Als hätte jemand meine Mundwinkel hochgeklebt! Das Lächeln klebt schon seit Stunden fest. Seit ich den Briefkasten geleert habe, um genau zu sein.
Mitten zwischen anderen Briefen, Zeitungen, dem neuen Telefonbuch, Werbung und der neuen Spuren-Nummer mit meiner Buchbesprechung von Cambras neuem (Blog-)Buch liegt er. Hat er mir nicht eben zugeblinzelt? Ich grinse zurück.
Johnny, heißersehnter Johnny, endlich bist du da! Wie lange habe ich auf dich gewartet! Ich habe mitgefiebert, seit du gezeugt, ufpäppelet u ghämpfelet worden bist. Dein Papa, der große Johnny – aka Büne Huber – hat ja fast täglich in seinem Logbuch drüber berichtet, wie du langsam Gestalt annimmst. Die Freuden und Leiden einer Schwangerschaft quasi.
Ab morgen wirst du in den Läden erhältlich sein, doch schon heute darf ich dich hören. Ach Johnny, du übertriffst meine kühnsten Hoffnungen! Schon beim ersten Mal bin ich hin und weg von dir. Du wickelst mich um den Finger wie es sonst nur einer kann.
Wortwitz, Melancholie, Herzschmerz, Übermut und geniale musikalische Arrangements, überraschende Instrumentewahl, Vielfalt, Oppulenz … ach, ich finde noch gar keine Worte, dich zu beschreiben. Du wirst die nächsten Tage in der Endlosschlaufe liegen und mir dennoch nicht verleiden.
Das Lächeln klebt fest. Bünes beigelegte Autogrammkarte und der schöne, von Hand angeschriebene Briefumschlag machen mich durch die Wohnung tanzen. Bei so viel genialem Sound kein Wunder.
Mein Glück verdanke ich einem mittelmässigen Poem (machen wir uns nichts vor!), das ich vor drei Jahren auf der Patent Ochsner-Gästebuchseite als Wettbewerbsbeitrag hinterlegt habe – im Rahmen einer kleinen CD-Verlosung. Wie ich in den Kreis der SiegerInnen gekommen bin, habe ich vergessen. Egal.

Gibt Lächeln Muskelkater?
Die Montagsmenschen
Montagsmenschen heißen sie deshalb, weil sie immer montags ins Yoga gehen, doch Montagsmenschen lässt mich auch an Montagspannen denken, an Produktionsfehler, an Ausschuss. Ob Milena Moser diese Assoziation beabsichtigt hat, weiß ich nicht. Fakt ist, dass die drei Yogalehrlinge, die wir in diesem Buch kennenlernen, alle ein klein bisschen anders sind. Ungefähr so anders wie du und ich, und du und du auch. Sie heißen Ted, Marie und Poppy und treffen sich Montag für Montag in der Yogaschule in Nevadas Kurs.

Nein, auch die sechsunddreißigjährige Yogalehrerin Nevada hat es nicht einfach. Sie hat es noch immer nicht geschafft, weder die Sache mit der Erlösung noch das Endlichgutgenug. Und auf einmal kippt sie um. Mitten im Hund fällt sie auf die Schnauze, beißt sich dabei vor Schmerz auf die Zunge und blutet aus dem Mund. Schmerzen, die – wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt –, von einer unheilbaren Nervenkrankheit herrühren. Von MS. Lange hat sich Nevada dagegen gewehrt, wissen zu wollen, woran sie leidet. Schließlich, beim dritten oder vierten Arzt, kann sie nicht mehr davonlaufen. In Schüben verlaufe die Krankheit, hört sie, doch das hat sie längst im Internet gelesen. Mit unglaublicher Zähigkeit versucht sie danach, nicht zuletzt dank ihrer letzten ihr noch verbliebenen Yogaklasse, ihren Alltag zusammenzuhalten. Du hast nur zu wenig geübt, betet sie sich vor, ist sie überzeugt. Auf Suche nach Antworten setzt sie sich vertiefter, auch im Unterricht, mit den Sutren des Patanjali auseinander. Diese Weisheiten sind wie Samen, die ganz leise in den Herzen aufgehen. In ihrem eigenen und in denen ihrer Schüler und Schülerinnen.
