Die Neidspirale oder Das Habenwollending

Die Mützenfalterin hat heute einen Auszug aus Knausgårds letztem Buch ’Kämpfen’ zitiert, in welchem sich seine Frau Linda Teil eines größeren Kontextes zu sein wünschte, eine Großfamilie im Park beneidete, die offenbar Teil eines solchen zu sein schien.

Ich gestehe, dass ich diesen Neid bestens kenne. Für mich muss es allerdings keine Großfamilie sein wie im Falle Lindas, die sich verspricht, in dieser verschwinden zu können. (»Stell dir vor, wir hätten etwas, worin wir verschwinden könnten!«). Ich meine, für mich könnte es auch ganz einfach eine kleine Familie sein. Hauptsache etwas, worin ich verschwinden kann. (Danke, Linda, für diesen Denkanstoß.)

Aber mit dem In-etwas-hinein-Verschwinden ist es ja so eine Sache: Verschwindet man wirklich darin, will man es auf einmal doch nicht mehr, auf einmal will man gesehen werden.

»… und was er hat, das will er nicht, und was er will, das hat er nicht …«, weiß ein Kinderlied, das wir oft gesungen haben.

Wie ich über dieses Phänomen der latenten Unzufriedenheit, das ich von mir und anderen sehr gut kenne, nachdenke, wird mir bewusst, wie viel wir alle haben, worauf andere womöglich neidisch sein könnten. Immer picke ich mir ja für meinen Neid Dinge heraus, die ich nicht habe. Und die ich nicht kann. Materielles und Immaterielles wie bestimmte Fähigkeiten. Immer das also, was mir vermeintlich fehlt. (So werde und bin ich blind für das, was ich kann und habe …)

Auf diese Weise lebe ich und leben viele von uns in einer Dauerneidspirale, die weder mir noch anderen gut tut. Als wären es wirklich Dinge, die uns glücklich machen!

Heute Morgen, beim Duschen, wurde mir auf einmal bewusst, wie viel ich habe: Eine Dusche mit fließend Heißwasser zum Beispiel. Und ich habe einen wunderbaren Liebsten, der diese Tage mit mir verbringt, weil er mich liebt. Und ich habe eine gemütliche Wohnung. Ich habe … und ich bin … sooo viel. Wie ich diesen Gedanken so Raum gab, wurde ich mir bewusst, wie reich ich bin. Doch offenbar reicht dieser Reichtum dennoch nicht aus, mich dauerhaft glücklich machen zu können? (Ist Glück eines der Gegenüber von Depression?)

Es sind innere Schalter und innere Knoten, die uns, sind sie so oder so gedrückt oder geknotet, davon abhalten, uns dem, was ist und wie es ist, hinzugeben. Sie lassen sich auch nicht einfach dadurch verändern und auflösen, dass ich mir ein bisschen mehr Mühe gebe, mich weniger mimosenhaft – kurz: anders – verhalte, auf die Zähne beisse oder was immer noch an Tipps von der Front der Helden kommt, die für alle Probleme eine Lösung haben (die meistens nicht wirklich taugt).

Nein, jahrelang verinnerlichte Programme lassen sich nicht mit ein bisschen gutem Willen verändern (obwohl es wohl schon auch viel Willenskraft ist, die wir brauchen, wenn wir etwas langfristig ändern wollen). Mehr noch als guter Wille verändert mich persönlich und langfristig nur wachsende Selbstliebe und die mit ihr in mir wachsende Erkenntnis, dass ich mir genug bin, dass ich genug bin, so wie ich bin, dass ich genug habe mit dem, was ist.

So abgedroschen Sätze wie diese auch klingen mögen, sind sie doch wahr; sie sind die einzige Möglichkeit, die ich persönlich kenne, der Neidspirale langfristig zu entkommen. Und ja, ich gestehe, ich würde das alles hier gerne anders, schöner, wohlklingender, literarischer ausdrücken können, doch weil ich es nicht kann, ist es so, wie es ist, genug. Gut genug.

