, dass … Vielleicht würde ich mit dem Liebsten eine letzte Reise wagen? Nach Australien-Neuseeland zum Beispiel. Und Schreiben würde ich. Ganz viel. Und ganz still werden. Vielleicht sogar anfangen, das Leben zu lieben, zu genießen. Vielleicht dem Tod, der mich holen will, dankbar sein dafür, dass er mir das Leben doch noch lieb gemacht hat. Ob ich mich dagegen wehren würde? Ob ich versuchen würde, dem Tod zu entkommen? Ich lebe auf diesen einen Moment hin: Endlich möglichst unbeschadet am Ende ankommen, glücklich auf mein Leben zurückschauen, das Lebensbuch zuklappen und sagen: Well done!
Zuweilen beneide ich „Menschen ohne Phantasie“, wie sie Marlen Haushofer in der Wand nennt. Sie müssen nicht über solche Dinge nachdenken.
Gibt es dieses Lied in allen Dingen wirklich, das alles verbindet? Oder ist alles aus purem Zufall entstanden und nichts hat einen tieferen Sinn außer den des Augenblicks, wie das Marlen Haushofer hinter der Wand erkennt und ihre Protagonistin schreiben lässt ? Meine Sehnsucht danach, dass alles eine sinnvolle Ursache hat, ist sehr groß. Ein Leben ohne solche mag ich mir einfach nicht vorstellen. Und tue ich es ab und zu doch, erfüllt mich größte Abscheu dem Leben gegenüber. Alles Tun und Sein wäre vergeblich und würde uns von jeglicher Mitverantwortung für die Welt entbinden.
2.)
Ich lese, also bin ich. Und immer werde ich Teil der Geschichte, die ich lese. Ich identifiziere mich mit Figuren, werde selbst zur Figur, lebe andere Leben als nur meins. Das eigene Leben ist nicht begrenzbar. Alle andern Leben, reale und fiktive (so es diesen Unterschied denn gibt) fließen an mir vorbei und durch mich durch. Wie Jostein Gaarder sinngemäß in Der seltene Vogel schreibt: Jeder einzelne Wassertropfen, der ins Meer fließt, ist nicht nur und nicht länger ein einzelner Tropfen im Meer, er ist das Meer. Und er war immer schon das Meer. Auch.
Ich bin nicht nur Teil des ganzen, ich bin das Ganze. Auch. Selbst im Spektrum aller Kontraste und Dualitäten. Sie sind nur Facetten des Ganzen. Ebenso wie alle Rollen, die wir spielen. Doch jetzt, und jetzt, und jetzt, wo ich diese Gedankenfetzen und Ideen in Sätze umforme, den Formen Namen gebe, zeigen sie sich als Teile. Um anschließend ihre Form wieder zu verlassen und eins zu sein …
All das schreitet durch die Tür meiner Wahrnehmung, zieht dort die Schuhe aus und setzt sich hin. Ich schaue und nehme für wahr. Manchmal bin ich überfordert. Zu viele Eindrücke.
Ich lese Siri Hustvedt. Was ich liebte. In Worte gegossene differenzierte, detaillierte Beobachtungen. Bilder, die auf eigenen Füßen stehen. Einfach nur ihre Worte zu lesen, ist das pure Vergnügen – die Handlung in ihrer Dramatik mal ausgeblendet. Jedes Wort stimmt. Nie schwülstig, nie auf Effekt angelegt. Schlicht, aber nie billig. Zwar eine bewusste Sprache, aber keine raffinierte oder eitle. Authentisch und unexhibitionistisch. Die Sprache transportiert den Inhalt so, dass der Inhalt optimal gesehen werden kann. Die Form stellt den Inhalt dar, Inhalt und Form sind eins.
Dem Ich-Erzähler gelingt es mehrheitlich, sich – obwohl er wesentlicher Teil der ganzen Geschichte ist – auszublenden, die Rolle des Beobachters und Chronisten auszufüllen. Das Ziel, endlich die Geschichte zu erzählen, die erzählt werden soll, stellt er höher, als seine eigene Befindlichkeit, die trotz des Dramas, das er zu verarbeiten hatte, wenig Raum* einnimmt. Dennoch: Kein Roman ist ein objektiver Bericht. Ein Roman erzählt die Sichtweise von Dingen aus einem bestimmten Winkel. Wie der zehnjährige Matt es nach einem Basemallmatch sinngemäß sagt:
Nur schon, wenn ich da statt dort gesessen wäre, hätte ich alles ganz anders erlebt.
