gestern …
heute …
Fallmaschen & Herzgespinste
Vergangenheit, was hinter uns liegt? Zukunft, was vor uns liegt?
Ist nicht das, was ich im Spiegel sehe, erstens immer Gegenwart, zweitens immer eine Frage der Perspektive und Relation und drittens folgerichtig immer subjektiv?
Seit Donnerstagabend genieße ich die Gegenwart meines persönlichen Herzspezialisten J.. Das Fieber hat sich verstohlen davongestohlen. Gut so. Wir hatten und haben ja einiges vor. Und das geht einfach besser ohne Fieber. Den Frühling genießen zum Beispiel wie beim gestrigen Thermalbaden: Kur pur! Wir haben zusammen mit meiner Freundin M. in meiner alten Heimat Aargau das gute alte Aquarena heimgesucht und dabei viel gelacht.
Anschließend zu zweit ins Baselbiet. Mitten in die Höhle (Hölle?) der Kulturfuzzis. Eine andere Freundin stellt aus. (Huch, wie lange wir uns nicht mehr gesehen haben?) Wieso ich wohl bei Gelegenheiten wie dieser, bei Ansprachen und Lobhudeleien, bei salbaderndem Gelaber über die Aussage eines oder einer Kunstschaffenden immer Gänsehaut bekomme und an des Kaisers neue Kleider denken muss? Ob jemand jemandes Kunst wirklich verstehen, wirklich sehen, wirklich fühlen kann? Wie leid mir meine Freundin JB während der Ansprache tat! Ob drin wohl die eigentliche Kunst besteht: diesem unumgänglichen Gelaber zur Trotz den eigenen Weg zu gehen?
J. meinte, als wir, dem Tumult entflohen, zum Auto zurückspazierten, dass dies der schrecklichste Teil von Kunst sei: Die Konfrontation mit dem Publikum. Die Ausstellung. Ich meine JB angesehen zu haben, dass sie mit J.s Sicht der Dinge einig geht.
Tja. Kunst sichtbar machen birgt zudem die ständige Gefahr, missverstanden zu werden. Obwohl dies letztlich gar nicht so wichtig ist. Jedenfalls nicht wichtiger als die Sehnsucht danach, sich auszudrücken. Glücklich ist, wem egal ist, was die anderen über ihn oder sie denken!, meinte J. vor einiger Zeit. Recht hat er. Nur, wer schafft das schon?
Im Rundumglücklich-Modus, den wir heute aktiviert haben, geht das. Temporär. Unterwegs auf Bilderpirsch.
Möge ich den Umschalthebel auch im Alltag immer wieder finden, jawoll! Und du auch. Und du und du und ihr alle ebenfalls.
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pic 1 by J., mit iPhone /// andere pics by sofasophia
Immer noch Fieber. Schlapp bin ich. Und müde, obwohl ich gut geschlafen habe. Lebensmüde ein wenig. Blues ein wenig. Dennoch von der Sucht nach Leben verzaubert. Gopf! Dieses Buch provoziert mich. Habe es gestern Abend endlich fertig gelesen. Das letzte Mal also, dass ich darüber schreibe. Versprochen. Vielleicht.
Ich vermute, zu brüskieren gehört zu Altmanns Plan. Am meisten provoziert mich allerdings seine eigene Diskrepanz in Bezug auf postulierte und von ihm gelebte Toleranz. So sehr er von allen andern eine Weitung ihres Horizontes fordert, so sehr ist sein eigener, fraglos sehr weiter Horizont doch irgendwie einseitig. Obwohl er sich dessen ja auch bewusst zu sein scheint. Und er auch über seine Vorurteile lachen kann. Das versöhnt …
Immer wieder trifft der Autor unterwegs auf Menschen, die in Passivität versunken, nicht mehr wirklich leben. Wer weiß das schon, denn wo die Grenze zwischen tatsächlicher und scheinbarer Passivität verläuft, kann – behaupte ich – keine und keiner für andere bestimmen. Abgesehen davon, dass selbst die Definition von tatsächlicher und scheinbarer Passivität ein Unding ist. Und auch nicht zu bewerten.
