Neulich auf Twitter fragte einer, warum sich manche Twitternde von Selfies gestört fühlen. Ich unkte als Antwort, dass ich befürchte, dass unsere Welt noch an Narzissmus ertrinken wird oder an Mangel an echter Liebe verhungern. Ich schob nach, dass ich mich nicht von den Selfies an sich gestört fühle, sondern dass ich eher das Posten von Selfies und das Posen auf Selfies, gestört finde. (Versteht mich nicht falsch, Selfies zu machen, ist okay. Aber dieser Drang, diese − kaum gemacht − auch gleich posten, sich selbst vorzeigen zu müssen, ist doch irgendwie krank. Oder ist es eine neue Form davon, sich zu vergewissern, dass man lebt? Dass man noch lebt?
Nicht dass ich etwas gegen gute Porträts oder gegen Fotos mit Menschen drauf hätte. Nein, habe ich nicht. Es ist wohl eher dieses Posen, dieses Drang zur Selbstdarstellung, den ich ziemlich bedenklich, fast eklig, finde. Ein Zeichen, ein Symptom einer ziemlich kranken Gesellschaft, deren Mitglieder ihre Selbstwahrnehmung nach außen verschoben, nach außen delegiert haben.)
Doch ist das Selfie wirklich so etwas ganz und gar anders als ein Tweet oder ein Blogpost? Ist nicht eigentlich unser Übermaß an Teilgabe an unserem Leben, die dank Internet schier unbegrenzt möglich ist, krank und gestört? Dieser Ausschüttungszwang unserer Gedanken in diese Welt. Andererseits: Würden wir sie nicht ausschütten, auskotzen, wären sie ja ständig in uns drin und würden in uns gären und faulen und uns auffressen und krank machen undundund. Und darum schütten wir uns aus. Dann können die anderen schauen, was sie damit machen sollen (Sorry, ich wiederhole mich thematisch …)
+++ Schnitt +++
Erwacht bin ich heute Morgen, es war 5:55, mit dem Gedanken, den Gedanken festzuhalten, den ich soeben, erwachend, gedacht hatte. Diesen Gedanken hier: Warum wollen wir eigentlich alles immer gleich festhalten, aufschreiben oder gar publizieren? Warum halten wir alle unsere Gedanken, seien sie noch so banal, für aufschreibenswert?
Ich hatte es notiert, natürlich, weil es ja so ein wichtiger Gedanke ist, und ich wusste auch, dass ich darüber bloggen würde. Warum auch immer.
Woher, verdammt, woher kommt diese Teilenmüssen-Sucht, dieses Seht-her-was-ich-esse-trinke-denke-tue-Getue?
Und wie ist das eigentlich bei Nicht-Bloggenden, Nicht-Twitternden, Nicht-Facebookenden, Nicht-Elloenden oder sonstwie Sich-nicht-in-den (a)sozialen-Medien-Tummelnden?
Mal ausgenommen von jenen, die tatsächlich kaum das Bedürfnis haben, sich auszudrücken und auszutauschen, vermute ich, dass all die nichtangeleinten, nicht onlinen Menschen einfach andere Mittel und Wege suchten, fanden, suchen und finden. Nachbarn zutexten zum Beispiel. Leserbriefe an die Zeitungen schreiben. Im Dorfladen tratschen. Die Familie volllabern oder den Arzt und die Apothekerin. Am Stammtisch, am Arbeitsplatz …
Oh, ich gehe zu weit? Soziale Kontakte sind doch etwas ganz wichtiges und ganz wunderbares. Ja, klar.
Aber.
Dieses Übermaß an Selbstausdruck … nein, ich verstehe es nicht wirklich. Nicht bei mir, nicht bei anderen. Und tue es doch, drücke mich ständig irgendwo irgendwie aus; und ich muss gestehen, dass ich bisweilen diese menschlichen Tendenzen mit Argwohn – um nicht zu sagen mit Ekel – betrachte. An mir vor allem. Und ja, auch an anderen.
Quelle: Arm am Strand | http://hagen.cocoate.com/2015/01/05/arm-am-strand/
Gestern habe ich auf Hagen Grafs Blog diesen Artikel gefunden. Ich werde später wohl auch mal noch ein paar Antworten schreiben. Nicht jetzt, nicht heute.
Heute nur einen Ausschnitt aus besagtem Artikel und die ersten Antworten:
Werte Künstlerin, werter Künstler
Was verstehst du unter Kunst?