(((Lies zwei Zeitungsartikel zum gleichen Thema: In aller vorgeblichen Objektivität wird Subjektivität sichtbar: Wo setzen die verschiedenen AutorInnen ihre Schwerpunkte, wenn die Fakten abgehakt sind? Sind sie kritisch?)))
Schreiben ist das Übersetzen von persönlich gefärbter Wahrnehmung in Buchstaben. Schreiben ist die Wiedergabe von verdautem Geschautem. Ein Schauen, das nicht aufhört sehen zu wollen, was dahinter wirklich ist, was wirkt, was einwirkt, was bewirkt, was ursächlich ist. Und eher was hinter als vor dem Vorhang ist, wirkt bei den Lesenden nach. Wiedererkennen tun wir uns, wenn der Spiegel klar ist. Dann sehen wir mit dem Herzen. Der ganze Farbkreis steht uns zur Verfügung. Alle Farben. Deshalb ist jedes einzelne Bild, das wir mit Worten, Pixeln und Pinseln malen eine Synthese. Ist Ausschnitt und ist alles zugleich. Spezifisch, also alle Details mit der ihnen eigenen Struktur, wiederzugeben, ist die große Kunst jeder Kunst.
Schreiben ist Leben, ist Malen mit allen möglichen Farben und Techniken. Wir arbeiten am sich stetig wandelnden Bild. Dabei lassen wir immer weit mehr weg, als wir sagen und schreiben können. Doch selbst was wir weglassen, ist Teil des Bildes. Des ganzen …
3.)
Sonne und Mond zu sein
Ich lese.
Verdaue Geschriebenes.
Bin Mond.
Reflektiere.
Folge.
Ich schreibe.
Verdaue Wahrgenommenes.
Bin Sonne.
Strahle.
Denke.
Du liest.
Verdaust Geschriebenes.
Bist Mond.
Reflektierst.
Folgst.
Du schreibst.
Verdaust Wahrgenommenes.
Bist Sonne.
Strahlst.
Denkst.
_________________________________________
* EDIT: Vom zweiten Teil des Buches an wird der Autor in seiner Befindlichkeit sichtbarer. Er resümiert frühere Erkenntnisse und überträgt sie auf die Gesamtzusammenhänge und sein Leben.

Kontraste

mich sein – Sofasophia sein
eine Rolle spielen – keine Rolle spielen
das spielt keine Rolle!, denken – ja oder nein?, mich fragen
hinter dem Laptop sitzen – auf dem Sofa ein Buch lesen
spazieren gehen – im Internet surfen
Bewerbungen schreiben – hoffen, dass die geschriebenen Bewerbungen endlich Früchte tragen
Geschichten schreiben wollen – Blogartikel schreiben sollen
Erwartungen anderer an mich erfüllen, oder nicht – Erwartungen an mich haben, oder nicht
schwermütigen Gedanken nachhängen – mir vorstellen, dass ich wieder ganz fit und initiativ bin
im Internet eine Literaturclub-Konserve gucken – am eigenen Buch schreiben
begreifen, dass zu jedem Buch eine Pro- und eine Contra-Meinung möglich ist –
mich darüber freuen, dass ich denken kann
denken – nicht denken
nicht wissen – wissen
die beiden Seiten der Medaille bejahen – die beiden Seiten von allem verfluchen
von Ideen beiläufig geküsst werden – Ideen umsetzen
Bilder im Kopf – Bilder gestalten
an Freundin M. denken – Freundin M. eine Mail schreiben
Eremitin sein – gesellig sein
zweifeln daran, dass ich … – glauben daran, dass ich …
mich verkriechen – mich zeigen
dem Leben anderer zuschauen – mein eigenes Leben leben
Yoga machen – Pause machen
schweigen – erzählen
erzählen – zuhören
Blogs lesen – diesen Blogartikel schreiben
Ist tun besser als nicht tun?, mich fragen – nichts mehr fragen

nichts

neunzig und eins

Heute wäre der neunzigste Geburtstag meines Vaters. Sein Todestag jährt sich im Sommer zum zwölften Mal. Was sich doch seit seiner Geburt und nur schon seit seinem Sterben alles auf dieser Welt verändert hat! 1923 waren Atombombe und Internet bestenfalls Visionen einiger kranker Spinner. Als Vater geboren wurde – mitten zwischen zwei Kriegen, was er aber noch nicht wusste, als er Kind war – da war die Welt zwar nicht eine andere (zumindest der Mensch ist sich in etwa gleich geblieben), doch sie drehte sich doch noch ein klein bisschen langsamer.
