Warum eigentlich und warum eigentlich nicht?

Warum willst du pilgern – wirklich meine ich?, fragte ich meinen Liebsten vor vielen Wochen. Warum willst du dir das antun? Diese Strapazen! Nein, Mitleid war es nicht, das mich so fragen ließ. Einfach pures Interesse. Und der Wunsch, verstehen zu wollen.

Neugier. Herausforderung. Experiment. Erfahrungen sammeln. Lust auf diese mir neue Art zu reisen. Ungefähr so hatte Irgendlink geantwortet. Und jetzt, wo er unterwegs ist, werden alle dazugehörigen Strapazen schlicht im Bereich Erfahrungen sammeln gebucht. Das Pilgern macht ihm großen Spaß. Er stillt seine Neugier täglich neu und sammelt Erfahrungen noch und noch. Ich gebe gerne zu, dass ich gerne mitreise – von zuhause, von der warmen Stube aus. Obwohl ich ihn vermisse und mich auf das Wiedersehen freue.

Meine Frage nach dem großen Pilgermotiv ist hier nur im Einzelfall gelöst und ganz gewiss nicht repräsentativ. Und gelöst ist sie eh auch nur annähernd, denn alle Entscheidungen sind weit vielschichtiger als wir in Worte fassen können. So vielschichtig, dass wir selbst nicht genau begreifen, warum wir so und nicht anders handeln, denn auf der alles entscheidenden Ebene gelten andere Gesetze als die des reinen Verstandes.

Buße tun. Ablass erbitten. Sich geißeln … Ursprünglich pilgerten Menschen, um – salopp gesagt – am Ende des Pilgerweges mit reiner Weste vor Gott zu stehen. Oder um dort eine ekstatische Erfahrung zu machen. Oder um geheilt zu werden. Urmotiv oder Auslöser für die Pilgerreise war also eine Last. Die Krankheit, ausgelöst von Schuldgefühlen. Oder einfach reine Schuldgefühle, ganz ohne Krankheit. Schwere, erdrückende, kaum lösbare, die eine Sehnsucht nach Absolution gebären, welche sich – so geht das Gerücht – nur durch Pilgern stillen lässt.

Ganz bewusst sage ich Schuldgefühle, denn an Schuld per se kann ich nicht glauben. Gefühle also, die Schuld vorgaukeln, da wir gelernt haben, in Schuldstrukturen zu denken. (Okay, das ist jetzt aber ein anderes Thema, ein ethisch-philosophisches, das ich hier nicht umfassend abhandeln kann und mag.)

Gefühle sind es schließlich auch, diesmal erfreuliche, – um zum Thema zurückzukommen – die den Pilger und die Pilgerin alsdann, nach erledigter Bußübung, von Kopf bis Fuß durchdringen. Gefühle der Erleichterung. Gedanken der Erlösung. Wie wichtig und wie verrückt für unser Seelenheil, was wir denken, was wir fühlen, was wir tun und wie vernetzt dies alles in uns drin und mit unserer Umgebung doch ist! Darum behaupte ich, dass auch ein traditioneller Pilger und eine klassische Pilgerin auf der Suche nach Absolution letztlich, nicht anders als heute, auf der Pilgerreise zuallererst nach sich selbst sucht. Danach, sich selbst zu begegnen und – warum auch nicht? – sich selbst freizusprechen.

Nur vordergründig also das Motiv, zu pilgern um vor Gott gut da zu stehen. Gott als Synonym für uns selbst?, frage ich Ketzerin mich selbst, denn viel häufiger ist sicher das Motiv Selbstfindung. Dazu pilgern die einen nach Santiago de Compostela und die andern trampen nach Indien.

Die dritten – ich zum Beispiel – pilgern nirgendwohin. Meine innere Landschaft ist mir Herausforderung genug. Zwar hat es da keine Weinbrunnen, wie jenen in Estella zum Beispiel, doch da gibt es Wüsten aus Sand und Eis. Und auch dort hat es Meere. Ebbe und Flut. Glut auch. Feuer. Luft. Sturm und Wind. Und Berge und Täler. Flüsse und Ödland. Einen Pilgerpass brauche ich dazu nicht. Und das Ziel ist ohne Blasen zu erreichen. Höchstens solchen auf der Seele vielleicht.

