ruhig

Wie sehr ich mich eine Woche nach den Ferien bereits wieder danach sehne, endlich zur Ruhe zu kommen. Wenn ich am Wochenende krank im Bett liege, hat das eben einfach nicht den gleichen Erholungswert wie richtig frei haben und tun und lassen können, was das Herz begehrt. Und das obwohl ich heute den ganzen im Bett gehängt bin und ein gutes Buch gelesen habe.

Ich vermisse mich. Ich bin zurzeit kaum je alleine mit mir und meinen Gedanken. Auch Tagebuch schreibe ich kaum. Schade eigentlich und auch nicht wirklich gut für mich. Immer geht alles nach außen. Zu anderen Menschen: Ins Blog. Zu J..  Zu Freundinnen und Freunden. Immer ist die Türe offen. Ich brauche im Grunde einfach Ruhe von innen heraus. Ich brauche mehr mich.

Ich gestehe: Die virtuelle Gemeinde – meine Bloglesenden – bestimmt mit ihrer unsichtbaren und zum Teil bekannten Anwesenheit meinen Alltag mit.  Na ja, das geht wohl allen Blogschreibenden so, da bin ich sicher.

Obwohl ich ja in erster Linie schreibe, weil ich schreiben will. Und schon fallen mir meine Mailschulden ein. Die liegen mir schwer auf dem Magen. Zumal ich alle mag, denen ich schreiben will. Eigentlich ist es ja mit allem so: Wenn ich zu lange warte mit reagieren, mit antworten, mit dem Überarbeiten meines Manuskriptes, mit bloggen oder damit meine Bildergalerie weiter zu bearbeiten, dann wachsen auf einmal große schier unüberwindbare Berge und der erste Schritt wird immer schwerer.

Berge aus Nichts. Dieses Nichts ist selbstgestrickter Leistungsdruck. Das Nichts macht, dass ich mich unfrei fühle, verpflichtet und in der Rolle der Reagierenden statt in der Rolle der Aktiven. Doch wem sag ich das, wo ich mir das doch selbst so kreiert habe. Auch die daraus entstehende Unruhe und Spannung – statt besser zu mir selbst zu schauen. Tja. Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, wie es so schön heißt.

Apropos Schritt: Irgendlink ist nun schon drei Tage gewandert. Um die siebzig Kilometer Jakobsweg. Ein Zehntel oder so. Heute im Dauerregen. Mit kalten, nassen Füßen. Von Anfang an hat er gute Kontakte gefunden, war nie wirklich allein und hat inzwischen auch gelernt, wie man Blasen behandelt. Nähen ist das Gebot der Stunde. Statt aufstechen. Nähen, dreimal. Mit Faden.

Er klingt sehr gut, mein Liebster, richtig glücklich. Die drei Spanier, mit denen er gestern und heute gewandert ist, obwohl er nur sehr knapp spanisch reden kann, mochte er sofort. Und sie ihn offenbar auch. Zum Abschied hätten sie sich herzlich umarmt.

Zur Ruhe kommen … hm, nicht mal auf dem Jakobsweg ist Ruhe ein normaler Zustand. Ruhe finden ist wohl ebenso, wie sich aufs Glücklichsein einlassen, eine Entscheidung. Die wir immer wieder neu treffen müssen. Zum Beispiel jetzt.

ankommen

Während ich das Klo schrubbe, will mir der Gedanke – die Frage vielmehr – nicht mehr aus dem Kopf, warum wir nie wirklich ankommen werden.

Haben wir nämlich ein Ziel erreicht, eine Sehnsucht erfüllt, einen Traum oder auch nur ein Bedürfnis gestillt – jene Arbeitsstelle erhalten, diesen Mann oder jene Frau gefunden, diese oder jene Lebensumstände wie Wohnung oder Auto gegen Geld getauscht – sind wir nicht etwa am Ziel. Oder dauerhaft glücklich. Und die Zufriedenheit ist auch bloß eine temporäre. Ziel ist definitiv kein Synonym zu Glück, und umgekehrt ebenfalls nicht.

