Jetzt

Beschenkt und erfüllt oder befreit und ausgeleert. Nennt sich Fülle und Leere.
Ausgesogen und beraubt oder vollgestopft und überhäuft. Nennt sich Leere und Fülle. Dito.
Wir bewerten Gegenteiliges. Mitte auch, und Gleichgewicht. Gerechtigkeit.
Wir beurteilen Extreme, Kontraste, Berührungen, Abstoßendes.
Ist nicht eins nur ohne das andere und die Summe aller Zahlen null?
Alles. Nichts.
Illusion nur.
Was war. Was sein wird.
Gegenwart als Punkt auf meiner schiefen
Gerade. Ist der Kreuzpunkt. Wie
jeder Punkt ein Kreuzpunkt jeden Lebens
sei. Und null. Immer nur null. Und Jetzt. Ist. Wirklich. Ist. Ganz.

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Quelle: Privates Archiv. Orignial aus dem Jahre 1998, nachbearbeitet und gekürzt.

Oh, da fehlt ja der Titel

Homestorys von Stars – Hand aufs Herz – wer liest sie nicht (gerne vielleicht sogar), zumindest ab und zu? Natürlich würden wir sie NIE selbst kaufen, diese hochglänzenden Magazine, in denen höchstens ein Viertel des Inhalts aus Text besteht. Und davon nicht wirklich viel Wahres. Der Rest besteht aus Bildern, mit viel Haut meistens. Oft heimlich fotografiert. Nein, wir kaufen sie nicht, diese Blätter mit Namen, die Glück suggerieren, Reichtum und Zugehörigkeit. Aber wir gucken sie uns an. Gut, ob ihr auch, weiß ich nicht wirklich, aber ich, ja, ich gucke sie mir an. Selten zwar, aber wenn ich irgendwo warten muss, und es gibt nur Hochglanz um die Zeit totzuschlagen, dann nehme ich schon mal so ein Ding zur Hand. Es sind wohl die Freuden und Dramen im Leben der Promis, die fesseln. Wenn berühmte Persönlichkeiten auch nur ganz normale menschliche Probleme haben, insbesondere Beziehungsprobleme, ist die Welt doch gleich ein bisschen erträglicher. Ja, Beziehungsprobleme, insbesondere Seitensprünge, werden in Publikationen dieser Art am liebsten breitgetreten. Gewürzt mit ein paar Konjunktiven wird die Wirklichkeit, die die beste Freundin der Prominenz ausgeplaudert hat, eingeköchelt und mit bunten Bildern teuer verkauft.
Schnitt.
Meine regelmäßig-unregelmäßiger Spaziergänge durch die Blogosphäre unternehme ich immer mit einer gewissen Portion wohlwollender Neugier. Nicht nur will ich nämlich anderswo gute Texte lesen, Texte, die etwas in mir auslösen oder die mich inspirieren, sondern ich will auch zwischen den Zeilen lesen. Lesen, Lücken übersetzen, hin spüren, herausfinden, wie es Bloggerin X heute geht und was Blogger Y dieser Tage beschäftigt. Ich will wissen, ich will ahnen, ich will spüren, ich will berührt werden von den Geschichten anderer, Voyeurin ich.
Ob ich selbst vor oder nach dem Blogspaziergang blogge (und ob überhaupt), hängt von vielerlei ab. Von der Tagesverfassung vor allem. Manchmal schreibe ich gleich nach dem Starten des Rechners einen Entwurf und gehe erst anschließend blogspazieren. Später kehre ich zu meinem Artikel zurück, um ihn nochmals zu lesen, bevor ich ihn publiziere. Manchmal schläft ein Artikel also viele Stunden als Entwurf. Schönheitsschlaf nenn ich das.