Das Ding mit dem Glück

Was mich glücklich macht? Wenn ich mich einlassen kann, mit Haut und Haar, wenn ich das Grübeln lassen und wenn ich das, was ich tue, mit voller Hingabe tun kann – ohne Hin- und Herzuspringen, ohne Unterbrechungen, ohne Ablenkungen; wenn ich mich ins Tun vertiefen kann und nicht schon mit den Gedanken beim Nächsten To do, das auf meiner unendlich langen Liste steht, bin; wenn ich Ja sagen kann zum Moment und nicht nach hinten und nach vorn schauen muss …

Wenn – dann … so einfach ist es manchmal, das Ding mit der Hingabe. Wenn Hingabe, dann Glück. Nun ja, natürlich geht die Gleichung nicht immer auf, das Leben ist ja weißGöttin nicht ideal, und oft bin ich es mir nicht bewusst, dass ich nur ein bisschen an der inneren Haltung schrauben müsste, um dem Glück Zugang verschaffen zu können.

Manchmal wiederum ist es einfach einfach, das Ding mit der Hingabe und die Gleichung – wenn Hingabe, dann Glück – geht *schwupps* einfach auf.

Zwei Zauberwörter sind es nur, die es manchmal braucht:
Jetzt
und
Ganz.

Gestern dieser Spaziergang durch den dämmernden Wald mit dem Liebsten. Diese Schale Carameleis mit Waldbeeren auf dem Sofa. Dieses Sein. Den Worten lauschen. Sprechen. Schweigen.

Manchmal kommt das Glück auch ganz unvermutet. Beim Zähneputzen zum Beispiel oder beim Geschirrspülen gar. Beim Schreiben sehr oft. Und manchmal sogar bei der Büroarbeit.

Hauptsache ich lasse mich ein. Und ich lasse mich nicht ablenken – weder von außen noch von mir selbst. Denn Ablenkung ist es vor allem, die mich krank macht.

Und, so denke ich gestern Nacht vor dem Einschlafen, das ist es wohl, was sich die Werbung, was sich die Wirtschaft zunutze macht und in bare Münze umwandelt: Unsere Bereitschaft zur Ablenkung ist das Glutamat des Kapitalismus, der Kommerz- und Konsumgesellschaft (zu meinem Glutamat-Artikel bitte → hier klicken).

Süchtiggewordene sind wir, Getriebene, lechzend nach Impulsen, nach Ablenkungen, nach Konsumzöix, bereit, uns manipulieren und formen zu lassen. Diese neue Unzufriedenheit lässt uns Dinge tun, die wir, wären wir Glückliche, nicht täten, nicht bräuchten.

Ich nenne sie neu, diese Unzufriedenheit, die mit der alten, von Mangel und politischen sowie gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten genährten, nur noch wenig gemeinsam hat. Die Melodie der Unzufriedenheit vielleicht, den unablässigen Wunsch nach Veränderung und den Ruf nach mehr und noch mehr.

Wären wir Glückliche, wir wären anders. Und wir würden anders handeln. Vielleicht würden wir weniger tun, mehr lassen, und vielleicht würden wir mehr dort handeln, wo es nicht nur uns etwas bringt. Und wir würden, das ist meine Hauptthese, weniger konsumieren, weil wir weniger hungrig nach jenen Dingen wären, die zwar dem Gaumen schmeicheln, das Herz aber nicht satt machen.

(Als Kind stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn sich jeder Zustand wie Masern anstecken ließe. Dass sich Glücklichsein zum Beispiel oder Zufriedenheit wie eine Krankheit verbreiten könnten. Wer weiß das schon so genau?)

Wären wir Glückliche, würden wir nie oder wohl nur selten darüber nachdenken, dass wir es sind. Wir wären es einfach.