In letzter Zeit lese ich immer häufiger Artikel über die digitale Verdummung, über die Sucht nach Internet und ewiger Verfügbarkeit. Als Handys aufkamen, gab es bald das Lager der VerweigererInnen, dem ich bis vor bald neun Jahren auch angehört hatte, und das derjenigen, die immer lauter das Segenslied der ständigen Erreichbarkeit sangen. Nein, ein Handy hatte mein Vater keins, doch Internet hat er am Rand miterlebt, ohne selbst im Netz gefischt zu haben.
Vor einigen Tagen habe ich endlich mit dem Buch Die Wand von Marlen Haushofer, drei Jahre vor meinem Vater geboren, zu lesen begonnen. Aus der Perspektive dieser surrealen und doch unglaublich glaubwürdig erzählten Geschichte aus den frühen Sechzigern kommen mir Dinge wie Internetabhängigkeit oder Zentralheizung äußerst seltsam vor. Mit der Protagonistin frage ich mich: Was zählt wirklich? Sie hat alles verloren, was ihr einst lieb war, und lebt seit Jahren allein in einer Waldhütte. Hinter einer unsichtbaren Wand, die einfach eines Morgens da war. Wegen der Wand hat sie alles verloren. Und sie hat dank der Wand alles gewonnen. Ihre Hände als Werkzeuge. Dazu einen Hund, eine Kuh, die bald kalbt und eine Katze. Ich stecke noch mittendrin und kenne das Ende der Geschichte nicht (doch ist es nicht immer so, irgendwie?).
Womöglich hätte die Ich-Erzählerin, als sie am Tag nach ihrer Ankunft in der Hütte auf der Suche nach ihren verschwundenen Freunden die tödliche Wand entdeckte, aufgegeben, wären da nicht die Tiere gewesen – und ihr Verantwortungsgefühl. Und wohl auch ihre Neugier. Sogar Hoffnung hatte sie noch, natürlich, am Anfang jedenfalls. Hoffnung, dass das alles nur vorübergehend inszeniert worden ist – die Wand als solche und ihre Gefangenschaft allein im Wald im besonderen.
Allmählich verändert sie sich und passt sich den neuen Umständen an. Sie lernt, unter Schmerzen und mit Schwielen und Blasen, einen Kartoffelacker anzulegen und zu bepflanzen, Holz zu sägen und zu spalten, die Kuh, die eines Tages auf der Wiese steht, zu melken, Gras zu mähen, Wild zu jagen. Zu überleben. (Ob ich das alles könnte? Rein handwerklich? Rein kräftemäßig?)
Noch spannender als der äußere Prozess, den sie durchläuft, finde ich den inneren. Die Veränderung ihrer Werte. Wenn eine Pinzette, die früher der (eitlen und sinnlosen) Augenbrauenzupferei diente, auf einmal notwendig für die Entfernung der vielen Splitter vom Holzhacken wird. Zum Beispiel.
Wäre ich sie, die Protagonistin, hätte ich wohl bald aufgegeben. Hätte sie auch aufgegeben ohne Tiere? Wie lange kann man autark leben? Wie lange klebt das zivilisierte Leben an einer und einem? Die Ich-Erzählerin verbietet sich müssiges Nachdenken über die Wand. Sie konzentriert sich auf das Überleben. Doch wie ich mich kenne, hätte ich wohl meine ganze Energie darauf verwendet, über die Wand und ihren Sinn nachzudenken. Herauszufinden, was sie für mich ist, wie ich mit ihr umzugehen habe, ihre Grenzen auszuloten. Ich hätte die Wand viel persönlicher genommen als die Protagonistin, da bin ich mir sicher. Doch wie die Figur im Buch hätte ich wohl auch Äste in die Erde gesteckt. Mir gefällt zum einen das Bild der allmählich austreibenden Äste, die sich der Mauer emporranken. Ich denke dabei ans Dornröschenschloss und seinen Zauber. Zum anderen veranschaulicht die Hecke das Eingesperrtsein nur umso deutlicher.
