Fertig lesen oder gucken? Oder doch lieber nicht?

Gestern Abend wieder dieses Dilemma. Ich bin in eine Serie geraten, die ich im Grunde kaum aushalte. Dennoch muss ich wissen, wie sie ausgeht. Es sind noch fünf von acht Folgen. Etwa sechs Stunden schiere Unerträglichkeit – will ich mir das antun?

Ein Dilemma, das ich auch von mich langweilenden Büchern oder Filmen und Serien kenne. Nur dass es dort einfacher ist. Bei zu Langweiligem kann ich einfach aufhören. Mittendrin. Bei Spannendem, aber kaum Erträglichem ist das schon schwieriger.

Das Gucken oder Lesen von Geschichten muss mir Spaß machen, mich irgendwie packen und/oder mich zumindest sehr gut unterhalten, damit ich nicht abbrechen oder nicht vorwärtsspulen muss oder will. Kurz gesagt: Der Weg zur Auflösung, zum Finale einer Geschichte, muss sich für mich lohnen, dieses Erlebnis muss mich mit Qualität belohnen. Ganz so bedingungslos wie ich gern wäre, bin ich nämlich nicht.

Anfang Dezember habe ich mir zum ersten Mal in meinem Leben ein Netflix-Abo eingerichtet. Geplant ist das Ganze erstmal für einen Monat. (Falls länger, werde ich es aber in Deutschland abschließen, da es dort doch ein paar Franken respektive Euronen günstiger zu haben ist.)

Ich wusste es natürlich schon vorher: Es macht süchtig, so viele Möglichkeiten zu haben. Meine Liste der Gucken-Will-Filmen und -Serien wird immer länger. Das fühlt sich ähnlich an wie meine vielen Stapel mit den unzähligen ungelesenen Büchern. Solche Fülle macht mal glücklich mal überfordert sie mich, dann macht sie mich sogar unglücklich.

Zurück zur Serie, die ich gestern angefangen habe. Vermutlich werde ich mir die jeweiligen Zusammenfassungen am Anfang der einzelnen Teile anschauen und dann nur noch die letzte Folge gucken. So mein Plan.

Denn was mich vom Alltag ablenken soll, darf nicht zu sehr weh tun, nicht mehr jedenfalls als der Alltag. Ich muss definitiv nicht mehr jede angefangene Serie, jeden angefangenen Film oder jedes angefangene Buch unbedingt fertig lesen oder gucken, wenn es mir nicht gefällt oder mir nicht gut tut und/oder mich vom Schlafen abhält.

Ich kann mit unfertigen Geschichten leben. Es ist meine Lebens- und Freizeit, in der ich lese und Filme schaue. Und darum darf es nicht zu sehr weh tun. Und ja, ich weiß, dass das irgendwie egoistisch ist. Aber irgendwie eben auch notwendige Selbstfürsorge. Und vielleicht ist das hier gerade eine kleine Metapher für ein paar andere Dinge in meinem Leben.


Auch Herr Buddenbohm hat übrigens über das Zu-Ende-Lesen von Geschichten gebloggt.

Frauenleselust | Mein Beitrag zur Blogparade

Hier kommt für einmal ein etwas anderer Jahresrückblick, und zwar einer auf meine Lesegewohnheiten. Weil die Frauenleserin Kerstin Herbert zu einer Blogparade aufgerufen hat und weil es der Zufall will, dass ich letztes Jahr erstmalig eine Liste mit allen gelesenen Büchern, angelegt habe. Ziel meiner Liste war es eigentlich gewesen, herauszufinden, was und wie viel ich tatsächlich lese. Immer hatte ich ja schon gemutmaßt, dass ich pro Jahr nahezu hundert Bücher lese. Was fast hinkommt. Und immer schon hatte ich mir so eine Liste machen wollen. Ich werde sie übrigens im neuen Jahr fortsetzen.

Alle meine Bücher 2018

  • 82 Bücher waren es insgesamt, die ich im vergangenen Jahr gelesen habe (Allerdings nicht alle zu Ende. Aber es sind nicht alle der von mir angefangenen und dann aus Gründen verworfenen Bücher auf der Liste gelandet, nur etwa fünf davon. Auf die Liste habe es nur gerade jene von mir nicht Fertiggelesenen geschafft, die mich – obwohl sie beispielsweise nur mäßig geschrieben waren – doch irgendwie berührt haben. Oder dann solche, die ich später fertig lesen werde.)
  • 12 von 82 (entspricht 15%) davon waren Rezensionsexemplare, die ich da oder dort rezensiert habe. Hin und wieder hatte ich, wenn mich ein Titel interessierte, bei Verlagen oder Autorinnen um ein Rezensionsexemplar gebeten. Manche Bücher habe ich auch unaufgefordert rezensiert; einfach weil ich von ihnen berührt war.
  • 70 von 82 Büchern habe ich also einfach so gelesen. Für mich.
  • 59 der 82 waren eBooks (71%), 23 aus Papier, was klar meine Vorliebe verdeutlicht.

Bezugsquellen meiner letztjährigen Bücher

  • 2 Bücher habe ich neu gekauft, davon ein eBook und eins aus Papier, weil ich es weiterschenken wollte (sonst hätte ich es als eBook gekauft, da günstiger und mein Buchbudget ziemlich klein).
  • 12 habe ich gebraucht gekauft
  • 53 habe ich mir als eBook oder Papierbuch in Bibliotheken oder privat ausgeliehen.
  • 1 Buch habe ich geschenkt bekommen (also eigentlich 2, das 2. liegt aber noch ungelesen herum.)
  • 12 waren, wie gesagt, Rezensionsexemplare
  • die letzten 2? (Irgendwo muss ich mich wohl verzählt haben.)

Zu den Inhalten

  • 63 Krimis und/oder Psychothriller
  • 10 Romane
  • 2 Essays
  • 2 Sachbücher
  • 5 Biografisches/Memoiren

Womit wir zu den Fragen der Frauenleserin kommen …

  • Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wieviele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wieviele davon wurden von Autorinnen verfasst?

Ich habe insgesamt 53 von 82 Büchern gelesen, die von Frauen geschrieben wurden. Also fast 65%. Und das – ich schwör! – nicht aus Frauenquote-Gründen, sondern einfach, weil mich die Bücher angesprochen und die Geschichten interessiert haben.