Ted ist in einer emanzipierten Frauen-WG im Bewusstsein aufgewachsen, das Leben in Freiheit, das sich seine Mutter für sich erträumt hatte, versaut zu haben. Ted, der Lehrer, der verlassene Vater, Ted, der zufällig in eine Yogastunde schlittert und bei Nevada hängen geblieben ist. Ein Ort, der ihm bald sehr wichtig wird, weil er hier nichts muss.
Marie und Poppy kommen schon länger in Nevadas Yogakurse. Beide sind sie auf der Suche nach einem Ort, wo sie sich fallen lassen und zur Ruhe kommen können. Marie, die Ärztin, flüchtet vor ihrem egomanischen Mann. Gion ist Fernsehschauspieler, dessen Serie abgesetzt worden ist und der sich nun, ohne berufliche Erfüllung, in ihrem Leben und in ihrer Wohnung so sehr ausgebreitet hat, dass ich beim Lesen an Efeuranken denken muss. Eines Tages kommt er sogar mit ins Yoga, was Marie zwar nicht recht ist, doch was kann sie schon machen? Immerhin findet der Schauspieler dort ein neues Publikum und mausert sich in Kürze zum neuen Yoga-Star, verrenkt sich für eine TV-Talkshow und beginnt einen Blitzkurs als Yogalehrer. Im Sommer will er sich in Indien mit seiner pubertierenden (Wochenend-)Tochter als liebender Yogi-Vater profilieren, doch zuvor will er sie zu sich in seine Wohnung holen. Weil er sie braucht, wie er sagt. Da platzt Marie der Kragen.
Poppy heißt eigentlich Annamarie und kann eigentlich ziemlich gut schreiben, ist eigentlich ziemlich begabt und ziemlich schlau. Wenn da bloß nicht dieser Hang zum Missgeschick wäre und zu Vergesslichkeit. Obwohl sie sich doch so Mühe gibt. Immer diese Waswollteichdochgleich?, diese Sehnsucht, diese Unruhe, Hast, Getriebenheit, Schussligkeit. Über allem drüber Schuldgefühle, wie eine Wolke, die alles Sonnenlicht schluckt. Ihr Mann hat sie verlassen, die Kinder haben es bei der Stiefmutter besser als bei ihr, denn die ist lieb und zuverlässig. Doch dann trifft Poppy eines Tages, mitten auf ihrer Suche nach Ganzheit und Lebendigkeit, dank Facebook ihre große Liebe wieder. Wolf ist leider inzwischen verheiratet.
Derweilen hat die Frau von Teds bestem Freund Tobias schon wieder eine Fehlgeburt und Emma, Teds Tochter, steht grad ein wenig der Karriere ihrer Mutter im Weg. Ein tolles Angebot in Amerika reicht ihr aus – und die langjährigen erfolglosen Kämpfe Teds um das Mitsorgerecht scheinen vergessen –, um Emma in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zu Ted umzutopfen. Ted ist glücklich. Auch Emma entspannt sich allmählich und bald haben es die beiden super miteinander. Nur seine aktuelle Flamme, eine narzisstische Prinzessin wie alle seine Verflossenen, findet es überhaupt nicht toll, Nummer zwei zu sein.
Wie gesagt: Menschen wie du und ich. Verwoben, verwundet, verwirrt … Suchende und Findende.
Jedem Kapitel ist ein passendes Zitat aus den Sutren des Patanjali vorangestellt und die Unterkapitel sind mit den Namen der jeweiligen ProtagonistInnen überschrieben. Der rote Faden zwischen den einzelnen Menschen ist der gemeinsame Yogakurs.
Die große Yogaschule, die Nevada einst mit ihrer Freundin Melanie, inzwischen Lakshmi genannt, ist alles, was Nevada hat. Doch als Nevada immer leistungsschwächer wird und die Krankheit sichtbar Spuren hinterlässt, stellt sich das Team, angeführt von ebendieser Lakshmi, mehr und mehr gegen Nevada. So viel Gehässigkeit, Neid und Falschheit, Pseudospiritualität und Unsolidarität! Nevada, die vor zwanzig Jahren den Kontakt zu ihrer Familie abgebrochen hat, springt über ihren Schatten und gibt Mutter Martha eine neue Chance. Martha ihrerseits hat auch einen Weg zurückgelegt und erkannt, dass sie ihre kleine Tochter in der Kindheit grotesk vernachlässigt hat. Schwester Sierra engagiert sich sehr für Nevada und verhilft ihr zu einer neuen Lebensaufgabe. So ermöglicht die tödliche Krankheit neue Wege und das Aufdröseln verknoteter Beziehungen.
