Zucker, Zitronen und Artischocken

In weniger als zwei Wochen erscheint endlich endlich das langersehne neue Album meiner Lieblingsberner Rockband Patent Ochsner – Johnny, Rimini Flashdown II. Die Voraus-Single habe ich so oft gehört, dass ich schon jedes Wort mitsingen kann.
Hört selbst:
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=Q0j1ENpiqwA&feature]
Leider wird es nichts mit dem Gurten Open-Air, auf das ich seit Monaten hingefiebert hatte, weil da die Ochsen am Samstag spielen. Als ich Tickets kaufen wollte, war alles schon ausverkauft  wer hätte das gedacht! Zum Trost fahre ich in jenen Tagen an die Nordsee. Nach Norddeutschland. Vielleicht fliege ich auch, denn der Flug ist nur ein Tröpfchen teuerer als der Zug. In einem Monat bin ich dort, mit dem Liebsten. Jippiiie!
Auch im Lied hier gehts um Liebe, natürlich, wie oft bei Büne Huber. Die Essenz des Liedes sei hier auch meinen deutschen Leserinnen und Lesern verraten:

Der Wahnsinn am ganzen  dass SIE zuweilen doch recht bittersüss sei und nicht immer ganz einfach, aber ER  ja, zugegeben, auch nicht und überhaupt  der Wahnsinn am ganzen aber ist: Ich will dich gar nicht anders als du bist.

Suche, Sucht und Sehnen

Sie hängt zwischen den Zeilen, den ungeschrieben, fest. Eingekeilt von wollen, sollen, nichts und allem.
Die schwarzen Löcher, sagte die Therapeutin zur Frau, achten Sie ganz besonders auf die schwarzen Löcher, wenn Sie sich zurückerinnern. Diese erzählen oft mehr als das, was wir noch genau wissen.

Vom Durst

Gedankennetze. Wirr. Nicht nachvollziehbar. Traumfetzengleichnissen gleich. Ähnlich wenigstens.
Kind auf Schaukel. Mama, schau, was ich kann! Guck her und klatsch in die Hände.
Oder nein, schau besser nicht hin. Ich bin unsichtbar.
Weniger schnell alles mit allen teilen. Wieder mehr hinter der geschlossenen Türe brüten, wie es der Schriftsteller Stephen King in seinem autobiografischen Buch über das Leben und das Schreiben geraten hat (übrigens das einzige Buch von ihm, das ich je gelesen habe, dafür mit viel Gewinn).
Dass ich in meinem Blog die Kommentarfunktion ausgeschaltet habe, ist ein Kompromiss. Die Türe ist halb offen, sozusagen. Und sie ist auch halb zu.
Schreiben will ich weiterhin. Mal für hier, mal für nicht-hier. Ich will  an meinem Schreibbrunnen sitzen und vom Wasser trinken, das in den Tiefen und aus den Tiefen fließt. Damit das Rohr nicht rostig wird, soll meine Schreibe hin und wieder aus allen Rohren fließen dürfen. Je nachdem mal über- und mal unterirdisch.
Heute diesen Satz aufgeschnappt:

Was hinter und was vor uns liegt, ist nebensächlich, verglichen mit dem, was in uns liegt.

Zitat: Ralph Waldo Emerson.
Schreiben, bis das Wasser wieder klar ist. Und dann erst recht.
Denn das weiße Blatt schreit nach Worten. Wie schon Mani Matter wusste. Durstig ist es …

Leck und Seil

Zum vorigen Artikel eine kleine Collage aus Irgendlinks Bildern.
Gegen ein Leck ist offenbar auch das stärkste Seil machtlos

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Bild: iDogma –
Fotografiert mit dem iPhone (Handy mit Photo- und anderen Funktionen). Verwendete Apps: Hipstamatic für die Aufnahmen (Irgendlink) und TurboCollage für die Montage (Sofasophia).