Oft genug verpasse ich die Gelegenheit, die Gunst der Stunde, meine Ideen gleich zu Beginn meiner Session am Rechner aufzuschreiben und gehe gleich im weiten Netz spazieren. Hinterher ist die vage Idee, die ich zuvor hatte, verwässert oder bereits verschwunden.
Doch das beantwortet meine mich immer wieder umtreibende Frage nicht, warum ich überhaupt blogge. Warum ich dieses doch relativ exhibitionistisch anmutende Medium Blog überhaupt für die Veröffentlichung eines Teils meiner Texte gewählt habe. Zu antworten, um mich schreibenderweise warm zu halten, greift zu kurz. Stimmt aber.
Frau Horchert, Journalistin der Reisezeitschrift Geo, fragte Irgendlink unlängst in ihrem Telefoninterview, ob er es denn möge, beim Reisen beobachtet zu werden. (Zum Hören des Intervies bitte hier klicken). Ich übersetze: Mag ich es, beim Leben beobachtet zu werden? Meg Ryan würde in When Harry met Sally sagen: Diese Frage muss ich dir nicht beantworten. Ich sage nur: Vielleicht.
Vor allem mag ich es jedoch, schriftlich nachzudenken. Wenn dabei ein Text herausschaut, der andere womöglich ansprechen könnte – wie es mir jedenfalls meine Statistik vorgaukelt – wieso soll ich meine Texte denn nicht teilen? Zumal a.) mitlesen freiwillig ist und b.) ich ja auch gerne bei anderen mitlese.
Ach, die Statistik! Die Sucht nach noch mehr Klicks wächst mit der Anzahl Klicks. Beobachte ich bei mir. Höre ich von anderen. Vor acht Jahren, zu Beginn meiner Webtagebuch-Zeit und unter anderen Pseudonymen, interessierten mich diese Zahlen kaum, heute guck ich jeden Tag bestimmt einmal nach ihnen. Ist die Zahl dreistellig, ist alles gut, ist sie – an warmen Tagen kommt das manchmal vor – zweistellig, zweifle ich bereits leise an meinen Texten. Diese Zahl ist der Sold der Bloggerin, ihr Zahltag sozusagen.
Doch weit wichtiger als diese Zahl, ist mir der Austausch mit den Lesenden und anderen Bloggenden auf deren Blogs. Diese virtuellen Gespräche haben schon oft meinen Tag gerettet. Daher bewundere ich andere AutorInnen, die keine Kommentarfunktion aktiviert haben. Souverän finde ich das. Oder vielleicht ist es einfach nur überlebenswichtig? Autorinnen wie Luisa Francia und Cambra Skadé wären wohl den ganzen Tag mit dem Beantworten der Kommentare beschäftigt. Dass so bekannte Autorinnen überhaupt Blogs betreiben und ihr Leben damit so sichtbar und transparent machen, finde ich toll. Und dass alle andern – Nonames und Names – diese Möglichkeit haben, ebenfalls.
Das Blog ist das Glücksblatt der kleinen Frau und des kleinen Mannes, war der erste Satz auf dem Block, auf den ich heute Morgen diese Zeilen hier gekritzelt habe. Im Blog haben wir selbst in der Hand, was wir schreiben. Über uns. Über die Welt, wie wir sie sehen. Wir entscheiden, was wir sichtbar machen wollen. Und dass diese Sicht ein bisschen näher an der Wirklichkeit ist, als wenn es in der Glückspost stehen würde, ist definitiv ein weiterer Pluspunkt für die Bloggerei.
Die eigene Homestory schreiben. Denn wenn schon Darstellung, dann selfmade.
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(((Anmerkung: Ich kokettiere bewusst mit dem missverständlichen Begriffen Exhibitionismus/Voyeurismus. Dieser Text ist satirisch gemeint, nicht nur, aber auch.)))

