Worüber ich heute schreiben soll? Nein, falsch geraten! Es ist nicht so, dass mir NICHTS einfällt. Es ist eher so, dass ich mich täglich aus der ganzen Fülle, die sich vor mir auftut, auf ein Thema beschränken muss.
Tatsache ist, dass ich, seit ich täglich blogge, die Welt anders wahrnehme. Alles, was mir – oft buchstäblich – über den Weg läuft, wird in mir drin subito zur kleinen Alltagsgeschichte. Da tummeln sich Sätze herum, die ich wie Kaugummi von einer in die andere Ecke schiebe. Und die auch ebenso hartnäckig kleben bleiben. Mir geht es total anders, als Peter Stamm, einem meiner Schweizer Lieblingsautoren, der aktuell den kulturplatz-Blog des Schweizer Fernsehens bestreitet. Er schreibt im ersten seiner ungefähr vier bis fünf zu erwartenden Artikel:
Es fehlt mir am Mitteilungsbedürfnis und so furchtbar spannend ist mein Leben nicht (wenigstens nicht für andere), als dass ich darüber im Wochenrhythmus berichten müsste.
Ist mein Leben denn so viel spannender als seins oder jenes der anderen? Kaum! Oder ist es so, dass ich mich einfach gerne mitteile? Das gewiss, ja. Doch durch die Augen der Schreiberin betrachtet, kann der kleinste Fliegenfurz ein Ereignis sein. Bloße Blubber wie Kollege S., Texter, gewisse Leerläufe nennt? Ich hoffe es nicht. Seichte Unterhaltung? Auch das hoffe ich nicht. Ein bisschen was zu futtern für das Hirn? Das hoffentlich schon eher. Oder zumindest Unterhaltung auf jenem Niveau, das über den Bauchnabel hinausgeht.
Es ist keineswegs so, dass ich keine Gegenüber hätte, mit denen ich mich austauschen könnte, doch der schriftliche Output, wie jener eines Blogartikels, hat eben eine andere Qualität. Qualität im Sinne von Beschaffenheit, von Konzentration und Dichte. Es ist für mich eine Übung, mich schriftlich kurz zu fassen. Die Aufträge der Zeitschrift, für die ich schreibe, lauten jeweils so: 3600 Zeichen mit Leerschlägen. Zum Beispiel. Wie für Sirup werden also die zahlreichen Ideenfrüchtchen eingekocht. Schließlich erreiche ich den Moment, wo 1.) der Sirup genau die richtige Konsistenz hat und 2.) der Abgabetermin vor der Türe steht. Idealerweise 1.) vor 2.) wohlgemerkt. So nehme ich die Pfanne vom Feuer und lasse ein paar feinschmeckende Mitmenschen daran schnuppern und sie ein Glas versuchen, auf dass sie mir liebevoll-ehrlich und wohlwollend-kritisch sagen, wie das Ganze schmeckt.
Doch wo war ich gleich? Bei der (Hirn-)Fütterung der Raubtiere Bloglesenden! Na ja, es ist ja nicht immer meine erklärte Absicht, Euch Geistreiches zu bieten, manchmal ist Bloggen einfach Warm-up. Einlaufen. Stretching. Bevor ich an einer Geschichte weiterspinne.
Apropos Spinnen. Thekla, wie ich meine Balkonmitbewohnerin nenne, ihres Zeichens Spinne, legt eine beneidenswerte Ausdauer im Spinnen neuer Geschichten Netze an den Tag. Sie hat es sich in den Kopf gesetzt, ausgerechnet zwischen meinem Balkonstuhl und der Mauer Mücken zu fischen. Und das, obwohl ich – nicht aus böser Absicht, sondern aus Vergesslichkeit – schon viermal ihr Netz beschädigt, sie genausooft um Verzeihung gebeten und ihr gut zugeredet habe, ihr Netz woanders, zum Beispiel bei den Tomaten drüben, zu knüpfen. Ich hoffe, sie verhungert nicht! Wo sie doch vor lauter Webereien kaum was zum Fangen und Futtern kommt. Wie gesagt: Ihre Ausdauer ist bewundernswert. Sisyphus lässt grüssen.
Jetzt sollte ich wohl endlich meinen klugen Artikel zu schreiben beginnen. Bloß weiß ich heute echt nicht, worüber ich schreiben könnte. Über die Schweinegrippe vielleicht? Nein, das lassen wir besser.
Bleibt mir nur ein Tipp: Spinnt Netze, liebe Leute. Ein paar literarische Mücken finden sich bestimmt. Guten Appetit.