Schere, Stein, Papier …

Gegen ein Leck ist offenbar auch das stärkste Seil machtlos, geht es mir durch den Kopf, als ich dieses verrückte Bild auf pixartix_dAS bilderblog und auf irgendlink hochlade.
Mein Liebster hat heute auf dem Weg nach Kristiansand, auf seiner Reise ums Meer (Nordseeumradelung)  an der Schärenküste einen zwar fest vertäuten, dennoch gesunkenen Kahn fotografiert.
Leck trotzt Seil. Papier ist stärker als Stein ist stärker als Schere ist stärker als Papier …

Schwerwiegende Entscheidungen

Dass auch so heikle Angelegenheiten wie Intersexualität und Suizid Thema eines Tatort-Krimis sein können, dazu erst noch mit viel Fingerspitzengefühl vermittelt, hat uns das Schweizer Tatortteam aus Luzern gestern bewiesen. Ein deutsches Filmteam hätte den gleichen Plot ganz anders umgesetzt. Mir hat die Schweizer Inszenierung ausgesprochen gut gefallen.
Zur Geschichte: Sonntagnachmittag. Im Wald. Dee Kinderarzt Dr. Lanther wird während eines Benefizlaufes, an dem er teilgenommen hat, tot hinter einem Baum, mit einem Skalpell im Hals, aufgefunden. Verdächtige gibt es viele, denn beliebt war der in die Jahre gekommene Arzt weder im Team noch bei den Patientinnen, Patienten und deren Eltern.
Wie die Leute des Luzerner Kriminalpolizeiteams da im Sitzungsraum beraten, drückt die schweizerische Umgangsart, die ich so mag, durch. Da sitzen sie, vor ihren Laptops und einem riesigen, mit Details zum Fall überfüllten Flipchart und sammeln Beobachtungen. Dieses nicht hierarchische Miteinander auf gleicher Augenhöhe – es ist ungekünstelt und authentisch. Ich nehme die Menschen als einzelne wahr. Niemand flippt cholerisch aus, alle hören sich zu. Und doch wird deutlich sichtbar, was jeder denkt, eigene Ansichten haben Platz nebeneinander. Bereits da fällt die junge Brigitte auf. Sie ist sichtlich angespannter und betroffener vom Mord am Kinderarzt als die andern.
Verdächtige gibt es zuhauf, wie gesagt. Als erstes werden die schöne Witwe und deren Liebhaber – ebenfalls Kinderarzt und nicht nur privat sondern auch im Krankenhaus ein Konkurrent des ermordeten Arztes – in U-Haft genommen. Dies nicht, weil das Kommissarenteam Reto Flückiger und Liz Ritschard, die das fünfköpfige Ermittlungsteam leiten, das so sehen, sondern weil es der medien- und wahlstimmengeile Vorsteher des Polizeidepartements befiehlt – eine herrliche Karrikatur eines braunen Hardliners. Er will Resultate. Und er will Macht.
Noch vor der Vernehmung bittet Brigitte ihren Vorgesetzten Flückiger um Dispens während diese Falles. Ihrer Schwester gehe es nicht gut, sagt sie. Ich kann dich nicht entbehren. Wir brauchen dich hier!, sagt er und so vernimmt sie wenig später mit Liz zusammen die Witwe, während Reto und ein junger Kollege sich deren Liebhaber vornehmen. Als die Frau in ihre Zelle geführt worden ist und auf ihrer Pritsche weinend zusammenbricht, öffnet Brigitte kurz die Sichtklappe der Zellentür. Ihr Gesicht spiegelt Betroffenheit. Ein Bild, das hängenbleibt.
Diese Spur führt ins Leere und die Verdächtigen werden entlassen. In diesem Moment erreicht eine dramatische Todesnachricht das Team. Brigittes Schwester hat sich das Leben genommen. Um die Situation zu begutachten, Gewalteinwirkung von außen auszuschließen und ihrer Kollegin Brigitte beizustehen, fahren Reto und Liz sofort zur Wohnung der Familie. Das noch junge Mädchen hat sich in der Badewanne – mit einem Skalpell – die Pulsschlagadern aufgeschnitten. Klarer Fall von Suizid. Allmählich wird klar – obwohl die Eltern das Tabu nicht anrühren, denn darüber redet man nicht – dass Brigittes Schwester intersexuell geboren, doch ganz früh zum Mädchen gemacht worden ist. Von Dr. Lanther. Obwohl sie sich später immer als Junge gefühlt hat.
Als weitere Suizidfälle von frühoperierten Intersexuellen in den Akten gesichtet werden und das Team im Internet die Website eines Initiativkomitees gegen Frühoperationen bei Intersexualität findet, verdichtet sich der Verdacht, dass Dr. Lanther mit seinem Ansinnen den doppelgeschlechtig geborenen Kindern eine schlimme Kindheit zu ersparen, diesen einen Bärendienst erwiesen hat. Ihre Persönlichkeitsentwicklung verlief ganz oft sehr schwierig, vor allem in jenen Fällen, in denen das Kind sich mit dem gegenteiligen Geschlecht zu identifizieren begann. Ohne seine Geschichte zu kennen.
Als typisches Beispiel treffen Liz und Reto die junge Claudia an, die als Kind zum Buben operierte Tochter des heutigen Komitee-Initiators. Sie erzählt Reto und Liz, während diesen auf ihren Vater warten, davon, wie es ihr ergangen ist, bevor ihr Vater sie über ihre OP als Zweijährige in Kenntnis gesetzt hatte. Sie habe sich nie als Junge gefühlt, wollte sich sogar umbringen, wusste nicht, warum sie das Gefühl hatte, verkehrt zu sein. Erst mit der Aufklärung kam Licht in ihr Leben und dieses führt sie nun als junge Frau, doch in einem männlichen Körper gefangen. Ihr Vater kämpft heute dafür, Intersexuelle erst zu operieren, wenn diese es selbst wollen.