Ob es einfacher oder schwieriger ist, die eigene Selbstfindung im Alltag zu leben oder auf den staubigen Straßen Nordspaniens weiß ich nicht und ist wohl auch unwesentlich, denn jede und jeder macht diese Reise auf ihre oder seine Weise. Und jeder und jede landet am Schluss vor der eigenen Türe. Warum auch nicht.

bei null

Da ist dieses ätzende Gefühl von Unzulänglichkeit. Häufig, allzu häufig die Wahrnehmung, immer nur grad noch im allerletzten Moment auf den bereits fahrenden Zug aufgesprungen zu sein. Glück gehabt. Die Unzulänglichkeit bezieht sich darauf, dass ich glaube, aktuell nichts wirklich ganz tun zu können, weil ich zu wenig Zeit habe. Überall Baustellen.

Vielleicht ist deshalb mein Immunsystem in den letzten Monaten so fragil gewesen? Meine ArbeitskollegInnen haben heute in der Pause nach meinem heftigen Hustenanfall ihre wildesten Thesen, Antithesen und Projektionen für meine neuerliche Erkältung von sich gegeben. Na ja. Gut und recht, doch meine eigene ist viel  trivialer. Darum habe ich sie für mich behalten:
Ich habe die Nase voll vom ganzen Stress – deshalb läuft sie über. Ich mag nicht reden – darum huste ich. Kommt mir nicht zu nahe, ihr Lieben, sonst stecke ich euch an …

Und das obwohl ich sie mag. Alle. Vom Scheff bis zur Raumpflegerin. Tolle Menschen. Und auch die Arbeit ist okay. Doch, wie Kollegin A. neulich sagte:
Wenn du nicht gekündigt hättest, wärest du über kurz oder lang hier nicht mehr glücklich gewesen. Du brauchst etwas anderes. Dennoch werde ich dich vermissen.

Nein, dieses Hamsterrad hier ist kein schlechtes. Ich bin satt, habe schön warm, bin im Trockenen und kann meine Rechnungen zahlen. Ich habe meine vier Wände, ein Dach über dem Kopf und eine Steckdose für dem Laptop. Ein WLAN-Modem ebenfalls. Und haufenweise liebe Menschen in  erreichbarer Nähe. Und viele, viele Bücher. Was will frau mehr?

Schnitt.

Tatort: Scheffs Büro. Gestern.

Während wir zu viert um seinen Sitzungstisch hängen und eine von uns – zum Glück nicht ich – von den drei anderen, also auch von mir, nach Strich und Faden und gegen den Strich gekämmt wird, damit wir herauszufinden, ob sie als meine Nachfolgerin taugt, schweifen meine Gedanken auf einmal ab und ich höre ihre Antworten nur noch wie das berühmte entfernte Rauschen. Im Film würde jetzt der Vordergrund unscharf werden, verschwimmen, ein bisschen wackeln, schließlich verschwinden und allmählich würde das neue Bild eingeblendet werden.

Schnitt.

Es war einmal ein Spermium. Mit anderen Spermien zusammen machte es sich auf den Weg. Das Ziel war allen klar. Wer würde als erstes die Eizelle erreichen und deren Wand durchdringen um mit ihr ein neues Leben anzufangen? Nur einigen wenigen würde es überhaupt gelingen, den Eileiter zu erreichen. Unterwegs schon die erste Selektion. Das große Mehr würde im sauren Milieu der Scheide zu Grunde gehen. Gut zu wissen übrigens, dass die Spermien erst zeugungsfähig werden, nachdem bestimmte Proteine im Sperma und an den Spermien durch weibliche Enzyme entfernt wurden (Wikipedia). Von den Hunderten im Eileiter würde nur das schnellste, das gewandteste, das cleverste das Rennen machen. So gesehen sind wir alle Elite.

Das eine Spermium. Die Auswahl. Brutal. Nur eine, eine einzige, würde zukünftig dort an meinem Schreibtisch sitzen. Wir stellen ihr Leben auf den Kopf. Wir setzen einen Marchstein in ihrem Leben. Und wir wünschen uns eine, die gerne und lange dort sitzen wird. Die lange dort glücklich sein wird. Länger als ich.

Als ich in unserer kleinen Runde nach dem dritten der drei Gespräche am Dienstagabend sage, dass ich mir zwei der drei Frauen als Nachfolgerin vorstellen kann, nicken Kollegin G. und der Scheff. Wir sind uns einige. Doch auch die vier Frauen, die morgen kommen werden, haben tolle Qualifikationen. Einfach machen wir es uns nicht.

Hilfe, jetzt kommt dann eine, die noch viel besser ist als ich!, sage ich. Ihr werdet froh sein, dass ihr mich los seid. Und ihr werdet mich bald vergessen haben.