Glück, wunschloses vor allem, ist wohl das am schwersten zu findende Gut. Nix neues.

Wie die Welt wohl aussähe, wenn wir zufrieden wären und ob Evolution nur auf der Basis und als Folge von stetiger Unzufriedenheit möglich ist?, frage ich mich, während ich die Badewanne nachspüle.

Ich poliere den Spiegel, lächle mir trotz Halsweh zu und beschließe, zufrieden zu sein. Einfach so.

Copy, Cut und Paste

Ich ertappe mich, wie ich – wenn ich auf der Smartfon-Tastatur einen Text bearbeite – immer mit dem gleichen Finger ein Wort oder einen Satzteil wiedereinfüge, mit dem ich ihn zuvor an einem anderen Ort ausgeschnitten habe. Das geschieht bei Touchscreen-Tastaturen durch Berührungen mit den Fingerspitzen. Die Wörter, die Buchstaben, so fühle ich, sitzen, wenn sie ausgeschnitten sind, eine Weile in meiner Fingerbeere. Logischerweise in jener Fingerbeere, mit der ich sie ausgeschnitten habe.

Meine Fingerspitze ist am Smartfon meine Maus. Denn auch die Maus zwischenspeichert Wörter, Sätze und Links. Richtig, auch Links. Wenn ich ab Browser eine Webadresse kopieren will, tue ich das vornehmlich mit dem Mittelfinger. Und es ist – natürlich! – auch wieder der (gleiche) Mittelfinger, mit dem ich den Link in die Mail setze. Bei Blogtexten ist es interessanterweise meistens der Zeigefinger. Der rechte.

Ich frage mich, wo meine Maus ihre Geheimnisse zwischenspeichert. Und noch was möchte ich gerne wissen: Lässt sie die Wörter, Sätze und Links wirklich wieder frei? Oder bleiben diese vielleicht ein klein bisschen – sagen wir mal in komprimierter Form – irgendwo im Innern der Maus zurück? Wie eine leise Erinnerung? Was würde mir die Maus, wenn ich sie denn fragen und sie reden könnte, alles erzählen? Weiß sie oder erinnert sie sich bloß?

Nicht auszudenken, wie das erst mit meinen Fingerspitzen sein muss. Vielleicht werde ich nach zehn Jahren iFonschreiberei ganz dicke Fingerbeeren haben. Oder Blutstau. Vielleicht  sterben sie gar ab, meine Fingerspitzen? Oder kommt es drauf an, was sie schreiben?

Besser ich lese noch ein bisschen. Das scheint mir nicht gar so gefährlich wie schreiben zu sein.

 

„Es regnete“ und andere erste Sätze

Der erste Satz ist immer am schwierigsten. Und der letzte auch. Beim Bloggen ebenso wie bei Bewerbungsbriefen. Im Leben und beim Sterben auch. Anfänge und Übergänge – herausfordernd. Neuanfänge sowieso – trotz des ihnen innewohnenden Zaubers, wie Hesse so schön schrieb (Stufen).

Den ganzen Abend habe ich an meinen Bewerbungsunterlagen gefeilt, sie auf den neuesten Stand und in online-taugliche Form gebracht. Die vielen Bewerbungen, die in den letzten Tagen meinen Schreibtisch überfluteten, haben mich inspiriert. Ein schönes Dossier zu gestalten, braucht Zeit. Ausschlag zu diesem ganz und gar spontanen Akt, mich derartig auf meine berufliche Zukunft vorzubereiten, gab das Zwischenzeugnis, das mir mein Scheff heute überreicht hatte. Ich habe beim Lesen fast geweint vor Rührung.

Die würde ich echt sofort anstellen, sagte ich und deutete auf die Zeilen, die mein Scheff über mich geschrieben hatte. Die ist ja richtig gut, die Frau. Wir grinsten. Von mir aus darfst du gerne bleiben, meinte er schließlich. Zur Antwort zuckte ich nur die Schultern.