Fliederduft in der Luft

Kleines Intermezzo oder Wieso kann ein Bild nicht duften?

Eine Variation des Bildes findet sich auf pixartix_dAS bilderblog

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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Von Erde und dem Geheimnis des Bloggens

Heute blogg ich mal über den Exhibitionismus von uns Bloggenden, sage ich am Morgen zu Irgendlink. Und über den Voyeurismus in uns auch gleich. Und wenn ich schon dabei bin, das alles auf den Tisch zu legen, könnte ich auch gleich die Sucht nach den Statistiken miteinweben. Und die Sache mit den Kommentaren. Du weißt schon.

Ja, er weiß. Denn Irgendlink hat technische Probleme mit seiner BlogApp. Er kann vorläufig die Kommentare nur über den Browser, also über das normale Blogformat, wie wir alle es auf dem Bildschirm sehen, lesen. Dass das auf dem kleinen Bildschirmchen mühsam ist, könnt ihr mir glauben. Auf der WordPress-App, die er normalerweise sehr gerne benutzt, zickt diese praktische Funktion zurzeit. Während er mir das Problem schildert, wird mir bewusst, wie abhängig wir a.) von funktionierenden Programmen sind und b.) wie eminent wichtig ihm (mir auch) der Austausch mit den Lesenden seines Blogs ist. Die Grenze zwischen es-wichtig-finden und abhängig-davon-sein ist dabei fließend.
Ich schweife ab. Ich wollte doch heute über die Sache mit dem Bloggen bloggen. Doch jetzt, wo ich am Rechner sitze, habe ich eigentlich eher Lust auf einen guten Film und eine Flasche Bier als blogzuschreiben. Ich ignoriere, dass ich noch eine Buchbesprechung fertigstellen sollte. Und die Recherchen für einen Artikel aufgleisen.
Ich bin währschaft müde, wie wir hierzulande sagen. Nicht nur habe ich die ganze Wohnung geputzt und das Bett frisch bezogen, auch habe ich mich – mit einer Trillion anderer Frühlingsgeiler – bei hochsommerlichen Temperaturen in der Landi mit Gartenzöix eingedeckt. Da ich vor einem Jahr, beim Umzug nach Deutschland, alle Tontöpfe meines Balkongartens verschenkt und die Erde in den Wald gebracht hatte, musste ich heute sozusagen bei null anfangen. Oder sagen wir mal bei fünf, denn die drei Balkonkisten samt Erde hatte ich von dort nach da und von da nach hier mit umgezogen. So lud ich also Töpfe, Setzlinge, Erde und Bambusstecken auf den großen Einkaufswagen und zirkelte an all den anderen Kauflustigen vorbei zur Kasse. Treibhauseffekt im wahrsten Wortsinn. Der Schweiß lief mir aus allen Poren, als ich später die Sachen ins Auto lud.
Von dieser Wärme tät ich dir gerne was abgeben!,
hatte ich zu Irgendlink gesagt, der mich, als ich vor der Wahl stand, welche Erde ich kaufen soll, kurz angeskypet hatte. Er sei in Middlesbrough und das sei ganz schön stressig. Er sei froh, wenn er die Stadt bald hinter sich habe. Was ich gut verstehen kann. Von vielen Leuten umgeben zu sein, ist weder sein noch mein Ding. Lieber Natur. Womit wir wieder bei der Erde wären. Nein, Erde kauf ich sonst nie im Laden, doch um Erde im Wald zu holen, hätte ich den kleinen Radanhänger gebraucht und der steht noch irgendwo auf dem einsamen Gehöft herum. Mit dem Auto in den Wald gehen und Erde holen, geht gar nicht. Dann doch lieber kaufen. Vierzig Liter Bio-Erde lade ich auf. Bio-Erde? Hm. Gibt es denn Nicht-Bio-Erde?
Den Parkplatz hat mir ein netter älterer Herrn vererbt. Bevor er sein Auto ausparkte, gab er mir mit Handzeichen zu verstehen, dass er gleich herausfahren werde. Natürlich musste ich an mein unglückseliges Erlebnis vor ein paar Monaten – noch in Deutschland – denken. Wo ein ähnlich alter Herr mir meine sauer erkämpfte Parklücke vor der Nase weggeschnappt hatte. Nein, ich will nicht Deutschland gegen die Schweiz ausspielen und umgekehrt. Vergleichen ist doof. Es gibt hüben wie drüben doofe A…löcher. Und der hier war halt einfach ein netter Mensch.
Wie ich später meinen Gartensitzplatz mit den frisch bepflanzten Töpfen gestalte, begreife ich, dass es hier nicht um die Tomaten geht, die da bald mal wachsen werden, und nicht um Blumen und Kräuter, sondern dass es darum geht, wieder hier, in meiner alten Heimat anzukommen. Wieder Wurzeln zu schlagen und anzuwachsen. Und darum, mit den Händen in der feuchten Erde zu wühlen.
Ach, und die Sache mit uns ExhibitionistInnen erzähl ich vielleicht ein andermal.

auchbern

Vor bald drei Jahren, als Irgendlink die Stadt Bern zu portätieren begann – damals noch klassisch mit der Nikon –, bat ich ihn hin und wieder um mir besonders liebe Bilder. Aus der Sammlung – allesamt Aufnahmen von schrägen Sujets, die wohl niemand eines zweiten Blicks für würdig befunden hätte – habe ich ein kleines Buch für mich gemacht. Es heißt „auchbern“.
Seither nenne ich fast alle unsere Bernbilder so. Auch diese kleine Collage hier.

