gelbblau

Gestern I

Auf dem Velo den Frühling gespürt. Die Sehnsucht nach Sommer. Nach Ruhe. Nach Bewegung. Nach auf der Wiese liegen und den Wolken zuschauen. Sehnsucht nach einfachem Sein. Sehnsucht? Vielleicht brauchen wir immer ein leichtes Sehnen, sonst würden wir einrosten, stehen bleiben.

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Gestern II

Gelbe Rosen. Echte. Nicht wie meine
winterfesten aus Stoff, die
gleich daneben in
der Erde stecken. Gelbe Rosen.
Wer wohl hier war?
Kleine Osterglocken, aus der
Erde strebend. Blühend. Und Lavendel. Noch
ohne lila Lebenszeichen. Dafür
vergissmeinnichtblaue Farbtupfer. Das
Gras ringsum frühlingsgrün. Saftig. Die Augen
weiden.

Ich dimme den Verkehrslärm.
Bin ganz hier. Gehe zwischen
den kleinen Gräbern entlang. Denke
an die anderen, die
ebenfalls hierher kommen.
Kehre zurück
zum gelbblauen Gärtchen.
Gelbe Rosen.

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für Lars

© by Sofasophia, 8. 4. 2010

zuerst

Keine Frage, am liebsten verbringe ich meine Zeit mit meinem/n Lieblingsmenschen – alternativ mit mir allein. Am zweitwichtigsten ist mir jene Zeit, in der ich meinen eigenen Ausdruck finde, schreibenderweise zum Beispiel. Nächstwichtig ist jene Zeit, in welcher ich Eindrücke  des Alltags oder kulturelle Anlässe – Filme, Bücher oder Inputs aus anderen Medien – wahrnehme, sammle und verdaue … Natürlich sind mir auch weitere Dinge wichtig, doch ohne die drei genannten Säulen, ohne diesen für mich nährenden Umgang mit meiner Lebenszeit, kann ich mir mein Leben nicht glücklich vorstellen.

Zeit ist mein kostbarstes Gut. Zugleich die größte Illusion. Unfassbar, nicht besitzbar, unbeschreiblich.

Gestern Abend, nach einem inspirierenden Telefongespräch mit Irgendlink, wo wir unter anderem über Prioritäten schwadroniert hatten und über die Konflikte, die entstehen können, wenn a.) die Arbeit einem die goldene (Frei)Zeit auffressen will und b.) die Bedürfnisse nach Zeit für soziale Belange und Zeit für den eigenen Ausdruck und die eigene Kunst sich in den Schwanz beißen – nach eben jenem Gespräch habe ich mutig Andreas Altmann aufgeschlagen.

Organspende war das Thema des aufgeschlagenen Kapitels auf Seite 77/78. Nicht schön, nein, aber sein Quantensprung zur Idee der Zeitspende dafür umso mehr. Jenen Menschen, die ihre Lebenszeit mit herumhängen totschlagen – was für ein Wortspiel! – könnte er doch ebendiese Zeit, solange sie noch lebt, abkaufen. Zumal sie ja diesen Zeitgenossen so lästig zu sein scheint. Sinnierte er. Wäre doch ein gutes Geschäft. Für beide Seiten.

Natürlich war mein Angebot frivol. Aber sein Leben versaufen, verdösen, verplappern, verglotzen, verwarten? Ist das nicht anrüchig? Nicht die Mutter aller Sünden, nicht die eine unfassbare Todsünde?

(Andreas Altmann, Sucht nach Leben, Dumont 2009)

verzettelt

Muss mich
ständig
neu
anmelden

Steht in schwarzer Kugelschreiberschrift auf gelbem Post-it. Nein, den Zettel habe ich nicht selbst geschrieben. Und, nein, ich habe ihn auch nicht gefunden. Oder doch? Im Buch Verzettelt von Ralf Schlatter.

Der Schweizer Schriftsteller und Kabarettist hat in diesem Buch unzählige Fragmente, Zettel eben, in Geschichten verwandelt. Geschichten der  Gastautoren Christoph Simon und Franz Hohler sowie der Gastautorin Ruth Schweikert ergänzen seine verzettelte Weltsicht. Witzig daran, dass die von den Gästen verfassten Geschichten auf Zetteln basieren, die auch Schlatter als Grundlage seiner Geschichten genommen hat. Will heißen, wir erfahren zwei gänzlich verschiedene Wahrheiten über den Zettel … 🙂

Alle Geschichten lesen sich locker, sind amüsant, stimmen nachdenklich und eignen sich zum Vorlesen ebenso wie als Bettlektüre.