Als ein Mord geschieht und sich eine Unschuldige schuldig bekennt, weiß Nevada, was zu tun ist.
Milena Moser erzählt in diesem Buch die Geschichte von Menschen, die dank der Weisheit und dem tieferen Sinn des Yoga den Mut finden, unerträgliche Zustände auszuhalten oder zu verändern. So kann Ted seine Tochter, als Tina ihn nach ein paar Wochen dazu auffordert, ohne Aufstände seinerseits, nach Amerika ziehen lassen, denn er weiß, dass sie zurückkommt und dass deshalb seine Vaterliebe nicht kaputtgeht. Marie verlässt ihre Ehe und fängt an einem neuen Ort von vorne an. Und Poppy? Nein, mehr darf ich nun wirklich nicht mehr verraten. Lest selbst!
Von Milena Moser habe ich praktisch alle Bücher gelesen, schon früher, als sie noch fast unbekannt war. Und alle habe ich gemocht, doch dieses hier … ach, es ist einfach genial. Liebevoll, weise, frech, überraschend, noch weiser, und vor allem: ERMUTIGEND. Es zeigt: Yoga im Alltag ist möglich. Ohne dieses ganze pseudospirituelle Gelabber der Lehrerinnen in der Yogaschule allerdings, die in der Geschichte nicht wirklich gut wegkommen. Yoga ist nicht tumbes Verrenken der Glieder, sondern unter anderem ein Beweglichwerden des Geistes, ein Atmen mit dem Herzen und ein Weg, das Leben im Frieden mit sich selbst zu leben.
Mehr über Milena Moser: hier klicken.
Mehr über die Montagsmenschen: hier klicken.
Ist Bloggen Literatur?
Liebe Bloggerinnen, lieber Blogger, liebe Webtagebuch-AutorInnen
Ich recherchiere für einen Artikel über das Bloggen. Unten findet ihr den Link zu einem PDF mit einigen Fragen, die ich euch zu beantworten bitte. Ich versende die Umfrage auch privat an ein paar mir bekannte BloggerInnen und danke euch allen schon im Voraus herzlich dafür, wenn ihr mir alle oder einige der folgenden Fragen kurz in eigenen Worten beantwortest.
Gerne zitiere ich euch in meinem Artikel, den ich für Federwelt, eine tolle Zeitschrift für Schreibende, verfassen darf.
Ich werde für alle Zitierten Belegexemplare der Nummer mit meinem Artikel drin organisieren! 🙂
Hier nun zum Link (PDF)

Zucker, Zitronen und Artischocken
In weniger als zwei Wochen erscheint endlich endlich das langersehne neue Album meiner Lieblingsberner Rockband Patent Ochsner – Johnny, Rimini Flashdown II. Die Voraus-Single habe ich so oft gehört, dass ich schon jedes Wort mitsingen kann.
Hört selbst:
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=Q0j1ENpiqwA&feature]
Leider wird es nichts mit dem Gurten Open-Air, auf das ich seit Monaten hingefiebert hatte, weil da die Ochsen am Samstag spielen. Als ich Tickets kaufen wollte, war alles schon ausverkauft – wer hätte das gedacht! Zum Trost fahre ich in jenen Tagen an die Nordsee. Nach Norddeutschland. Vielleicht fliege ich auch, denn der Flug ist nur ein Tröpfchen teuerer als der Zug. In einem Monat bin ich dort, mit dem Liebsten. Jippiiie!
Auch im Lied hier gehts um Liebe, natürlich, wie oft bei Büne Huber. Die Essenz des Liedes sei hier auch meinen deutschen Leserinnen und Lesern verraten:
Der Wahnsinn am ganzen – dass SIE zuweilen doch recht bittersüss sei und nicht immer ganz einfach, aber ER ja, zugegeben, auch nicht und überhaupt – der Wahnsinn am ganzen aber ist: Ich will dich gar nicht anders als du bist.
Suche, Sucht und Sehnen
Sie hängt zwischen den Zeilen, den ungeschrieben, fest. Eingekeilt von wollen, sollen, nichts und allem.