Worum geht es bei deiner Kunst?
Wie entstehen deine Kunstwerke?
Hast du ein Atelier?
Wie bist du eigentlich Künstler geworden?
Wie verbringst du einen “normalen” Tag?
Wie finanzierst du dein “Künstlerleben”?
Wo kann ich deine Kunst sehen und vielleicht sogar kaufen?
Wenn du dich angesprochen fühlst, antworte bitte auf die Fragen in dem Medium, das dir am besten gefällt. Hier im Blog mit einem Kommentar oder in deinem Blog oder per Tweet an @hagengraf oder per Post (Hagen Graf, 36 Rue du Pla, 11510 Fitou, France) oder per Kunstwerk :).
Ich verlinke und veröffentliche alles was kommt und bedanke mich schon im Voraus dafür, dass Du dir Zeit genommen hast, meine Fragen zu beantworten. Wenn dir die Sache gefällt, gebe den Link bitte weiter.
Vielleicht entwickelt sich daraus eine Debatte, ein wie auch immer geartetes Netz, ein Kunstprojekt, ein Erkenntnisgewinn oder ein fetter “KunstDeal” für dich, mich und die Leser :).
+++
Die Antworten
Denise:
Ich glaube, dass es Menschen gibt, die eine Künstlerseele beherbergen und welche, die nicht. Das ist ähnlich, wie wenn jemand eine Affinität für Holz hat, der andere für Zahlen, die dritte für Zusammenhänge. Irgendwann im Leben wurden bestimmte Areale im Hirn wohl diesbezüglich vermehrt stimuliert, meinte neulich mal eine Freundin. Maybe.
Menschen mit KünstlerInnenseelen nehmen, meiner These zufolge, die Umwelt aus einer Perspektive wahr, die irgendwie umfassend wahrnimmt, wie das Erlebnis, das Gedachte, des Geschehene verwurstet und ausgedrückt werden kann. Input-Output. Essen-Verdauen.
Wer dieses Bedürfnis hat und ihm nachgibt, ist – ungeachtet davon, wie angesehen er ist und wie genial oder bescheiden seine Werke sind – in meinen Augen ein Mensch mit einer Künstlerseele. Guck dazu auch meinen Text hier.
Ich hoffe, du bekommst viele Impulse.
Jürgen und ich haben das Thema noch oft weitergesponnen, das wir mit euch angedacht und gekaut haben. Ich bin im Grunde fast sicher, dass du eine Künstlerseele in dir hast.
Übrigens: schönes Relaunch deines Blogs!
Hagen:
Danke Denise für Link und Kommentar.
Siehst du dich als Künstlerin?
(Und danke für das Lob)
Denise:
Ja. Unabhängig von Erfolg oder nicht.
Wegen der Art und Weise, wie ich denke. Und wie ich die Welt sehe.
Und nun lese ich mir mal, was Jürgen geschrieben hat …
+++
Irgendlink:
Lieber Hagen, wie Denise schon sagte, hat uns das Gespräch letzte Woche sehr inspiriert und zum Nachdenken gebracht. Wir haben sogar eine Mindmap dazu angelegt.
Was verstehst du unter Kunst?
Ich habe drei Kunstverständnisse: Erstens ist es eine Lebensart und man geht voll darin auf, egal wie bekannt man ist und ob man auf dem Kunstmarkt wahrgenommen wird. Für mich ist das so. Ich habe etwa zehn Jahre gebraucht, um mich ruhigen Gewissens als Künstler zu bezeichnen und ich bezeichne mich jetzt so, weil mir keine andere Bezeichnung einfällt.
Womit wir zu Zweitens kommen: Die wirtschaftliche Seite der Kunst, das Ansehen der Künstler, Ihr Lebenslauf, der sie so wertvoll macht und auch den Marktwert ihrer Kunst mitbestimmt (bei welchem Prof. auf welcher Uni hat der Künstler studiert, wo wurde er ausgestellt, welche Stipendien und Kunstpreise und Publikationen hat er erhalten, in welchen Sammlungen sind seine Werke vertreten). Vincent van Gogh wäre nach diesen Kriterien kein Künstler gewesen und die Bilder, die er gemalt hat, wären auch keinen Kunst gewesen. Drittens: Kunst ist, was als Kunst rezipiert wird. Hier kommen wir zum des Kaisers neue Kleider Prinzip und zu den Fallstricken des Menschseins: dass wir uns gerne gegenseitig etwas vormachen und wenn genügend viele sich im einander etwas Vormachen einig sind, wird das, was man sich vormacht wahr und hat einen messbaren Wert. Wir hatten ja Duchamp angesprochen. Seine Fontaine,
Worum geht es bei deiner Kunst?