  • Welches Buch einer Autorin ist Dein diesjähriges Lesehighlight? (Warum?)

Puh. Ich kann mich wirklich nicht für ein einziges Buch und eine einzige Autorin entscheiden.
Als erste erwähne ich Mareike Fallwickl, die sich mit ihrem Roman Dunkelgrün fast schwarz, einem dichten Beziehungsroman/Drama, direkt in mein Herz geschrieben hat
Und Franziska Seyboldt, die mit ihrem biografischen Sachbuch Rattatatam – mein Herz über ihre Angststörung geschrieben hat.
Dann Kathrin Weßling mit ihrem Roman Super, und dir? zum Thema Optimierungswahnsinn und Sabine Wirsching mit ihrem Roman Drei Worte über Depressionen in Liebesbeziehungen.
Und, ach, natürlich muss hier unbedingt noch Simone Buchholz erwähnt werden, die mich mit ihrer eigenwilligen, hochsensiblen Staatsanwältin Chastity Riley, die in Hamburg ermittelt, tief berührt hat. Und Eva Almstädt und Martina Kempff mit ihren Regionalkrimi-Serien um ihre sehr sympathischen Frauen(anti)heldinnen … undundund …
(Sagte ich schon, dass ich Serien mag?)

  • Welche Autorin hast Du in diesem Jahr für Dich entdeckt und was macht Sie für Dich so besonders?

Meine ’Autorinnen des Jahres 2018’ waren die schwedischen Schwestern Camilla Grebe und Åsa Träff. Um ihre Figur Siri Bergmann herum, – Psychotherapeutin, wie eine der beiden Schwestern –, schufen sie eine Psychothriller-Serie, die diesen Namen wirklich verdient hat. Diese Bücher haben mich nicht nur spannend unterhalten, sondern auch meinen Blick geweitet. Die Autorinnen überzeugen mich nicht nur in Bezug auf Sprache und Stil, sondern auch inhaltlich, denn ihre Plots sind in sich schlüssig.

  • Welche weibliche Lebensgeschichte bzw. Biografie hat Dich in diesem Jahr besonders beeindruckt (und warum?)

Susanne Fritz mit ihrem Buch Wie kommt der Krieg ins Kind. (Ich muss gestehen, dass ich wirklich kaum Biografien lese.) Die von Fritz gewählte Herangehensweise, wie sie die Geschichte ihrer im Krieg in Polen internierten Mutter aufarbeitete, überzeugte mich. Das Buch ist eine gute Mischung zwischen persönlichen Erfahrungen und Fakten, dazu nie moralisierend, immer aber aufrichtig und klar.

  • Welches Buch einer Autorin möchtest Du in 2019 unbedingt lesen?

Da muss ich nicht lange überlegen. Erstens Durch Feuer und Wasser von Camilla Grebe und Åsa Träff. Und zweitens: Fred Vargas: Der Zorn der Einsiedlerin.

(Pssst, Büchergutscheine würde ich nicht von der Bettkante stoßen.)


Inspiriert zu diesem Artikel hat mich Frauenleserin Kerstin Herbert mit ihrem Aufruf zur Blogparade.

Suppenkochereien

Eigentlich wollte ich hier ja mal wieder etwas Geistreiches schreiben, von meinem Buchprojekt erzählen und von der Schwierigkeit, sich auf eine Geschichte einzulassen ohne dabei den Kontakt zur Außenwelt zu verlieren. Doch weil ich dazu jetzt zu müde bin – ich habe heute bei meinem neuen Buchprojekt die 10’000 Wörter-Grenze geknackt – gibt’s heute eins der vielen Bildchen, die in der letzten Woche entstanden sind. Das hier habe ich gestern auf dem Handy gebastelt habe.

Zwei ziemlich ungewöhnlich geformte Karotten mit Armen und einmontierten Gesichtern reden miteinander: Lass uns baden gehen, sagt die eine, die andere: Du Suppenkoch du.

Und jetzt lese ich weiter im Buch des Norwegers Atle Naess: Die Riemannsche Vermutung. Nein, es geht dabei nur sekundär um Mathematik, primär geht es um einen Mathematiker, der versucht eine Biografie über Riemann zu schreiben und dabei zufällig über das Leben und die Liebe stolpert. Ein literarischer, mathematik-philosophischer Genuss.

Alle meine Wörter

Mein Leben wird nie ohne Staub sein, sagen die Wörter in mir, die ich zuweilen meine Gedanken nenne. Sie sagen es nicht, sie stellen sich auf. und bilden in meinem Kopf gemeinsam diesen Satz. Meine Wörter sagen weiter, dass ich mir meinen Wunsch nach einem Leben ohne Staub & Dreck besser aus dem Kopf schlagen solle. Sie sagen es immer wieder, während ich Staub sauge. Was ich nicht gerne mache. Und weshalb ich froh bin, dass die Wörter da sind. Sie sagen, dass ich dennoch nicht aufhören soll, mich danach zu sehnen, wie es denn so wäre, ohne Staub zu leben, denn nur diese Sehnsucht lasse mich den Staub halbwegs ertragen. Ihr spinnt doch, denke ich. Und ich frage mich einmal mehr, ob sich meine Wörter zuweilen auch so nackt und unbeholfen fühlen, wenn sie sich mir so zeigen wie heute, wie ich mich manchmal fühle, wenn ich mit Buchstaben jongliere.  So wie heute, so wirr, so unvernünftig, ja genau. So verdammt unvernünftig, unlogisch und sinnlos. Wohl ahne ich, dass sie Scham und Hemmungen nicht kennen. Die haben es gut. Ich möchte ein bisschen sein wie sie, wie meine Wörter.