Die schwarzen Löcher, sagte die Therapeutin zur Frau, achten Sie ganz besonders auf die schwarzen Löcher, wenn Sie sich zurückerinnern. Diese erzählen oft mehr als das, was wir noch genau wissen.
Vom Durst
Gedankennetze. Wirr. Nicht nachvollziehbar. Traumfetzengleichnissen gleich. Ähnlich wenigstens.
Kind auf Schaukel. Mama, schau, was ich kann! Guck her und klatsch in die Hände.
Oder nein, schau besser nicht hin. Ich bin unsichtbar.
Weniger schnell alles mit allen teilen. Wieder mehr hinter der geschlossenen Türe brüten, wie es der Schriftsteller Stephen King in seinem autobiografischen Buch über das Leben und das Schreiben geraten hat (übrigens das einzige Buch von ihm, das ich je gelesen habe, dafür mit viel Gewinn).
Dass ich in meinem Blog die Kommentarfunktion ausgeschaltet habe, ist ein Kompromiss. Die Türe ist halb offen, sozusagen. Und sie ist auch halb zu.
Schreiben will ich weiterhin. Mal für hier, mal für nicht-hier. Ich will an meinem Schreibbrunnen sitzen und vom Wasser trinken, das in den Tiefen und aus den Tiefen fließt. Damit das Rohr nicht rostig wird, soll meine Schreibe hin und wieder aus allen Rohren fließen dürfen. Je nachdem mal über- und mal unterirdisch.
Heute diesen Satz aufgeschnappt:
Was hinter und was vor uns liegt, ist nebensächlich, verglichen mit dem, was in uns liegt.
Zitat: Ralph Waldo Emerson.
Schreiben, bis das Wasser wieder klar ist. Und dann erst recht.
Denn das weiße Blatt schreit nach Worten. Wie schon Mani Matter wusste. Durstig ist es …

Leck und Seil
Zum vorigen Artikel eine kleine Collage aus Irgendlinks Bildern.
Gegen ein Leck ist offenbar auch das stärkste Seil machtlos
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Bild: iDogma –
Fotografiert mit dem iPhone (Handy mit Photo- und anderen Funktionen). Verwendete Apps: Hipstamatic für die Aufnahmen (Irgendlink) und TurboCollage für die Montage (Sofasophia).
Schere, Stein, Papier …
Gegen ein Leck ist offenbar auch das stärkste Seil machtlos, geht es mir durch den Kopf, als ich dieses verrückte Bild auf pixartix_dAS bilderblog und auf irgendlink hochlade.
Mein Liebster hat heute auf dem Weg nach Kristiansand, auf seiner Reise ums Meer (Nordseeumradelung) an der Schärenküste einen zwar fest vertäuten, dennoch gesunkenen Kahn fotografiert.
Leck trotzt Seil. Papier ist stärker als Stein ist stärker als Schere ist stärker als Papier …
Schwerwiegende Entscheidungen
Dass auch so heikle Angelegenheiten wie Intersexualität und Suizid Thema eines Tatort-Krimis sein können, dazu erst noch mit viel Fingerspitzengefühl vermittelt, hat uns das Schweizer Tatortteam aus Luzern gestern bewiesen. Ein deutsches Filmteam hätte den gleichen Plot ganz anders umgesetzt. Mir hat die Schweizer Inszenierung ausgesprochen gut gefallen.
Zur Geschichte: Sonntagnachmittag. Im Wald. Dee Kinderarzt Dr. Lanther wird während eines Benefizlaufes, an dem er teilgenommen hat, tot hinter einem Baum, mit einem Skalpell im Hals, aufgefunden. Verdächtige gibt es viele, denn beliebt war der in die Jahre gekommene Arzt weder im Team noch bei den Patientinnen, Patienten und deren Eltern.
Wie die Leute des Luzerner Kriminalpolizeiteams da im Sitzungsraum beraten, drückt die schweizerische Umgangsart, die ich so mag, durch. Da sitzen sie, vor ihren Laptops und einem riesigen, mit Details zum Fall überfüllten Flipchart und sammeln Beobachtungen. Dieses nicht hierarchische Miteinander auf gleicher Augenhöhe – es ist ungekünstelt und authentisch. Ich nehme die Menschen als einzelne wahr. Niemand flippt cholerisch aus, alle hören sich zu. Und doch wird deutlich sichtbar, was jeder denkt, eigene Ansichten haben Platz nebeneinander. Bereits da fällt die junge Brigitte auf. Sie ist sichtlich angespannter und betroffener vom Mord am Kinderarzt als die andern.
