Jeden Tag wird mein neues Zuhause ein bisschen wohnlicher. Eben habe ich die bereits leeren Umzugkartons plattgemacht, zusammengeschnürt und auf den Estrich (für meine deutschen LeserInnen: Dachboden) geschleppt. Wie viel ich doch schon ausgepackt habe! Bad und Küche sind fertig. Zum Abschluss habe ich den Boden geputzt, Schweizerin ich. Fühlt sich gut an, ohne schwarze Füße zu bekommen, durch die Wohnung zu gehen.
Am Nachmittag haben Freundin L. (1), die spontan vorbeischaute, und ich meinen Sitzplatz vor dem Haus genossen und meinem armen Arm Ruhe und Sonnenwärme gegönnt. Haben dazu über Göttin, die Welt und die Männer geredet. Über das Leben, die Kunst und die Arbeit auch. Und über das, was uns freut und das, was uns beschäftigt.
Heute vor einer Woche, noch auf dem einsamen Gehöft, in der Runde von Freundinnen und Freunden am Feuer sitzend, spekulierten wir, wo Irgendlink in einer Woche – also heute – wohl sein werde. War da von Sedan, das für mich damals einfach ein Wort war, die Rede – oder meine ich das nur? Genau dort ist er nun und hat nach vier Tagen bereits 289 erradelte Kilometer auf dem Tacho.
Schon bald ist er am Meer. Und schon bald in England. Bald in Schottland … Und ich werde bald wieder Zeit haben, andere Blogs zu lesen. Auch werde ich bald dies und jenes tun. Bald!
Ooops. Das Bald, das Morgen zählt nicht. Jetzt zählt nur das Jetzt. Und jetzt leg ich mich mit Buch ins Bett.
Monat: März 2012
Der dritte Tag
Drei hat was. Immer schon. Eine magische Zahl. Im Märchen müssen Probandinnen drei Prüfungen bestehen. Drei Dinge sind es, die den Menschen ausmachen – Geist, Seele und Körper. Und drei Wünsche sind es, die uns zustehen, wenn wir denn das Glück haben, uns etwas wünschen zu dürfen.
Drei Tage sind es erfahrungsgemäß, bist wir uns auf einen neuen Rhythmus einlassen können. In den Lagern, die ich früher mit leitete, war der dritte Tag der große Heimwehtag der Kinder. Drei Tage steigen wir abwärts ins Neuland. Denn Neuland liegt immer tiefer als altes. Unten angekommen, stoßen wir uns ab und kommen wieder hoch. Bauen neue Treppen ins Jetzt.
Heute ist so ein dritter Tag für mich. Drei Tage seit meinem Abschied von Deutschland, vom einsamen Gehöft, vom lieben Nachbarspaar. Und drei Tage ist es auch seit meinem Abschied von Irgendlink. Fast auf die Stunde genau. Obwohl wir uns täglich mehrmals per Skype austauschen, vermisse ich ihn sehr. Seine physische Abwesenheit ist sehr ungewohnt. Ich weiß zum Glück, dass es gut ist, wie es ist. Trotzdem.
Ja. Trotzdem. Trotzdem fühle ich mich nach diesen überaus intensiven, körperlich wie seelisch anstrengenden Wochen wie durch den Fleischwolf gedreht. Noch immer plagt mich eine rechtsseitige Sehnenscheidenentzündung am Arm und in der Schulter. Kein Wunder, dass sie nicht heilen kann, wenn ich die ganze Zeit Umzugskisten auspacke und am Laptop sitze, um Irgendlinks „Ums Meer“-Blog zu redigieren. Ich fühle mich außerdem halbkrank. Schlapp. Ein bisschen fiebrig. Doch das Chaos in meiner neuen Wohnung lässt mir keine Ruhe. Abschalten geht da nicht. Außer nachts. Schlafen kann ich gut. Zum Glück.
Gleich kommt mein Lieblingsbruder zu Besuch und übernachtet hier. Auf dem Bettsofa. Umgeben von noch nicht ausgepackten Kisten.