In meiner Kunst mischt sich Geschriebenes mit Fotografie. Mein Blog ist das Kunstwerk oder die Literatur oder eben einfach nur ein Blog, in dem sich das alles mischt. Ich bin Konzeptkünstler, setze komplexe Gedankenkonstrukte um und visualisiere sie in Fotocollagen und Texten. Der Stoff oder das Leitmotiv meiner Kunst ist die Straße. Seit 1995 mache ich auf langen Fahrradreisen alle zehn Kilometer ein Straßenfoto – immer mit Normalbrennweite in Richtung Reiseziel. Das ist die sture Struktur für Ausstellungen, in denen die Straßenfotos dann mit den schönen Motiven, die einem unterwegs so ins Netz gehen angereichter werden. Seit 2010 verlagert sich meine Kunstaktivität zunehmend ins Netz. Ich blogge live, z.B. auf dem Jakobsweg oder 2012 auf der North Sea Cycle Route. Am liebsten würde ich mich selbst als Appspressionist sehen, weil das so lustig nach Expressionismus klingt.
Wie entstehen deine Kunstwerke?
Unterwegs, spontan, aus der Hüfte geschossen seit 2010 fast ausschließlich mit dem Smartphone. Manchmal setze ich ähnliche Bilder zu Bildcollagen zusammen. So lassen sich per Smartphone riesige Abzüge in hoher Qualität erzeugen.
Hast du ein Atelier?
Ja, in einem umgebauten Rinderstall – aber ich arbeite vorwiegend am PC oder auf dem Smartphone und das Atelier ist unterwegs. Mein Ziel ist es, das Blog als Kunstwerk zu etablieren und die live gebloggten Reiseinhalte sind die Kunst. Jeder darf mitkommen und beim Entstehen neuer Kunststraßen und Livereisen über die Schulter schauen.
Wie bist du eigentlich Künstler geworden?
1988 musste ich wegen Zivildiensts ein Bauingenieursstudium nach dem zweiten Semester unterbrechen – zwanzig Monate später konnte ich da nicht wieder Fuß fassen. Nach zwölfjährigem Training hatte ich mir ein normales Leben abgewöhnt mitsamt den Existenzängsten, dem sinnlosen Wollen und der Illusion, Geld böte auch nur irgendeine Sicherheit oder bringe gar Glück.
Wie verbringst du einen “normalen” Tag?
Unterwegs: radelnd oder zu Fuß dem Reiseziel entgegenstreben – Blogartikel wachsen prächtig im Hirn, wenn man so vor sich hin läuft oder radelt. Mit der Kamera all die tollen Motive vom Wegesrand mitnehmen. Abends Zelt aufbauen, kochen, Blogartikel schreiben und Bilder bearbeiten. Der Rest ist Zufall.
Daheim: wenn Webseitenaufträge da sind am PC sitzen und die erledigen. Bilder bearbeiten, Kunstprojekte formulieren, im Web Kooperationen recherchieren, auch eine kreative Arbeit. Das ganze gut durchmischt mit Gartenarbeit und ein bisschen Holzfällerei. Seit 2014 bin ich auf dem Weg zur Selbstversorgung.
Wie finanzierst du dein “Künstlerleben”?
Ein Scherz: Jeder, der mir diese Frage stellt, muss mir fünf Euro geben. Davon kann ich prima leben
Im Ernst: Massiver Konsumverzicht, ab und zu eine Webseite oder ein bisschen Grafikdesign. Kunstverkauf, T-Shirts, E-Books. Selbstversorgung im eigenen Garten.
Wo kann ich deine Kunst sehen und vielleicht sogar kaufen?
Das Blog als Schaltzentrale: http://irgendlink.de – meist Text aber wenn man genau hinschaut, sieht man die Projektestruktur mit den journalistisch-literarisch-künstlerischen Rohstoffen.