Verdächtige gibt es zuhauf, wie gesagt. Als erstes werden die schöne Witwe und deren Liebhaber – ebenfalls Kinderarzt und nicht nur privat sondern auch im Krankenhaus ein Konkurrent des ermordeten Arztes – in U-Haft genommen. Dies nicht, weil das Kommissarenteam Reto Flückiger und Liz Ritschard, die das fünfköpfige Ermittlungsteam leiten, das so sehen, sondern weil es der medien- und wahlstimmengeile Vorsteher des Polizeidepartements befiehlt – eine herrliche Karrikatur eines braunen Hardliners. Er will Resultate. Und er will Macht.
Noch vor der Vernehmung bittet Brigitte ihren Vorgesetzten Flückiger um Dispens während diese Falles. Ihrer Schwester gehe es nicht gut, sagt sie. Ich kann dich nicht entbehren. Wir brauchen dich hier!, sagt er und so vernimmt sie wenig später mit Liz zusammen die Witwe, während Reto und ein junger Kollege sich deren Liebhaber vornehmen. Als die Frau in ihre Zelle geführt worden ist und auf ihrer Pritsche weinend zusammenbricht, öffnet Brigitte kurz die Sichtklappe der Zellentür. Ihr Gesicht spiegelt Betroffenheit. Ein Bild, das hängenbleibt.
Diese Spur führt ins Leere und die Verdächtigen werden entlassen. In diesem Moment erreicht eine dramatische Todesnachricht das Team. Brigittes Schwester hat sich das Leben genommen. Um die Situation zu begutachten, Gewalteinwirkung von außen auszuschließen und ihrer Kollegin Brigitte beizustehen, fahren Reto und Liz sofort zur Wohnung der Familie. Das noch junge Mädchen hat sich in der Badewanne – mit einem Skalpell – die Pulsschlagadern aufgeschnitten. Klarer Fall von Suizid. Allmählich wird klar – obwohl die Eltern das Tabu nicht anrühren, denn darüber redet man nicht – dass Brigittes Schwester intersexuell geboren, doch ganz früh zum Mädchen gemacht worden ist. Von Dr. Lanther. Obwohl sie sich später immer als Junge gefühlt hat.
Als weitere Suizidfälle von frühoperierten Intersexuellen in den Akten gesichtet werden und das Team im Internet die Website eines Initiativkomitees gegen Frühoperationen bei Intersexualität findet, verdichtet sich der Verdacht, dass Dr. Lanther mit seinem Ansinnen den doppelgeschlechtig geborenen Kindern eine schlimme Kindheit zu ersparen, diesen einen Bärendienst erwiesen hat. Ihre Persönlichkeitsentwicklung verlief ganz oft sehr schwierig, vor allem in jenen Fällen, in denen das Kind sich mit dem gegenteiligen Geschlecht zu identifizieren begann. Ohne seine Geschichte zu kennen.
Als typisches Beispiel treffen Liz und Reto die junge Claudia an, die als Kind zum Buben operierte Tochter des heutigen Komitee-Initiators. Sie erzählt Reto und Liz, während diesen auf ihren Vater warten, davon, wie es ihr ergangen ist, bevor ihr Vater sie über ihre OP als Zweijährige in Kenntnis gesetzt hatte. Sie habe sich nie als Junge gefühlt, wollte sich sogar umbringen, wusste nicht, warum sie das Gefühl hatte, verkehrt zu sein. Erst mit der Aufklärung kam Licht in ihr Leben und dieses führt sie nun als junge Frau, doch in einem männlichen Körper gefangen. Ihr Vater kämpft heute dafür, Intersexuelle erst zu operieren, wenn diese es selbst wollen.