Neues ist immer zauberhaft. Neues ist jedoch auch immer kräftezehrend. Ich webe an einem neuen Stück Leben. Verwebe neue geografische Fäden in das bekannte Netz, da ich die Gegend hier ja ziemlich gut kenne. Neues trifft also vertrautes, das sich aber in den Jahren meiner Abwesenheit sehr verändert hat. Und neu sind immer auch die Geräusche eines neuen Ortes. Im Haus. Im Quartier. Im Städtchen. Dazu die Nachbarskatze, die mich umwirbt und Streicheleinheiten einfordert.
Gestern die zweistündige Info-Veranstaltung des regionalen Arbeitsvermittlungsamts. Gute Sache. Viel Respekt wird uns Stellensuchenden entgegengebracht. Sehr wohltuend. Sehr menschlich.
Ihr seid Stellensuchende, nicht Arbeitslose. Arbeit habt ihr ja. Nämlich eine neue Stelle zu finden. Stellenlosigkeit kann alle treffen, also schämt euch nicht. Geht aufrecht durchs Leben und schaut hin, was ihr alles könnt. Packt euren Rucksack aus, betrachtet eure Talente und verliert den Mut nicht!, sagte die resolute, aber sehr herzliche Kursleiterin, die uns nicht nur unsere Pflichten nahelegte, sondern auch unsere Rechte aufzeigte.
Am Abend treffe ich die Nachbarin jenseits des Holzstapels. Der Postbote war froh gewesen, dass er mir ihr Paket hatte überreichen dürfen. Sie war froh, dass wir ihr dadurch der Gang zur Post erspart hatten. Und ich war froh darüber, eine sympathische Nachbarin kennenzulernen.
Der dritte Tag. Ich lasse mich sinken. Müde. Am liebsten würde ich mich ins Bett legen und mir die Decke über den Kopf ziehen.
Aber sonst, ja doch, sonst geht es mir eigentlich ganz gut 🙂
Im Rückspiegel …
Dienstagabend. Kurz vor Mitternacht. Nicht mehr dort, noch nicht wirklich da. Ich sitze im Bett. Meine Insel. Ich schnuppere an Irgendlinks Kissen. Sein Geruch treibt mir ein paar Tränen in die Augen. Es riecht so, wie nur er riecht. Ein Abglanz seines Geruchs.
Ich nuckle am Bier, das er kurz vor dem Abschied ins Auto geschmuggelt hat. Gerüht habe ich ihn dabei ertappt.
Die Fahrt verlief – trotz des bis an den Rand vollgestopften Autos – sehr ruhig, beinahe wie von allein. Zu viele Gedanken tummelten sich in meinem Kopf, um die Reise langweilig zu empfinden. Der Abschied beim Birnbaum. Letzte Worte. Ein paar Tränen. Winken bis um die Ecke.
Unser für viele Wochen letzter gemeinsamer Tag. Der Morgen verging mit Restputzen (ich) respektive Fernsehinterview im entsprechenden Studio (J.) und spätem Frühstück viel zu schnell. Irgendlinks zweites Interview, für SWR4, fand auf dem einsamen Gehöft an der Sonne statt. Eine Idylle, die dem Radiomann ganz offensichtlich gefiel. Am Sonntagvormittag läuft die Sendung.
Schließlich letzte Siesta, weil es einfach schön ist, nebeneinander zu erwachen. Letztes Kochen in der Sommerküche. Letzte Mahlzeit. Henkersmahlzeit.
So lange haben wir beide auf diesen neuen Abschnitt hingearbeitet. Auf Irgendlinks Reise „Ums Meer“ ebenso wie auf meine Rückkehr in die Schweiz – und doch … Genau jetzt würde ich am liebsten alles rückgängig
machen. Mich zurück in J.s Umfeld beamen. Zurück in den gemächlichen KünstlerInnenalltag. Zurück in die Spur. Zurück in die Gewohnheiten dieser Alltage. Kleine heile Welt.
Nein, nicht zurück. Jetzt. Vorwärts. Wissen, dass wir uns richtig entschieden haben. Auch wenn Abschied weh tut, so ist er doch Ausdruck von Liebe und Vertrauen.