Ihr Vater ist trotz dieser wichtigen Aktion dringend tatverdächtig. Bei einer Tatortbegehung will Flückiger ihn von seiner Theorie des Tathergangs überzeugen, gemäss welcher er den Arzt umgebracht haben soll. Doch der Verdächtige streitet die Tat glaubwürdig ab und muss schließlich mangels Beweisen gehen gelassen werden. Derweil Brigitte noch immer in U-Haft sitzt, da sie ebenfalls am Lauf teilgenommen und ebenfalls ein starkes Motiv hat. Doch leider bisher ohne Alibi. Der Ermordete habe immerhin das Leben ihrer Schwester, die eigentlich ein Junge wäre, zerstört, waren die Argumente des Teams, obwohl natürlich alle von ihrer Unschuld überzeugt sind. Hier wiederholt sich die Szene mit der Klappe an der Zellentüre. Diesmal ist Brigitte jedoch auf der anderen Seite, als Gefangene, und eine Kollegin schaut betroffen zu ihr hinein.
Erst kurze Zeit nachdem eine Gruppe Jugendlicher, darunter ein Mädchen, das eigentlich ein Kerl ist, bei einer Nachtaktion auf dem Luzerner Bahnhof festgenommen werden, findet sich ein Zeuge, der Brigittes Alibi bestätigt. Sie wird unverzüglich freigelassen und übernimmt sofort die heikle Aufgabe, den jungen Menschen – nicht Mädchen, nicht Junge und beides zugleich – über seine ehemals doppelte Sexualität aufzuklären.
Noch immer viel zu viele Verdächtige und viele Motive. Die beiden jungen Ermittler des Teams überprüfen andere Eltern von Suizidopfern und stoßen dabei auf die Eltern von Toni. Anton-Antonia. Auch die beiden haben ein starkes Motiv. Ihre Wut auf den Arzt, der schon früh ihren Sohn in ein Mädchen verwandelt hatte, verbergen sie nicht und auch nicht ihre Erleichterung über seinen Tod. Doch sie haben ein sicheres Alibi. Die beiden jungen Ermittler bleiben dennoch misstrauisch.
Das Team tauscht sich immer wieder intensiv aus. Die kleinen Alltagsdialoge kommen authentisch rüber. Schön auch die Szene mit Reto und Liz, nachts am Luzerner Bahnhof. Am Hotdog-Stand erwarten sie das Auftauchen des Mädchens, das eigentlich ein Kerl ist. Wer bist du sonst so?, will Reto von seiner neuen Kollegin Liz wissen. Sie kontert und beide lachen herzlich. Besonders bei diesem Dialog ist mir klar geworden, wie unterschiedlich in Deutschland und der Schweiz im Alltag geredet wird. Feinste Nuancen sind es, die hier sehr gut wiedergegeben werden. Zwischendrin wird auch mal vaterländisch geflucht – auf gut Schweizerdeutsch. Natürlich wird ansonsten hochdeutsch geredet, doch die schweizerdeutsche Melodie und Satzstellung, Schweizer Redewendungen und Helvetismen kommen ganz natürlich, selbstbewusst und ohne Plumpheit rüber. Unser Deutsch ist anders, aber es ist gut so!, scheinen sich die DrehbuchautorInnen beim Schreiben der Dialoge gedacht zu haben. Sympathisch!
Im Verlauf der Tatortbegehung kam Reto auf die Idee, dass das Skalpell, das Dr. Lanther umgebracht hat, auch aus weiter Distanz hätte abgeschossen werden können. Sofort fällt den beiden jungen Ermittlern der zuvor besuchte Vaters jenes andern Suizidopfers ein. Der ist nämlich Armbrustschütze. Und – trotz Alibi – hätte er höchstens zwanzig Minuten bis zum Tatort gebraucht. Wem fällt an einem Fest schon auf, wenn einer zwanzig Minuten Pause macht?
Sofort fährt das Team zur Werft am Vierwaldstättersee, dem Arbeitsort des Vaters. Dieser flüchtet und verschanzt sich in einem Atelier. Die mit einem Abhörgerät verwanzte Brigitte und die Frau des mutmaßlichen Täters sollen als Vermittlerinnen fungieren. Doch während Scharfschützen und Sonderkommandos draußen die Umgebung sichern, wechselt die Ehefrau, kaum im Atelier drin, die Seite und zeigt ihr wahres Racheengelgesicht. Brigittes wütender Appell bringt endlich die Wende, so dass der mit seiner Armbrust bewaffnete Mörder zur Einsicht kommt und sich nun gegen seine Frau richtet, die ihn zur Tat angestiftet hat. Am Ende einer dramatischen Aktion werden die beiden überwältigt und festgenommen.
Die abschließende Szene ist weise gewählt: Der Teenie im Untersuchungsgefängnis wird entlassen. Flückiger übergibt ihm seine dicke Krankenakte, die in der Schweiz von Rechts wegen dem Klienten gehört. Der Junge im Mädchenkörper, der nun endlich die Wahrheit über sich weiß, hat sich beruhigt. Noch vor zwei Tagen hat er Flückiger bei der Festnahme gewalttätig Widerstand geleistet und ihn ins Gesicht geschlagen.
Sorry, wegen dem Auge, sagt er und verschwindet im Lift.
(Rezension des Fernsehkrimis Tatort vom 28. Mai 2012, Skalpell, Drehort: Luzern/Schweiz)