Genau!, frotzelt Kollegin G.. Und wir werden ein Fest machen, wenn du gehst. Weil wir dich endlich los sind. Wir lachen.
Nein, spinnsch eigentli!, fügt sie sofort an. Niemand hier will, dass du gehst. Ich werde rosa.

Heute am Schreibtisch. Nach der Sitzung. Der Pflichtenberg wächst über Nacht von selbst nach. Deshalb räume ich manchmal meinen Tisch so auf, dass es aussieht, als hätte ich nichts zu tun. Reine Selbstverar…ng, doch gute Instant-Medizin. Die Medizin der Illusion. Der Illusion von Neuanfang, denn danach fällt es mir jedes Mal ein klein bisschen leichter, zu arbeiten. Bei null anfangen.

Immer wieder bei null anfangen. Auch alle meine Unzulänglichkeiten auf null fahren. Gutes Gefühl irgendwie.

Antipilgerin ich

Ja, ich hoffe sehr, dass mein Liebster durchhält und dass die wunden Füße heilen. Durchhalten aber nicht um der Leistung willen, sondern weil ich sehe, dass ihm das Pilgern großen Spaß macht. Ich glaube, dass er merkt, falls und wann genug ist. Welches Ziel sein Ziel sein wird, weiß nur er selbst.

Ich bin die klassische Vorlage der Antipilgerin. Das Bilderbuch-Klischee. Nur schon der Gedanke, mit so vielen Leuten im gleichen Raum zu schlafen, rollt mir die Zehennägel auf. Von den Bedbugs und Cockroaches will ich gar nicht erst reden. Doch am schlimmsten wären wohl all die Gerüche und die Geräusche. Dazu das unfreiwillige Neonlicht am Morgen und nachts beim Pinkeln, das meiner Lichtüberempfindlichkeit in die Quere käme. Kurz gesagt: Als temporäre Soziophobikerin – StammleserInnen wissen – wäre ich auf so einer Tour eh am liebsten allein oder allerhöchstens zu zweit unterwegs. Und dann würde ich lieber im Zelt als in einer Herberge schlafen. Das Zelt würde jemand immer genau da aufstellen, wo wir zu nächtigen wünschen. Und es wäre Sommer. Warm. Kein Regen. Sonnenuntergänge so weit das Auge reicht.

Pilgern? Buße tun? Wozu Leute heute pilgern weiß ich nicht, nur dass es viele tun. Sehr viele. Am allermeisten würde mich deshalb an der heute üblichen Art zu Pilgern stressen, dass ich nie alleine sein könnte. Wobei, wenn ich es mir recht überlege, könnte genau das DIE Herausforderung des Pilgerns sein: mitten in der Pilgerherde dieses Alleinsein, dieses zentrierte Ganz-bei-sich-sein üben zu können.

Gestern bloggte ich über die mir fehlende Ruhe, das ständige Nicht-wirklich-bei-mir-sein, die latente Unruhe. Ha, genau: alles selbstgestrickt. Nicht auf Umstände delegierbar. Auch nicht auf Menschen, die meine Zeit beschneiden. Nicht auf Aufgaben und nicht auf Halsweh und Schnupfen. Die wahre Lebenskunst und möglicherweise für die einen das Motiv, sich selbst eines Tages auf die Pilgerschaft zu begeben, besteht darin, bei sich selbst anzukommen. Zentriertsein.

Ich hoffe allerdings, dass ich dazu nicht den Jakobsweg gehen muss. Dass ich das auf dem Sofasophiaweg lernen kann. Learnig bei doing oder so. Drückt mir die Daumen. Und ihm auch, dem Pilger Irgendlink.

ruhig

Wie sehr ich mich eine Woche nach den Ferien bereits wieder danach sehne, endlich zur Ruhe zu kommen. Wenn ich am Wochenende krank im Bett liege, hat das eben einfach nicht den gleichen Erholungswert wie richtig frei haben und tun und lassen können, was das Herz begehrt. Und das obwohl ich heute den ganzen im Bett gehängt bin und ein gutes Buch gelesen habe.

Ich vermisse mich. Ich bin zurzeit kaum je alleine mit mir und meinen Gedanken. Auch Tagebuch schreibe ich kaum. Schade eigentlich und auch nicht wirklich gut für mich. Immer geht alles nach außen. Zu anderen Menschen: Ins Blog. Zu J..  Zu Freundinnen und Freunden. Immer ist die Türe offen. Ich brauche im Grunde einfach Ruhe von innen heraus. Ich brauche mehr mich.

Ich gestehe: Die virtuelle Gemeinde – meine Bloglesenden – bestimmt mit ihrer unsichtbaren und zum Teil bekannten Anwesenheit meinen Alltag mit.  Na ja, das geht wohl allen Blogschreibenden so, da bin ich sicher.