Baustellen

Eine Welt voller Baustellen. Auf der Straße helfen mir Wegweiser, Tafeln und Ampeln, sie zu umgehen oder unbeschadet zu überleben. Manchmal kommt es so zu Staus. Zu Staus, die sich aber, wenn wir den Engpass hinter uns haben, wieder auflösen. Stau und Auflösung, Problem und Lösung … wenn Leben doch überall so einfach wäre.

Ich sag nur: Technik! Und packe ein kleines Puh mit Ausrufzeichen obendrauf. Am Donnerstag wars. Im Büro tat mein Handy noch seinen Dienst. Kurz darauf, nach dem Tanken vor der Fahrt nach Deutschland, schrieb ich dem Liebsten munter und vorfreudig, dass ich gleich losfahren und in etwa dreieinhalb Stunden bei ihm sein würde.

So weit so gut. An der Grenze, die ich wie immer bei Basel querte, war mein Handy ein erstes Mal abgestürzt. Nun ja, kann ja vorkommen. Als ich zweieinhalb Stunden später, in einem elsässischen Wald, pinkle, ist das Handy tot. Lässt sich nicht mehr anschalten noch laden. Das Uralthandy mit der deutschen Karten geht zum Glück noch, denn ehrlich: so ohne funktionierendes Handy fühlt man sich ja schon irgendwie nackt und verletztlich. Ich Pechvogel aber auch.

Irgendlink hat mir schon vor einer Woche einen Ersatzakku bestellt, den er am Abend ins tote Handy einbaut, so dass es wieder läuft- Eine Reanimation, die nicht wirklich so viel bringt. Der nächste Absturz ist nah – das Handy stürzt ab, startet neu, stürzt ab … da capo al fine. Kurz und gut: Das Teil ist ohne Reparatur nicht mehr zu gebrauchen. Auch nach gründlichem Putzen aller Schnittstellen nicht. Vermutlich die Nachwirkungen des sommerlichen Reussbades, das ich glimpflich überlebt geglaubt hatte. Sagt auch der Apfeldoc, den wir aufsuchen und der uns für teuer Geld einen neuen Akku samt Ultraschallreinigung aufnötigen will. Ich sage nein, ist doch das Handy schon ein paar Jährchen alt. Und vielleicht können wir − heißt Irgendlink, der Problemlöser vom Dienst − es ja doch noch selbst sauber bekommen?

Am Freitagabend kommt Journalist F. zu Besuch. Zeigt sein neues Handy vor. Sein altes iPhone, ein neueres als meins, sei ihm runtergefallen, gehe zwar noch, bräuchte aber ein neues Display. Ich könne es bekommen, gratis, müsse mir aber ein neues Display drauftun lassen.

Juhu! Wir holen es am Samstag ab. Der Display-Reparaturservice-Mann bei Mister Minit kann aber samstags nicht und so fahren wir mit dem kaputten Teil zurück auf den Hof. Nun gut, so schlimm ist das nicht, konfigurieren kann ich es ja auch so. Und mit Tesafilm überklebt sind die Risse auch nicht mehr so gefährlich für die Fingerspitzen. Sieht eigentlich sogar ziemlich witzig aus. Wäre da nicht dies doofe NanoSIM-Karte gefragt, wäre alles ein Kinderspiel. Wir schnippeln meine Schweizer Microkarte zurecht, bis sie fast zu klein ist. Aber Handy2irgendwie habe ich irgendwannalle gebackupten Daten auf dem Handy und bin einfach nur froh, ich Glückspilz ich.