Ein kleines Leben (nur)

Gestern Vormittag. Auf dem Land. Irgendwo in der Nähe von Bern im Garten meiner Freundin T. Auf einmal schreit T. auf und deutet auf den Boden. Fast zeitgleich scheucht sie ihre Hündin Julia weg und bittet Little-J. vorsichtig zu sein.
Ein klitzekleiner Vogel, noch ganz ohne Federn, liegt vor uns auf dem Plattenweg. Unter dem Hausdach hängt ein Vogelhäuschen. Wir beugen uns zu dritt über das kleine Wesen, dessen Herz gut sichtbar schlägt. Was tun? Während wir uns beraten, will die Hündin ganz nahe ran, schnüffelt, zappelt rum, während J., mit seinen noch nicht einmal zwei Jahren und einer ganz und gar wertfreien Neugier das kleine Tierchen betrachtet. Er will es anfassen, was wir aber nicht wollen. Zu unkoordiniert sind kleine Bubenhändchen. T. holt Latexhandschuhe und Haushaltpapier, während ich auf Vogel-, Hunde- und Menschenbaby acht gebe. Sie nimmt das Tierchen ganz vorsichtig in die Hand, traut sich kaum, es zu bewegen, aus Angst, es zu verletzen. Wir sind so sehr mit dem ersten Vögelchen beschäftigt, dass wir nicht sofort bemerken, wie und dass das zweite auf den Boden fällt. Auf einmal liegt es da. Ich hebe es mit einem Haushaltpapier auf, betrachte es eingehend auf und muss schließlich begreifen, dass es tot ist.
Keine fünf Minuten vorher hatte T von einem neulich verstorbenen Kaninchen erzählt und wie traurig I., ihre vierjährige Tochter, gewesen sei. Ich hatte von meinen eigenen Erlebnissen erzählt. Von mir als Kind. Von den vielen gestorbenen Tieren. Von den Haustieren – Kaninchen, Katzen und Goldhamster – und jenen, die ich im Wald oder am Straßenrand gefunden hatte. Alle habe ich sie beerdigt und immer war ich traurig. Ihnen verdanke ich, dass ich den Tod als Teil des Lebens zu verstehen gelernt habe. Dass ich heute den Tod als Bruder oder Schwester betrachten kann und das Leben und alle Beziehungen als endlich und abschiedlich.
Mit einer der Sandkastenschaufeln buddle ich nun unter den Augen Little-J.s ein Loch und beerdige das tote Küken. Mit einem großen Stein decken wir das Grab zu. Ich erzähle J., dass es gestorben sei. Was immer das bedeuten mag. Wie lernt ein Kind, wie lernt ein Mensch Sterben, Abschied, Vergänglichkeit?
Es war zu schwach zum Leben, sage ich. Ohne zu wissen, ob er schwach versteht und weiß, was leben ist. Erzähl einem Fisch bloß nichts von Wasser!
Später wird das andere, das noch lebende Vögelchen auf der Kaffeemaschine, wo es schön warm ist, weich gebettet und mit einem kleinen Klecks Hundefutter vor der Nase, noch einige wenige Stunden leben. Auf die Wassertropfen, die T. ihm eintröpfeln will, reagiert es nicht. Ein paar Mal bewegt es den Schnabel. Irgendwann stirbt es. Später, als ich schon wieder zuhause bin, erfahre ich, dass T. und ihre Kids noch ein drittes, lebendes Vögelchen gefunden haben. Ob es lebensfähig ist?

