Verrücktes Leben

Meine Freundin L. schreibt:

„Ich habe gehört, dass eine verpuppte Raupe, die sich später zum Schmetterling wandelt, sich in der Puppe drin total auflöst, quasi in Flüssigkeit verwandelt, bevor sie sich dann neu zusammensetzt und zum Schmetterling wird. Ist das nicht absolut undenkbar und verrückt?“

Meine Freundin K. schreibt:

„Könnte denn das Sich-Fremdfühlen auch ein Sich-Neufühlen sein? Innere und äußere Strukturen sind wandelbar …“

Meine Freundin U. schreibt:

„Schreibkrampf, Schreibkampf, Schreibleere – wieso sollte der Topf immer gefüllt sein? Wieso glauben die Menschen an ewiges Wachstum, wenn doch nichts in dieser Welt ewig wächst?“

Ich schreibe nur dies:

Kompost …!

… und freue mich, so wunderbare Freundinnen zu haben. Und dass J. schon bald kommt. 😉

ungefähr so

schrill habe ich mich heute Morgen im Büro gefühlt …

Am Nachmittag fuhr ich in ein spezielles Secondhand-Haus für Büromöbel – hochwertige Qualität allerdings – , um endlich das leide Thema „neue Schreibtische“, das meine Kolleginnen und mein Scheff seit Wochen wälzen, vom alten Tisch auf den neuen zu wischen. Ethischen Skrupeln zum Trotz – das haben Hilfswerkmitarbeitende wohl im Blut? –  soll nun endlich alles anders werden.

Die Tage meines uralten Brocki-Schreibtischs sind gezählt. Wie habe ich doch neulich behauptet? Alles ist Müll?

Q.E.D! Was zu beweisen war.

taumeln

Was ist ein gutes Bild? Wenn es unser Auge, das nach Harmonie dürstet, befriedigt? Oder unsere Sehnsucht nach Perfektionismus? Ist es nicht oft genau das Unvollkommene, das Schräge und Bizarre, das uns, ins Bild gerückt, anspricht? Wenn wir es denn wagen, bekanntes aus einer neuen Perspektive zu  betrachten. J. entzerrt Bilder. Aha.
Weißt du, so lassen sich Perspektiven verändern
, sagte er. Was doch ein gutes Bildbearbeitungsprogramm alles kann!

Kann ich das auch? Schaffe ich es, in meinem Leben immer mal wieder, meine eigene Perspektive zu entzerren?

Die letzten Tage habe ich mich mal wieder ins Hamsterrad eines ausgewachsenen Sinnlosigkeitskollers hinein getrampelt. Das volle Programm samt Selbstzweifeln. Light-Version zum Glück diesmal, doch nicht minder happig, schmerzhaft und sinnlos. Bereits überwunden? Na ja, wir sollen ja nicht den Tag vor dem Abend – und der Abendstraße – loben, dennoch hoffe ich es.

Mein Innendrin-Monster, auch Dark genannt, hatte mich mal wieder, und wie immer ohne jegliche Vorankündigung, am Wickel gepackt und mir den Spiegel hingehalten. Hinschauen. Ganz genau. Das gute Bild sehen solle ich. Jenes Bild von mir, dass sich mir aus einer entzerrten Perspektive zeigt.

Tja, vielleicht macht ja genau der Blick aus neuen, ungewohnten Blickwinkeln, der Blick auf unvollkommene Details ein Leben lebenswert?

GePutz Vol.1

Vielleicht ist es besser, nicht verstehen zu wollen. Nicht immer. Nicht alles. Nicht immer alles. Verstehen zu wollen scheint allerdings irgendwo in meinen Genen angelegt zu sein. Auf meiner Bio-Festplatte.

Warum-Fragen habe ich mir abgewöhnt, hatte mir eine Freundin neulich gemailt. Sie führen nicht weiter. Auf die meisten Warum-Fragen kann eh nur mit WARUM NICHT? geantwortet werden. Und wie wir wissen, sind Antworten nicht wirklich das Gelbe vom Ei. Sie bleiben immer vorläufig und sind abhängig von Perspektiven und Tagesform. Verstehen können ebenfalls.