Ach, falls jemand Lust hat, darf er oder sie gerne unter Kommentar schreiben eine Geschichte zu obigem Zettel kreieren …

Bewegung

Zwischen der Büroarbeit muss ein bisschen Tagträumen einfach sein. Tagträumen von der großen weiten Welt. Von hier und da und dort. Habe dabei einmal mehr erkannt, dass ich überall, wo immer ich bin, die bin, die ich bin. Hier und dort. Die Erfahrungensammlerin nämlich und die Begegnungensammlerin. Vielleicht ist ja das Leben eine einzige große Cachetour. Finden, was andere vor mir versteckt haben. Verstecken, was andere nach mir finden werden. Ausgerüstet mit einem gut geeichten GPS-Gerät.

Die innere Eichung, der innere Kompass sind es wohl, welche uns ein glückliches Lebensgefühl vermitteln. Oder eben nicht. Dazu die Erkenntnis von Relativität in allem. Im Glücksempfinden ebenso wie in Anstrengung und Stress.

Im Unterschied zum Geocaching habe ich im realen Leben allerdings niemanden, der mir die Koordinaten, den Weg und das Ziel verrät. So gerne ich das manchmal hätte. Sobald es jemand dennoch wagt und mir Wege vorgibt, sträube ich mich. Ich will meine Route selbst finden. Und meine Ziele selbst definieren. Obwohl Leben ein bisschen komplexer ist als Cachen.

(der Cache in der Heidfelshöhle, gut versteckt)

Ich habe vor ein paar Tagen bei J. die Sucht nach Leben entdeckt. Die Sucht nach Leben an sich und außerdem das gleichnamige Buch von Andreas Altmann, in dem einiges über diese Sucht geschrieben steht. Mitten aus einem hohen Stapel winkte das Buch mir zu. Lies mich!, rief es. Ich habe es gepackt, geöffnet und seither lässt es mich nicht mehr los. Es macht mich süchtig. Füttert mich stetig. Offenbart mir Erlebnisse, die meinen eigenen gar nicht so unähnlich sind. Auch wenn ich noch nie in Indien oder China war. Innendrin sind wir doch alle auf der Reise. Außer natürlich jene, die sich nicht mehr bewegen (siehe dieses Buch) …

Danke, WildganS, für deine Buchempfehlung vor ungefähr einem Jahr!

Einer dieser Tage II

Früh morgens um acht Scherben. Ein Glas fällt zu Boden. Ob es mir Glück bringt? Beschlossen, abzuwarten. Mensch soll den Kehricht nicht vor dem Abend loben.

Im Büro einen mürrischen Scheff vorgefunden. Kaum zu ertragen! Der letzte Tag vor seinen Ferien. Er wolle um drei los. Mühsam. Die ganze Woche schon war er wie auf Nadeln.

Am späten Vormittag eine kleine Sitzung zu zweit: To Do-Listen erstellen, Pendenzen definieren und Prioritäten setzen. Schließlich mir anhören müssen, dass ich ferienreif sei. Dahinter seine Angst spüren, die er um mich hat. Oder um die Bude. Nämlich, dass ich mir zu viel aufbürden und eines Tages vor Erschöpfung zusammenbrechen könnte. Gut gemeint, aber definitiv nicht sein Problem! Auch nicht, wie ich meine diesjährigen Urlaubstage beziehen werde. Wir zoffen ein wenig.

Zurück am Schreibtisch hätte ich am liebsten geflennt. Arsc*** gedacht und so … Statt zu flennen, meine Mailbox geöffnet und einen wunderbaren Zweizeiler und ein tolles Bild von J.  gefunden. Mein Tag ist gerettet.

Meine Kollegin K. findet später, dass ich weder überarbeitet noch unkonzentriert wirke. Was gut tut.

Wie blöd krampfen, weil die Berge auf dem Schreibtisch in den letzten Wochen wegen anderer Prioritäten schier ins Unermessliche gewachsen sind. Das kann es doch nicht wirklich sein, oder? Dennoch erfüllte mich am Abend das Gefühl, endlich ein Stück vorwärts gekommen zu sein.