Fakt jedenfalls ist, dass ich persönlich nicht ständig aktiv, nicht ständig auf Empfang, nicht ständig in Bewegung sein kann. Dann bremst mich mein Körper aus. Siehe jetzt. Mein Körper weiß oft besse als mein Verstand oder mein Bauch, was mir guttut. Nämlich, dass er ab und zu abhängen will.
Ich gestehe außerdem, dass ich hin und wieder ganz gerne passive Zuschauerin bin. Ich gestehe, dass ich gerne andern beim Leben zuschaue. Nicht immer, nicht überall. Doch lasse ich gerne das eine oder andere lieber andere erleben. Habe ja selbst schon viel erlebt. Zuschauen bildet. Bilde ich mir jedenfalls ein.
Ob ich wohl darum so gerne Bücher und Blogs lese?
Immer wieder staune ich über die vielen Texte, die sich im Laufe der Zeit in meiner Vorratsdose eingefunden haben und einfinden. Meine Blogvorratsdose! In der Dose finden sich Texte, die einfach so vorbeikommen. Texte, die ich, zwischen Tür und Angel irgendwo, in die Tasten haue und in einer Datei abspeichere. Nach Bedarf kann ich so einfach einen passenden hervorzaubern. Meine Nüsse für Dürrezeiten.
Doch zuweilen, wie heute, passt einfach keiner. Dazu fällt mir heute auch nix Kluges ein, um auf diesen Tag eine Art Decke zu legen. Um dem Tag – in J.s Tackerjargon gesprochen – den Deckel des Vergessens aufzulegen. Ist nämlich so ein Tag heute, der einen solchen Deckel schwer verdient hat. Am besten wohl, einfach nix zu schreiben … Oder dann so was hier:
Scheff zurück aus den Ferien. Ich schon am Morgen schlecht drauf. Hatte schlecht geschlafen, mich fiebrig gefühlt, am Morgen schon. Pflichtbewusst dennoch das Büro aufgesucht, weil viel zu tun war. Dazu Sitzung über Mittag. Und am Abend hatte ich mit B., abgemacht, die mir aber im Laufe des Vormittags absagte. Sie sei krank geworden. Passt irgendwie. Ich rackere wie blöd weiter und weiter, werde aber dauernd unterbrochen, denn alle wollen was von mir. Dazu tausend Anrufe. Dazu muss ich selbst viele Anrufe erledigen. Feierabend, komm, bitte!
Endlich radle ich todmüde nach Hause, kaufe noch schnell ein, packe die Sachen in den Frigo und lasse mich erschöpft ins Bett fallen. Dort messe ich Fieber und bin nicht wirklich überrascht, als das Teil in meinem Mund Fieber anzeigt.
Dass ich morgen so nicht ins Büro kann, ist voll in Ordnung. Nur, dass meine Arbeit liegen bleibt, ist doof. Denn Arbeit, Dreck und ähnliches Zöix wachsen von allein. Und wachsen von allein nach, kaum dass wir mal nicht hinschauen.
Toll dagegen ist, dass J. morgen kommt. Nur wird mir die Zeit lang und länger. Viel zu lang. Längizyti nennen wir BernerInnen sowas. Ich kenne dafür kein besseres Wort. (Wie das wohl erst wird, wenn er fünf Wochen auf Reise geht? Bloß noch nicht dran denken!)
Na ja. Zum Glück habe ich Altmann zu Besuch. Eckig und kantig wie er ist, stellt er zwar keine ernsthafte Konkurrenz für J. dar. Das nicht, aber er ist immerhin besser als nix. In der Tat: das Gute am Kranksein ist, dass ich meine vielen angefangenen Bücher endlich fertig lesen kann.
Tja, sorry, dieser Text ist literarisch ziemlich anspruchslos. Und – zugegeben – bestimmt auch nicht sonderlich unterhaltsam. Mein Alibi heißt Fieber … selbst schuld, wenn du ihn gelesen hast. Immerhin ist er nicht ansteckend …
Reisen ist hirnrissig. Urlaub ebenfalls. Da rackert man – und frau – sich für ein paar wenige Tage im Jahr dumm und dämlich, verausgabt sich, arbeitet auf Vorrat … Und wozu? Um ein paar Tage keinen Stress zu haben, jawoll. Wäre es da nicht viel cleverer, sich gemächlich durchs Jahr zu arbeiten? Und unterwegs kleine Pausen zu machen? Sagt meine rechte Hirnhälfte.