Nun ja, jene Phase, als es eine Weile lang so ausgesehen hatte, als hätte ich meine SIM-Karte unrettbar mit der Schere zerstört, war schrecklich. Wie sollte ich ein paar Tage ohne funktionierendes Handy leben? Undenkbar! Ich gestehe, dass dies doch eine ziemlich erschütternde Erkenntnis war. Diese Abhängigkeit von Dingen wie Erreichbarkeit, Kommunikation, allzeitbereitem Foto-, Twitter- und Blogapparat … Handy1

Wie gesagt: Baustellen überall. Wie schön es wäre, wenn ich mich endlich und überall endlich selbst wieder eingeholt hätte. Wenn ich mich selbst synchronisieren könnte − wie das Handy dank Backup auf dem Rechner. Und wenn ich nicht immer das Gefühl haben müsste, mir hinterher zu sein, ohne Hoffnung auf Einholen. Bei der Arbeit im Büro ebenso wie bei all den Projekten, an denen ich sonst noch so arbeite. Endlich ankommen. (Notiz an mich: Und dann? Und gleich noch eine Notiz: Wie viele Baustellen verträgt ein Mensch ohne krank zu werden? Oder zumindest, ohne die Übersicht zu verlieren?)

Baustellen. Eine gibt’s übrigens auf Pixartix, dem Bilderblog, wo ich heute meinen Drei Bilder-Zyklus gestartet habe.

Zufällig

Ob zufällig oder nicht, zurzeit stolpere ich über Bücher, die keine Krimis und weder belletristische noch hochgeistige Literatur sind, auch nicht klassische Biografien. Eher so Bücher, wie das, woran ich selbst arbeite. Bleuel_raushier Biografische Essays, Ausschnitte, Lebensabschnitte, Hinblicke, Einblicke. Das eine habe ich heute auf Onleihe entdeckt: Ich will raus hier. Nataly Bleuel beschreibt den Moment in ihrem Leben, als sich alles wendete und das, was danach kam. Diese Sehnsucht nach dem Leben, das sich vom Leben im Hamsterrad unterscheidet.

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Auch Milena Mosers neues Buch geht in eine sehr ähnliche Richtung. Sie schreibt in Das Glück sieht immer anders aus über ihre Reise durch die USA, in der sie sich von ihrer Erschöpfungsdepression oder was immer es war, erholt und sich selbst und ihrer inneren Stimme wieder gehorchen will.

Bücher über Wandlungen mochte ich schon immer.

Und nun übergebe ich Nataly Bleuel das Wort:

bleuelraus

Und ihr? Was braucht es, damit ein Buch, ein persönliches Buch, euch berührt?

Wie die Kinder

Heute, beim späten Frühstück, im neuen A-Bulletin geschmöckert, einem kleinen alternativen Inserate- und Info-Blatt, das ich schon sehrsehr lange abonniert habe. Handgestrickt noch immer, setzt es sich wie eh und je mit allen möglichen Themen, die auch mich beschäftigen, auseinander.

Heute las ich auf dem Titelbild dies hier:

A-Bulletin_Kinder1a

A-Bulletin_Kinder2a

Wer sich ebenfalls für das Thema interessiert, findet hier [→ KLICK] und hier [→ KLICK] mehr Infos über Daniel Hess und seine Glücksschule und auch bei Blinkyblanky habe ich heute unter dem schlichten Titel Schule etwas Seelenverwandtes gefunden.

Ich erinnere mich zum Glück nicht schmerzlich an meinen Schulunterricht. Obwohl es schon auch fragwürdiges, wie Schönschreibnachhilfestunden gab, hatte ich doch das Glück, recht moderne, eher junge Lehrkräfte gehabt zu haben. Fast immer. Außer im Französisch in den letzten Jahren. Im großen Ganzen also recht unschlimm. Dennoch: so viel Glück haben nicht alle. Ich bin überzeugt davon, dass die Glücksschule da einen wichtigen Gedankenanstoß gibt, denn Schule muss sich ständig weiterentwickeln. So wie wir Menschen es ja auch tun. Das Leben heute ist anders als vor zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig Jahren als wir, die wir heute den Großteil der Bevölkerung ausmachen, zur Schule gingen.

Damit die Kinder von heute morgen eine Welt gestalten können, in der man noch staunen und lachen und glücklich sein kann.