Auf dem Heimweg hüpft mein Fahrradschloss irgendwo und irgendwann aus dem Fahrradkorb. Als ich es zuhause suche, ist es weg, einfach so. Und bleibt es auch, obwohl ich den ganzen Weg zum Büro zurück fahre. Merd***, fast jedes Jahr muss ich mir ein neues Schloss kaufen! Irgendwann werden diese Dinger bei mir immer übermütig und springen davon. Zum Glück hat mein Velomech gleich um die Ecke noch offen und macht mir fürs neue Zahlenschloss einen Spezialpreis. Ob ich wohl ein Abo lösen könnte? Er stellt mir sogar den gewünschten Code ein. Vermutlich, weil ich so jämmerlich müde aussehe. Und er Mitleid hat.

Zuhause knacke ich Nüsse. Meditativ. Torta di pane backen ist angesagt. Die soll morgen mit mir zu J. fahren. Damit wir was Feines zu naschen haben. Am Lagerfeuer zum Beispiel, am Karfreitag-Grillfeuer. Oder so.

Einer dieser Tage??? Und schon ist alles wieder gut … 🙂

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Blogurlaub bis ca. Dienstag, den 6. April.

Schöne Ostern Euch allen!!!

bierernster Abstand

Jedes Mal, wenn ich die Grenze Solothurn-Aargau per Autobahn hinter mir gelassen habe, wird mir bewusst, wie gut ich autofahren kann. Die aargauische Polizei liegt voll richtig mit ihrer weisen Erkenntnis zu meinem Fahrstil! Und, nein, natürlich habe ich das Bild nicht selber aus dem fahrenden Auto aufgenommen! Es ist ein Bild aus J.s Testserie mit seinem nigelnagelneuen EiFoun! Ein Teilchen, das mich übrigens auch ganz schön kuhl dünkt. Sieht gut aus, hat viele Finessen und wenn mir jemand eins schenken würde, tät ich nicht nein sagen. Vorausgesetzt das Abo sei im Geschenk inbegriffen.

Hach … die moderne Technik. Ich gestehe, dass ich diesbezüglich gerne ein Kind unserer Zeit bin!

So, und für die liebe WildganZ hole ich hier nun endlich mein versprochenes Bierblogchen nach.

Feierabend. Und dazu ein Bier trinken!

(So hätte mein Bierblogartikelchen angefangen, jenes Textchen, das ich neulich hatte schreiben wollen. Und weiter wäre es dann ungefähr so gegangen …)

Bier ist nämlich, ganz unter uns gesagt, Medizin. Wenn sie richtig angewendet wird. MEINE Medizin. Ungelogen. Seit ca. drei Jahren trinke ich einigermaßen regelmäßig – und maßvoll natürlich! – Bier. Fast gleichzeitig mit der Gründung meines monatlichen Schreibtreff-Stammtisches, deren Anfänge ungefähr in die Zeit fielen, als ich mich aus meinem Beinahe-Burnout zu erholen begonnen hatte. Jene Zeit auch, als ich angefangen hatte, meine Schreibe sichtbar zu machen. In der Schreibgruppe zuerst. Später und noch immer an Lesungen. Und in Artikeln und Anthologien. Da und dort … und hier im Blog.

Alles zusammen genommen wurde zum Wendepunkt, The Point Of No Return im etwas anderen Sinne. Seither geht es aufwärts mit mir. Oder vorwärts. Wie die Ameise auf dem neulich zitierten Halm. Die Ameise, die sich zum Schmetterling verpuppt. Oder so.

Anders gesagt: Seit ich Bier trinke, geht’s mir besser. Medizin, wie gesagt. Auch früher trank ich Bier, doch seit etwa drei Jahren trinke ich es, weil ich es mag. Hauptsache,  ich brauche kein Baldrian mehr …

Ach, noch ein Vorteil: Bierflaschen sind robuster als Baldrianflaschen … *

Oha, jetzt habe ich das Ding ja doch geschrieben …

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* WARNUNG. Dieses Blogtextchen soll nur von Menschen ab 16 Jahren und von nicht alkoholabhängigen Menschen gelesen werden. Außerdem ist es nicht ganz bierernst zu nehmen.

Ach, noch dies: Ich bin mir der Gefahr von übermäßigem Bierkonsum durchaus bewusst.

unendlich

Eine Strecke (auch Geradenabschnitt) ist eine gerade Linie, die von zwei Punkten begrenzt wird; sie ist die kürzeste Verbindung ihrer beiden Endpunkte. Die Begrenzung einer Strecke durch diese Punkte unterscheidet sie von Geraden, die sich beidseitig ins Unendliche erstrecken, und von Strahlen (Halbgeraden), die auf einer Seite begrenzt sind. (Quelle: Wiki)

Mit solchen Gedankengängen erwachte ich am Sonntagmorgen. An meinem Lieblingsmenschen gekuschelt, begriff ich auf einmal, dass Menschen sehr viel mit Geometrie gemeinsam haben. Oder jedenfalls die Beziehungen, die Menschen miteinander pflegen.