Gut und recht, antwortet meine linke Hirnhälfte, gut und recht. Und clever. Und ökologisch. Und genügsam. Unzoweitr. Aaaber.
Reisen und Urlaub dienen ja nicht nur der Entstressung. Und auch nicht nur der Erholung. Vor allem weiten sie unseren Horizont. Sie nähren unsere Träume. Sie wecken und füttern unsere Kreativität. Sie zeigen uns neue Seite unserer selbst. Sind allerdings bloß zwei von vielen Möglichkeiten, dies alles zu erfahren. Und selbstverständlich können wir alles auch mitten im Alltag erleben.
Reisen und Urlaub – vermeintliche oder echte Freiheit?
„Ach und Freiheit? Für mich wäre das momentan: die Reise mit dem besten Gefühl einfach nicht zu machen …“, mailte J. heute. Ein Satz, der nachhallt … Wie frei bin ich? Und du?
< … Und natürlich wünsch ich dir, J., jene Freiheit, mit dem besten aller Gefühle deine Reise einfach zu machen! ;-)>
Ich betrete den großen Raum. Sofort wird mir ein leeres Gefäß gereicht, das ich – so wird mir gesagt – nach meinem Geschmack füllen kann. Danach soll ich an der großen Theke mit einem meiner vielen Blankoschecks zahlen. Ich schaue mich um. Ein voller Raum. Voll nichts. Voll Leere, voll reicher Stille. Jene Stille, die Hunger und Durst zugleich stillt. Denn vielleicht ist es ja das wunschlose Glück, wonach ich hungere. Doch wäre jener Hunger gestillt, wäre da keine Sehnsucht mehr. Kein Ziehen mehr. Weder nach Norden noch nach Süden. Und auch nicht nach Westen oder Osten. Oben und unten schon gar nicht. Kein inneres Ziehen mehr. Kein äußeres Drängen und Schubsen. Wunschlos glücklich sein – ist das wirklich ein Wunsch von mir?
Will ich mein leeres Zeitgefäß nicht vielmehr mit Reisen, mit lustvollem, neugierigem Unterwegs sein füllen? Mit Ankommen und mit Weitergehen. Mit Fülle, mit Genug-von-allem-haben (Geld inklusive), mit Bei-mir-zuhause-sein-wo-immer-ich-bin. Mit Sein. Mein Gefäß ist groß, innen grösser als außen. Und außen grenzenlos. Aber innen, wie gesagt, noch grösser. Endloser Speicherplatz. Unendlich viele Yottabytes. Alles möglich. Immer. Jetzt.
Ich betrachte den Inhalt meines Gefäßes. Alles liegt drin. Alles Unmögliche. Das nun endlich möglich wird. Einen Blankoscheck bin ich zwar los, doch der Tausch hat sich gelohnt.
Mein Herz schlägt heftig. Freudig und dankbar mache ich mich auf den Weg.
(Inspiriert von Rebis, die am 10. April kommentiert hatte: „Durch Arbeit und Dinge, die ich mir so nicht freiwillig von der großen Theke auswählen würde …“)
Null Komma Null
Summiere alle deine Ideale, Pläne, Träume, Sünden, Nachlässigkeiten, Unterlassungen und Wunden mit denen aller Menschen aus allen Ländern. Das Ergebnis wird Null sein. Immer. Ist Null viel oder wenig? Ist Null die Grundstellung? Ist Null der Same, der Ursprung von allem, oder ist es das Ziel? Ist Null Leben oder Tod? Alles, nichts? Oder ist Null gar die Liebe schlechthin?
Null Komma eins
Beim Reisen geht es – wie beim Leben – letztlich darum, bei sich selbst anzukommen. Reisende sind immer Suchende. Und Findende. Reisen ist eine Form von Kunst. Ebenso wie Suchen und Finden. Und loslassen. Schritte ins Unbekannte wagen.