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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

An der schönen blauen Aare …

Nachdem Freundin S. und ich uns heute Vormittag zum Abschied umarmt haben, fahre ich gemächlich auf den Friedhof. Nicht wirklich ausgeschlafen sind wir, denn es ist spät geworden. Aber das darf ja auch mal sein. Schließlich haben wir uns ja auch schon lange nicht mehr gesehen.
Und wenn ich schon endlich wieder einmal in Bern bin, wo ich immerhin fast zehn Jahre meines Lebens verbracht habe, will ich natürlich unbedingt auf meinen Lieblingsfriedhof. Ja, ich mag Friedhöfe, ganz allgemein, doch diesen ganz besonders. Nur einen Steinwurf von meiner damaligen Wohnung entfernt liegt er. Ein Ort, wo ich immer wieder zur Ruhe komme.
Im Baum hängt noch immer das hölzerne Windspiel, das melodisch bimmelt. Vögel pfeifen, endlich Frühling. Sonnig. Warm. Ich sitze auf einem Stuhl und lasse die Geräusche auf mich wirken.
Highnoon sagen die Kirchenglocken. Die beiden Gärtner und die Gärtnerin, die eben noch rumgewuselt sind, machen Mittagspause.
Meine beiden Besuche waren sehr intensiv. Freundin C. (2) mit ihren beiden Kids – Little-F.(bald dreijährig) und Mini-N (fast vier Monate alt) – erlebt zurzeit das, was viele junge Mütter erleben: Ihre Grenzen. Und wie! Wie froh sie war, dass ich ihr Little-F. für zwei Stunden abnahm. Und ich erst!
Was es mit F. alles zu entdecken gibt in der Verena-Schlucht! Natur und andere Menschen faszinieren den Kleinen gleichermaßen und so kommen wir nur langsam – erwachsen gedacht – voran. Egal. Steine, Blätter und das kleine Boot, das er im Bach hinter sich herzieht, sind hier wichtiger als zurückgelegte Kilometer.
Später, im Feierabendverkehr, fahre ich von Solothurn nach Bern und verirre mich, einmal mehr, im Wirrwarr von Berns Einbahnstraßen. Ich werde es wohl nie lernen, dass jene Abkürzungen, die ich früher immer mit dem Rad genommen habe, fürs Auto nicht taugen. Doch irgendwann, mit nur einer Viertelstunde Verspätung, sitze ich an Freundin S.‘ neuem Tisch und genieße mit ihr die bernbeste Gemüselasagne. Und den feinen Wein. Ach, und auch die wunderbaren Gespräche.
Jetzt sitze ich hier, lasse Gesagtes Revue passieren. Schreibe ein paar Gedanken nieder. Voller Dankbarkeit verweile ich bei jenem über alles geliebten Menschen, der tausend Meilen entfernt nordwärts radelt und doch genau jetzt genau hier ganz nahe ist. Hier, wo das Windrad auf dem kleinen Grab mit dem Wind um die Wette knirscht. Das Windspiel im Baum da drüben bimmelt. Leiser Wind streicht mir über den Nacken. Sonne hüllt mich ein. Blauer Himmel über mir, so blau wie schon lange nicht mehr.
Ich stehe auf, nehme Abschied von den Verstorbenen, die hier liegen, und wende mich – einmal mehr – den Lebenden zu.
Mit meiner Freundin M. (2) treffe ich mich beim botanischen Garten. Die Aare, so grünblau, so üppig, so quirlig – sie begleitet uns, während wir uns so vieles zu erzählen haben. Dieses helle Grün der Sträucher, Bäume und Hecken! Es tut fast weh, so schön ist es hier. Meine Augen weiden sich an den Frühlingsfarben der Flusslandschaft und – nach all den vielen Regentagen – kann ich mich kaum sattsehen.
Nach einem gemeinsamen Imbiss nehmen wir Abschied und ich fahre ganz und gar entspannt und sonnesatt – trotz Feierabendverkehr – in meine neu-alte Heimat zurück. Das Cowgirl, das in den Sonnenuntergang reitet. Den ich bestenfalls im Rückspiegel sehen könnte.
PS: Ein erstes Bild habe ich schon mal auf pixartix_dAS bilderblog gepostet …, andere folgen noch. Vielleicht 🙂

nur klitzeklein

Heute mit der Frage erwacht, wie sich eine Trapezkünstlerin, wie ich sie zum Beispiel letzten Samstag im Zirkus gesehen habe, wohl in genau jenem Moment fühlt, wo sie die sicheren Hände des Partners loslässt, sich in der Luft um sich selbst dreht, um nachher wieder die vertrauten Hände zu fallen. Wie sie diesen klitzekleinen Moment empfinden mag, wo die Welle bricht, wie ich das nenne. Wo die Zeit scheinbar stehen bleibt, wo sich nichts und alles bewegt.
Vielleicht ist da nur Vertrauen. Und Körperwissen. Vertrauen in das eigene Können ebenso wie in jenes ihres Partners. Ich glaube, im Zirkus mag ich genau deshalb genau jene Nummern am liebsten, wo die Choreographie vorgibt, dass sich zwei oder mehr Menschen scheinbar mühelos zu einem Gesamtkunstwerk verweben. In der Luft schwebend oder auf dem Boden akrobatisierend.
Eigentlich, so sagte ich zu Freundin U., die mich gestern besucht hat, eigentlich ist jedes menschliche Zusammenspiel ein bisschen wie Trapezkunst. Irgendlink schickt mir seine Bilder und Texte, die ich dann, in seinem Sinn, verblogge. Er vertraut mir. Vertrauen zu erhalten ist ein wunderbares Geschenk. Und zu vertrauen ebenfalls.
Wieder ein Grund zum Dankbarsein.
Auch dieser Text hier, den Wolf vorhin kommentiert hat:

