Auf der Suche nach einem Gedankensplitter, den ich meines Wissens im Januar dieses Jahres verbloggt habe, klicke ich mich durch mein Blog. Das Suche-im-Heuhaufen-Prinzip sozusagen. Kurz nachdem ich die Nadel gefunden habe, stolpere ich über diesen Text hier:
„Meine neue Wohnung hat idealerweise zweieinhalb bis dreieinhalb Zimmer, kostet weniger als vierzehnhundert Franken (brutto) und ist in einem älteren, gemütlichen, aber renovierten Haus. Das heißt: es ist keine moderne Neuüberbauung mit sterilen Rasen drum rum. In der Nähe sind Aare und Natur. Ein bisschen alternativ-wild ist es ebenfalls. Am liebsten ist mir ein von vier bis zehn Mietparteien bewohntes Mehrfamilienhaus, denn ein bisschen Anonymität ist mir nach dem aktuellen Landleben ganz recht. Innendrin ist die Wohnung möglichst hell, Parkett, Linoleum, Stein oder Laminat (keine Teppiche), gerne Badewanne, gerne Balkon.”
Ich klicke auf „senden“ und hoffe, dass meine gute alte Freundin T. eine Idee hat, wie sie mir dabei helfen kann, meine neue Wohnung zu finden. Sie wohnt seit vielen Jahren in einem Ort, der mit anderen Ortschaften auf meiner Favoritenliste steht.
Quelle: Spuren finden, vom 16. Januar
Verrückt. In genau dieser Wohnung lebe ich nun. Mit genau drei der vier aufgezählten Bodenbelägen (ohne Laminat). Und mit fünf anderen Mietparteien im Haus. Seit einem Monat schon. Einziger Unterschied zur obigen Bestellliste ist der, dass ich statt Balkon einen Gartensitzplatz habe. Noch unbepflanzt zwar, aber jetzt schon richtig gemütlich, größer als jeder vorherige Balkon. Und genau in dieser Ortschaft.
Ach, ich weiß, das mit dem Zaubern, mit dem Materialisieren von Visionen und Wünschen ist so eine Sache. Ein heikles Thema, das schon zu vielen Missverständnissen geführt hat. Da ich schon viele, viele Jahre auf diesem Grat zwischen den Welten surfe und tanze und immer mal wieder von hier nach da und wieder zurück wechsle, ahne ich ein klein bisschen, wie alles zusammenspielt. Ahnen nur, obwohl ich mal ganz da lebe, mal mehr dort. Immer aber bleibe ich unfähig, diese andere, unfassbare Seite zu ignorieren, die meinen Alltag nicht unwesentlich beeinflusst. Diese beide Welten zu verbinden ist meine tägliche, meine alltägliche Herausforderung. Närrische Freiheit braucht es dazu (die mir oft genug abgeht), den Mut, über die Nasenspitze zu blicken und über die Schulter, sich unmögliches als möglich zu denken und vor allem weise zu wünschen und diese Weisheit gleich dazu, denn vieles erfüllt sich tatsächlich. Und wenn es da ist, ist es eben da. Punkt.
Nein, eigentlich habe ich nicht verstanden, wie alles zusammenhängt. Nur dass. Alles. Irgendwie. Zusammenhängt. Und ich ahne auch, dass das Ganze nicht fair ist. Nein, die Natur ist nicht fair, bestenfalls die-Sonne-scheint-für-alle-fair. Das muss genügen.
Aber ich schweife ab. Zaubern, wünschen, imaginieren, sich vorstellen, herbeirufen – dazu braucht es Worte. Gedanken, Bilder, Worte. Was wir in Worte fassen, ist schon. Denn sobald etwas in Worten Platz gefunden hat, nimmt es sich Raum. Oder schon vorher. Egal. Irgendwo war es wohl schon immer da. Alles. Doch zuerst war alles Idee, wie ich schon früher in diesem Blog schrieb. Alles. Jedes Wort, das ich schreibe. Jede Geschichte, die ich zu Papier bringe. Jeder Mist, den ich verzapfe. Idee. Jedes Ding, dass ich anfassen kann, ist ein materialisierter Gedanke. Materie ist nichts anderes als verdichtete Energie. So lernten wir in der Schule.
Wünschen nach Kaugummiautomatenmanier ist mir zuwider. Wunsch rein, Erfüllung raus. Ich wünsche, ich wünsche ganz fest, ich wünsche sehr fest – und schließlich muss das Ding, das neue Auto, die Lohnerhöhung, der tolle neue Job, die Traumwohnung her. Wir haben es uns doch so verdient! Wie viele Menschen sind enttäuscht und frustriert, wenn die Wunscherfüllung nicht klappt. Wer ist das böse Schicksal, das mir mein neues, so fest gewünschtes, visualisiertes, imaginiertes, herbeigezaubertes, wohl verdientes Auto vorenthält? Wieso bekommt sie, wieso bekommt er, was ich mir wünsche – und warum ich nicht?
Nein, so funktioniert das nicht. Das Ganze, so ahne ich, läuft nicht über eine Schaltstelle – wir können es auch das Lieber-Gott-Prinzip nennen –, die dem einen und der anderen Glück und Fülle zuteilt und der und dem anderen vorenthält. Ich habe keine Antwort, außer die, dass es eben NICHT nach diesem anderswo auch Kaugummiautomaten-Prinzip genannten Konzept funktioniert. Die Kraft der Gedanken und die Sache mit dem positiven Denken in Ehren – nein, ich sage nicht, dass es nicht gut tut –, aber es kann fatal sein.
Ich halte mich an den Rat von Luisa Francia, den sie uns – schon viele Jahre ist es her – in ihren Kursen im damaligen Frauenhotel immer mit auf den Weg gegeben hat: Beim Wünschen geht es letztlich nicht um das Ding an sich. Das Ding, das ihr meint zu brauchen, ist nur ein Gefährt für das, was ihr wirklich braucht. Das Auto, das du dir wünschst, steht für etwas. Finde heraus, was das ist und dann konzentriere dich auf dieses Thema. Du wünschst dir womöglich nicht primär Reichtum, sondern Entspannung, Freiheit von existentiellen Sorgen, Gelassenheit, Stressfreiheit, Ruhe. Oder was auch immer. Konzentriere dich bei deiner Imagination auf diesen Thema. Konzentriere dich darauf, wie du dich fühlen willst. Das ist ein ganzheitlicherer Ansatz als der rein materialle. Und er bingt dich weiter als ein Auto es je kann.
Es wäre jetzt übertrieben, wenn ich behaupten würde, dass ich meine neue Wohnung auf diese Weise gefunden habe, doch ansatzweise trifft es zu. Ich habe mir Heimat vorgestellt. Wie es sich anfühlt, in eine wohlige Wohnung nach Hause zu kommen. Nicht ganz einfach war das und eben nur ansatzweise gelungen. Zu oft war meine Imagination von massiver existentieller Sorge überschattet.
War es nun das Schicksal, das mir diese Wohnung geschenkt hat? Das Leben? Ich selbst? Die Verwaltung des Hauses in dem ich wohne? Ich weiß es nicht. Dankbar bin ich trotzdem.