Das schönste im Leben ist zu lieben, sagte ich vorhin zu ihm ins Telefon. Ja!
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(geschrieben am 27.3., eben in der neuen Wohnung angekommen, aufs iPhone getippt, doch mangels Internet nicht senden können …)
das eine und das andere
Ohne Technik könntest du das hier nicht lesen. Ohne Technik könnte ich das hier nicht schreiben. Nach einer Stunde surfen, was es in der Schweiz an Alternativen fürs kabellose Surfen gibt, werde ich wohl reumütig in den Laden des allmächtigen Telekomriesen, unter dessen Fittiche ich mich eingekauft habe, gehen müssen und doch dieses Router-Modem-Teil kaufen, dessen Preis mich gestern leer schlucken lassen hatte. Sämtliche Alternativen sind teurer, komplizierter – sprich zeitaufwändiger – und nicht unbedingt besser.
Die Frage ist: Brauche ich kabellos? Fürs iPhonesurfen ist es natürlich super, da in den hiesigen Abos keine Surfflatrates inklusive sind wie in Deutschland. Und skypen würde über iPhone gehen … und überhaupt: Ja, ich brauche kabellos.
Ich sehs schon, jetzt fang ich bereits an Deutschland zu schönen, wo alles viiiiel billiger war 🙂
Diese Tage
Endlich habe ich wieder Internet-Zugang. Umzüge sind nervenaufreibend und meistens klappen solche Dinge nicht auf Anhieb. Wäre ja zu schön gewesen, denn zurzeit bin ich sehr auf die virtuellen Verbindungen angewiesen bin. Zurzeit, denn Irgendlink hat sich heute Mittag auf den Weg gemacht. Ans Meer. Der Prolog seiner großen Reise sozusagen. In einer knappen Woche von Zweibrücken nach Boulogne-sur-Mer. Und von da aus immer weiter ums Meer. Um die Nordsee (mehr: hier klicken).
Endlich wieder Internet. Nach Unterbrüchen technischer Natur und erst über ein ziemlich kurzes, gelbes Kabel, das mich zu unmittelbarer Nähe zum Telefonanschluss zwingt. Besser als nichts. Mein Kopf summt wie ein Korb voll wilder Wespen. Die letzten Tage klingen nach.
Den gestern Abend verfassten Blogartikel, den ich vor dem Schlafen im iPhone notiert, kann ich erst morgen nachliefern, da mein iPhone, neu mit Schweizer SIM-Karte bestückt, noch nicht aktiviert ist. Swisscom hat heute Pannentag. Auch die Schweiz ist nicht perfekt.
In Gedanken lasse ich die letzten Tage Revue passieren. Da war dieses Gespräch am Sonntagabend. Beim Künstlerpaar B. Über die Definition von Lebenswert haben wir philosophiert. Arbeitstauglich müsse einer sein, um sich das tägliche Brot zu verdienen, zitierte die Dame des Hauses einen alten Mann, der körperlich nicht mehr arbeitsfähig war und daher das Essen verweigert hatte. Für die Generation meiner Eltern war Arbeit zumeist eine körperliche, eine handwerkliche Angelegenheit. Mir fehlt der Respekt für diese Sicht der Dinge keineswegs. Aber. Aber Arbeit ist mehr. Arbeit ist auch, hier zu sitzen und diesen Blogartikel zu schreiben. Zumal mir noch immer fast alle Knochen wehtun. Vor allem der rechte Arm. Eine Sehnenscheidenentzündung, die mich mal mehr, mal weniger plagt. Putzen, womit ich die letzten Tage verbracht habe, ist unbestritten Knochenarbeit. Ja. Und wieder: aber. Großes ABER. Denn auch Kunst ist Knochenarbeit.
Reiseblogkunst ist gar schweißtreibende Knochenarbeit. Geistarbeit auch. Und Herzarbeit sowieso.
Arbeit darf Spaß machen.
Arbeit hat ihren Preis. Und ihren Lohn.
Jede Arbeit (auch Kunstarbeit) soll entlohnt, belohnt, bezahlt werden, denn von unserer Arbeit wollen und sollen wir leben können. Doch wer zahlt Kunst?