Die Wahl zwischen Auto und Zug war nicht einfach. Pro Eisenbahn sprachen schlussendlich mit wenig Vorsprung die zu erwartenden sinnlichen Erfahrungen. Und das ökologische Gewissen. Kleine Ablasshandlung. Wo ich doch sonst so viel Auto fahre. Denn im Gegensatz zu den meisten andern Menschen finde ich Zugfahren und öffentlichen Verkehr ziemlich anstrengend. Als würde ich in diesen großen Kutschen irgendwo lecken. Inzwischen kann ich – mp3-Playerseidank! – zum Glück die viele Eindrücke, Düfte Geräusche, Energien, die da jeweils auf mich niederprasseln, ziemlich gut handhaben, doch gab es Zeiten, wo ich meiner spezifischen Sensibilitäten wegen praktisch öv-untauglich war. Temporäre Soziophobikerin, die ich bin.
Zürich HB. Eine SMS von J., der bedauerlicherweise nicht mit von der Partie ist. Die Arbeit, der Arme! Doch zum Glück hat er dabei viel Spaß.
Ich verlasse den Bahnhof über die hinteren Treppen, um mir erstens den Rummel in der Bahnhofhalle zu schenken und zweitens, weil ich mich dort gleich mehr so fühle, als sei ich auf dem Heimweg nach Höngg. Kleine legale sentimentale Selbstverarschung. Am Sihlquai steigen nämlich nur die Hiesigen ein. Bilde ich mir jedenfalls ein. Und die Ex-Hiesigen. Ich atme Zürich ein. Mein Zürich. Hach, ich liebe diese Stadt. Auch. Ich bin eine Stadtpolygamistin. Und ich liebe es, aufs 13er-Tram zu warten, während ich darüber sinniere, wieso ich wohl auch in Bern an der Linie 13 wohne.
Bremsen quietschen. Nein, dieser Lärm stört mich nicht. Ich liebe ihn. Er klingt nach Heimkommen. Ich steige ein. Tue einheimisch. Tue zürcherisch. Grinse vor mich hin. Komme mir vor, als sei ich nur eben ein paar Wochen, meinetwegen ein paar Monate, auf Reisen gewesen, um nun wieder heimzukommen. Ein letztes Mal in die alte WG. M., mein lieber Freund und Weggefährte würde Höngg nach sage und schreibe fünfundzwanzig Jahren verlassen. Der Liebe wegen. Nicht weit weg würden die beiden wohnen, doch weit genug, nicht mehr Stadtzürcher geschimpft werden zu können.
Das Tram ruckelt und bremst. Limmatplatz. Die Pforte zum Chreis Cheib. Ein Mann mit unglaublich verkrüppelten Gliedmaßen steigt ein. Ich kann nicht anders, ich muss hinschauen, verstohlen nur. Mitleid im Bauch, das ich nicht wirklich haben will. Ich wünsche ihm, diesem Mann, Menschen, die ihn, seinen Kern, sehen und liebhaben. Die sich nicht vom entstellten Körper irritieren lassen. Frage mich, ob ich dazu in der Lage wäre. Es summt um mich her. Geschichten. Wortfetzen. Auf einmal ist das alles nicht mehr anstrengend, sondern inspirierend. Wie Altmann sinngemäß sagt: Geschichten sind überall. Musst bloß hinhören. Und hinsehen.
Das Tram leert sich. Endlich meine Station. Wie heimkommen. Ich atme tief, das Grinsen in meinem Gesicht hat sich festgesetzt. Den kurzen Weg zum alten Haus gehen. Alt im doppelten Sinn. Im Treppenhaus der vertraute Geruch. Nirgends riecht es so und nirgends – außer in meiner aktuellen Berner Wohnung – habe ich mich als Bewohnerin längerfristig so wohl gefühlt wie hier. Viele Treppenstufen später falle ich in offene Arme. Küsse da und dort. Wie schön, sich wiederzusehen!