Obwohl ich mir ja eher (unter uns gesagt) manchmal wünschte, dass die andern (nun ja) ein bisschen mehr so wären wie ich. (Natürlich nur, damit es ein wenig einfacher wäre, sie zu verstehen.) [Wobei. Einfach zu verstehen bin ich ja auch nicht wirklich.] Die gemeinsame Schnittmenge wäre halt größer als jetzt, wo ich ganz viele Menschen da draußen, meist sogar solche, die die gleiche Sprache wie ich sprechen und aus meinem Land stammen, einfach nicht verstehen kann. Oke, ich höre wohl, was sie sagen und was sie meinen, aber alle meine Übersetzungstools scheitern. Denn obwohl diese Menschen mir bekannte Wörter verwenden, scheinen sie etwas anderes zu meinen mit den Wörtern als ich. Zum Beispiel sagen Sie: „Wir sind besorgt um unser Land!“ Klar, das bin ich auch. Aber. Eben. Anders. Kurz und gut: Es wäre doch viel einfacher, wenn sie so wären wie ich. Singt ja schon Büne Huber in seinem uralten Song Grossbrand. [Es gieng mängs viu ringer we sie so wär win i ||| Oder i viellech so wie sie … → Lyrics → Song]*

Aber wie war das gleich noch beim kategorischen Imperativ**? Würden denn meine Maximen taugen? Oder wären sie nur ein weiterer Nährboden, um egoistische Ziele zu erreichen, wie wir das neulich auf Twitter diskutiert haben?

Nachtrag:

Ich schweife ab.

Wörter, so bleibt doch mal stehen, drängelt nicht so, ich kann euch ja so gar nicht lesen. Haltet still. Ihr seid ja wie wir Frauen in der Konzertpause vor den beiden einzigen Klos, die nicht verstopft sind.

Wie? Was sagt ihr? Dass ich mir ja immer vorstellen würde, dass kein Menschen von Anfang an böse sei, sondern erst im Laufe seines Lebens böse geworden wäre. Stimmt. Das ist meine These: Menschen werden destruktiv, weil sie zu wenig konstruktive Kraft erlebt haben, will heissen, zu wenig oder falsch geliebt worden sind. Ja, liebe Wörter, das glaube ich. Bis ihr mir das Gegenteil beweist und mir ein von Geburt an böses Neugeborenes zeigt.

Liebe, sagt Jonathan Safran Foer in seinem wunderbaren, herrlich-schräg-weisen Roman Alles ist erleuchtet, Liebe ist womöglich vor allem eine Idee. Die junge Brod begnügte sich jedenfalls in seinem Roman, da nichts ihren Ansprüchen liebenswert genug für ihre Liebe zu sein genügte, mit der Idee von Liebe.

Sie liebte sich selbst als Liebende, sie liebte es, die Liebe zu lieben, so wie die Liebe das Lieben liebt, und war dadurch imstande, sich mit einer Welt zu versöhnen, die allzu weit hinter dem zurückblieb, was sie sich erhofft hatte. Die große, rettende Lüge war nicht die Welt selbst, sondern Brods Bereitschaft, sie schön und gerecht zu machen und ein Leben zweiten Grades zu leben.

Quelle: Jonathan Safran Foer: Alles ist erleuchtet

Versöhnung. Da komme ich je länger je mehr drauf. Weil sie der Anfang jeden Friedens ist. Am Anfang ist sie ein Same. Eine Idee. Gerne wird sie zur Aktion: Ich reiche dir meine Hand. Ob du mir deine auch reichst, ist für mich letztlich nicht entscheidend.

Ich habe auch, so sagen mir die Wörter nun sehr aufgeregt und ein bisschen verlegen, ich habe mich die größte Zeit meiner ersten Lebenshälfte aktiv (oder zumindest latent) selbst abgelehnt. Oh. Hm. Stimmt wohl. Doch nun will ich den Rest meines Lebens darauf verwenden, das entstandene Minus auszugleichen. Wozu? Um der Balance willen, um der Ausgeglichenheit und Gesundheit willen.

Und ja, es ist gut, dass wir uns damit abwechseln, die heißen Kartoffeln aus der Glut zu holen, sagen die Wörter als letztes. Mal hole ich sie für dich raus, mal du für mich. (Und machmal andere für dich oder mich, mal ich oder du für die andern.)

Ich klopfe Glut, Ruß und Asche weg. Wie Staub kleben sie an der Haut, die ich wie ein Kleidungsstücke abstreifen kann. Die Kartoffel, mit ein bisschen Salz bestreut, schmeckt wunderbar nach Heimat. Obwohl ihre Grosseltern von weit her gekommen sind.

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* NACHTRAG: Achtung: Ironiemodus! 

**»Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.« -Immanunel Kant

Patchwork mal wieder

Am Morgen, wenn ich aufgewacht bin, wecke ich auch gleich mein smartes Telefon und lasse mich von ihm über alle möglichen Dinge informieren. Ich spaziere durch die virtuelle Welt.

Dabei lese ich …

  • Und ich lese meine Lieblingsblogs auf dem WordPress-Reader. Damit lassen sich übrigens auch Nicht-WordPress-Blogs abonnieren.

Wofür lebst du?
Gesicht – überklebt mit eine Post-it, auf dem steht: Wofür lebst du?
= Heute habe ich bei Der Emil ein echt geniales Projekt gefunden. Die Erinnerungsguerilla. Mehr Infos gibt es, wenn du aufs Bild nebenan klickst oder auf diesen Link → hier. Ich werde sicher mitmachen. Wann und wie wird sich noch zeigen. Aber angefixt bin ich definitiv. Das ist Kunst, wie ich sie mag.

= Bei Mützenfalterin durfte ich auch heute wieder sehr nährende Gedanken über die Zukunft unserer Demokratie lesen. Lest selbst → hier klicken. Besonders hängen geblieben bin ich beim Hinweis darauf, dass es sogenannte KarriereverweigererInnen gibt. Darüber gibt es hier → klicken zu Haus Bartleby ← mehr.

= Bei der Schweizer Bloggerin Sunnechind (Sonnenkind) las ich heute über Möglichkeiten in der Schweiz, Güter für Flüchtlinge aus Eritrea, Syrien und andere Länder gemeinsam zu sammeln und nach Calais zu transportieren. So werde ich heute endlich meine Schränke ausmisten. Und später Seifen, Zahnpasta, Zahnbürsten und so weiter kaufen gehen. Was immer Menschen brauchen können. Ich will endlich nicht nur reden und schreiben, sondern endlich auch handeln. [mehr …]
#HilfefürCalais.
Schöne Decken für Kinder auf der Flucht zu nähen, überlasse ich, mangels Nähtalent, lieber andern. Wobei ich die Idee und das Projekt echt genial finde.

