Wenn es tagt …

Ich fahre lieber rückwärts, hatte ich am Morgen gesagt und meiner Arbeitskollegin und meinem Boss erklärt, dass es mir lieber ist, den verschwindenden Bildern nachzuhängen, als von den ständig neuen Eindrücken, die auftauchen, aufgewühlt zu werden. Mein Scheff fand, das passe zu mir. Wie auch immer er das gemeint hat …

Später wünsche ich mir meine Oropax herbei, jene pinkfarbenen Teilchen, die auf meinem Nachttisch schlafen. Was für ein Lärm! Mittagspause. Und kein Vegi-Menü. Als ich „Menü ohne Tier“ ordere, wird mir „nur Gemüse“ gebracht.
Oropax … auch mit ihnen würde ich eben nicht viel verpassen. Wir smalltalken. Eine Disziplin, die ich schlecht beherrsche. Ich lache da mit, lächle dort ein wenig, runzle die Stirn und äussere mich adäquat zum aktuellen Thema. Bemühe mich,  nicht zu zeigen, wie unsicher ich mich fühle.  Nett sind sie, die Leute, allesamt, keine Frage … nur … Ich fühle mich, hm, wie?, allein in der Masse. Na ja. Tagungen waren noch nie mein Ding. Viele Menschen auf einem Haufen – das ist doch einfach nicht natürlich.
Naturtrüb der Süssmost auf dem Tisch, naturtrüb ich. Und doch grüsse ich dort, lächle hier, da drüben winke ich zurück, hier verspreche ich, morgen den gewünschten Anhang zu schicken.

Der letzte Vortrag, jener des Direktors, steigt als fette Wolke unter die Decke. Hunderfünfzig müde Körper hängen in den Seilen, ähm, Stühlen. Dick die Luft. SMS werden geschrieben, Augen gerieben, hinter meiner Stirn klopft es verdächtig, da und dort huschen Blicke mit nach oben verdrehten Augen hin und her, andere tuscheln und mein Scheff, ich seh es genau!, schielt auf die Uhr. Mit halbem Ohr schnappe ich die elfte These auf. „Wir, als Hilfswerk …“, höre ich … wir, als Hilfswerkmitarbeitende, denke ich, wir sind auch bloss Menschen. Müde Menschen.

Später, im Zug, noch mehr davon. ‚Blick am Abend‘ auf jedem zweiten Kniepaar. Rascheln. Reissverschlüsse. Noch mehr Smalltalk. Smalltext. Mein Kopf dröhnt. Ich werfe, Chemieseidank, eine schnell wirkende Tablette ein. Der Schreiber flitzt über die Seiten. Die Gedanken tanzen und die ersten Gewitterregentropfen malen skurrile Muster auf die Scheiben.

Ich fahre rückwärts und lasse die Bilder ausfransen.

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