Die Sache mit dem Geld. Alle brauchen es. Auch Kunstschaffende. Irgendlinks Kunstprojekt ist nicht nur mit einem Lohnausfall von drei Monaten verbunden, sondern ist auch drei Monate unbezahlte Arbeit. Deshalb haben wir uns im Vorfeld erdreistet, zu Spenden aufzurufen. Aber Spendenaufrufe sind so eine Sache. Und die Reaktionen darauf ebenfalls. So und anders.
Du könntest ja für die Reise zuerst viel arbeiten um Geld zu sparen, war eine. Da wagte eine, laut und deutlich auszusprechen, was andere nur dachten.
Für jemanden, der Kunst, für jemanden, der die Liveblog-Kunstreise Irgendlinks und für jemanden, der das Bloggen NICHT als Arbeit betrachtet, mag dieser Ansatz logisch sein.
Die Welt funktioniert so, dass wir Produkte und Leistungen, die existentiell oder sonst wie wichtig sind, kaufen und verkaufen. Kunst aber ist nicht überlebenswichtig im unmittelbar existentiellen Sinn. Etwa so wichtig, wie ein totes Schwein für eine Vegetarierin, um Irgendlinks Pragmatismus zu zitieren. Jedenfalls für jene, denen Kunst nicht wichtig ist.
Der Wert eines künstlerischen Produktes (ob nun an die Wand hängbares Bild oder virtuelles Reiseblog ist dabei nebensächlich) ist eben nicht in Geldwerte zu fassen. Was sie deswegen nicht weniger kostbar macht.
Das Zauberwort heißt Respekt. Ich träume von einer Welt, wo alle das tun können, was sie am liebsten machen und am besten können, um mit ihren Talenten ihr Brot zu verdienen.
Wie würdest du, wie würde ich, leben, wenn wir diese Möglichkeit hätten?
Letzte Male
Für helles Sehen und klaren Durchblick habe ich gestern gesorgt. Und nebenbei gleich noch alle meine Pforten gereinigt. Fenster und Türen als magische Orte, Putzen als magische Handlung – die Welt neu verstehen, die wir zerstückelt haben und nun neu zusammensetzen. Im Tun, im Gehen intensiv erleben, was gerade jetzt ist.
Seltsamerweise habe ich seit Tagen nicht das geringste Bedürfnis, zu fotografieren. Bilder zu bearbeiten schon gar nicht. Weder die noch vollen, noch die leeren Räume habe ich zu Zwecken der Erinnerung und Dokumentation in Bildern festgehalten. Nur in mir drin. Festhalten geht eh nicht. Erinnern schon.
An Freitagabend und Kollege T.s Bar-Eröffnung (DIE Tapas-Bar in Homburg) werde ich mich erinnern, auch ganz ohne Bilder. An die wunderbaren Salatsaucen, die T. und P. gezaubert haben, an den gemütlichen Abend mit Journalist F., an die Freude des frischgebackenen Wirts über die zahlreichen Gäste.
An gestern Abend werde ich mich als erstes Grillfeuer der Saison erinnern und an die tolle Vegi-Pfanne mit gefüllten Pilzen und anderen Leckereien, die Irgendlink komponiert hat, an Künstler P., der am Nachmittag wie ein Geist aus der Flasche plötzlich da war und Irgendlink zur Hand ging, Feuer und Grillgut unter seine Fittiche nahm. An die Freunde und Freundinnen, die nach und nach eintrudelten um mit uns die Wärme und das Knistern des Feuers zu teilen.
An heute Morgen werden ich mich erinnern als an einen goldenen Morgen mit Hühnergegacker und Vogelgezwischer. Das erste Frühstück der Saison in der Sommerküche. Sonne satt!
Ich werde diesen Ort vermissen. Gut zu wissen, dass ich spätestens in ein paar Monaten wiederkommen werde. Voller Erinnerungen werde ich übermorgen abreisen.