Ach, du auch hier? Wann war das gleich? Letztes Jahr? Vor zwei, vor drei Jahren? Sofort werden da und dort – denn nach und nach treffen alte Kumpels und Freundinnen auf – die alten Fäden aufgenommen und weitergesponnen. Als wäre keine Zeit vergangen. Ist auch nicht. Zeit ist ja eine Illusion, wie wir alle wissen. Und Chronologie ein Hohn. Wir leben auf der Spirale. Darum, so diskutiere ich mich P., können wir unsere Zukunft zuweilen träumen. Will heißen, darum kann wahr sein, was wir zuweilen von unserer Zukunft träumend voraussehen. Was heißt denn da Zukunft? Alles ist jetzt. Zum Glück können wir heute auch ohne die früheren psychedelischen Fahrzeuge Bewusstseinserweiterungen erleben. Ach, was waren das Zeiten! Ich sag nur Fliegenpilze und Psylos … Grass flüstere ich nur ganz leise. Mensch soll Vergangenes ruhen lassen – obwohl, alles ist ja jetzt. Eigentlich.
P. erlebt die Weiten des Bewusstseins in seiner Musik. Oder beim Malen. Ausdruck ist, sage ich, immer eine Bewusstseinserweiterung. Und er erzählt mir von jenem Mann, der luzide träumend um die ganze Welt reisen kann. Und was jener Mann anschließend erzählt, lässt sich sogar verifizieren. Wow, denke ich. Auf diese Weise wäre um die Welt reisen ja ganz günstig. Und einfach. Schade, dass sich in der luziden Traumwelt keine Kameras einsetzen lassen.
Wir stehen irgendwann im Kreis um M.s Laptop. In seinem Büro. Mein früheres Zimmer. Im Kreis um den neuen Götzen warten wir, bis das alte Teil (was? schon achtjährig?) endlich betriebsbereit ist. Internet Explorer, spöttle ich, mit DEM Browser arbeitest du? Aha, darum geht’s so langsam!
Browser? Was is denn das?, fragt er zurück. Er spielt, wie oft, den Konsumverweigerer und Technikbanausen. Zehn Leute im Kreis um einen kleinen Laptop?
Hey, Leute, sage ich, wisst ihr noch? Früher saßen wir auch im Kreis. Aber im Tipi. Und heute? Wie tief wir doch gesunken sind! Alle prusten.
So wird geblödelt und gelacht. Und diskutiert. Leute gehen, andere kommen und es wird zwischendurch so ruhig, dass ich mir endlich M.s und S.‘ Indienbilder angucken kann. Vom letzten Sommer. Wow. Himalaya! Bilder, die mein Herz schneller schlagen lassen. So viel Schönheit. So viel Klarheit. Dazu die Geschichten. S. erzählt von Aufstellern und Ablöschern. Von Klöstern und von Guesthäusern, von Schmutz und von klarer Luft. Und ganz besonders von jenem Raum mit der fast greifbaren Energie, in dem ein Erleuchteter zwölf Jahre meditiert hat. Ihr Gesicht leuchtet. Die Reise nährt sie noch immer. Was wohl aus jenem Erleuchteten geworden ist?
Irgendwann setzt P. Spaghettiwasser auf. S. macht Cinque Pi.. Wir sitzen und essen und lachen. Wie früher. Freunde sind jene Menschen, die über die gleichen Sachen lachen können, begreife ich. Und die sich über die gleichen Dinge empören. Alle sind wir älter geworden, doch alle sind wir ähnlich älter geworden.
Brottorte und Banana-Split lassen die alten Zeiten noch einmal aufleben. Volle Bäuche. Strahlende Gesichter. Wie wenig es braucht, um sich gut zu fühlen. Irgendwann wird es Zeit zum Aufbruch. Meine Freundin M. und ich fahren mit dem 13er zum HB und genießen dort die gemeinsame kurze Wartezeit. Mitternacht. Mein Zug fährt minutengenau. Illusion namens 00:00.
