Tagesstruktur

Eieiei
Eieiei – klick mich an und mach mich groß

Bei mir drehen sich die meisten Reizwörter (wer keine hat, werfe den ersten Satz!), die mit Reizwäsche so viel gemeinsam haben wie ein Elefant mit Tanzschuhen, um die Themen Erfolg im Beruf, Karriere und gesellschaftskonforme oder -kompatible Lebenszeitgestaltung.

Denn sagen wir es mal so: die meisten westlich formatierten Menschen würden wohl das Leben, das ich lebe, als gescheitert betrachten. Zum Beispiel habe ich damals keinen akademischen Weg Laufbahn eingeschlagen, obwohl ich gekonnt hätte. Ich habe stattdessen mehrere unterschiedliche Berufe gelernt und je ein paar Jahre auf ihnen und in verwandten Gefilden gearbeitet, aber irgendwann hatte ich in allen Jobs – so gut sie auch waren – genug gesehen und zog weiter, statt mich auf etwas zu spezialisieren, mich weiterzubilden und höher zu klettern. Getrieben einzig und immer wieder von der Sehnsucht nach so etwas wie Berufung im Beruf.

Seit fünfundzwanzig Jahren bringe ich mich mit Teilzeitjobs oder als Selbständige durch, wenn auch manchmal eher schlecht als recht, doch war mir Zeit von jeher wichtiger als viel Geld auf dem Konto. Grüne Zweige sehe ich vor allem im Wald. Ich brauche meine Lebenszeit für meine kreativen Projekte, für andere Menschen, für mich, fürs Lesen, fürs Nichtstun und um aufzutanken.

Okay, fragst du dich, schön und gut, aber was hat das alles mit Reizwörtern zu tun? Tja, ich habe es wirklich nicht so mit den allgemein verbreiteten Werten unserer Gesellschaft, viele dieser Wörter wie Erfolg und Tagesstruktur jucken auf meiner Haut, reizen mich. Ich bewerte gewisse Wörter, ihre Inhalte, ihre Bedeutung, wohl einfach anders. Erfolg zum Beispiel ist für mich etwas anderes als für meine Arbeitskolleginnen. Für sie ist Erfolg, wenn ein Stellenloser, der bei uns zur Beratung kommt, einen Praktikumsplatz und später eine neue Arbeitsstelle findet und so wieder eine Tagesstruktur erhält. Fakt ist, dass Leute, die lange arbeitslos sind, es schwerer haben, wieder eine Stelle zu finden. Sie werden weniger gerne angestellt, weil sie oft über längere Zeit keine (staatlich nachvollziehbare) Tagesstruktur mehr gehabt haben. [Sie sind nicht mehr so einfach handzuhaben vielleicht. Verwildert?]

Tagesstruktur. Das ist eins dieser vielen Wörter, die sich einfach so in den deutschen Sprachgebrauch geschlichen haben. Wird jemand arbeitslos, bedauert man ihn nicht in erster Linie für den Lohnausfall, sondern für den Verlust seiner Tagesstruktur. Las ich heute in der Tageszeitung. Und ich glaube, es stimmt, denn viele Stellenlose, die ich am Telefon hatte, jammern darüber, dass ihnen das Dach auf den Kopf falle, wenn sie immer nur zu Hause sitzen müssen. Sie wollen arbeiten gehen, sie fühlen sich wertlos so ganz ohne Arbeit.

Und da, genau da, stößt es mir auf: Kann es denn sein, dass wir Menschen uns a.) derart ausschließlich über unsere Arbeit definieren, die wir außer Haus und gegen Bezahlung verrichten, und b.) nichts mit unserer Zeit anfangen können außer panisch Daumen zu drehen, sobald man uns keine Arbeit in die Hände drückt und dann dieses Tätigkeit als unsere Tagesstruktur definiert?

Gut, als wir noch alle Jägerinnen, Bauern, Schreinerinnen und Bäcker waren, sah es diesbezüglich anders aus. Da wurde das verkauft, getauscht oder gegessen, was unsere Hände kreiert hatten. Unsere Arbeit war unmittelbar nachvollziehbar. Ursache und Wirkung.