Gerade heute, sei nicht ärgerlich.
Gerade heute sorge dich nicht und sei erfüllt von Dankbarkeit.
Widme dich aufrichtig deiner Arbeit (an dir selbst) und verdiene dein Brot redlich.
Gerade heute sei liebevoll zu allen Wesen.

von Dr. Mikao Usui
Und jetzt fahr ich los, nach Solothurn und Bern, Besuche machen. Winkewinke!

Suchen und finden

Auf der Suche nach einem Gedankensplitter, den ich meines Wissens im Januar dieses Jahres verbloggt habe, klicke ich mich durch mein Blog. Das Suche-im-Heuhaufen-Prinzip sozusagen. Kurz nachdem ich die Nadel gefunden habe, stolpere ich über diesen Text hier:

„Meine neue Wohnung hat idealerweise zweieinhalb bis dreieinhalb Zimmer, kostet weniger als vierzehnhundert Franken (brutto) und ist in einem älteren, gemütlichen, aber renovierten Haus. Das heißt: es ist keine moderne Neuüberbauung mit sterilen Rasen drum rum. In der Nähe sind Aare und Natur. Ein bisschen alternativ-wild ist es ebenfalls. Am liebsten ist mir ein von vier bis zehn Mietparteien bewohntes Mehrfamilienhaus, denn ein bisschen Anonymität ist mir nach dem aktuellen Landleben ganz recht. Innendrin ist die Wohnung möglichst hell, Parkett, Linoleum, Stein oder Laminat (keine Teppiche), gerne Badewanne, gerne Balkon.”
Ich klicke auf „senden“ und hoffe, dass meine gute alte Freundin T. eine Idee hat, wie sie mir dabei helfen kann, meine neue Wohnung zu finden. Sie wohnt seit vielen Jahren in einem Ort, der mit anderen Ortschaften auf meiner Favoritenliste steht.