Da gibt es jene Menschen, die eine Strecke mit mir gehen. Von A nach B. Und irgendwann, nach Punkt B, verlieren wir uns aus den Augen.

Und da gibt es jene Menschen, wie meine Freundin M. zum Beispiel, die wir am Samstag besucht hatte, oder natürlich andere Freunde, Freundinnen und Lieblingsmenschen, die die ganze Gerade mit mir gehen. Und bereits gegangen sind. Selbst als wir uns noch nicht kannten, waren wir verbunden. Glaube ich jedenfalls. Und selbst wenn wir uns eines Tages aus den Augen verlieren sollten, sind wir unendlich verbunden. Es sind Empathie, Freundschaft, Liebe und Vertrauen, dazu gemeinsame Erlebnisse, die aus einer endlichen Beziehungsstecke eine unendliche Beziehungsgerade machen.

Und damit das endliche Leben unendlich reich.

Rette die Welt

In meiner heutigen Mittagspause habe ich, wie oft an Montagen, die Wochenzeitung des Großverteilers mit dem orangen M gelesen. Immer wieder entdecke ich darin journalistische Perlen. Ein Interview in der heutigen Ausgabe hat mich ganz besonders gepackt. Schon die erste Frage ging mir, als Vegi, unter die Haut …

Jeremy Rifkin, in der Schweiz wurde kürzlich darüber debattiert, ob es Tierquälerei ist, wenn Fischer über zehn Minuten brauchen, um einen Hecht an Land zu ziehen. Was sagt dies über uns Menschen aus?

Die Empathie des Menschen dehnt sich auf die Tiere aus. Wissenschaftlich und persönlich finde ich diese Diskussion bemerkenswert. Meine Frau und ich sind engagierte Tierschützer, deshalb interessiert mich dieses Phänomen persönlich. Ich bin glücklich darüber, dass der Begriff Mitgefühl heute breiter gefasst wird.

(…)

Wie sind wir Menschen wirklich?

Empathisch, weil alle Säugetiere, wie erwähnt, biologische Voraussetzungen für Mitgefühl haben. Säugetiere sind soziale Wesen, und der Mensch ist das sozialste Geschöpf überhaupt. Eine empathische Zivilisation ist deshalb keine moralische Forderung. Oder glauben Sie, dass Eltern, die ihr Kind betrachten, darin ein kaltes, rationales und egoistisches Wesen erblicken? Das ist lächerlich.

Warum ist es so wichtig, dass wir den Menschen als empathisches Wesen betrachten?

Nur so können wir das Bewusstsein entwickeln, dass wir eine einzige, große Familie sind. Wenn wir uns das vorstellen können, dann werden wir auch die Menschheit retten können.

(…)

Ist es nicht naiv, auf eine solche Entwicklung zu hoffen?

Nein. Heute schon kann man beobachten, dass Jugendliche dank Facebook und Twitter beginnen, sich kooperativer zu verhalten. Die Kehrseite davon ist tatsächlich, dass auch der Narzissmus zunimmt und dass Menschen immer mehr wie Schauspieler auf der Bühne stehen. Die Jugendlichen werden beides: toleranter, aber auch selbstverliebter.

(…)

Warum ist der Körper wichtig?

Empathie beruht letztlich auf dem Bewusstsein des Todes. Im Himmel gibt es keine Empathie. Sie entsteht auch damit, dass die Vergänglichkeit des Lebens erkannt wird.

Wie ist Ihre persönliche Einstellung zu Körper und Tod?

Ich möchte so lange wie möglich leben. Aber ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich halte es wie der Schriftsteller Norman Mailer. Als er kurz vor seinem Tod gefragt wurde, wie er sich fühle, antwortete er: «So schlimm kann es nicht sein. Alle haben es bisher geschafft.» Ein wunderbares und sehr tröstliches Zitat.

Angenommen, es entsteht tatsächlich eine empathische Zivilisation. Wie wird sie aussehen?

Es wird kein Paradies sein. Wenn die Menschheit wie eine riesige Familie wird, dann wird es auch in dieser Familie weiterhin Streit geben. Aber je empathischer eine Gesellschaft wird, desto weniger wird sie Angst haben vor der Angst vor dem Tod.

Quelle: http://www.migrosmagazin.ch/index.cfm?id=37643
Interview Philipp Löpfe