= Bei Canela, allerdings auf FB, habe ich schon vor ein paar Tagen einen wunderbaren Beitraglink gesehen, den ich mir heute endlich in Ruhe richtig anhören und ansehen konnte. Über das Gedächtnis der Bäume. Nein, keine Esoterik. Trockene Wissenschaft. Wer keine Zeit hat für den ganzen Beitrag, höre sich doch wenigstens Minute 7 bis 8 an: Über das Netzwerk des Waldes, das raffinierter und sozialer ist als jedes Internet. Ich gestehe: Das Sozialverhalten der Bäume hat mich sprachlos gemacht. Auch kann man heute nachweisen, dass Bäume Schmerzen leiden und Mitgefühl empfinden. Und dass sie sich gegenseitig unterstützen. Was ich immer schon ahnte und spürte, hat nun auch die Wissenschaft erkannt.

Waldfilm
Draufklicken zum Film

Alles hängt zusammen. Die Bäume zeigen uns wie!

  • Danach lese ich neue Tweets in meiner Timeline und besonders jene meiner Lieblingstweetles. Ich erfahre, was in Ungarn geht oder eben nicht. Informiere mich. Lese und fühle. Folge Links. Verlinke weiter. Retweete. Freue mich über die spürbare Solidarität.

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Zwar nicht heute Morgen, aber gestern Abend las ich in LIEBEN von Karl Ove Knausgård, wie er am 60. Geburstag seiner Mutter eine Rede hält. Eine sehr feine Rede.

„Es gibt einen Film von Frank Capra, in dem es genau darum geht. It’s a Wunderful Life von 1946. Es geht darin um einen guten Menschen in einer amerikanischen Kleinstadt, der am Anfang des Films in einer tiefen Krise ist und alels aufgeben will, was er hat. Dann greift ein Engel ein und zeigt ihm, wie die Welt ohne ihn gewesen wäre. Da erst ist er im Stande, zu erkennen, welche Bedeutung der für andere Menschen hat. Ich glaube nicht, dass du den Beistand eines Entels benötigst, um zu verstehen, wie wichtig du für uns bist. […] Du lässt allen umd dich herum genügend Platz , um sie selbst zu sein.“ So redet Knausgård zu und über seine Mutter. Eine schöne Hommage.

Mutter werde ich zwar mit fünfzig nicht mehr, aber vielleicht werde ich ja mal Leihgroßmutter, wer weiß? Das wäre ich wohl gerne … die weisen* Haare dazu hab ich ja nun. (*… ja, das muss so.)

Fällt mir der Film ein, den ich gestern auf Arte geschaut habe: Clara geht für immer.
Ein Film voller Leidenschaft in allen Facetten, äußerst überzeugend gespielt. All diese unendlich schönen und unendlich schweren Seiten der Liebe zwischen Mutter und Sohn (Clara als Mutter), Mutter und Tochter (Clara als Tochter) und zwischen Schwestern. Dramatisch, ehrlich, berührend.
[Zur Geschichte: Die 43-jährige Theaterschauspielerin Clara (Jeanne Balibar) bekommt eine vernichtende Diagnose: unheilbarer Lungenkrebs. Um sich einen qualvollen Tod zu ersparen, sucht sie eine Klinik in der Schweiz auf, um begleitete Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. – Die Schauspielerin und Sängerin Jeanne Balibar überzeugt in der charakterstarken und komplexen Rolle der krebskranken Clara.]
Triggerwarnung: Sterbehilfe. Krebs.

Und jetzt werde ich mal meine Schränke ausräumen.

Weil ich ein Mensch bin

Es ist diese ewige, seltsame, unfassbare Ambivalenz. Zerrissenheit sogar. Oder Hin- und Hergerissenheit. Das Leben auf der Wippe. Es ist dieses Mal so-mal so, das uns vermutlich ganz besonders von den Tieren unterscheidet.

Wie ich immer tiefer in die Schichten von Knausgårds Buch Lieben einsinke und dabei erschrocken feststelle, dass auch andere, außer mir, solche beinahe abstrakten Sinneswahrnehmungen haben, wie er sie beschreibt, werde ich mir bewusst, dass ich vermutlich bisher von Lieben erst einen kleinen Vorgeschmack erhalten habe. Ich liebe weder mich noch andere so vollumfänglich, dass ich einfach jederzeit in der Liebe sein kann. Immer ist mein Lieben verknüpft mit subjektiven Ereignissen, mit Erfahrungen, mit Bedingungen, mit Zusammenhängen. Es ist kein Lieben-an-sich. Kein Lieben um der Liebe willen. Mag sein, dass das furchtbar negativ klingt, furchtbar depressiv sogar. Ist aber nicht so gemeint. Ich bin mir einfach nur, einmal mehr, meiner Beschränktheit, meiner Grenzen bewusst. Und dass ich vermutlich gar nicht anders sein kann als so. Weil ich als Mensch so bin.

Wären da bloß nicht diese unerreichbar hohen Ansprüche an mich. Diese perfekte, losgelöste, den andern ganz und gar meinende, objektive, umfassende Liebe gibt es sie vielleicht unter uns Menschen gar nicht – außer in unseren romantischen Vorstellungen? Selbst als die Mutter eines kleinen Buben, die ich ja mal war, muss meine Liebe mit Bedingungen verknüpft gewesen sein wie, dass mein Sohn wunderbar, herzig, schlau … ist

Mag sein, dass unser Geschmack – alles was uns gefällt – äußerlich von den Umständen neu tariert wird, wenn uns jemand sympathisch ist, den wir im ersten Moment mit unseren bisherigen, inneren Wertmaßstäben nicht attraktiv fanden. Dass wir jemanden auf einmal schön finden, einfach darum, weil er uns sympathisch ist. Und dass sich sodann der Inhalt unseres Schön-Begriffes verändert. Doch sind äußerliche Aspekte denn nicht nicht immer irgendwie trügerisch? Ohne blinden Menschen da mit Vorurteilen meinerseits zu nahe treten zu wollen, doch zuweilen frage ich mich ja schon, ob es vielleicht einfacher ist, Menschen zu mögen, wenn man sie nicht sieht? Ist dafür nicht sogar die Welt der sozialen Medien ein Beweis?