Wie gesagt: Verstehen zu wollen liegt in meine Genen. Hard- oder Software? Größe, Geschlecht, Haar- und Augenfarbe gehören zu den leicht definierbaren Dingen, doch wie sieht es denn mit meinen körperlichen und geistigen Fähigkeiten aus? Mit der Feinmotorik zum Beispiel? Mit meiner sozialen Kompetenz? Mit meiner Vernetzungsfähigkeit? Alles schon da (Hardware)? Alles gelernt (Software)?

Nein, das soll keine wissenschaftliche Abhandlung werden. Nur ein klein bisschen sofasophisch. Dies gedacht: Wie lässt sich, was ich bin und kann und gerne mache und liebend gerne bleiben lasse, unter einen Hut bringen? Einfach drauflos leben und dabei einem – meinem – inneren Programm gehorchen? Oder mitgestalten? Eingreifen?

Was ist sinnvoll, wo doch eh am Schluss alles irgendwann auf dem Müll landet? Okay, Müll ist nicht einfach Müll. Nennen wir diesen Müll hier doch lieber Kompost. Kompost mit all seinen Eigenschaften wie Gärung und Gestank. Und mit seinem Talent, Abfall in Erde zu verwandeln. Mit seinem Ziel, alles neu zu machen. Genau da landet alles. ALLES! Wenn ihr mich fragt, keine schlechte Idee von der Evolution. Von den Schöpferenergien.

Doch verstehe ich nicht wirklich, warum da dieser ganze, oft genug mühsame Umweg mit Geburt, Leben, Altwerden und Sterben in der Evolution mit dabei ist! Wo doch eh am Schluss alles auf dem Kompost landet. Und so.

Evolution, tja, da ist eben Entwicklung und Wandlung inklusive. Freud und Leid, Humor. Glück und Tränen. Loslassen. Liebe. Empfangen. Und alles scheint auf Wachstum angelegt zu sein. Sogar der Kompost. Wachstum nach innen. Rückwärtswachstum. Auch das ist Leben.

Luisa Francia schreibt heute in ihrem Internettagebuch: „ich hätte die unangenehmste tätigkeit für den mann mit der fortpflanzung verbunden. dann hätten wir heute eine entspannte weltbevölkerung von 500 oder so. und absolut kein umweltproblem.“ (Quelle: www.salamandra.de/tagebuch/start.php)

Na ja … eigentlicheigentlich will ich ja über all den Müll bloggen, der sich in einer Wohnung so ansammelt. In meiner zum Beispiel. Wenn ich mal wieder auf die Idee komme, Staub zu wischen – was bei mir meistens mit einem Staubsaugerbürstchen geschieht –, beschließe ich eins ums andere Mal, auszumisten. So auch heute. Brockenhäuser und Buch-Antiquariate gibt es ja genug. All die Bücher! All der Kleinkram! Doch meistens bleibt es beim Beschluss.

Müll oder nicht Müll? Das ist … Nein, keine Frage: Alles Müll! Eines Tages jedenfalls. Das zu verstehen fällt mir zum Glück nicht mal so schwer.

nüchtern betrachtet

Waaas? DU wirst bereits fünfundvierzig? Na DANN muss ich mir ja ums Älterwerden keine Sorgen machen! Achtundzwanzig Jahre jung ist sie, die das sagte. Zu mir, wohl verstanden! Na ja. Und ganz nüchtern waren wir nicht mehr. Außerdem war es auch schon ziemlich spät. Gläser mit Grappa vor uns. Halbleer getrunken. Halbvoll wir? Aber … na ja … gefreut hat mich N.s Kompliment natürlich trotzdem. Kurz zuvor hatte der tamilische Kellner – der mit Kaffee Verbrühtwordene, was allerdings eine andere Geschichte ist – um meinen Ausweis gebeten, bevor er mir den Grappa serviert hatte. Ich widerstand nun, verständlicherweise, nur knapp der Versuchung, meinen kleinen Taschenspiegel zu suchen.