Bilder: http://appspressionismus.de und http://idogma.com und http://iphoneart.com/irgendlink
T-Shirts: http://spreadshirt.de/idogma
E-Books: http://www.neobooks.com/werk/23795-schon-wieder-ein-jakobsweg.html
Print: http://www.epubli.de/shop/buch/33380
Ich hoffe ja immer, wenn ich zurückkehre in den Alltag, dass der in den Ferien aufgefüllte Energieakku möglichst lange anhält. Doch noch immer habe ich keine Tricks, wie ich es am besten anstellen kann, nicht allzu schnell wieder in den grauen Trott zu fallen. Zumal die Sonne durch die – zugegeben putzenswerten – Fensterscheiben knallt und mich beinahe blendet.
Nein, grau ist es hier nicht, auch Schnee liegt keiner. Nur Rauhreif. Der will heute nicht weichen. In der Waschmaschine kurbelt die erste Ladung Schmutzwäsche ihre Runden und auf dem Tisch liegt die Buße aus Frankreich, von Heiligabend, und ich nerve mich. Ist das wirklich wahr?
Wie war das noch? Als Schweizerin wird man in EU-Ländern nicht gebüßt? Ha. Ich hatte wohl bisher immer Glück, dass ich auf meinen Fahrten durchs Elsass, durch Lothringen und durch Deutschland noch nie wegen zu schnellem Fahren erwischt wurde? Und jetzt, wegen 7 km/h zu schnell 45 €? Ja, das tut weh. Aber ich bin ja selbst schuld, kein Thema. Es tut besonders weh, weil mein Konto leer ist. Und weil ich das wenige Geld, das ich einnehme, gerne für andere Dinge ausgebe. Für sinnvolle.
Genug gelästert. Denn eigentlich ist es ja schön hier. Das Leben als solches. [Wenn bloß die existentiellen Sorgen nicht wären. Wie war das noch mit dem Vertrauen?]
So viele tolle Projekte sind aufgegleist und eigentlich wäre mein Leben schon dadurch ausgefüllt, diese Dinge umzusetzen. Doch die meisten bringen kein Geld. Oder zumindest noch nicht in der Projekt- und Umsetzungsphase. Und das ist der ganz allgemeine Haken am Leben, am Leben einer Künstlerin im besonderen. Diese Marktmaschine, dieses Hamsterrad von Kaufen und Verkaufen, von Ausgeben und Einnehmen. Dieser stete Zufluss und Abfluss von Materie. Ich weiß, dass ich mit diesem Thema nicht wirklich reif und nicht wirklich erwachsen umgehe (erwachsen im positiven Sinn, nicht als Schimpfwort gemeint). Ich weiß, dass ich viel zu viel Energie verliere mit Sorgen, die ich besser für Vertrauen ins Leben einsetzen würde. Aber die Miete muss bezahlt werden. Das geht meines Wissens nicht ohne Geld. Und so weiter.
Stopp.
Montage aus zwei Bildern, auf denen wir uns zeitgleich gegenseitig fotografieren
Erinnere dich an deine Geschenke.
Erinnere dich an das, was dich nährt.
Erinnere dich an schöne Erlebnisse.
An das, was wirklich zählt.
An die Liebe.
Denn so, mit Jammern und Sorgen, komme ich nicht weiter. [Und nein, so was kann ich nicht bloggen. Eigentlich.]
Ich wollte eh etwas anderes bloggen. Etwas Tolles, etwas Schönes. Ich wollte weitere Bildergalerien aus Südfrankreich ankündigen. Bilder vom Canigou. Noch mehr Tür- und Schlösserbilder. Noch mehr Bilder von unterwegs, schöne und schräge. So etwas wollte ich heute bloggen. Aber.
So teile ich zumindest die beiden Montagen, die ich gestern und heute gepfriemelt habe.
Eine Woche ist es her, seit ich das letzte Mal gebloggt habe – Lust-Bloggerin, die ich geworden bin.
Was soll ich schon im Alltag bloggen? Mein Alltag tut so als seien alle Tage allen Tagen ähnlich. Sind sie auch, äußerlich zumindest.
Da sind zum einen jene Tage, an denen ich im Büro arbeite – noch reduziert, da ich noch immer im Schongang unterwegs bin – und mein Weg dorthin (drei Stunden täglich im öffentlichen Verkehr unterwegs, Bücher lesend, Menschen beobachtend, mich gut schützend). Und da sind jene Tage, die mit Schreib- oder Lektoratsaufträgen, Hausarbeit, Einkaufen und Begegnungen gefüllt sind.