Was haben wir wirklich in unserer eigenen Hand? Wer sind unsere Verbündeten? Wer bekämpft uns? Wie können wir am besten leben? Wieso wollen wir weiterleben?
Hin und wieder denke ich an meine Geschichte Hinter dem Horizont. An die Parallelen. Überlebende (bei mir war es eine Weltüberschwemmung) versuchen sich das Leben so angenehm wie möglich zu machen – sobald die Grundbedürfnisse gestillt sind. Die Grauzone zwischen Grundbedürfnissen und Wohlfühl-Ansprüchen ist breit. Nur ein Minimum Wasser (für Kochen und Trinken) zu haben, wäre für mich ein großer Stressfaktor, denn Waschen ist für mich wichtig. Zum Beispiel. Was würde ich noch vermissen? Puh … Unsere Protagonistin vermisst im ersten Sommer Süßigkeiten sehr. (Oh ja, Süßes würde ich gewiss auch vermissen!) Der Zuckervorrat ist schnell aufgebraucht, doch allmählich lässt das Bedürfnis nach (der Entzug ist überstanden). Und sie beschreibt sich gesünder als je. Kein Kopfweh mehr. Weniger wird mehr. Eine Grenze wird zur Chance, sich zu finden.
Ist nicht letztlich jedes gelebte Leben ein Leben hinter einer Wand? Ist nicht die Welt eine einzige große, schöne, hässliche Illusion und sind nicht all die Möglichkeiten, die wir meinen zu haben, nichts als Augenwischerei? Einmal blinzeln, schon sind wir wieder weg. Trotzdem sind wir als Einzelne und als Kollektiv extrem auf uns fixiert, auf unsere Bedürfnisse, auf unser Vorankommen, auf Karriere, Reichtum, spitze Ellbogen, Leistung und Erfolg. Die Wand macht mir klar, dass ich noch immer nicht begriffen habe, was das Leben wirklich meint. Mehr auf alle Fälle.
Weil sich die Protagonistin das Grübeln über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbietet, verbietet sie sich auch zu trauern. Die Welt hinter der Wand, so erkennt sie, wenn sie auf dem Berg mit dem Fernrohr die Gegend absucht, ist tot. Alle ihre Lieben sind gestorben. Darum wird sie im ersten Winter von schrecklichen Albträumen heimgesucht, denen sie erst entgehen kann, nachdem sie sich ihren schweren Gedanken und der Trauer stellt, alles zulässt, Trauer, Schmerz, Sehnsucht Platz schafft. Wie beim Eiterherd, den sie im Kiefer hatte und eines Tages endlich aufzuschneiden wagte, wird auch nach dem Entschluss, alles zuzulassen wie es ist, ihr Leben erträglich.
Ich schweife ab. Mein Vater. Sein Neunzigster. Was würde er zur heutigen Welt sagen, er, der er dem neuen immer sehr aufgeschlossen gegenüberstand, obwohl er früher seine Freizeit und später, als Pensionierter, die meiste Zeit seines Lebens der Erforschung von Vergangenheit, von gelebter Geschichte, gewidmet hatte, was würde er sagen? Mit seiner elektrischen Schreibmaschine hackte er mit zwei Fingern seine Forschungsberichte und Archivtranskriptionen, die ihm viel Anerkennung und Aufmerksamkeit eingebracht hatten. Würde er noch immer forschen?
Danke, Vati, für all das, was ich von dir lernen durfte. Fragen stellen und an Lösungen glauben, zum Beispiel. Und improvisieren. Und Nägel einschlagen. Ich hoffe, dass ich das nie verlerne.
Heute ist Baby-N. bereits ein Jahr alt. Was wohl sein wird, wenn sie neunzig ist?
Gibt’s einen andern Grund ein Kind in Welt zu setzen, als die Hoffnung, damit ein klein wenig die Welt zu verbessern?, gedacht, als ich ihrer Mama, Freundin C.(2), heute Morgen meine lieben Wünsche smste.