Die Fahrt

Eigentlich sollte ich keine Rezensionen lesen. Nicht, wenn mir ein Buch so gut gefallen hat wie Die Fahrt von Sibylle Berg. Einfach bei meinem Eindruck bleiben, denn immer werden die Rezensentinnen und Rezensenten irgendwas finden, was sie nicht mögen. Und meine Freude am Leseerlebnis ein wenig dämpfen.
Und es gäbe in der Tat viel zum Nichtmögen in diesem Buch, denn die Menschen darin sind keine Heldinnen und keine Helden. Nicht einmal Anti-Helden sind sie. Einfach nur Suchende. Desperat die einen, soziophob die anderen, auf der Flucht vor sich selbst alle – und somit ziemlich normal. Menschen wie du und ich. Nicht mögen könnte die Leserin zum Beispiel den subtilen zynischen Unterton, der allen Geschichten leicht anhaftet, sich aber auch immer wieder relativiert, weil die Figuren in sich selbst glaubwürdig und trotz allem liebenswert sind. Und nicht mögen könnte der Leser auch, dass in fast jeder Geschichte Kakerlaken und Dreck vorkommen. Auch sprechen die RezensentInnen von den allzu vielen Selbstzitaten Sibylle Bergs aus früheren Werken und innerhalb des Buches selbst. Dazu kann ich nur sagen: Und wenn? Wer zitiert sich nicht hin und wieder selbst? Und warum auch nicht? Ja, es gäbe vieles zum Nichtmögen. Noch mehr aber, das ich mag.

„Getrieben sind sie alle, die Figuren in Sibylle Bergs neuem Buch, einem Reiseroman. Ruhelos fahren die einen an exotische Orte, auf der Suche nach einem kleinen bisschen Glück. Oder Sinn oder Abwechslung. Hauptsache, etwas passiert. Die anderen haben keine Wahl und müssen bleiben, wo sie sind. Wo auf der Welt kann der Mensch glücklich sein?
Heimat gibt’s nicht mehr. Heimat ist für Menschen, die in Bergdörfern aufgewachsen sind, dort wo man alle kennt, auch die Tiere und wo man statt ins Kino Sonnenuntergang schauen geht. Für alle anderen, also für die meisten, stellt sich die Frage immer wieder neu: gehen oder bleiben? Bleibe ich in meinem blöden Berliner Leben hocken oder suche ich das Glück in Sri Lanka, Rio de Janeiro, Shanghai oder Tel Aviv? […] Vor dem Hintergrund der verschiedenen Lebensverhältnisse stellt sie die Frage: Wie entstand die aberwitzige Idee des Individuums, ein Individuum sein zu wollen? Mit allen dazugehörigen Individuumsansprüchen? Glücklich sein zu wollen, zum Beispiel.“

Quelle: kiwi-verlag.de.
[Vorhin habe ich Mützenfalterins genialen Artikel über die Gefahren der (Über-)Interpretation gelesen (siehe Susan Sontag „Kunst und Antikunst“). Auch deshalb verfasse ich hier keine Buchinterpretation – auf alle Fälle keine allgemeingültige. Bestenfalls eine persönliche …]
Sibylle Bergs ProtagonistInnen reisen nach Südamerika, Nah- und Fernost, Indien, Europa. Und wir reisen als Lesende mit ihnen um die ganze Welt. Bergs Menschen denken über die Sinnlosigkeit ihres Leben nach, fliehen vor sich selbst, finden sich (immer wieder ein bisschen), bloß um sich erneut zu verlieren. Da ist Einsamkeit, Sehnsucht nach Liebe, Hoffnungslosigkeit , die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit und jener, der Menschen, die man liebt. Der Tod tanzt durch die Buchseiten und das Glück wird gefunden, aber mehr in Frage gestellt als willkommen geheißen. Das Leben ist zum Davonlaufen, zum Weglaufen, woher auch immer. Und es ist zum Hinlaufen, wohin auch immer, aber Hauptsache einfach weg von da, wo man ist. Ob das nun Berlin ist oder Bangladesh, im Endeffekt ist das gar nicht so relevant, denn solange wir nicht bei uns angekommen sind, tut leben so oder so weh. Wo immer ich hin flüchte, es sei denn zu mir, ich werde das Glück nicht finden. Falls ich solchen Wohlstandsluxus denn überhaupt brauche.
Ist das Schicksal entschuldbar, das Frank und Ruth in Island doch noch zusammenführt und ihr Glück schon nach wenigen Monaten, da Frank an Krebs stirbt, wieder auseinanderreißt? Ist Glück, erst einmal gefunden, nicht viel schmerzhafter in seiner Abwesenheit, als wenn wir es nie gekannt hätten? Wird nicht durch Drittwelttourismus erst die Maschinerie angekurbelt, die Unwissende zu Wissenden und somit zu Entbehrenden macht?
Sie moralisiere lese ich in einer Rezension, die Berg, sie moralisiere. Und wenn schon!
Hinten auf dem Buchumschlag steht: Die umweltfreundlichste Art zu reisen: „Die Fahrt“ kaufen. Und zu Hause bleiben! Hat was.
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Noch mehr über das Buch:
http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/diefahrt-r.htm