Heute ist Arbeit ganz oft eine abstrakte Größe, die in erster Linie unsern Tag strukturiert, in Felder unterteilt, die im Kalender als ganztägige Beschäftigung aufgeführt werden. In zweiter Linie hält die Arbeit unsern Kontostand über Null. Abstrakt, wie gesagt.

Reizwort Tagesstruktur. Besser noch Reizinhalt Tagesstruktur. Es fängt ja schon im Kindergarten an. Die Kinder brauchen Tagesstruktur, später die Angestellten und die Stellensuchenden und im Altersheim gibt’s um vier Uhr Tee und um fünf wird gesungen, nachdem morgens um zehn Gymnastik war und um elf Stricken im Gemeinschaftsraum. Jede Minute wird gefüllt. Bloß keine Lücken!

Ich brauche keine vorgegebene Tagesstruktur!, sagte ich vor Jahren zu meinem Berater auf dem Arbeitsamt, als er mich in ein Programm packen wollte, wo ich eine solche bekommen würde. Noch heute bin ich stolz auf meine Schlagfertigkeit. Obwohl – es war nicht eigentlich eine schlagfertige Antwort, sondern die Wahrheit. Meine Wahrheit.

Ja, ich schaffe mir meine Struktur gerne selbst: Wenn ich kann, wie ich will, schlafe ich viel und arbeite vor allem nachmittags, abends und nachts. Ja, ich arbeite gerne an meinen Projekten, künstlerische oder handwerkliche. Ich arbeite auch gerne an KundInnenaufträgen. Und ich nehme mir Zeit für Pausen. Sie sind die not-wendigen Lücken zwischen den Worten.

Ohnelückewärediesertextziemlichschwerzulesen, darum mache ich jetzt sofort wieder Leerschläge.

[Und jetzt?
Jetzt ist es 17 Uhr.
Feierabend im Büro.
Mittwochabend.
Der Auftakt meines Pfingst-Wochenendes.
Ich Glückspilzin.
Tschüss Büro.]

© für Text und Bild: Sofasophia | 4. Juni 2014

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Appspressionismus: Bild von A-Z auf dem iPhone kreiert.

bestimmt, aber von wem?

Ich sehne mich nach mehr Authentizität, sinnierte ich heute Morgen, als ich Yoga übte. Kurz vorher hatte ich mich noch gefragt, warum ich mich für Dinge, die ich im Grunde total gerne mache und die ich als sehr wohltuend erlebe, so überwinden muss. Faulheit? Ja, schon, aber das ist nur eine von einer ganzen Anzahl Antworten. Auch Selbstsabotage ist eine davon – obwohl sie natürlich keine ist.

Beim Yoga blitzt auch dieser Gedanke auf: Ich sehne mich nach einem selbstbestimmten Leben.

Doch was heißt das überhaupt? Und wie fremdbestimmt bin ich wirklich, wer bestimmt mich fremd? Gehören meine Zimmerpflanzen und meine GeschäftskundInnen zu den mich fremdbestimmenden Faktoren – oder (falls nicht) deshalb nicht, weil ich mich diese Verantwortlichkeiten selbst ausgesucht habe? Ist meine Arbeitsstelle ein mich fremdbestimmender Faktor, obwohl ich den Arbeitsvertrag freiwillig unterschrieben habe? Ist meine Mietzinsrechnung ein mich fremdbestimmendes Element, obschon ich diese Wohnung freiwillig und gerne bezogen habe? Was genau bestimmt mich fremd, wenn nicht ich selbst in jenen Momenten, wo ich nicht tue, was ich gerade aus Überzeugung hier und jetzt tun will? Ist etwas-tun-sollen schon Fremdbestimmung und wie schlimm ist Fremdbestimmung überhaupt? Fremdbestimmung ist kein Synonym für Verantwortung für etwas zu tragen. Was ist sie überhaupt? Und ist 100%ige Selbstbestimmung überhaupt möglich und erstrebenswert? Freiheit pur? Illusion nur? Wie würde sie in echt denn konkret aussehen?

