dem Nichtwissen hingegeben

Es hat fast gar nicht wehgetan. Außer, dass es sehr lange dauerte. Statt einer verbrachte ich gleich anderthalb Stunden im Beratungsgespräch mit dem Beamten der regionalen Arbeitsvermittlung. Das Gespräch wurde, wie so oft in meinem Leben, wenn ich mit Menschen an solchen Schlüsselstellen ins Gespräch komme, ziemlich persönlich, Es gelang mir, und ich finde zu recht, das Vertrauen dieses Beamten zu erwerben. Teil des Gesprächs war eine Standortbestimmung.
Während Herr B. meinen Lebenslauf durchblättert, runzelt er die Stirn und nickt vor sich hin.
Sie haben schon so vieles gemacht, haben verschiedene Berufe, haben viele Begabungen. Was schwebt Ihnen denn bei der aktuellen Stellensuche vor?, fragte er schließlich. Ich seufze. Denke, wenn ich das wüsste!, und zähle auf.
Wichtig sind mir Menschen. Kommunikation. Redaktion. Sachbearbeitung im kulturellen oder sozialen Umfeld. Schreiben. Sprache. PR. Bin Generalistin, jawohl. Hat nicht nur Nachteile.
Wie ich mir zuhöre, begreife ich, wie viel ich schon in meinem Leben gemacht habe. Was ich alles kann. Und auch, warum ich schon so viel gemacht habe: Weil ich so vieles mag. Weil ich die Menschen mag. Weil ich die Dinge mag. Doch nicht alles, was ich kann, möchte ich auch wieder tun. NIcht alles, was ich kann, kann ich auch tun. Heißt, ich will nicht alles tun, was ich könnte. Und vor allem will ich mich dem offenen Weg hingeben. Meinem Weg.
Büne Huber, der Kopf der besten (Schweizer) Rockband aller Zeiten, Patent Ochsner, schreibt – ähnlich wie mein Liebster auf seiner Radreise ums Meer – zu bestimmten Zeiten Internettagebuch. Immer dann, wenn die Band neue Platten aufnimmt oder wenn sie auf Tournee ist. In seinem ganz besonderen, witzig-ernsten Stil, der zum Lachen und zum Nachdenken bringt. Gestern habe ich mich endlich wieder auf den neuesten Stand über die Freuden und Dramen der laufenden CD-Produktion gebracht und all die verpassten Texte der letzten Wochen gelesen. Gestaunt habe ich mal wieder. Über seine Gedankengänge, die ich so gut nachvollziehen kann. Da schreibt er beispielsweise, dass er es nicht mag, wenn er am Anfang schon weiß, wohin führt, was er macht.

einen plan schmieden und ihn dann mustergültig umsetzen, das interessiert mich einfach nicht. wenn unterwegs nicht die möglichkeit besteht, dass am schluss alles vollkommen anders ist, als ursprünglich geplant, lähmt mich die arbeit. klar, mit einer solchen haltung kann man kein haus bauen (…) aber ich bin der festen überzeugung, dass man nur mit dieser haltung (…) songs schreiben, bilder malen oder geschichten erzählen kann.

Quelle: Tagebuch/File 122: „Die Glocke und das Wasser“
Schnitt.
Nach dem Gespräch mit dem Beamten geh ich gleich noch schnell bei der Arbeitslosenkasse vorbei. Dort stehen meine Papiere Schlange sozusagen. Sie warten auf Bearbeitung, sagt die Dame am Schalter.
Wa wottsch mache? Abwarten und Tee trinken.
Ende Monat gibt‘s Geld!,
verspricht sie.
Danke, Helvetia!,
verspreche ich.
Aber Schuhe brauche ich jetzt, murmle ich. Denn am vorletzten Samstag, noch auf dem einsamen Gehöft, sind meine geliebten uralten Turnschuhe am und vom Feuer kaputtgegangen. Die Sohle hat sich sozusagen selbständig gemacht. Für mich sind Turnschuhe ein Muss. Leichte bequeme Schuhe für den Alltag brauche ich wie Luft zum Atmen. Und zum Joggen brauche ich sie auch. Jawohl, das will ich auch bald wieder. Lauter solche Gedanken im Hinterkopf.
Auf der zuerst erfolglosen Suche nach einem USB-Verlängerungskabel für den Drucker fand ich mich im Elektrozöixhaus Groß-F., wieder.
Ne, haben wir grad nicht vorrätig, sagt der krawattierte Junge am Schalter und wühlt in den Gehängseln.
Schade, sage ich und denke: Also doch im Internet bestellen. Wie ich schon den Laden wieder verlassen will, kommt er auf einmal mit einem Kabel daher. Ob ich so eins meine. Einmal weibliche, einmal männliche Buchse (welche welche ist, kannst du dir ja denken). Was das kostet, will ich wissen, ausgepackt wie es ist.
Oh, das schenke ich ihnen!, sagt das Bürschlein. Das liegt hier nur rum. Ich bin perplex, packe mein zweitliebstes Lächeln aus und sage Dankeschön. You made my day, denke ich und gehe beschwingt zur Schuhabteilung, denn eben habe ich ungefähr zwanzig Franken gespart. Startkapital für neue Schuhe. Perfekt!
Die nette Verkäuferin schickt mich einen Stock höher, nachdem ich vergeblich bei den Kindersportschuhen rumgefummelt habe. Dort werde ich wie eine Königin behandelt und spaziere bald mit superbequemen Turnschuhen meiner Lieblingsmarke, schwarz mit lila Bändeln, aus dem Laden. Nicht einmal viel gekostet haben die Treter. Und sitzen tun sie wie angegossen.
Einkaufen vor einem Feiertag macht deswegen nicht mehr Spaß. Ist aber nötig, denn der Kühlschrank ist fast leer. Und wo ich schon mal da bin … Die Kassiererin erzählt der Kundin vor mir von den heute extralangen Arbeitszeiten. Bis acht Uhr! Früher hätten sie vor Feiertagen immer früh Feierabend gehabt. Früher!
Vollgepackt wie ein Esel radle ich heimwärts und denke dabei an meinen Geliebten, der mit seinem Rad noch mehr Gewicht verschiebt. Und der jetzt schon von Boulogne-sur-Mer Richtung Calais unterwegs ist. Ich zirkle bei Feierabendverkehr an der vielbefahrenen Hauptstraße entlang, nehme, sobald wie möglich, Schleichwege und lange schließlich nudelfertig zuhause an.
Ach, mein Leben ist grad so verrückt. Alles fügt sich an seinen Platz. Alles passt irgendwie. Ich passe mich langsam in mein neues Leben ein. In mein neues Paar Schuhe sozusagen, das ich mir mit dem Umzug angezogen habe. Ein Paar, das passt und dennoch eingelaufen werden muss. Denn man muss einfach das tun, was man muss. Weil man es so will. Und frau natürlich auch.