Ach, Erinnerungen! Sie verbergen immer ein Stück Traurigkeit unter ihren Röcken. Die Restspuren, Fingerabdrücke des Losgelassenen, bleiben haften. Hinterlassen Eindrücke in der Seele. Unterscheiden uns von Maschinen. Erinnern ist eminent wichtig um zu lernen und Zusammenhänge verstehen zu können. Und erinnern ist wichtig, damit wir wachsen können. Jede Erinnerung schenkt uns einen Baustein für unsere Entwicklung.
An das erste und an das letzte Mal erinnern wir uns immer am besten. Was dazwischen lag, ist ätherisch. So erinnere ich mich besser an die ersten Tage hier als an all jene mittendrin. Und ich werde mich sehr gerne an diese letzten Tage erinnern. Dankbar bin ich und reich beschenkt.
Noch zwei Nächte hier … seltsamer Countdown.
Das Leben – vielleicht einfach ein großes Rad, das sich dreht und dreht und dreht …
Den Kreis schließen
Ich sitze in der alten, beinahe leeren Wohnung am eingebauten Küchentisch. Elf Uhr vormittags. Zeit, mal etwas zu essen. Am besten an der Sonne. Schon viel ist getan. Wäsche gewaschen und gefaltet. Schraub- und Nagellöcher gespachtelt. Und eben drehen meine Vorhänge ihre Runden in der Waschmaschine. Reinigung als wirkungsvolles Loslassritual – noch nie habe ich es so stark erlebt.
Den Winter loslassen zum Beispiel, während die Frühlingssonne kräftig die Zimmer flutet. Und Erlebnisse, die ich hier gemacht habe, Revue passieren lassen. Einordnen. Dankbar integrieren und, ja, auch sie: loslassen.
Putzen tu ich nicht ungern. Putzen fällt mir leicht, weil ich es mag, wenn es sauber ist hinterher. Zu viel Dreck macht mich nervös. Putzen ist sowohl ein grobstofflicher Prozess als auch einer, der in die Tiefe geht, begreife ich mal wieder.
Wie ich mich gestern mit dem Staubsauger durchs Haus arbeitete, sang ich vor mich hin und ließ all jene Energien, die ich mit in diese Räume gebracht habe, frei. Erinnerte mich, wie ich vor einem Jahr alle Zimmer geräuchert und die früheren Energien entlassen hatte, um Platz für meine zu schaffen.
Ich schließe den Kreis. Ein neuer Jahresring manifestiert und schichtet sich. Erzählt ein paar Geschichten eines Lebens. Alltags(ge)schichten.
Und jetzt: Weitergehen. Den neuen Kreis betreten.
Der Große Umzug
Spätabends an Irgendlinks Ofen. Der Tag danach.
War das ein schöner Umzug! Schön? Nein, normalerweise assoziieren wir mit Umzug eher Adjektive wie stressig, anstrengend und so weiter. Schön ist aber möglich. Schön neben anstrengend. Das auch, ja.
Noch auf der Fahrt spürte ich mich im engen Trichter der Zeit verkeilt und langsam, von einer geheimnisvollen Schwerkraft gezogen, dem engsten Punkt näher kommend.
Im Konvoi mit Irgendlink fahren war eine verrückte Erfahrung. Das letzte Mal Konvoi gefahren bin ich vor etwa fünfzehn Jahren, erinnere ich mich unterwegs, denn die Gedanken können abschweifen. Denken übernimmt für einmal J. für uns zwei, da er eh das absolute geografische Gedächtnis hat. Ich schweife also ab zu jener Fahrt im Konvoi. Mit drei anderen Fahrzeugen. Alle voller Freunde jenes schamanischen Kreises, in dem ich damals verkehrte. Deutsche, SpanierInnen, ein ecuadorianischer Schamane, mein damaliger Partner und ich. In Vierstundenschichten lösten wir uns ab, fuhren von Südspanien in ca. vierundzwanzig Stunden nach Frankreich bei Genf. Mein Sekundenschlaf beförderte uns zum Glück nur in den flachen Straßengraben, aber ein Schock war es dennoch, nachts um drei mit einem Auto voller Menschen vom Kurs abzukommen. So sinne ich vor mich hin, während ich Irgendlinks Überholmanövern folge.