Doch dann sind da noch die Zeiten, die nur mir gehören. Ja, ich erlaube mir Pausen, halte an, halte inne, gönne mir Sofastunden. Mit oder ohne Buch. Dösend zuweilen, manchmal gar nichts tuend, nur sitzen und sein. Und nachdenken zuweilen, über die Ursachen von Problemen. Über die Welt und warum sie beim Um-sich-selbst-Drehen eiert.
Nachgrübeln über Widersprüche. Über meinen Wunsch, voranzukommen. Erfolgreich sein zu wollen, zum Beispiel mit meinen noch immer unfertigen Manuskripten, obwohl ich doch gar nicht wirklich an mich selbst glaube. Und schon trifft die Illusion von irdischem Erfolg auf die Frage, ob Erfolg nicht einfach Zufriedenheit und Glück sein könnte. Und dann taucht ein Wunsch auf: Genug Geld zu haben, um tun und lassen zu können, was ich will (schreiben zum Beispiel) – aber dabei bloß keine Kapitalistin zu sein. Natürlich nicht. Und bin es doch. Teil einer Maschinerie zu sein, die mir gar nicht wirklich gefällt.
Widersprüche, die mich innerlich beinahe zerreißen. Gewissensfragen. Das Karussell, auf dem ich sitze, eiert.
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Appspressionismus: auf dem iPhone kreiert (genau so mit der App Hipstamatic fotografiert). Geschrieben & hochgeladen ab Laptop
Im Buch „Briefsteller“ von Schischkin lese ich, wie die Soldaten in China sich ständig beschäftigt haben, um nicht ins Grübeln zu kommen. Um nicht durchzudrehen.
Na ja, nicht grübeln geht wohl nicht und zu viel macht krank. Das individuelle Maß an persönlicher Grübelei zu finden, ist eine große Herausforderung.
Die eine oder andere kleine und große Frage muss ich mir stellen, auch wenn die Antworten darauf sich im Laufe der Jahre verändert haben.
Sich dem Nachdenken zu verweigern, sich das Grübeln zu versagen, befreit von Ethik, Verantwortung, Moral und Gewissen – eine Freiheit, die ich nicht anstrebe. Macht nun umgekehrt übermäßiges Grübeln moralisch und gar missionarisch? Depressiv zu werden ob zu vielen Nachdenkens, ist eine weitere Option.
Das Leben muss uns, um es leben und verstehen zu können, irgendwie fassbar werden. Und da sind Fragen unvermeidbar.
Selbst Kinder stellen Fragen. Kinder grübeln über andere Dinge nach. Wie weit sie buddeln müssen, bis sie die Mitte der Welt erreicht haben. Und warum-warum-warum die Welt …
Warum? Warum auch nicht!
Doch jetzt packe ich besser mal meine Sachen fertig für die kleine Reise in die große Stadt. Warum? Darum!
1.)
Schon früh bin ich auf die schiefe Bahn geraten. Schon bald hatte ich den Glauben daran verloren, dass mein Leben wirklich so funktionieren kann. Mit diesem sacrosankten Dualismus Arbeit versus Freizeit. Wobei Arbeit ja nicht nur sicheres Einkommen, sondern oder besonders auch Image und Prestige bedeutet.
Nein, nichts gegen Arbeit. Ich arbeite gerne. Ich hatte auch immer tolle Arbeitsstellen. Fast immer, jedenfalls. Kleine Ausnahmen bestätigen bloß die Regel. Ich hatte Glück und ich hatte viele verschiedene Jobs. Vieles arbeitete ich auch, ohne Geld dafür zu bekommen. Sicher mehr für ohne oder wenig als für viel Geld. Und eigentlich arbeite ich immer. Jetzt auch. Arbeit ist ein Synonym für das, was wir tun, um den Geist zu befriedigen, der sich immer neue Dinge ausdenkt. Der sich mit dem, was geschieht, auseinandersetzt.