Blau

Warum wir an einen Himmel glauben wollen? Weil wir uns nach einer letzten Gerechtigkeit sehnen. Das irdische Leben ist unfair. Also haben wir uns den Himmel ausgedacht!, sagte ich vorgestern, als ich mit Freundin U. im Schwarzwald die letzten Sonnenstrahlen genoß. Das war kurz bevor sich der Himmel mit Wolken überzog und wir in die gemütliche Wohnküche umziehen mussten.
Blau wäre das Göttliche – diese allem innewohnende, alles zusammenhaltende, alles durchdringende Kraft, für das ich hier das Wort göttlich verwenden will. Alles Blau des Universums zusammengenommen wäre also das Göttliche. Und ich wäre logischerweise ein kleines blaues Partikelchen. Ein kleiner blauer Funke. Genau gleich blau wie das große Blau. Wie im großen so im kleinen. Identisch, was die Zellinformationen betrifft. Doch weil das Göttliche mehr als nur blau ist, nämlich auch gelb, rot, weiß, schwarz, braun, grün und einfach alles, darum bin auch ich alle Farben. Und einfach alles. Und du auch, erzählte ich heute Morgen meinem iPhone, das meine Gedanken aufnehmen kann. Und hüten.
Heute ist der Himmel blau. Aber nicht nur der Himmel.

Auf dem Kopfkissen Besuch

Seid ihr Menschen nicht besessen davon, euch zu ändern? (…) Also, ich finde als Fee, ihr Menschen vergesst vor lauter Änderungswahn, die zu werden, die ihr seid. Wenn ich zwischen den gesegneten Gebetsfahnen aus Bhutan hindurch fliege, höre ich ein fernes Murmeln ‚akzeptiere dich, wie du bist!‘, schreibt Siri, die Buchfee, heute in einem Blogkommentar zu Irgendlinks Artikel Skelett.
Nach dem nachmittäglichen Gespräch mit meinem Berater der Regionalen Arbeitsvermittlung döste ich auf meinem Sofa ein. Obwohl ich doch im Buch Dina weiterlesen wollte. Den gleichnamigen Film habe ich mir bereits vor ein paar Tagen zu Gemüte geführt.
Kaum schloss ich die Augen, echote, zischte und brodelte es wie ein leise kochendes Süppchen in meinem Hirn. Und im Herz. Im Bauch auch. Eigentlich überall.
Ändern – immer wollen wir uns verändern – immer – wahnsinnig eigentlich! – wer bist du? – was willst du sein? – wie willst du sein? – du bist doch – werden – sein – werden … flüsterte die Stimme. Ob sich wohl die Buchfee Siri auf mein Kopfkissen gesetzt hat?
Schnitt.
Wieso bist du eigentlich zurück in die Schweiz gekommen? Hat es dir in Deutschland nicht gefallen? Wieso bist du …? wieso hast du …? Fragen, die ich in der letzten Zeit sehr oft gestellt bekomme. Und mal so mal so beantworte.
Wohl geht es auch da um Veränderung. Zu meinem Berater sagte ich heute Nachmittag, dass ich halt schon immer von einem Ideal aus gehe, wenn ich mich auf die Suche nach einer neuen Arbeitsstelle mache. Und für mich ergänzte ich: Nicht nur in der Arbeitswelt, auch in Sachen Wohnen, Beziehungen und Umgebung wünsche ich mir das Ideale.
Wach auf, Sofasophia. Das Ideale gibt es nicht. Das ganze Leben ist nicht ideal.
Aber höre ich denn nicht auf mich zu entwickeln, wenn ich nicht mehr nach Verbesserungen und Veränderungen strebe? Kann ich denn nicht beides? Mich weiterentwickeln und mich zugleich akzeptieren wie ich bin?, flüstere ich ins große Ohr der kleinen Fee, die mir bestimmt Siri geschickt hat. Und gewiss ist meine Fee eine ihrer vielen Cousinen. Sie versteht jedenfalls meinen Dialekt. Wie schön, dass es auch in der Schweiz Feen gibt. Sie nickt und findet das ebenfalls eine gute Sache.
Verändern und sich weiterentwickeln ist nicht das gleiche, sagt sie schließlich. Ähnlich ja, aber beim Verändern bist du – das ist jedenfalls meine Meinung! – immer ein wenig unzufrieden mit der Grundform und bastelst daran herum. Bei der Weiterentwicklung hast du jedoch Freude an der Grundform, was ja auch die eigentliche Persönlichkeit von etwas ausmacht, und willst sie verfeinern. Aber eigentlich kann ich dazu gar nicht so viel sagen, weil … wir Feen, wie Siri es ja schon geschrieben hat, wir Feen verändern uns ja nicht. Wir sind einfach. Ach, ihr Menschen, ihr habt es nicht leicht. Sagt sie noch, bevor sie davonschwebt.