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Details zum Buch Glücksschule gibt es hier: → klicken

Infos zum A-Bulletin gibts auch hier: → klicken

bestimmt, aber von wem?

Ich sehne mich nach mehr Authentizität, sinnierte ich heute Morgen, als ich Yoga übte. Kurz vorher hatte ich mich noch gefragt, warum ich mich für Dinge, die ich im Grunde total gerne mache und die ich als sehr wohltuend erlebe, so überwinden muss. Faulheit? Ja, schon, aber das ist nur eine von einer ganzen Anzahl Antworten. Auch Selbstsabotage ist eine davon – obwohl sie natürlich keine ist.

Beim Yoga blitzt auch dieser Gedanke auf: Ich sehne mich nach einem selbstbestimmten Leben.

Doch was heißt das überhaupt? Und wie fremdbestimmt bin ich wirklich, wer bestimmt mich fremd? Gehören meine Zimmerpflanzen und meine GeschäftskundInnen zu den mich fremdbestimmenden Faktoren – oder (falls nicht) deshalb nicht, weil ich mich diese Verantwortlichkeiten selbst ausgesucht habe? Ist meine Arbeitsstelle ein mich fremdbestimmender Faktor, obwohl ich den Arbeitsvertrag freiwillig unterschrieben habe? Ist meine Mietzinsrechnung ein mich fremdbestimmendes Element, obschon ich diese Wohnung freiwillig und gerne bezogen habe? Was genau bestimmt mich fremd, wenn nicht ich selbst in jenen Momenten, wo ich nicht tue, was ich gerade aus Überzeugung hier und jetzt tun will? Ist etwas-tun-sollen schon Fremdbestimmung und wie schlimm ist Fremdbestimmung überhaupt? Fremdbestimmung ist kein Synonym für Verantwortung für etwas zu tragen. Was ist sie überhaupt? Und ist 100%ige Selbstbestimmung überhaupt möglich und erstrebenswert? Freiheit pur? Illusion nur? Wie würde sie in echt denn konkret aussehen?

Beim Weiterkreisen um dieses unfassbare Thema stelle ich fest, dass meine Sehnsüchte nach mehr Selbstbestimmung auf der Ebene des Alltags, der Alltagsgespräche, hängen bleiben, bei der Freiheit des Denkens. Ich fühle mich konkret oft dann unfrei und fremdbestimmt, wenn es darum geht, was ich sagen soll. Wie ich agieren, wie ich reagieren, wie mich verhalten soll. Adäquat. Gruppenkonform. Gesellschaftskonform. Angepasst. Gegen den Strom schwimmend.

Selbstbestimmung hat mit Mut zu tun. Mit jenem Mut, zu sagen, zu tun, zu lassen, zu wollen, was mit meinem Herz synchron ist. Und mit meinem Kopf.

((Aber da fängt auch schon mein Problem an, denn Kopf und Herz sind oft genug nicht synchron. Der Kopf gehorcht anderen Geboten und Mustern als das Herz. Ist mein Kopf eher die objektivere Instanz, will das Herz vom Subjekt ausgehend oft etwas anderes. Die beiden tauschen sich zwar laufend aus und das nicht mal im Streit, aber einig werden sie sich fast nie. Ich stelle ich mir das Ganze zuweilen als eine Art bilaterale Konferenz vor, wo viel abgewogen und argumentiert wird – ohne eine wirkliche Lösung zu finden. Am Schluss hat leider oft der Kopf das Sagen, denn weil er besser argumentieren kann, gibt das Herz meistens nach. Es denkt sich: Was zählen schon Gefühle gegenüber all der klugen Argumente dieses schlauen Kopfes? Synchronisierung ist also nicht wirklich das richtige Wort. ))

Meinen obigen Satz – Den Mut, zu tun, zu sagen, zu lassen, zu wollen, was mit meinem Herz synchron ist – muss ich umschreiben in: Den Mut, zu tun, zu sagen, zu lassen, zu wollen, was mit meinem System synchron ist.