Ihr Vater ist trotz dieser wichtigen Aktion dringend tatverdächtig. Bei einer Tatortbegehung will Flückiger ihn von seiner Theorie des Tathergangs überzeugen, gemäss welcher er den Arzt umgebracht haben soll. Doch der Verdächtige streitet die Tat glaubwürdig ab und muss schließlich mangels Beweisen gehen gelassen werden. Derweil Brigitte noch immer in U-Haft sitzt, da sie ebenfalls am Lauf teilgenommen und ebenfalls ein starkes Motiv hat. Doch leider bisher ohne Alibi. Der Ermordete habe immerhin das Leben ihrer Schwester, die eigentlich ein Junge wäre, zerstört, waren die Argumente des Teams, obwohl natürlich alle von ihrer Unschuld überzeugt sind. Hier wiederholt sich die Szene mit der Klappe an der Zellentüre. Diesmal ist Brigitte jedoch auf der anderen Seite, als Gefangene, und eine Kollegin schaut betroffen zu ihr hinein.
Erst kurze Zeit nachdem eine Gruppe Jugendlicher, darunter ein Mädchen, das eigentlich ein Kerl ist, bei einer Nachtaktion auf dem Luzerner Bahnhof festgenommen werden, findet sich ein Zeuge, der Brigittes Alibi bestätigt. Sie wird unverzüglich freigelassen und übernimmt sofort die heikle Aufgabe, den jungen Menschen – nicht Mädchen, nicht Junge und beides zugleich – über seine ehemals doppelte Sexualität aufzuklären.
Noch immer viel zu viele Verdächtige und viele Motive. Die beiden jungen Ermittler des Teams überprüfen andere Eltern von Suizidopfern und stoßen dabei auf die Eltern von Toni. Anton-Antonia. Auch die beiden haben ein starkes Motiv. Ihre Wut auf den Arzt, der schon früh ihren Sohn in ein Mädchen verwandelt hatte, verbergen sie nicht und auch nicht ihre Erleichterung über seinen Tod. Doch sie haben ein sicheres Alibi. Die beiden jungen Ermittler bleiben dennoch misstrauisch.
Das Team tauscht sich immer wieder intensiv aus. Die kleinen Alltagsdialoge kommen authentisch rüber. Schön auch die Szene mit Reto und Liz, nachts am Luzerner Bahnhof. Am Hotdog-Stand erwarten sie das Auftauchen des Mädchens, das eigentlich ein Kerl ist. Wer bist du sonst so?, will Reto von seiner neuen Kollegin Liz wissen. Sie kontert und beide lachen herzlich. Besonders bei diesem Dialog ist mir klar geworden, wie unterschiedlich in Deutschland und der Schweiz im Alltag geredet wird. Feinste Nuancen sind es, die hier sehr gut wiedergegeben werden. Zwischendrin wird auch mal vaterländisch geflucht – auf gut Schweizerdeutsch. Natürlich wird ansonsten hochdeutsch geredet, doch die schweizerdeutsche Melodie und Satzstellung, Schweizer Redewendungen und Helvetismen kommen ganz natürlich, selbstbewusst und ohne Plumpheit rüber. Unser Deutsch ist anders, aber es ist gut so!, scheinen sich die DrehbuchautorInnen beim Schreiben der Dialoge gedacht zu haben. Sympathisch!
Im Verlauf der Tatortbegehung kam Reto auf die Idee, dass das Skalpell, das Dr. Lanther umgebracht hat, auch aus weiter Distanz hätte abgeschossen werden können. Sofort fällt den beiden jungen Ermittlern der zuvor besuchte Vaters jenes andern Suizidopfers ein. Der ist nämlich Armbrustschütze. Und – trotz Alibi – hätte er höchstens zwanzig Minuten bis zum Tatort gebraucht. Wem fällt an einem Fest schon auf, wenn einer zwanzig Minuten Pause macht?
Sofort fährt das Team zur Werft am Vierwaldstättersee, dem Arbeitsort des Vaters. Dieser flüchtet und verschanzt sich in einem Atelier. Die mit einem Abhörgerät verwanzte Brigitte und die Frau des mutmaßlichen Täters sollen als Vermittlerinnen fungieren. Doch während Scharfschützen und Sonderkommandos draußen die Umgebung sichern, wechselt die Ehefrau, kaum im Atelier drin, die Seite und zeigt ihr wahres Racheengelgesicht. Brigittes wütender Appell bringt endlich die Wende, so dass der mit seiner Armbrust bewaffnete Mörder zur Einsicht kommt und sich nun gegen seine Frau richtet, die ihn zur Tat angestiftet hat. Am Ende einer dramatischen Aktion werden die beiden überwältigt und festgenommen.