Zwei Frauen, ältere (älter als ich, meine ich), sitzen im Abteil vis-à-vis. Würde ich nur ihre Stimmen hören, stellte ich mir zwei junge Frauen vor. Doch als unten, vom WC her, unmissverständliche Geräusche erklingen, die in mir latent Brechreiz auslösen (nicht nur, weil ich zu viel Spaghetti und Vanilleeis mit heißer Schokolade intus habe!), kichern die beiden wie Teenies. Also so was habe ich mein ganzes Leben lang noch nie gehört, sagt die eine. Die andere nickt. Ich auch nicht.
Schön für Euch, denke ich. Und: Was für eine kleine Welt, in der ihr beiden wohl leben müsst. Noch mehr Illusionen.
Nein, ich bin nicht mehr dieselbe wie vor einem Jahr. Auch nicht wie vor zwei Jahren. Ich schreibe anders, ich denke anders, ich ticke anders. Nicht GANZ anders, das nicht, doch eben anders.
Ähnlich, wie sich alle physischen Zellen ständig erneuern, verändert sich mein Menschsein. Anders als die Zellen, die zwar neu, doch identisch sind, sind meine Veränderungen reale Veränderungen. Obwohl – und da bemühe ich den Vergleich mit den Zellen ein weiteres Mal – sich der Zellkern gleich bleibt.
Mitten drin der verdichtete Sofasophia-Kern. All das, was mich ausmacht und natürlich mehr als die berühmte Summe der einzelnen Teile. Der Zellkern ist gleichsam die Füllung – falls denn jemand auf die Idee käme, mich mit einem Truffe zu vergleichen. In diesen Kern – Festplatte ist ebenfalls ein mögliches Synonym – sind alle Informationen gespeichert, die mich ausmachen. Warum ich so bin. Warum ich diese Macke habe. Warum ich ein Problem auf diese Weise löse. Warum ich die Welt so und so sehe. Warum? Oder vielleicht besser Basis statt Ursache, um es etwas wertneutraler zu formulieren. Der Kern, meine mentale Erde. Jene Erde, aus der ich bin. Nicht unveränderbar, aber träge, warm und feucht.
Das, was drum rum ist – die Hülle, die Glasur, das Layout – bewegt sich dagegen laufend. Wechselt die Form. Alle möglichen Einflüsse – und vor allem auch alle unmöglichen – fordern mich heraus: hier hinterfrage ich bisheriges und hier überprüfe ich laufend altgeglaubtes auf seine Kompatibilität in Bezug auf meinen heutigen Alltag.
Einflüsse – eigentlich ein geniales Wort … etwas fließt ein … Meine Hülle reagiert höchstsensibel auf Ereignisse. Sie meldet Gefahren, sie registriert Lust, reagiert auf Stress und sie ist es, die alles erst einmal filtert und jede Menge SPAM weglöscht (oder auch nicht), bevor sie sich mit der Füllung austauscht. (Ein hinkendes Bild, ich weiß, denn innen ist ja außen und umgekehrt …).
Nein, nein, diese Theorien sind weder psychologisch, noch philosophisch und schon gar nicht wissenschaftlich wasserdicht. Egal. Und eigentlich sind es ja gar keine Theorien, sondern es sind einfach Bilder, die mir helfen, das komplexe Leben ein klein bisschen besser zu verstehen. Und mich den jeweiligen Erkenntnissen anzupassen …
Ob es das ist, was sich Mutation nennt? 😉
EDIT: Notiz an mich: Wer oder was „steuert“ die Einflüsse? Und warum so? Und warum zum Teufel passe ich mich (wem? was?) an? Überlebensinstinkte?
2. EDIT: Blinkyblankys Kommentar gibt mir zu denken: „Ich habe mal gelesen, dass bei Giacomettis schmalen Personen nur der eigentliche Kern im Innern gemeint ist, der nicht von der Umwelt verändert oder weggefressen werden kann …“
> Ja, lieber Signor Giacometti, ich sehe das auch so: genau um diesen Kern geht es. Ich wünsche uns allen Augen, den Kern der anderen zu sehen, zu respektieren und sich an ihm zu erfreuen. Dennoch behaupte ich, dass wir in dieser Welt hier unbedingt eine Hülle brauchen. Als Schutz. Als Werkzeug für Veränderungen. Zum Leben.