Ich mag die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit und auch das Feindbild Arbeit, das damit unbewusst in uns lebt, nicht. Ich mag sinnvolle Arbeit und tue mich zugleich schwer damit, Arbeit und Leistung als Beinahe-Synonyme zu betrachten. Ich will der Arbeit ihren schweren Rucksack ausziehen. Arbeit, besonders die richtige Arbeit für mich, ist nicht in er erster Krampf, Last, Kampf und Druck. Auch nicht in erster Linie Leistung. Arbeit muss nicht weh tun um als Arbeit zu gelten. In erster Linie ist sie Erfüllung. Ich erfülle den in mir lebenden Auftrag, das zu tun, was nur ich nur so kann. Nenn es die Erfüllung des Lebensplans – aus wessen Feder das Drehbuch zu diesem Plan auch immer stammen mag. Umgeschrieben wird es eh laufend. Wie sagte Herr S. neulich bei einem Vorstellungsgespräch: Mir imponiert Ihr Lebenslauf, Frau Sophia. Was Sie alles gemacht und gelernt haben! Mein Leben ist mir Schule und laufende Entwicklung, sagte ich. Und genau das ist es.
Leider hat es mit der Stelle nicht geklappt, da das Pensum nach oben wachsen könnte und das für mich nicht geht. Die Frage, was für einen Preis ich zu zahlen bereit wäre, um wieder selber meine Brötchen verdienen zu können, habe ich mir eine Nacht lang gestellt. Nein, mehr als 70% (29,4 Wochenstunden bei 42 Wochenstunden) verkaufte Lebenszeit kann ich einfach nicht schaffen. Lieber weniger. Mehr beim besten Willen nicht (den ich dafür allerdings nicht aufbringe). Nicht ohne krank zu werden.
Schon seit dreiundzwanzig Jahren arbeite ich nur noch Teilzeit und ich bin immer – wenn auch oft superknapp – irgendwie über die Runden gekommen. Mein Credo, ich erinnere mich gut, war schon sehr früh: Lieber viel freie Zeit als viel Geld. Mit Geld kann man sich nämlich genau eins nicht kaufen: freie Zeit. Wer immer dem Geld hinterher rennt, verbraucht seine Lebenszeit für die Geldbeschaffung. Momo lässt grüßen.
Die freie Zeit ist mein Reichtum und ich wandle sie in das um, was mir wichtig ist: Ich arbeite an kreativen Projekten, ich hänge ab, lese, schaue gute (und auch mal weniger gute) Filme, pflege Beziehungen – manchmal alles gleichzeitig.
Ich weiß, die meisten Menschen haben keine andere Wahl. Sie würden mit Freuden zusagen. Sie würden nicht zaudern, nicht zögern. Ein guter, sicherer Arbeitsplatz. Ja. Aber nein. Zu viele Neins, die sich mir in den Weg stellen. Solange ich wählen kann. 2.)
Ein bisschen bin ich wie die Hipstamatic-App, wo man – je nach Belichtungsverhältnissen und Motiv, das man fotografieren will – eine individuelle Filter- & Blendenkombination auswählen kann. Es gibt sogar den Zufallsmodus, der durch kurzes Schütteln des iPhones generiert wird.
Ich schüttle mich kurz und schon bin ich kleine Schwester. Oder schräge Tante von mir aus. Nichte auch oder Cousine. In dieser Rolle bin ich oft ein bisschen schusselig, wie damals, als Kind, und stoße schon mal ein Glas um oder so. Keine Ahnung, wie das funktioniert.
Ich schüttle mich erneut und bin Freundin. Mit M., einer Freundin, die ich schon sehr lange kenne, bin ich mehr so und so und mit Freundin C., die ich erst sechs Jahre kenne, mehr so und so. Als würden jeweils andere Teile meines Hirns aktiviert, je nachdem mit wem ich kommuniziere.
Ich schüttle mich von neuem und bin Partnerin. Mit Irgendlink spreche ich zudem in einer Fremdsprache. Meiner ersten, was das Hochdeutsch faktisch tatsächlich für mich ist.
Ich bin mehr als die Summe all dieser Aspekte.
Ich bin ein Farbenkreis.
Ich bin eine Sandburg.
Ich bin ein Fotoalbum.
Und manchmal bin ich mir fremd. Wenn ich mich erzählen höre, stehe ich manchmal neben mir. Sage ich das wirklich? Meine ich, sehe ich das wirklich so? Noch immer? Manchmal stelle ich fest, dass innere Veränderungen sowie veränderte Verhaltens- und Sichtweisen noch nicht in allen Zellen angekommen sind. Updaten ist angesagt. Wäre es doch so einfach wie beim PC. 3.) Der Sinn des Lebens ist ja der Tod, zitierte der junge Fabio einen nicht genannten Philosophen, als er in der neuen Schweizer Krimiserie Der Bestatter(Folge 4, 28. Minute) einer Schulklasse, seinen Lernberuf des Bestatters nahezubringen versuchte. Der Tod mache den Augenblick zu etwas einmaligen. Ob das nun Punk ist, wie Vanessa, eines der Mädchen dieser Schulklasse sagt, sei dahingestellt.