Quelle: Spuren finden, vom 16. Januar
Verrückt. In genau dieser Wohnung lebe ich nun. Mit genau drei der vier aufgezählten Bodenbelägen (ohne Laminat). Und mit fünf anderen Mietparteien im Haus. Seit einem Monat schon. Einziger Unterschied zur obigen Bestellliste ist der,  dass ich statt Balkon einen Gartensitzplatz habe. Noch unbepflanzt zwar, aber jetzt schon richtig gemütlich, größer als jeder vorherige Balkon. Und genau in dieser Ortschaft.
Ach, ich weiß, das mit dem Zaubern, mit dem Materialisieren von Visionen und Wünschen ist so eine Sache. Ein heikles Thema, das schon zu vielen Missverständnissen geführt hat. Da ich schon viele, viele Jahre auf diesem Grat zwischen den Welten surfe und tanze und immer mal wieder von hier nach da und wieder zurück wechsle, ahne ich ein klein bisschen, wie alles zusammenspielt. Ahnen nur, obwohl ich mal ganz da lebe, mal mehr dort. Immer aber bleibe ich unfähig, diese andere, unfassbare Seite zu ignorieren, die meinen Alltag nicht unwesentlich beeinflusst. Diese beide Welten zu verbinden ist meine tägliche, meine alltägliche Herausforderung. Närrische Freiheit braucht es dazu (die mir oft genug abgeht), den Mut, über die Nasenspitze zu blicken und über die Schulter, sich unmögliches als möglich zu denken und vor allem weise zu wünschen und diese Weisheit gleich dazu, denn vieles erfüllt sich tatsächlich. Und wenn es da ist, ist es eben da. Punkt.
Nein, eigentlich habe ich nicht verstanden, wie alles zusammenhängt. Nur dass. Alles. Irgendwie. Zusammenhängt. Und ich ahne auch, dass das Ganze nicht fair ist. Nein, die Natur ist nicht fair, bestenfalls die-Sonne-scheint-für-alle-fair. Das muss genügen.
Aber ich schweife ab. Zaubern, wünschen, imaginieren, sich vorstellen, herbeirufen – dazu braucht es Worte. Gedanken, Bilder, Worte. Was wir in Worte fassen, ist schon. Denn sobald etwas in Worten Platz gefunden hat, nimmt es sich Raum. Oder schon vorher. Egal. Irgendwo war es wohl schon immer da. Alles. Doch zuerst war alles Idee, wie ich schon früher in diesem Blog schrieb. Alles. Jedes Wort, das ich schreibe. Jede Geschichte, die ich zu Papier bringe. Jeder Mist, den ich verzapfe. Idee. Jedes Ding, dass ich anfassen kann, ist ein materialisierter Gedanke. Materie ist nichts anderes als verdichtete Energie. So lernten wir in der Schule.
Wünschen nach Kaugummiautomatenmanier ist mir zuwider. Wunsch rein, Erfüllung raus. Ich wünsche, ich wünsche ganz fest, ich wünsche sehr fest – und schließlich muss das Ding, das neue Auto, die Lohnerhöhung, der tolle neue Job, die Traumwohnung her. Wir haben es uns doch so verdient! Wie viele Menschen sind enttäuscht und frustriert, wenn die Wunscherfüllung nicht klappt. Wer ist das böse Schicksal, das mir mein neues, so fest gewünschtes, visualisiertes, imaginiertes, herbeigezaubertes, wohl verdientes Auto vorenthält? Wieso bekommt sie, wieso bekommt er, was ich mir wünsche – und warum ich nicht?
Nein, so funktioniert das nicht. Das Ganze, so ahne ich, läuft nicht über eine Schaltstelle – wir können es auch das Lieber-Gott-Prinzip nennen –, die dem einen und der anderen Glück und Fülle zuteilt und der und dem anderen vorenthält. Ich habe keine Antwort, außer die, dass es eben NICHT nach diesem anderswo auch Kaugummiautomaten-Prinzip genannten Konzept funktioniert. Die Kraft der Gedanken und die Sache mit dem positiven Denken in Ehren – nein, ich sage nicht, dass es nicht gut tut –, aber es kann fatal sein.
Ich halte mich an den Rat von Luisa Francia, den sie uns – schon viele Jahre ist es her – in ihren Kursen im damaligen Frauenhotel immer mit auf den Weg gegeben hat: Beim Wünschen geht es letztlich nicht um das Ding an sich. Das Ding, das ihr meint zu brauchen, ist nur ein Gefährt für das, was ihr wirklich braucht. Das Auto, das du dir wünschst, steht für etwas. Finde heraus, was das ist und dann konzentriere dich auf dieses Thema. Du wünschst dir womöglich nicht primär Reichtum, sondern Entspannung, Freiheit von existentiellen Sorgen, Gelassenheit, Stressfreiheit, Ruhe. Oder was auch immer. Konzentriere dich bei deiner Imagination auf diesen Thema. Konzentriere dich darauf, wie du dich fühlen willst. Das ist ein ganzheitlicherer Ansatz als der rein materialle. Und er bingt dich weiter als ein Auto es je kann.
Es wäre jetzt übertrieben, wenn ich behaupten würde, dass ich meine neue Wohnung auf diese Weise gefunden habe, doch ansatzweise trifft es zu. Ich habe mir Heimat vorgestellt. Wie es sich anfühlt, in eine wohlige Wohnung nach Hause zu kommen. Nicht ganz einfach war das und eben nur ansatzweise gelungen. Zu oft war meine Imagination von massiver existentieller Sorge überschattet.
War es nun das Schicksal, das mir diese Wohnung geschenkt hat? Das Leben? Ich selbst? Die Verwaltung des Hauses in dem ich wohne? Ich weiß es nicht. Dankbar bin ich trotzdem.