Möglich, dass auf Grund von Stimmen, Texten, Berührungen, die Wahrnehmung eine reinere ist, eine wahrere, eine unabgelenktere, doch ist nicht selbst dann Lieben von subjektiven Faktoren abhängig? [Oh, ich merke schon … das, was ich da schreibe, kann ein anderer Mensch wohl nur schwer verstehen.] Ach. Und Liebe als etwas Universelles zu verstehen ist ja vielleicht gar nicht Sinn eines kleinen Lebens wie meinem. Universelle Liebe ist ja vielleicht nur das Innenfutter für unsere Illusion vom Liebengott?

http://waslesen.ch/wp-content/uploads/2014/04/Lieben.jpgWenn ich Knausgård lese, der noch ziemlich am Anfang des Buches über einen Kindergeburtstag-Nachmittag schreibt, über die Menschen dort und über die Begegnungen und wie er diese hinterher auch gleich wieder aus seinem inneren Speicher löscht und die keine Spuren bei ihm hinterlassen haben, und wie er emotional losgelöst ist von all den Menschen, die er im Grunde liebt, frage ich mich, zuerst entsetzt, dann begreifend, wie das sein kann. Denn ich merke, dass auch ich, wenn ich allein bin und an andere denke, manchmal nichts fühle, wo doch ganz viel Liebe sein sollte. Nicht nichts, aber nicht Wow-Liebe, sondern einfach: Ich bin da. Du dort. Und nun lasst mich doch bitte alle in Ruhe! Diese Verbundenheit, die ich unter allem und von allen zu allem und mit allem ahne, weiß, diese Verbundenheit fühle ich nämlich nicht immer.

Denke ich an Irgendlink, ist da immer, auch nach all den Jahren, dieser kleine Herzhüpfer, dieses kleine Aus-dem-Takt-kommen meines Herzschlages. Immer. Ich halte das für Liebe. Ich halte es für Verbundenheit. Die größtmögliche, die geht. Dieses Das-Beste-für-ihn-wollen ist immer da. Aber zugleich ist da auch mein Wollen. Es soll ihm möglichst gut gehen, doch er soll bitteschön täglich bloggen, möglichst schnell vorankommen (und bitte möglichst ohne Regen und Stress), möglichst viele schöne Pausen haben. Und am liebsten wäre mir, er wäre immer hier bei mir, mit mir.

Aber das alles geht nicht. Nicht alles. Nicht gleichzeitig. Alles, was lebendig ist, ist immer in Bewegung, im Prozess, in der Veränderung, in der Wandlung. Hin und Her. Wieder die Schaukel, siehe oben. Den Nullpunkt gibt es immer nur einen Bruchteil einer Sekunde lang im Vorbeischwingen. Die totale Stille ist immer nur im Jetzt. Nichts kann ich aufhalten. Alles schwingt. Alles fließt. Alles pumpt sich, wie es Irgendlink heute (hier) gebloggt hat, von A nach B und so weiter.

Getriebensein? Ist es das? Ist das die große Verwechslung? Dass wir eigentlich zu sein und zu lieben meinen, es aber mit diesem ewigen Strom verwechseln?

„Denn Sinn ist nichts, was wir bekommen, sondern etwas, das wir geben.
Der Tod macht das Leben sinnlos, weil alles, wonach wir jemals gestrebt haben, mit ihm aufhört, und er macht das Leben sinnvoll, weil seine Gegenwart das wenige, was wir davon haben, unverzichtbar, jeden Augenblick kostbar macht.
Aber in meiner Zeit war der Tod entfernt worden, er existierte nur noch als fester Bestandteil in Zeitungen, Fernsehnachrichten und Filmen, wo er nicht den Abschluss eines Verlaufs markiere, die Diskontinuität, sondern angesichts der täglichen Wiederholung im Gegenteil eine Veränderung des Verlaufs, eine Kontinuität bedeutete, und so seltsamerweise zu unserer Sicherheit und zu unserem Halt geworden war.“

Zitat aus Lieben von Karl Ove Knausgård

Die Erkenntnis, dass ich im Grunde immer wieder bei Null, das es so also gar nicht wirklich gibt, anfange, macht mich demütig. Nichts wirklich zu verstehen, nichts wirklich Wesentliches – nur solange ich darüber nachdenke, ist das Ding wesentlich, für mich – zu leben. Aber vielleicht geht es genau darum? Wegzukommen von diesen großen hehren Zielen. Nicht, dass ich nicht noch immer die ganze große weite Welt retten wollen würde … Aber weiß ich denn wirklich, was sie braucht, um gerettet zu werden? Wovor und wohin?

Ist es da vielleicht für mich nicht besser, mich treiben zu lassen? Mich hinzugeben? Dem Schreiben zum Beispiel. Den Worten. Und zu verstehen, dass Liebe immer subjektiv ist.

Banalitäten?

Jeder Tag ist anders. In etwa gleichen sie sich allerdings in der Zeit des Aufstehens und des Zubettgehens. Und dass ich irgendwann im Laufe des Vormittags dusche und davor eine Weile Yoga übe.

Banalitäten.

Mal gehe ich spazieren zwischen der Arbeit, mal gehe ich einkaufen. Mal spüle ich Geschirr. Mal besuche ich jemanden oder habe Besuch. Mal arbeite ich für meine KundInnen. Mal gebe ich mir frei. Mal denke ich nach. Mal schreibe ich an meinen eigenen Projekten. Und es gibt Tage, wo ich wie Glas bin, bedacht darauf, mich nirgends zu stoßen. An anderen Tagen stoße ich mich ständig. Und die Reibung gibt mir heiß. Heute friere ich ständig ein wenig.

Banalitäten.

Gestern war ich stark. Heute juckt die Nase und schmerzt. Die Augen auch. Ein brennender Schmerz. Ein Druck. Der Körper als Seismograph. Immer ist da etwas. Immer wandelt sich etwas. Alles laufend, aber nicht alles gleichzeitig.

Banalitäten.