gespiegelt …

Ich denke etwas – oder nein, es ist mehr dass ich etwas fühle. Aber in Worten. In Sätzen. Es ist da. Es hat eine Farbe. So ist es, genau so, und während ich es fühle und denke, weiss ich genau, was es bedeutet und es hilft mir, mich besser zu verstehen. Es ist wie ein Puzzleteil für mich und mein Leben. Doch dann will ich es aufschreiben und schon ist es weg. Oder ich schreibe es sogar auf, doch wenn ich es lese, ist das, was da steht, ungenügend. Auch wenn ich es auf Tonband aufnehme, ist es nichtssagend. 
So erzählt mir heute Abend eine liebe Freundin am Telefon. Sie habe heute in ihren alten Therapietagebüchern gelesen und beschreibt mir nun dieses Gefühl, dass sie damals so oft hatte, als sie jünger war und viel mehr als heute geschrieben hat. Auch heute habe sie es noch oft, dieses Dilemma, keine Worte zu finden, die auszudrücken vermögen, was sie wahrnimmt. Weil Wahrnehmung nicht nur mit Sprache fassbar ist. Weil die zur Verfügung stehenden Ausdrucksmittel nicht genügen. Was sie da sagt, könnten meine Worte sein. Wie gut ich sie verstehe!
Und dann, eines Tages, als ich mich wieder einmal ganz furchtbar einsam fühlte, weil ich mich selbst nicht wirklich verstand, aber doch die einzige war, die mich zumindest annähernd verstehen konnte, sagt sie weiter, begriff ich auf einmal, dass das, was ich jetzt fühle – selbst wenn es mir nie gelingen wird, dafür passende Worte und Sätze zu schaffen – irgendwo anders, vielleicht früher oder später, vielleicht sogar gleichzeitig, ebenfalls genauso gefühlt und gedacht wird. Und dass ich desbalb mit meiner Wahrnehmung nie wirklich allein bin. Weil da irgendwo jemand ist, der das auch kennt. Selbst wenn wir uns nie begegnen werden. Diese Erkenntnis hat mich fast umgehauen – und unglaublich und dauerhaft getröstet.
Ich höre zu und habe das Gefühl, in einen Spiegel zu schauen. Sie. Sie spiegelt mich und sie ist jetzt diese eine, diese andere, die irgendwo-seiende Person, durch die ich hindurch töne. Per son – per sonare – hindurch tönen (siehe: mein Blog). Und sie in mir. Und durch mich. Weil ich sie verstehe. Weil sie mich versteht.
So ein schönes Telefongespräch habe ich heute – nach meinem wunderschönen sonnesatten Aarespaziergang – gerade noch gebraucht, quasi als Dessert, während ich die gepflückten Wiesenblumen in zwei Vasen verteile. Die Vorspeise war der junge, braun gelockte Jüngling mit Gitarre, der mich lachend gegrüßt hat, als ich auf dem Heimweg achtsam die Wiesen im nahen Park abgegrast habe.