Warum bloß zieht es mich denn immer weiter?
(Eine Frage, die ich mir nach Vormittagen wie heute nicht stelle. Die  superprovisorische und sich immer wieder ändernde, aber für heute geltende Antwort lautet: Ich hasse Stress. Und heute Vormittag war einfach alles nur stressig. Außerdem hatte ich – was nur alle zehn Jahr vorkommt – mal wieder verschlafen. Weil ich zu spät ins Bett gegangen und zuvor lange mit Irgendlink telefoniert hatte …)

Ich sammle noch immer Erfahrungen, sage ich Stunden später zu meiner Freundin C (2). Alles, was ich unterwegs auf meinem Weg lerne, ist ein weiteres Puzzleteil. Wir philosophieren über die Lebensreise und träumen uns so reich, dass wir nicht mehr für Geld arbeiten gehen müssen, sondern nur noch unseren künstlerischen Neigungen und Passionen gemäß leben können. Little-F. tanzt derweilen zu Kristofer Åström und wir Frauen genießen es, auf dem Sofa Tee zu trinken und so dem Novemberblues ein Schnippchen zu schlagen.

Den Winter finde ich zwar im Voraus jedes Mal ganz furchtbar schlimm, aber wenn er dann da ist, arrangiere ich mich ziemlich gut mit ihm. Die Gegenwart ist immer irgendwie okay, meinte Kollegin S. neulich.

Zu C (2) sage ich, dass mehr die Angst vor der Angst das Leben schwierig macht, als die Angst vor etwas konkretem und dass ich mir deshalb ganz viel Mut zum mutig sein wünsche. Mut um mein Ding zu finden und zu tun.

Wir ziehen Tarotkarten. Wow, sage ich, ich Glückspilzin. Ich freue mich auf meine Zukunft. Und über das Jetzt auch.

Einen Brötchen-Job werde ich aber wohl trotzdem brauchen, denke ich. Und darum peppe ich meine Bewerbungsunterlagen auf. Doch falls jemandem da draußen ein Geldesel über den Weg läuft, könnte es womöglich meiner sein. Bitte schickt ihn, nachdem ihr ihn gefüttert, gestriegelt und gestreichelt habt, weiter zu mir. Ich werde gut zu ihm schauen. Versprochen.

(k)eine Wollsau

Da ist dieses Bedürfnis, diesem seltsamen Bürotag einen kreativen Farbtupfer zu verleihen. Es kratzt an meiner Innentüre. Heißt mich, den Laptop einzuschalten. Drängt mich an den Schreibtisch.

Kreativ und farbtupfig? Nach so einem Tag? Wie denn – und was bitte schön? Soll ich denn einfach etwas über diesen Tag schreiben? Wen interessiert das schon?

Laut Statistik wird mein Blog ziemlich rege gelesen. Rege ist relativ, aber rege heißt auch, dass ich doch nicht einfach so drauflos schreiben kann. Rege heißt, dass ich etwas geistreiches, seelenfütterndes, kreatives, witziges oder zumindest bewegendes schreiben muss.

Doch wer will schon lesen, dass ich heute unter anderem meine sieben potentiellen Nachfolgerinnen telefonisch einladen durfte? Wen da draußen interessiert es, dass nächste Woche sieben Frauen, die bis anhin nichts mit mir zu tun hatten – und ich mit ihnen ebenfalls nicht –, nächste Woche mein Büro anschauen und sich vorstellen werden, wie es sein könnte, ab nächstem April hinter diesem Schreibtisch zu sitzen. Dass ich drei Favoritinnen habe, macht die Sache für mich nicht leicht. Ich will doch unbelastet an den Gesprächen teilnehmen und meinen Scheff gut beraten können. Jene Frau soll meine Stelle bekommen, denke ich, die am besten ins Team passt. Und die sich da auch wirklich wohl fühlen wird. Auch soll sie sich heraus- aber nicht überfordert fühlen, ihre Aufgaben lustvoll bewältigen und dabei ein ausgeglichenes Lebensgefühl haben. Und sie muss unbedingt mit einer großen Portion Humor gesegnet sein, um die Launen des Scheff relativieren können. Und vor allem sollte sie – besser als ich – auch mal Nein sagen können. Besser? Nein, sie darf nicht besser sein als ich, sonst werde ich ja keine Lücke hinterlassen. Hm. Aber schlechter darf sie auch nicht, sonst hätte ich ein schlechtes Gewissen.