Die Sinnfrage mal wieder. Sollte es eines Tages für mich eine Art letztes Gericht geben (und falls ja: wer außer mir selbst könnte über mich richten?), wird es nur eine einzige Frage geben: Was hast du getan, um die Welt zu einem lebenswerteren Ort für alle zu machen?
Ob da Schreiben als Antwort wohl gut ankäme?
Wir fühlen uns richtig gut, wenn wir tun, was uns gut tut. Und wir tun uns und anderen gutes, damit wir uns gut fühlen. Soweit so gut, denn wir fühlen uns gerne gut. Eigentlich. Dumm nur, dass wir uns auch gut fühlen, wenn wir tun, was uns nicht gut tut, weil wir es zum Beispiel tun und taten, um uns selbst zu bestrafen. Was uns nur vermeintlich gut tut. Und dumm auch, dass wir uns oft schlecht fühlen, wenn wir tun, was uns eigentlich richtig gut tut. Weil wir es uns nicht gönnen.
***
Sie hütet sie gut, ihre Geheimnisse. Längst hat sie dicht gemacht. Ihre Schutzhaut gleich einer Jeans, jahrelang getragen, bequem, doch dünn da, wo wieder und wieder an ihr herum gerieben, gedrückt, gedrängt und gezwängt worden ist. Beinahe durchsichtig an besonderen Stellen. Berührbarer dort mehr als anderswo. Besonders dort. Ausgerechnet dort. Abgewetzte Schutzhaut. Anfällig für neue Wunden, wo es am meisten schmerzt. Empfindlicher, empfänglicher. Zum Glück auch für Glück.
***
Baustelle betreten auf eigene Gefahr. Schutzhelm obligatorisch. Ist das Kunst, oder was? Darf man Baustellen sehen, das Making-of, den Prozess, bevor etwas veröffentlicht wird und muss etwas, das veröffentlicht wird, perfekt sein? Was ist mit Ready-mades/Objets trouvés? Ist es eine Abwertung, wenn man den Vorhang öffnet, bevor …? Wird Kunst künstlich verklärt? Ich sag nur Fluxus*, John Cage, Marcel Duchamp. Von ihm übrigens der wunderbare Satz: Der Betrachter vervollständigt das Kunstwerk.
Lebe deine Kunst, verkunste dein Leben.
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mich sein – Sofasophia sein eine Rolle spielen – keine Rolle spielen
das spielt keine Rolle!, denken – ja oder nein?, mich fragen hinter dem Laptop sitzen – auf dem Sofa ein Buch lesen
spazieren gehen – im Internet surfen Bewerbungen schreiben – hoffen, dass die geschriebenen Bewerbungen endlich Früchte tragen
Geschichten schreiben wollen – Blogartikel schreiben sollen Erwartungen anderer an mich erfüllen, oder nicht – Erwartungen an mich haben, oder nicht
schwermütigen Gedanken nachhängen – mir vorstellen, dass ich wieder ganz fit und initiativ bin im Internet eine Literaturclub-Konserve gucken – am eigenen Buch schreiben
begreifen, dass zu jedem Buch eine Pro- und eine Contra-Meinung möglich ist – mich darüber freuen, dass ich denken kann denken – nicht denken
nicht wissen – wissen die beiden Seiten der Medaille bejahen – die beiden Seiten von allem verfluchen
von Ideen beiläufig geküsst werden – Ideen umsetzen Bilder im Kopf – Bilder gestalten
an Freundin M. denken – Freundin M. eine Mail schreiben Eremitin sein – gesellig sein
zweifeln daran, dass ich … – glauben daran, dass ich … mich verkriechen – mich zeigen
dem Leben anderer zuschauen – mein eigenes Leben leben Yoga machen – Pause machen
schweigen – erzählen erzählen – zuhören
Blogs lesen – diesen Blogartikel schreiben Ist tun besser als nicht tun?, mich fragen – nichts mehr fragen