Obwohl ich ja in erster Linie schreibe, weil ich schreiben will. Und schon fallen mir meine Mailschulden ein. Die liegen mir schwer auf dem Magen. Zumal ich alle mag, denen ich schreiben will. Eigentlich ist es ja mit allem so: Wenn ich zu lange warte mit reagieren, mit antworten, mit dem Überarbeiten meines Manuskriptes, mit bloggen oder damit meine Bildergalerie weiter zu bearbeiten, dann wachsen auf einmal große schier unüberwindbare Berge und der erste Schritt wird immer schwerer.

Berge aus Nichts. Dieses Nichts ist selbstgestrickter Leistungsdruck. Das Nichts macht, dass ich mich unfrei fühle, verpflichtet und in der Rolle der Reagierenden statt in der Rolle der Aktiven. Doch wem sag ich das, wo ich mir das doch selbst so kreiert habe. Auch die daraus entstehende Unruhe und Spannung – statt besser zu mir selbst zu schauen. Tja. Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, wie es so schön heißt.

Apropos Schritt: Irgendlink ist nun schon drei Tage gewandert. Um die siebzig Kilometer Jakobsweg. Ein Zehntel oder so. Heute im Dauerregen. Mit kalten, nassen Füßen. Von Anfang an hat er gute Kontakte gefunden, war nie wirklich allein und hat inzwischen auch gelernt, wie man Blasen behandelt. Nähen ist das Gebot der Stunde. Statt aufstechen. Nähen, dreimal. Mit Faden.

Er klingt sehr gut, mein Liebster, richtig glücklich. Die drei Spanier, mit denen er gestern und heute gewandert ist, obwohl er nur sehr knapp spanisch reden kann, mochte er sofort. Und sie ihn offenbar auch. Zum Abschied hätten sie sich herzlich umarmt.

Zur Ruhe kommen … hm, nicht mal auf dem Jakobsweg ist Ruhe ein normaler Zustand. Ruhe finden ist wohl ebenso, wie sich aufs Glücklichsein einlassen, eine Entscheidung. Die wir immer wieder neu treffen müssen. Zum Beispiel jetzt.

ankommen

Während ich das Klo schrubbe, will mir der Gedanke – die Frage vielmehr – nicht mehr aus dem Kopf, warum wir nie wirklich ankommen werden.

Haben wir nämlich ein Ziel erreicht, eine Sehnsucht erfüllt, einen Traum oder auch nur ein Bedürfnis gestillt – jene Arbeitsstelle erhalten, diesen Mann oder jene Frau gefunden, diese oder jene Lebensumstände wie Wohnung oder Auto gegen Geld getauscht – sind wir nicht etwa am Ziel. Oder dauerhaft glücklich. Und die Zufriedenheit ist auch bloß eine temporäre. Ziel ist definitiv kein Synonym zu Glück, und umgekehrt ebenfalls nicht.

Glück, wunschloses vor allem, ist wohl das am schwersten zu findende Gut. Nix neues.

Wie die Welt wohl aussähe, wenn wir zufrieden wären und ob Evolution nur auf der Basis und als Folge von stetiger Unzufriedenheit möglich ist?, frage ich mich, während ich die Badewanne nachspüle.

Ich poliere den Spiegel, lächle mir trotz Halsweh zu und beschließe, zufrieden zu sein. Einfach so.

Copy, Cut und Paste

Ich ertappe mich, wie ich – wenn ich auf der Smartfon-Tastatur einen Text bearbeite – immer mit dem gleichen Finger ein Wort oder einen Satzteil wiedereinfüge, mit dem ich ihn zuvor an einem anderen Ort ausgeschnitten habe. Das geschieht bei Touchscreen-Tastaturen durch Berührungen mit den Fingerspitzen. Die Wörter, die Buchstaben, so fühle ich, sitzen, wenn sie ausgeschnitten sind, eine Weile in meiner Fingerbeere. Logischerweise in jener Fingerbeere, mit der ich sie ausgeschnitten habe.

Meine Fingerspitze ist am Smartfon meine Maus. Denn auch die Maus zwischenspeichert Wörter, Sätze und Links. Richtig, auch Links. Wenn ich ab Browser eine Webadresse kopieren will, tue ich das vornehmlich mit dem Mittelfinger. Und es ist – natürlich! – auch wieder der (gleiche) Mittelfinger, mit dem ich den Link in die Mail setze. Bei Blogtexten ist es interessanterweise meistens der Zeigefinger. Der rechte.