Böse ist es

Tatort mutiert zum Psychothriller. Ab und zu jedenfalls. Jener neulich aus Saarbrücken zum Beispiel und auch jener gestern aus Frankfurt.
Der Plot ist simpel und ganz und gar nicht neu im Psychothrillerbereich: Sexuell frustrierter, von der Schöpfung ästhetisch arg benachteiligter und deshalb (?) von der Gesellschaft und der bösen Mutter geplagter Mann bringt Frauen um. Immer nach dem gleichen Muster. In diesem Fall sind es vier Sexarbeiterinnen, die mit dem Leben bezahlen. Die Mordserie stoppt erst, nachdem der den Zuschauenden bekannte Täter von seiner sehr dominanten Partnerin verlassen wird und nach einem missglückten Suizidversuch in der Psychiatrie landet. Zwar stand er bereits unter dringendem Mordverdacht, durfte aber mangels Beweisen nicht länger festgehalten werden und ermordete danach eine weitere Frau.
Das Leben eines zweiten Tatverdächtigen wird ganz nebenbei ruiniert, weil dessen Doppelleben auffliegt. Obwohl verheirateter Familienvater, besuchte er regelmäßig Prostituierten, war davon geradezu besessen. Unter Tatverdacht geriet er, weil alle vier Frauen kurz nach seinen Besuchen ermordet aufgefunden wurden. Seine Frau verlässt ihn, während er vernommen wird, Hals über Kopf. Der Mörder, der im gleichen Haus lebt, beschattete seinen Nachbarn schon eine Weile. Nach dessen Besuchen suchte er hinterher die gleichen Frauen auf. Von Kopf bis Fuß in Haushaltfolie eingewickelt, um keine Spuren zu hinterlassen und weil sich so – so interpretiere ich – seine Hässlichkeit verbergen lässt und es ihn anturnt, tötete er seine Opfer. Er übertötet sie sogar, denn nachdem sie längst tot sind, schneidet er ihnen den Kehlkopf  durch. Den Sitz der Stimme, wie er in der Fast-Schlussszene gesteht. Diese böse weibliche Stimme, die ihn immer drangsaliert und überfordert hat.
Der Plot, die Täter-Opfer-Story, ist, wie ich schon sagte, simpel gestrickt. Eine weitere Missbrauchsgeschichte mit ihren vielen Gesichtern. Nein, simpel ist so eine Geschichte trotzdem nicht. Nie. Zumal diese Geschichte auf wahren Begebenheiten basiert.
Die eigentliche Geschichte baut sich um die junge, ehrgeizige Hauptkommissarin und Ermittlungsleiterin Conny Mey auf, die die Leitung des Falls beinahe einem erfahreneren Kollegen, Seidel, abtreten muss, der, nach einem beruflichen Unterbruch, in den Dienst zurückgekehrt ist und den sie verabscheut. Sie kämpft darum, die Untersuchungsleitung zu behalten und kniet sich in den Fall rein, als ginge es um ihr Leben.
Im Laufe der Geschichte kann sich die attraktive Kommissarin – Typ groß gewachsenes Superwoman mit Cowboystiefelchen, die trotz Dekolleté und viel Sexappeal recht machohafte Züge zeigt – jedoch immer weniger abgrenzen und wird deshalb vom Fall abgezogen, kurze Zeit sogar krankgeschrieben und in den Bereitschaftsdienst um geteilt. Dort überführt sie mit ihrem neuen Kollegen einen Frauenschänder aus der Oberklasse, den sie in ihrer Wut über seine Brutalität zu Boden tritt. Seine Frau habe ihn eben provoziert, hatte der Mann als Ausrede für seine Prügel gesagt. Paralysiert sitzt sie danach im Polizeiauto, unfähig ihren vorherigen Wutausbruch zu verstehen. Immer wieder wird in eingeblendeten Sequenzen die innere Qual der Kommissarin veranschaulicht.
Unterdessen ist die Mordserie aus erwähnten Gründen abgebrochen. Die Untersuchungen des Falls sind stagniert, der mutmassliche Mörder verschwunden. Im Gespräch mit dem ehemaligen Fahndungskollegen Steier, dem dritten im Team, einem netten älteren Kommissar, der für das Täterprofil zuständig war, denkt die Kommissarin über den Verbleib des Tatverdächtigen nach. Einer Intuition folgend finden ihn die beiden, endlich geständig, in der Psychiatrie.
Ich bleibe ratlos auf dem Sofa sitzen. Was war das jetzt? Die schauspielerischen Leistungen, besonders der Kommissarin und des Psychopathen, fand ich beachtlich. Echt stark fand ich Kamera, Schnitt und Drehbuch, speziell all die Einstellungen, die das Innenleben besonders dieser beiden Figuren sichtbar machten. Glaubwürdige Dialoge. Beklemmend nah an der Realität. Beklemmend auch jene Szene, wo die Kommissarin unerlaubt im Heimbüro eines Klatschjournalisten herumstöbert und entsetzt die Bilder an der Wand betrachtet – Zeitungsausrisse von verstümmelten Frauenleichen. Ohnmacht in ihren Augen, aber nur kurz. Dann Entsetzen. Schließlich Unverständnis und Wut.
Trotz allem ist dieser Film auch nur eine weitere gesellschaftliche Momentaufnahme. Nicht das Ganze, nur ein Ausschnitt – wie alles.
Ein schales Gefühl bleibt zurück. Immer wieder und beinahe überall findet dieser sinnlose Krieg zwischen Frau und Mann statt (Krieg ist notabene immer sinnlos). Im Film hier sind es starke Frauen und schwache Männer. Ehemalige Opfer können TäterInnen werden. Nichts neues. Nein, nichts neues. Deswegen nicht weniger schlimm. Und deswegen auch keine Ausrede.
Finden wir wohl den Weg zurück ins Miteinander?