Ist Selbstbestimmung also eine Frage des Mutes? Sicher, aber nicht ausschließlich. Ich denke, wie selbstbestimmt wir leben können, hängt auch vom gesellschaftspolitischen Kontext ab, in welchem wir uns aufhalten. Es ist eine Frage der Prägung auch, wie sehr wir unser Leben selbstbestimmen wollen und können. Und sicher eine Frage der Fähigkeit, uns und unsere Mitwelt in einer reflektierenden Haltung wahrnehmen zu können.

Verhält sich unsere Kompetenz, uns, unsere Mitwelt, unser Verhalten, das Verhalten anderer kritisch und reflektierend wahrnehmen zu können, vielleicht umgekehrt proportional zu unserer Glücks-„Kompetenz“? Je mehr wir uns kritisch mit der Umwelt auseinandersetzen und über sie nachdenken, desto unglücklicher wären wir demnach? Keine Ahnung, ob das so ist. Ich las einst in einer Statistik über Depressionen und Suizide (leider weiß ich nicht mehr, wo das stand), dass der Anteil gebildeter Menschen, die sich das Leben nehmen, ziemlich hoch sei. Das lässt möglicherweise den Schluss zu, dass Menschen, die mehr über das Leben nachdenken als der Rest der Menschheit, eher am Leben verzweifeln. Ist das Glück möglicherweis umso schwerer zu finden, je komplizierter wir das Leben wahrnehmen? [Das sind jetzt aber keineswegs ausgereifte oder gar recherchierte Aussagen, nur so Gedankenfetzen …]

Anders gesagt: Ist zu viel Freiheit und Selbstbestimmung gefährlich – und wenn ja, für wen?

Wie kann ich, wie können wir, in dieser Gesellschaft uns gegenüber treu sein und doch in ihr integriert leben?

Patchwork

Wir fühlen uns richtig gut, wenn wir tun, was uns gut tut. Und wir tun uns und anderen gutes, damit wir uns gut fühlen. Soweit so gut, denn wir fühlen uns gerne gut. Eigentlich. Dumm nur, dass wir uns auch gut fühlen, wenn wir tun, was uns nicht gut tut, weil wir es zum Beispiel tun und taten, um uns selbst zu bestrafen. Was uns nur vermeintlich gut tut. Und dumm auch, dass wir uns oft schlecht fühlen, wenn wir tun, was uns eigentlich richtig gut tut. Weil wir es uns nicht gönnen.

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Sie hütet sie gut, ihre Geheimnisse. Längst hat sie dicht gemacht. Ihre Schutzhaut gleich einer Jeans, jahrelang getragen, bequem, doch dünn da, wo wieder und wieder an ihr herum gerieben, gedrückt, gedrängt und gezwängt worden ist. Beinahe durchsichtig an besonderen Stellen. Berührbarer dort mehr als anderswo. Besonders dort. Ausgerechnet dort. Abgewetzte Schutzhaut. Anfällig für neue Wunden, wo es am meisten schmerzt. Empfindlicher, empfänglicher. Zum Glück auch für Glück.

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Baustelle betreten auf eigene Gefahr. Schutzhelm obligatorisch. Ist das Kunst, oder was? Darf man Baustellen sehen, das Making-of, den Prozess, bevor etwas veröffentlicht wird und muss etwas, das veröffentlicht wird, perfekt sein? Was ist mit Ready-mades/Objets trouvés? Ist es eine Abwertung, wenn man den Vorhang öffnet, bevor …? Wird Kunst künstlich verklärt? Ich sag nur Fluxus*, John Cage, Marcel Duchamp. Von ihm übrigens der wunderbare Satz:
Der Betrachter vervollständigt das Kunstwerk.
Lebe deine Kunst, verkunste dein Leben.
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