Ich muss grinsen. Einzigartig sind wir doch alle und die eierlegende Wollsau, die dazu noch Frischmilch liefert, gibt es nicht. Zum Glück. Die Unentbehrlichkeitsfalle ist eine jener Illusionen, die ich nicht erfüllt sehen will. Mein Büro wird auch ohne mich weiterexistieren. Mit Kollegin K. habe ich heute Nachmittag eine halbe Stunde statt zu arbeiten über unsere selbstwachsenden Arbeitsberge philosophiert und über die Paradoxie, die der Satz „Überstunden abbauen“ beinhaltet. Zumal es ja gerade die Arbeitsberge sind, die Überzeit entstehen lassen. Doch bauen wir sie ab, in dem wir blau machen, wachsen die Berge und wir produzieren zurück im Büro erneut Überstunden, um die alt-neuen Arbeitsberge abzutragen. Ein Perpetuum mobile der anderen Art. Eine Abwärtsspirale. Der Anfang vom Burnout. Ressourcenmangel überall. Da ist viel Arbeit zu tun. Und da wären auch viele Menschen, die auf Arbeit warten. Stellensuchende. Doch da ist kein Geld für faire Löhne. Die Pensen erhöhen würde ebenfalls Abhilfe schaffen, doch auch dazu ist kein Geld da.

Für mich, die ich bereits auf dem Sprungbrett stehe, sind solche Überlegungen bereits ein bisschen unscharf. Lieber träume ich. Vom einfachen Leben und auch ein bisschen davon, mich eines Tages von meiner Alltagskunst ernähren zu können. Wäre ich bloß mutiger. Ich schlucke leer. Wie gestern, als ich per Mail erfuhr, dass ich wieder bei einem Geschichtenwettbewerb gewonnen habe. Mit 24 anderen Autorinnen und Autoren zusammen. Und dass ein weiteres Buch – diesmal mit einer etwas längeren Geschichte von mir – im Januar erscheinen wird.

Na ja. Kreativ war das alles jetzt nicht wirklich. Wie auch, nach so einem Tag. Dafür will ich jetzt die neue Seite auf diesem Blog noch füllen. Mein Who Is Who. Einfach für den Fall, dass hier jemand mitliest und sich für mein kleines Alltagsleben interessiert.

so und so

Erstes Bild: Schnappschuss von mir, mit PhotoFunia bearbeitet. Eine BildbearbeitungsApp, die witzige Bildmontagen, vor allem mit Porträts, erlaubt.

Zweites Bild: Ebenfalls mit PhotoFunia bearbeitetes Bild, das J. zeigt. Während seiner Ausstellung. Morgen um die Zeit ist mein Liebster bereits in St.-Jean-Pied-de-Port. Insch’allah.

(Sein Pilgerblog  findet sich hier: http://irgendlink.de)

Logo, dass ich ihn gerne alive wiedersehen will.

besser

Wie du dich als besserer Mensch fühlen kannst? Du sagst einfach zu deinen Mitmenschen: Ich lasse dir den Vortritt!

Das fühlt sich gut an!, sagst du. Grad so, als seiest du eine besserer Mensch.

Und ich? Ich gebe sie dir gerne, diese Gelegenheiten. Zum einen, mir den Vortritt zu lassen und zum anderen, dich danach als besserer Mensch fühlen zu können. So fühle ich mich auch gleich besser. Als besserer Mensch sozusagen. Und das nur, weil ich dir die Gelegenheit gab, mir Gutes zu tun, indem ich auf das Privileg, dir den Vortritt zu lassen, verzichtet habe. Hach, wie schön es doch ist, sich gemeinsam als bessere Menschen zu fühlen.