Die abschließende Szene ist weise gewählt: Der Teenie im Untersuchungsgefängnis wird entlassen. Flückiger übergibt ihm seine dicke Krankenakte, die in der Schweiz von Rechts wegen dem Klienten gehört. Der Junge im Mädchenkörper, der nun endlich die Wahrheit über sich weiß, hat sich beruhigt. Noch vor zwei Tagen hat er Flückiger bei der Festnahme gewalttätig Widerstand geleistet und ihn ins Gesicht geschlagen.
Sorry, wegen dem Auge, sagt er und verschwindet im Lift.
(Rezension des Fernsehkrimis Tatort vom 28. Mai 2012, Skalpell, Drehort: Luzern/Schweiz)
Ein kleines Leben (nur)
Gestern Vormittag. Auf dem Land. Irgendwo in der Nähe von Bern im Garten meiner Freundin T. Auf einmal schreit T. auf und deutet auf den Boden. Fast zeitgleich scheucht sie ihre Hündin Julia weg und bittet Little-J. vorsichtig zu sein.
Ein klitzekleiner Vogel, noch ganz ohne Federn, liegt vor uns auf dem Plattenweg. Unter dem Hausdach hängt ein Vogelhäuschen. Wir beugen uns zu dritt über das kleine Wesen, dessen Herz gut sichtbar schlägt. Was tun? Während wir uns beraten, will die Hündin ganz nahe ran, schnüffelt, zappelt rum, während J., mit seinen noch nicht einmal zwei Jahren und einer ganz und gar wertfreien Neugier das kleine Tierchen betrachtet. Er will es anfassen, was wir aber nicht wollen. Zu unkoordiniert sind kleine Bubenhändchen. T. holt Latexhandschuhe und Haushaltpapier, während ich auf Vogel-, Hunde- und Menschenbaby acht gebe. Sie nimmt das Tierchen ganz vorsichtig in die Hand, traut sich kaum, es zu bewegen, aus Angst, es zu verletzen. Wir sind so sehr mit dem ersten Vögelchen beschäftigt, dass wir nicht sofort bemerken, wie und dass das zweite auf den Boden fällt. Auf einmal liegt es da. Ich hebe es mit einem Haushaltpapier auf, betrachte es eingehend auf und muss schließlich begreifen, dass es tot ist.
Keine fünf Minuten vorher hatte T von einem neulich verstorbenen Kaninchen erzählt und wie traurig I., ihre vierjährige Tochter, gewesen sei. Ich hatte von meinen eigenen Erlebnissen erzählt. Von mir als Kind. Von den vielen gestorbenen Tieren. Von den Haustieren – Kaninchen, Katzen und Goldhamster – und jenen, die ich im Wald oder am Straßenrand gefunden hatte. Alle habe ich sie beerdigt und immer war ich traurig. Ihnen verdanke ich, dass ich den Tod als Teil des Lebens zu verstehen gelernt habe. Dass ich heute den Tod als Bruder oder Schwester betrachten kann und das Leben und alle Beziehungen als endlich und abschiedlich.
Mit einer der Sandkastenschaufeln buddle ich nun unter den Augen Little-J.s ein Loch und beerdige das tote Küken. Mit einem großen Stein decken wir das Grab zu. Ich erzähle J., dass es gestorben sei. Was immer das bedeuten mag. Wie lernt ein Kind, wie lernt ein Mensch Sterben, Abschied, Vergänglichkeit?
Es war zu schwach zum Leben, sage ich. Ohne zu wissen, ob er schwach versteht und weiß, was leben ist. Erzähl einem Fisch bloß nichts von Wasser!
Später wird das andere, das noch lebende Vögelchen auf der Kaffeemaschine, wo es schön warm ist, weich gebettet und mit einem kleinen Klecks Hundefutter vor der Nase, noch einige wenige Stunden leben. Auf die Wassertropfen, die T. ihm eintröpfeln will, reagiert es nicht. Ein paar Mal bewegt es den Schnabel. Irgendwann stirbt es. Später, als ich schon wieder zuhause bin, erfahre ich, dass T. und ihre Kids noch ein drittes, lebendes Vögelchen gefunden haben. Ob es lebensfähig ist?