Es war mal wieder so weit. Meine Bude traf sich zum Jahresessen in der Dampfi. Als ich zum Einrichten von Beamer und Laptop vorzeitig im Musikkeller, wo wir unseren Apéritif einnehmen würden, eintraf, war das Hemd des Kellners noch weiß wie Schnee und sein Lächeln bezaubernd. Der Wirt, den ich von Telefonanrufen und Mails kannte, bot mir sogleich das Du an. Immerhin waren wir ja schon so was wie Stammgäste. Als mir mein Scheff, der gleich darauf eintraf, gar noch ein Bier organisierte, war meine kleine Welt im Lot. Ich konnte mich gelassen um die technischen Dinge kümmern. Nach und nach trafen meine Kolleginnen und Kollegen ein. Dort ein Küsschen, da ein Hallo. Lachen, plaudern … Die Rede des Scheffs … wie immer herzlich und voll des Lobs für uns alle. Und ohne mich wäre er eh längst untergegangen. Meinte er. Nach dem kleinen Film aus einem unserer Hilfswerk-Programme stürzen wir uns aufs köstliche Menü. Ausgerechnet ich musste durfte den Wein degustieren. Na ja, kenne mich da einfach zu wenig aus. Bier wäre einfacher. Meine Geschmacksknospen befanden immerhin, dass es sich um einen Primitivo handeln müsse. Was sogar stimmte. Und dass er köstlich schmeckte. Was auch stimmte. Denn das bestätigten mir die anderen.

Irgendwann begannen sich die Reihen zu lichten und die Dagebliebenen rückten zusammen. Die neue Praktikantin warf sich, bevor sie ging, schwungvoll ihre Jacke um. Das Tablett voller Kaffeetassen in den Händen des Kellners, der sich ihr von hinten näherte, bekam dabei leider auch was von ihrem Schwung ab. Auf einmal Kaffee überall. Hemd braun. Boden nass. Die armen Arme des Kellners blieben zum Glück ohne Brandwunden. Schon gut!, wehrte der Mann ab. Und lächelte dabei. Shit happens?

Später ordert der Boss Grappa und wir sieben sind die letzten Gäste.

Später, im Bett, begreife ich, dass ich trotz all meines Gemotzes meinen Job mag. Ganz besonders meine Mitarbeitenden. Und meinen Scheff, dem nie jemand dankt. Ja, ich mag meinen Job. Trotz des Katers heute Morgen. Und obwohl ich heute – ganz nüchtern betrachtet – ganz bestimmt älter als bald fünfundvierzig aussehe.

er muss

Empathie. Wertschätzung. Die Liebe anderer
Menschen. Abhängigkeiten. Vom
Wetter zum Beispiel. Oder
von Schönheit. Zoomen. Hingucken. Schnee-
glocken-Sprösslinge, wo gestern noch Schnee
lag. Frühlingsahnung. Sonnenstrahlen. Wertschätzende
Worte im Büro. Meine Finger, die über die
Tastatur rasen. Die Entscheidung, heute Abend zuhause zu
bleiben, obwohl ich so A.s Lesung im ONO verpasse. Dafür
das Sofa genießen. Die Ruhe. Tagebuchschreiben. Sein. Seelen-
baumelei. Lesen. Mit Lisbeth Salander mit fiebern. Ob
Blomkvist es schaffen wird, ihre Unschuld zu beweisen?
Er muss.
Bücher müssen ein Happyend haben. In Farbe. Das
Leben auch. Immer
wieder. Obwohl es kreist. Oft genug
schwarzweiß. Unten wird oben. Und
umgekehrt. Oder horizontal. Drei
Dimensionen. Oder mehr.
Vielleicht. Vorläufigkeit immer. Alles.