Ich frage mich, wo meine Maus ihre Geheimnisse zwischenspeichert. Und noch was möchte ich gerne wissen: Lässt sie die Wörter, Sätze und Links wirklich wieder frei? Oder bleiben diese vielleicht ein klein bisschen – sagen wir mal in komprimierter Form – irgendwo im Innern der Maus zurück? Wie eine leise Erinnerung? Was würde mir die Maus, wenn ich sie denn fragen und sie reden könnte, alles erzählen? Weiß sie oder erinnert sie sich bloß?

Nicht auszudenken, wie das erst mit meinen Fingerspitzen sein muss. Vielleicht werde ich nach zehn Jahren iFonschreiberei ganz dicke Fingerbeeren haben. Oder Blutstau. Vielleicht  sterben sie gar ab, meine Fingerspitzen? Oder kommt es drauf an, was sie schreiben?

Besser ich lese noch ein bisschen. Das scheint mir nicht gar so gefährlich wie schreiben zu sein.

 

„Es regnete“ und andere erste Sätze

Der erste Satz ist immer am schwierigsten. Und der letzte auch. Beim Bloggen ebenso wie bei Bewerbungsbriefen. Im Leben und beim Sterben auch. Anfänge und Übergänge – herausfordernd. Neuanfänge sowieso – trotz des ihnen innewohnenden Zaubers, wie Hesse so schön schrieb (Stufen).

Den ganzen Abend habe ich an meinen Bewerbungsunterlagen gefeilt, sie auf den neuesten Stand und in online-taugliche Form gebracht. Die vielen Bewerbungen, die in den letzten Tagen meinen Schreibtisch überfluteten, haben mich inspiriert. Ein schönes Dossier zu gestalten, braucht Zeit. Ausschlag zu diesem ganz und gar spontanen Akt, mich derartig auf meine berufliche Zukunft vorzubereiten, gab das Zwischenzeugnis, das mir mein Scheff heute überreicht hatte. Ich habe beim Lesen fast geweint vor Rührung.

Die würde ich echt sofort anstellen, sagte ich und deutete auf die Zeilen, die mein Scheff über mich geschrieben hatte. Die ist ja richtig gut, die Frau. Wir grinsten. Von mir aus darfst du gerne bleiben, meinte er schließlich. Zur Antwort zuckte ich nur die Schultern.

Warum bloß zieht es mich denn immer weiter?
(Eine Frage, die ich mir nach Vormittagen wie heute nicht stelle. Die  superprovisorische und sich immer wieder ändernde, aber für heute geltende Antwort lautet: Ich hasse Stress. Und heute Vormittag war einfach alles nur stressig. Außerdem hatte ich – was nur alle zehn Jahr vorkommt – mal wieder verschlafen. Weil ich zu spät ins Bett gegangen und zuvor lange mit Irgendlink telefoniert hatte …)

Ich sammle noch immer Erfahrungen, sage ich Stunden später zu meiner Freundin C (2). Alles, was ich unterwegs auf meinem Weg lerne, ist ein weiteres Puzzleteil. Wir philosophieren über die Lebensreise und träumen uns so reich, dass wir nicht mehr für Geld arbeiten gehen müssen, sondern nur noch unseren künstlerischen Neigungen und Passionen gemäß leben können. Little-F. tanzt derweilen zu Kristofer Åström und wir Frauen genießen es, auf dem Sofa Tee zu trinken und so dem Novemberblues ein Schnippchen zu schlagen.

Den Winter finde ich zwar im Voraus jedes Mal ganz furchtbar schlimm, aber wenn er dann da ist, arrangiere ich mich ziemlich gut mit ihm. Die Gegenwart ist immer irgendwie okay, meinte Kollegin S. neulich.

Zu C (2) sage ich, dass mehr die Angst vor der Angst das Leben schwierig macht, als die Angst vor etwas konkretem und dass ich mir deshalb ganz viel Mut zum mutig sein wünsche. Mut um mein Ding zu finden und zu tun.

Wir ziehen Tarotkarten. Wow, sage ich, ich Glückspilzin. Ich freue mich auf meine Zukunft. Und über das Jetzt auch.

Einen Brötchen-Job werde ich aber wohl trotzdem brauchen, denke ich. Und darum peppe ich meine Bewerbungsunterlagen auf. Doch falls jemandem da draußen ein Geldesel über den Weg läuft, könnte es womöglich meiner sein. Bitte schickt ihn, nachdem ihr ihn gefüttert, gestriegelt und gestreichelt habt, weiter zu mir. Ich werde gut zu ihm schauen. Versprochen.