Beim Weiterkreisen um dieses unfassbare Thema stelle ich fest, dass meine Sehnsüchte nach mehr Selbstbestimmung auf der Ebene des Alltags, der Alltagsgespräche, hängen bleiben, bei der Freiheit des Denkens. Ich fühle mich konkret oft dann unfrei und fremdbestimmt, wenn es darum geht, was ich sagen soll. Wie ich agieren, wie ich reagieren, wie mich verhalten soll. Adäquat. Gruppenkonform. Gesellschaftskonform. Angepasst. Gegen den Strom schwimmend.

Selbstbestimmung hat mit Mut zu tun. Mit jenem Mut, zu sagen, zu tun, zu lassen, zu wollen, was mit meinem Herz synchron ist. Und mit meinem Kopf.

((Aber da fängt auch schon mein Problem an, denn Kopf und Herz sind oft genug nicht synchron. Der Kopf gehorcht anderen Geboten und Mustern als das Herz. Ist mein Kopf eher die objektivere Instanz, will das Herz vom Subjekt ausgehend oft etwas anderes. Die beiden tauschen sich zwar laufend aus und das nicht mal im Streit, aber einig werden sie sich fast nie. Ich stelle ich mir das Ganze zuweilen als eine Art bilaterale Konferenz vor, wo viel abgewogen und argumentiert wird – ohne eine wirkliche Lösung zu finden. Am Schluss hat leider oft der Kopf das Sagen, denn weil er besser argumentieren kann, gibt das Herz meistens nach. Es denkt sich: Was zählen schon Gefühle gegenüber all der klugen Argumente dieses schlauen Kopfes? Synchronisierung ist also nicht wirklich das richtige Wort. ))

Meinen obigen Satz – Den Mut, zu tun, zu sagen, zu lassen, zu wollen, was mit meinem Herz synchron ist – muss ich umschreiben in: Den Mut, zu tun, zu sagen, zu lassen, zu wollen, was mit meinem System synchron ist.

Ist Selbstbestimmung also eine Frage des Mutes? Sicher, aber nicht ausschließlich. Ich denke, wie selbstbestimmt wir leben können, hängt auch vom gesellschaftspolitischen Kontext ab, in welchem wir uns aufhalten. Es ist eine Frage der Prägung auch, wie sehr wir unser Leben selbstbestimmen wollen und können. Und sicher eine Frage der Fähigkeit, uns und unsere Mitwelt in einer reflektierenden Haltung wahrnehmen zu können.

Verhält sich unsere Kompetenz, uns, unsere Mitwelt, unser Verhalten, das Verhalten anderer kritisch und reflektierend wahrnehmen zu können, vielleicht umgekehrt proportional zu unserer Glücks-„Kompetenz“? Je mehr wir uns kritisch mit der Umwelt auseinandersetzen und über sie nachdenken, desto unglücklicher wären wir demnach? Keine Ahnung, ob das so ist. Ich las einst in einer Statistik über Depressionen und Suizide (leider weiß ich nicht mehr, wo das stand), dass der Anteil gebildeter Menschen, die sich das Leben nehmen, ziemlich hoch sei. Das lässt möglicherweise den Schluss zu, dass Menschen, die mehr über das Leben nachdenken als der Rest der Menschheit, eher am Leben verzweifeln. Ist das Glück möglicherweis umso schwerer zu finden, je komplizierter wir das Leben wahrnehmen? [Das sind jetzt aber keineswegs ausgereifte oder gar recherchierte Aussagen, nur so Gedankenfetzen …]

Anders gesagt: Ist zu viel Freiheit und Selbstbestimmung gefährlich – und wenn ja, für wen?

Wie kann ich, wie können wir, in dieser Gesellschaft uns gegenüber treu sein und doch in ihr integriert leben?