Veränderungen
Veränderungen

Am Dienstag war Freundin U. hier. Wir haben an ihrer neuen Webseite gearbeitet. Ich freue mich über solche Treffen. Über die Leidenschaft der gemeinsamen Bewegung in eine ähnliche, in eine seelenverwandte Richtung. Obwohl … Richtung? Wo will ich hin – und gehe ich?

Banalitäten.

Baumringe1
Meine Baumringe

Ist nicht Leben letztendlich eine Spirale? Das Mäandern durch das Leben? Natürlich bewege ich mich von A nach B. Von innen nach außen zum Beispiel. Aber selten nehme ich Schnellstraßen für mein Vorankommen. Ich folge den Serpentinen, die das Gebirge erträglich machen. Lege dabei meine eigenen Spuren, Baumringen gleich. Mein Lebensweg in diesem Dasein – angefangen bei meiner Geburt bis hin zu meinem Tod – fängt, um beim Baumring-Bild zu bleiben, in der Mitte an. Nach außen gehend folge ich dem, was in mir angelegt ist. Wie der Apfelbaum, der eines Tages zum ersten Mal blüht und sich auf den Besuch der Bienen freut. Ohne es zu wissen. Den Weg gehen. Meinen Weg. Kann ich nicht anders, als ihn so und nicht anders zu gehen? Ich glaube, ich kann wählen. Zwar nicht, ob ich doch lieber ein Birn- statt ein Apfelbaum wäre, wenn ich bereits in der Erde stecke, aber ich kann wählen, ob ich meine Krone der Sonne zuwenden will. Und sonst ein paar Dinge.

Banalitäten.

Mag sein, dass die Apfelbaum-Metapher auf beiden Ästen hinkt und sich gar nicht übertragen lässt auf uns Menschen. Mag sein.

Heute bin ich immer öfter dankbar über die von mir gelegten Spuren. Vielleicht bin ich auch bereits auf dem Rückweg, der Brotkrümelspur folgend.

Banalitäten.

Egal.

Ich bin auf meinem Weg. Und du auf deinem. Wir können das. Er auch, Herr Knausgård meine ich. Ich habe am Dienstagabend das erste Buch von Karl Ove Knausgård zu lesen angefangen. STERBEN. Vielleicht fängt damit ja wirklich alles an. Ich stoße auf Bilder und Gedanken, die auf eine Art in mir resonieren wie das schon lange kein Buch mehr geschafft hat. Nicht so. Nicht so unmittelbar.

Knausgard1
Ausschnitt aus dem Buch STERBEN von Karl Ove Knausgård

Bei Mützenfalterin und im blauen Café hatte ich schon über Knausgårds sechsbändige Autobiografie gelesen. Und eine ehemalige Arbeitskollegin hat ebenfalls davon geschwärmt. Nun habe ich den Autoren mal gesuchmaschinet und bin auf spannende Gedanken gestoßen.

Der Übersetzer Paul Berf zum Beispiel sagt über Karl Ove Knausgård:

In diesem Fall ist es so gewesen, dass er einfach den Gedanken an Fiktion aufgeben musste. Er schreibt sogar in einem Band, dass es ihn regelrecht geekelt hat, Sätze zu schreiben, die fiktiv sind, die nach einer Geschichte klingen. In dem Moment, wo er anfängt, über sich selbst, über seine Familie, vor allem über den Vater zu schreiben, ist dies für ihn wie ein Befreiungsprozess. Gleichzeitig aber auch der Versuch, zu etwas vorzudringen, das über sein Privates hinausgeht.

Quelle: www.srf.ch/kultur

Das kenne ich gut. Diese Sehnsucht nach authentischem Ausdruck. Auch mir tut fiktionales Schreiben manchmal weh. Wenn es nicht da hingehört, wo ich es hinschreiben will. Im Blog zum Beispiel. Und ich ahne, dass alle, die über ihre Leben bloggen, mit Knausgårds Motiven – ich nenne es mal Befreiungsprozess als Nebeneffekt – mitschwingen. Auch wir ringen und kämpfen mit unseren Monstern, mit der Sprache, mit den Ansprüchen an uns, authentisch zu sein und ebenso zu schreiben.

Wie er, schreibe auch ich in der Hoffnung, dass meine persönlichen Erfahrungen sozusagen den Modus von Allgemeingültigkeit betreten können. Und da und dort resonieren dürfen.

Und dass ich, um mit Knausgård zu sprechen, in mir drin – trotz fortschreitendem Alter – immer wieder neue, noch unetablierte Systeme finde, die noch nicht festgelegte Wege betreten und noch auf Widerstand stoßen können.

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Mehr darüber, warum es diesen Knausgård-Moment gibt: www.srf.ch/sendungen

Warum ich lese

Twitterspruch_ScharfesF
Tweet von ScharfesF | Twitterspruch von @ScharfesF

Ich scrolle durch die Followerliste einer neu entdeckten Tweetse. Ein bisschen voyeuristisch ist es schon, sich all diese kleinen Profilchen anzuschauen und hinzuspüren, wessen Gedanken mich interessieren könnten.

Vor meinen geistigen Augen entsteht ein weltumspannendes friedliches Netzwerk all der twitternden, bloggenden, fb-nutzenden Menschen, mit denen ich direkt und direkt verbunden bin. Ein Netz, in dem ich auch mit drin hänge. Wie ein Spinnennetz sieht es aus in meinem Kopfkino. Viele miteinander verbundene Menschen, verbunden mit Brücken aus Wörtern, Gedanken, Erkenntnissen. Bei den Twitternden mag ich jene Menschen am liebsten, die eine Mischung aus heiligem Ernst und intelligentem Bullshit zuwege bringen. Ohne dabei doof oder dumm zu sein. Philosophisches mit Humor, mit einer Prise Ironie und Satire, die dem allzu Ernsthaften liebevoll auf die Schulter klopft: Hallo, lach mal, die Welt ist nicht nur grau.

Ich sehe dieses Netz vor mir und fühle dabei die Macht, die wir haben, wir, die wir die Welt lieben und mit unseren Texten und Gedanken dazu beitragen, dass sie nicht in Tristesse versinkt. Die Macht der Schönheit. Die Macht der Phantasie. Die Macht der Freundschaft. Die Macht der Wörter.

