Ich denke etwas – oder nein, es ist mehr dass ich etwas fühle. Aber in Worten. In Sätzen. Es ist da. Es hat eine Farbe. So ist es, genau so, und während ich es fühle und denke, weiss ich genau, was es bedeutet und es hilft mir, mich besser zu verstehen. Es ist wie ein Puzzleteil für mich und mein Leben. Doch dann will ich es aufschreiben und schon ist es weg. Oder ich schreibe es sogar auf, doch wenn ich es lese, ist das, was da steht, ungenügend. Auch wenn ich es auf Tonband aufnehme, ist es nichtssagend.
So erzählt mir heute Abend eine liebe Freundin am Telefon. Sie habe heute in ihren alten Therapietagebüchern gelesen und beschreibt mir nun dieses Gefühl, dass sie damals so oft hatte, als sie jünger war und viel mehr als heute geschrieben hat. Auch heute habe sie es noch oft, dieses Dilemma, keine Worte zu finden, die auszudrücken vermögen, was sie wahrnimmt. Weil Wahrnehmung nicht nur mit Sprache fassbar ist. Weil die zur Verfügung stehenden Ausdrucksmittel nicht genügen. Was sie da sagt, könnten meine Worte sein. Wie gut ich sie verstehe!
Und dann, eines Tages, als ich mich wieder einmal ganz furchtbar einsam fühlte, weil ich mich selbst nicht wirklich verstand, aber doch die einzige war, die mich zumindest annähernd verstehen konnte, sagt sie weiter, begriff ich auf einmal, dass das, was ich jetzt fühle – selbst wenn es mir nie gelingen wird, dafür passende Worte und Sätze zu schaffen – irgendwo anders, vielleicht früher oder später, vielleicht sogar gleichzeitig, ebenfalls genauso gefühlt und gedacht wird. Und dass ich desbalb mit meiner Wahrnehmung nie wirklich allein bin. Weil da irgendwo jemand ist, der das auch kennt. Selbst wenn wir uns nie begegnen werden. Diese Erkenntnis hat mich fast umgehauen – und unglaublich und dauerhaft getröstet.
Ich höre zu und habe das Gefühl, in einen Spiegel zu schauen. Sie. Sie spiegelt mich und sie ist jetzt diese eine, diese andere, die irgendwo-seiende Person, durch die ich hindurch töne. Per son – per sonare – hindurch tönen (siehe: mein Blog). Und sie in mir. Und durch mich. Weil ich sie verstehe. Weil sie mich versteht.
So ein schönes Telefongespräch habe ich heute – nach meinem wunderschönen sonnesatten Aarespaziergang – gerade noch gebraucht, quasi als Dessert, während ich die gepflückten Wiesenblumen in zwei Vasen verteile. Die Vorspeise war der junge, braun gelockte Jüngling mit Gitarre, der mich lachend gegrüßt hat, als ich auf dem Heimweg achtsam die Wiesen im nahen Park abgegrast habe.