Was wohl einfacher ist? Folgen oder führen? Der vorne, bei uns J., muss wissen, wohin er will und wie er dorthin kommt, sinniere ich. Der oder die hintere oder hinteren haben alle Freiheiten von Followern. Entscheidend ist: Folge ich blind oder weil ich vertraue? Es braucht die Herdentierchen, denn nicht alle können und nicht alle wollen führen. Doch auch wer folgt, trägt Verantwortung. Für sich und für das, was er oder sie tut.
Am Rheinfelder Zoll scheiden sich die Geister. MIt der Gepäckliste in der Hand muss ich zuerst links am Schweizer Schalter die Einfuhr deklarieren, dann rechts, am deutschen Schalter, die Ausfuhr abstempeln lassen, um dann wieder am ersten Schalter, die Erlaubnis zur Weiterfahrt entgegen zu nehmen. So weit so gut. Die Völkerverständigung klappt gut. Alle wuseln an ihren Schreibtischen, stempeln dies und jenes ab und stapeln hoch. Ameisenhaufen. Zahnrädiges Getriebe. Ich sage Merci vielmol und wir können weiterfahren. Eine halbe Stunde verbummelt.
Da wir Landstraßen fahren, um die Autobahngebühren zu sparen, kommen wir eine Viertelstunde zu spät bei meiner neuen Wohnung an. Als wäre ein roter Teppich ausgerollt, stehen meine Freundinnen M.(2)*, T.* und U.*, sowie Freund P.* bereit. Ich umarme sie alle und muss fast weinen. Sentimentaler Sack, der ich bin!
T. und P. haben Apfelkuchen dabei und ein Willkommenschild an die Türe geklebt. Auch Freundin M.(1)* kommt kurz, bevor sie weiter muss. Wegen J. ganz besonders – zum Adieu sagen und eine gute Reise wünschen. Wie schön! Auch schön, dass Bruder U. doch kommt und mithilft und schon fährt auch Feundin L.(1)* vor. Jippie! Was J.* und Kollege T.* fast drei Stunden lang feinsäuberlich, akribisch ausgetüftelt und bestimmt sehr mühsam ins Auto geschichtet haben, ist in einer lockeren Stunde oder noch schneller ausgeladen und in die Räume verteilt. Der Gartensitzplatz ist unwiderstehlich, T.s Apfelkuchen erst recht.
Wie schön! Echt wahr. Schön ist, wenn sich Freundinnen und Freunde, die sich nicht oder nur vom Hörensagen kennen, begegnen. Schnell war der Smalltalk vorbei und wir sanken tiefer, entdeckten Verknüpfungen und genoßen das Sein und die Sonne. Wie schön, inmitten von Menschen zu sitzen, mit denen ich schon so viel erlebt habe.
Später, allein, stellen wir nur das essentiell Wichtige auf. Bett und Tisch. Essen Brot und Salz – von Freundin U. mitgebracht. Alle haben sich freiwillig zum Helfen angeboten, sage ich zu J., vielleicht liegt da der Schlüssel zu diesem friedlichen Miteinander.
Heute hat J. alle fragmentierten Möbel defragmentiert und an die neuen Plätze gestellt, während ich in der Küche herumwuselte, einkaufte und mich auf Gemeide und Arbeitsamt anmeldete. Muss ja auch sein.
Mit einem feinen Risotto bei T. und P. gestärkt, fuhren wir heim. Vom einen Trichter, aus dem ich bei der Ankunft in W. weichgepresst herausgepurzelt bin, bin ich auf der Heimfahrt nach Z. in den nächsten gefallen.
Der nächste Countdown. Nächsten Dienstag – so unser Plan – machen wir uns auf die Reisen. Nach Norden und nach Süden.
Was bin ich müde. Und dankbar. Glücklich. Und traurig. Ich hasse Abschiede. Aber ich liebe Neuanfänge.
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* siehe „Who is Who“
Der kleine Umzug
Was ein Tag! So müde war ich schon lange nicht mehr. Erwacht nach knapp fünf Stunden Schlaf. Zu wach um wiedereinzuschlafen, zu müde um aufzustehen.
Unsere letzte Nacht in der Künstlerinnenhöhle. Morgen schlafen wir in der neuen Wohnung – kaum vorstellbar!