Gestern sagte ich zum Liebsten, wie sehr ich am liebsten all die Dinge, die ich liebe, für andere und für mich täte. Kurse geben. Andern Sachen beibringen. Andern Bilder und Geschichten schenken. Andern zeigen, wie man besser schreiben kann. Alles ohne Geld zu nehmen zu müssen. Ohne Rechnungen schreiben zu müssen. Stattdessen hätte ich Ende Monat auf meinem Konto das monatliche Bedingungslose Grundeinkommen. Und sie auch. Er ebenfalls. Wir alle. Was für eine Welt!

Jetzt werde ich doch bald fünfzig und habe noch immer die Idee, das Ideal, die Hoffnung, dass die Welt eine bessere werden kann. Und die Hoffnung ebenfalls, dass ich mit dem, was ich bin und mit dem, was ich kann und habe, eben genau dazu beitragen kann.

Jetzt würde ich gerne als Abschluss einen dieser schlauen Sätze sagen, wie das meine Lieblingstwitternde so gut können. Nein, ich muss zum Glück nicht alles können.

Schließlich braucht es auch das Publikum. Die Lesenden. Mich und dich. Heute habe ich begriffen, dass es eine dumme Ausrede ist, wenn ich sage: Ich verbringe viel zu viel Zeit mit Blogs, Twitter und fb lesen und kommentieren. Im Grunde liebe ich es nämlich, zu lesen, was andere tun, denken, erleben, erkennen, teilen, versuchen, wagen. Und da ich ja nur jenen Menschen folge, die mich ansprechen, schreibt niemand hin, wenn er aufs WC geht. Oder gefurzt hat.

Ich lese von echten Menschen, die in ihren echten Leben etwas erlebt, etwas gelesen, etwas verstanden, gedacht, gefühlt haben. Und darum teilen sie es. [Und wenn ich es nicht lese, liest es vielleicht niemand.] Darum lese ich. Ich lese, weil ich lesen will. Weil es mich interessiert. Weil es mir wichtig ist, zu verstehen, wie andere Menschen ticken. Wie andere Menschen leben und fühlen.

Und noch immer fällt mir kein kluger Schlusssatz ein. So what.

immer weiterschreiben

Eignet sich Schreiben als Betäubungsmittel gegen Schmerz? Eignet sich Lesen als Stimulans*?
Genau genommen gibt es im Leben doch nur zweierlei: Lebenswichtige Notwendigkeiten und Stimulantia*. Doch selbst diese zwei sind eins, denn alles hängt mit allem zusammen.
Ohne atmen, essen, trinken, schlafen und ausscheiden würden wir physisch sterben. Körperpflege klammere ich hier mal aus. Oder ein. Sie ist bereits, wie alles andere, wie alles, was wir außerdem tun, Zugabe, die einzig und allein dazu dient, uns das Leben angenehmer und erträglicher zu machen, unser Lebenszeit zu füllen und uns, dank dieser Handlungen, die Lebensnotwendigkeiten zu ermöglichen. Puffer. Stimulanzia.
Darum bewegen wir uns, darum arbeiten wir an unsern Projekten und darum pflegen wir soziale Kontakte. Diese drei Stimulanzia stehen als Beispiele für grundlegende Stimulanzia. Jegliche Form des Selbstausdrucks – Kunst und Kultur aller Art wie Literatur oder Malerei – ist ebenfalls einzig Stimulans. Um nicht nur physisch zu überleben.
Selbst eine schlichte To-Do-Liste ist bereits ein Stimulans. Und falls es sich dabei um die Einkaufsliste für die lebenswichtigen Lebensmittel handelt, mischen sich hier Notwendigkeit und Stimulans, denn alles hängt zusammen.
Gestern Nacht, vor dem Einschlafen, im Briefsteller von Schischkindie Mützenfalterin hat das Buch hier wunderbar besprochen – schier unerträgliche Kriegsbeschreibungen gelesen.
Weit weniger als die Hälfte aller Menschen auf dieser Erde leben so behaglich wie ich, dachte ich, ins Dunkel starrend. Der größte Teil der Menschen meines Landes lebt luxuriöser als ich.
Je nachdem, in welche Richtung ich schaue, bin ich also reich oder arm.
Je nachdem wie ich denke, könnte ich verzweifeln ob meiner fragilen Lebensperspektiven oder könnte ich vor lauter Freude über den geplanten Neuanfang abheben. Sich selbständig zu machen, ist zwar ein leiser, alter Traum, doch daran kleben noch immer viele Ängste. Kann ich das? Werde ich mich im Wettbewerb behaupten können? Werde ich Aufträge bekommen? Werde ich davon leben können? Vor allem letztere Frage spukt durch meinen Kopf – und dann diese: Was brauche ich zum Leben wirklich? Werde ich von dem, was ich als Selbständige verdienen werde, meine Notwendigkeiten bezahlen können. Das Dach über dem Kopf, die Krankenversicherung und die sprichwörtliche Butter auf dem Brot und werde ich mir auch weiterhin meine Lieblingsatimulantia leisten können, als da wären zum Beispiel Schokolade (weniger die Menge als die Stückgröße der bitteren schwarzen Köstlichkeit, die langsam auf der Zunge zergeht, ist entscheidend) und Bücher?
Eins werde ich hoffentlich immer können: Schreiben. Auch eine Stimulans, natürlich. Und wohl nur eine andere Form von Denken – notwendig und stimulierend.
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* Ich verwende das Wort in Ein- und Mehrzahl hier bewusst losgelöst von seiner pharmazeutischen/medizinischen Bedeutung