Copy & Paste

Was für ein wunderbares Geschenk uns die programmierende Zunft mit der Kopierfunktion der Schreibprogramme gemacht habe, schrieb ich neulich. Du kannst einfach einen Textabschnitt markieren, ausschneiden und an einer anderen Stelle wieder einfügen. Du kannst Linkadressen von A nach B verschieben, du kannst Bilder kopieren oder ausschneiden und woanders wieder einfügen. Kopieren ist was tolles. Ein Geschenk der Technik.
Ich erinnere mich an die Schnapsmatrizen – ein anderes Wort oder gar den Fachausdruck für diese Kopiertechnik kenne ich leider nicht – die wir früher an der pädagogischen Fachhochschule verwenden haben, um Texte zu kopieren. Vorträge, Elterninformationen und der ganze Kram. Erst kurz, bevor ich mit der Ausbildung fertig war, gab es da und dort die ersten öffentlichen Fotokopierer. Und so lang her ist das nicht mal – oder bin ich möglicherweise nur einfach schon ziemlich alt?
Bis dahin schrieben wir alle zu kopierenden Texte von Hand oder mit der mechanischen Schreibmaschine auf diese wunderbar riechenden violetten Durchschlagdoppelbögen. Das Negativ davon wurde nachher in eine Art Walze eingeklemmt und mittels einer ganz bestimmten Technik mit Schnaps befeuchtet. Durch das Drehen einer Kurbel wurde das vorbereitete Spezialpapier, es war relativ glatt und saugfähig, bedruckt. Blatt für Blatt. Für ungefähr vierzig Bögen reichte eine Vorlage, nachher war sie ausgelutscht, doch reichte das in der Regel. Wer hätte damals von Copy & Paste geträumt?
Ähnlich wie ich mir zuweilen die Suchfunktion des Rechners ins wirkliche, nicht virtuelle Leben wünsche – wo ist bloß mein Schlüsselbund schon wieder? Und das Portemonnaie? – wäre so eine Kopiertaste zuweilen auch nicht schlecht. Ich würde mir, wenn es ginge, gerne ein bisschen von Freundin M.s Weisheit kopieren und bei mir einfügen. Oder von Irgendlinks Ausdauer und Gleichmut. Das Talent zur Heiterkeit von Freundin T. und die Liebe zum Leben von Freund M.. Oder dies oder das und warum nicht gleich noch jenes?
Im Geo-Interview, das Irgendlink für die Geo-online-Podcast-Serie gegeben hat, antwortete er auf die Frage, ob er die Absicht habe, dass andere seine Reise, anhand der von ihm gemachten Route, nachreisen können, dass dies absolut nicht seine Absicht sei. Es sei nicht möglich, dass jemand identische Reiseerlebenisse haben könne. Jeder und jede muss letztlich seinen eigenen Weg finden. Erfahrungen anderer sind bestenfalls Anhaltspunkte.
Ich erinnere mich, wie wir in Bern einmal einem Track, den jemand auf Everytrail im Internet veröffentlicht hatte, nachvollziehen wollten. Mit den Rädern fuhren wir also zum ersten Punkt der Route und von da von Wegpunkt zu Wegpunkt, nur um nach einer Stunde völlig frustriert festzustellen, dass es a.) überhaupt keinen Spaß macht und b.) wir überhaupt nichts anderes anschauten als diesen kleinen Kartenausschnitt auf dem Display unserer iPhones. Wir brachen das Experiment ab, machten dafür eine wunderbare Kunsttour durch die Altstadt und ein mir noch unbekanntes Stadtquartier und genossen die Erkenntnis des Nichtmüssens.
Nein, die Sache mit dem Kopieren ist so einfach nicht. Selbst zweimal den gleichen Haarschnitt gibt es nicht, auch wenn viele Jugendliche auf eine für mir nicht nachvollziehbare Art und Weise nach Gleichförmigkeit streben. Um bloß nicht aufzufallen.
Copy & Paste in Ehren, aber im echten Leben mag ich das Original. Und das darf sogar Fehler haben. Womit wir bei der Frage sind, was denn ein Fehler ist. Doch das, liebe Leute, das ist ein anderes Thema.