Sonne, Mond und andere Fragen

1.)
Vermutlich würde ich noch einmal richtig intensiv leben wollen, sollte der Arzt eines Tages sagt, dass … Vielleicht würde ich mit dem Liebsten eine letzte Reise wagen? Nach Australien-Neuseeland zum Beispiel. Und Schreiben würde ich. Ganz viel. Und ganz still werden. Vielleicht sogar anfangen, das Leben zu lieben, zu genießen. Vielleicht dem Tod, der mich holen will, dankbar sein dafür, dass er mir das Leben doch noch lieb gemacht hat. Ob ich mich dagegen wehren würde? Ob ich versuchen würde, dem Tod zu entkommen? Ich lebe auf diesen einen Moment hin: Endlich möglichst unbeschadet am Ende ankommen, glücklich auf mein Leben zurückschauen, das Lebensbuch zuklappen und sagen: Well done!
Zuweilen beneide ich „Menschen ohne Phantasie“, wie sie Marlen Haushofer in der Wand nennt. Sie müssen nicht über solche Dinge nachdenken.
Gibt es dieses Lied in allen Dingen wirklich, das alles verbindet? Oder ist alles aus purem Zufall entstanden und nichts hat einen tieferen Sinn außer den des Augenblicks, wie das Marlen Haushofer hinter der Wand erkennt und ihre Protagonistin schreiben lässt ? Meine Sehnsucht danach, dass alles eine sinnvolle Ursache hat, ist sehr groß. Ein Leben ohne solche mag ich mir einfach nicht vorstellen. Und tue ich es ab und zu doch, erfüllt mich größte Abscheu dem Leben gegenüber. Alles Tun und Sein wäre vergeblich und würde uns von jeglicher Mitverantwortung für die Welt entbinden.
2.)
Ich lese, also bin ich. Und immer werde ich Teil der Geschichte, die ich lese. Ich identifiziere mich mit Figuren, werde selbst zur Figur, lebe andere Leben als nur meins. Das eigene Leben ist nicht begrenzbar. Alle andern Leben, reale und fiktive (so es diesen Unterschied denn gibt) fließen an mir vorbei und durch mich durch. Wie Jostein Gaarder sinngemäß in Der seltene Vogel schreibt: Jeder einzelne Wassertropfen, der ins Meer fließt, ist nicht nur und nicht länger ein einzelner Tropfen im Meer, er ist das Meer. Und er war immer schon das Meer. Auch.
Ich bin nicht nur Teil des ganzen, ich bin das Ganze. Auch. Selbst im Spektrum aller Kontraste und Dualitäten. Sie sind nur Facetten des Ganzen. Ebenso wie alle Rollen, die wir spielen. Doch jetzt, und jetzt, und jetzt, wo ich diese Gedankenfetzen und Ideen in Sätze umforme, den Formen Namen gebe, zeigen sie sich als Teile. Um anschließend ihre Form wieder zu verlassen und eins zu sein …
All das schreitet durch die Tür meiner Wahrnehmung, zieht dort die Schuhe aus und setzt sich hin. Ich schaue und nehme für wahr. Manchmal bin ich überfordert. Zu viele Eindrücke.
Ich lese Siri Hustvedt. Was ich liebte. In Worte gegossene differenzierte, detaillierte Beobachtungen. Bilder, die auf eigenen Füßen stehen. Einfach nur ihre Worte zu lesen, ist das pure Vergnügen – die Handlung in ihrer Dramatik mal ausgeblendet. Jedes Wort stimmt. Nie schwülstig, nie auf Effekt angelegt. Schlicht, aber nie billig. Zwar eine bewusste Sprache, aber keine raffinierte oder eitle. Authentisch und unexhibitionistisch. Die Sprache transportiert den Inhalt so, dass der Inhalt optimal gesehen werden kann. Die Form stellt den Inhalt dar, Inhalt und Form sind eins.
Dem Ich-Erzähler gelingt es mehrheitlich, sich – obwohl er wesentlicher Teil der ganzen Geschichte ist – auszublenden, die Rolle des Beobachters und Chronisten auszufüllen. Das Ziel, endlich die Geschichte zu erzählen, die erzählt werden soll, stellt er höher, als seine eigene Befindlichkeit, die trotz des Dramas, das er zu verarbeiten hatte, wenig Raum* einnimmt. Dennoch: Kein Roman ist ein objektiver Bericht. Ein Roman erzählt die Sichtweise von Dingen aus einem bestimmten Winkel. Wie der zehnjährige Matt es nach einem Basemallmatch sinngemäß sagt:
Nur schon, wenn ich da statt dort gesessen wäre, hätte ich alles ganz anders erlebt.
(((Lies zwei Zeitungsartikel zum gleichen Thema: In aller vorgeblichen Objektivität wird Subjektivität sichtbar: Wo setzen die verschiedenen AutorInnen ihre Schwerpunkte, wenn die Fakten abgehakt sind? Sind sie kritisch?)))
Schreiben ist das Übersetzen von persönlich gefärbter Wahrnehmung in Buchstaben. Schreiben ist die Wiedergabe von verdautem Geschautem. Ein Schauen, das nicht aufhört sehen zu wollen, was dahinter wirklich ist, was wirkt, was einwirkt, was bewirkt, was ursächlich ist. Und eher was hinter als vor dem Vorhang ist, wirkt bei den Lesenden nach. Wiedererkennen tun wir uns, wenn der Spiegel klar ist. Dann sehen wir mit dem Herzen. Der ganze Farbkreis steht uns zur Verfügung. Alle Farben. Deshalb ist jedes einzelne Bild, das wir mit Worten, Pixeln und Pinseln malen eine Synthese. Ist Ausschnitt und ist alles zugleich. Spezifisch, also alle Details mit der ihnen eigenen Struktur, wiederzugeben, ist die große Kunst jeder Kunst.
Schreiben ist Leben, ist Malen mit allen möglichen Farben und Techniken. Wir arbeiten am sich stetig wandelnden Bild. Dabei lassen wir immer weit mehr weg, als wir sagen und schreiben können. Doch selbst was wir weglassen, ist Teil des Bildes. Des ganzen …
3.)
Sonne und Mond zu sein
Ich lese.
Verdaue Geschriebenes.
Bin Mond.
Reflektiere.
Folge.
Ich schreibe.
Verdaue Wahrgenommenes.
Bin Sonne.
Strahle.
Denke.
Du liest.
Verdaust Geschriebenes.
Bist Mond.
Reflektierst.
Folgst.
Du schreibst.
Verdaust Wahrgenommenes.
Bist Sonne.
Strahlst.
Denkst.
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* EDIT: Vom zweiten Teil des Buches an wird der Autor in seiner Befindlichkeit sichtbarer. Er resümiert frühere Erkenntnisse und überträgt sie auf die Gesamtzusammenhänge und sein Leben.