Doch heute, hier und jetzt ackern wir zielstrebig vor uns hin. Irgendlink hat sich in den Kopf gesetzt, die – einen Winter lang – vernachläßigte Künstlerbude aufzuhübschen. Er rennt mit Sauger und Schrubber durch die Gegend, während ich bei mir die Küche und das Schlafzimmer in Kisten verpacke.
Fragmemtieren. Ich zerlege mein Leben in fassbare Einzelteile, die sich heben, tragen, verstauen lassen. Bruchstücke. Treibgut meines Lebens.
Als Kollege T. um achtzehn Uhr auftaucht, sind wir noch lange nicht fertig. Irgendlink zerlegt eben meinen Schreibtisch und ich verpacke Tassen und Teller. Mein Kopf raucht und ich hege leicht panische Gefühle, denn der Umzugwagen ist kleiner als gedacht. Wird der Platz für alles reichen?
Trotz Irgendlinks genialer Packtechnik kommen wir schließlich nicht darum herum, seinen Wagen ebenfalls mit Kisten zu beladen. Seins sei größer als meins, sagt er.
So viel habe ich doch gar nicht!, sage ich zu den beiden Männern. Dennoch viel. Relativ viel. All die einzelnen Teilchen, die sich wie Sedimentgestein in meinem Leben abgelagert haben, bereichern mein Leben einfach dadurch, dass sie da sind.
Für andere sind es Kram, Kleinkram, Wertlosigkeiten – für mich kostbar. Der Geschichten wegen, selbst wenn ich sie vergessen habe.
Nun ist die Wohnung leer bis auf den Kühlschrank. Feierabend. Feuerabend. In der Künstlerbude wird es langsam warm – nicht nur direkt vor dem Ofen – und das frisch bezogene Bett ruft.
Nein, das ist definitiv kein literarisch oder philosophisch anspruchsvoller Artikel. Egal. Alltag ist nicht immer anspruchsvoll.
Meine Füße melden, dass der Tag sehr wohl sehr anspruchsvoll war. Mein Rücken nickt zustimmend und summt ein Gutnachtlied.
Pflicht und Kür
Schon seit Stunden sitze ich am Laptop. Erledige, was zu tun ist. Nebenan wartet die Küche auf mich. Küche in Kisten verpacken ist nicht mein Liebstes. Meine Stunden in dieser Wohnung sind gezählt. Am Mittwoch fahren wir mit dem Umzugwagen in die Schweiz.
Ja doch, flüstere ich mir zu, die Zeit wird reichen.
Aber laut sage ich: Die Zeit wird knapp. Viel zu oft.
Die Zeit ist ein Trichter. Ein immer enger werdender Trichter.
Zeit ist immer. Wir setzen uns Grenzen selbst. Durch Termine. Pläne erfüllen sich. Oder auch nicht.
Die letzten Tage in Mainz hallen nach. Ich lese in meinem iPhone-Notizbuch; „Wie präsentiere ich Kunst? Heißt das nicht eigentlich: Wie locke ich Menschen an?
Konkret: Wo stelle ich den Tisch hin? Welches Bild hängt wo? Was zieht?
Menschen kommen und gehen. Die einen spülen ganz von allein in die Koje. Und eben so einfach wieder raus. Andere brauchen ein einladendes Lächeln, um die unsichtbare Schwelle zu überschreiten. Dritte werden von einem ganz bestimmten Bild in die Koje gezogen. Gesogen sozusagen. Wieder andere meinen Photoshop und Konsorten zu erkennen. Sie ziehen Parallelen und wollen erzählen. Dann gibt es Standbesuchende, die grundsätzlich in jede Koje kurz eintreten, um alles gesehen, nichts verpasst zu haben. Und schließlich sind da noch die, die Prospekte und Gratiskarten sammeln – wozu auch immer? Habe ich jemanden vergessen?
Allen gemein ist, dass alle ganz und gar verschieden sind und unterschiedliche Bedürfnisse haben. Während die einen lieber unbeachtet sein wollen, brauchen andere ein Lächeln, einen grüßenden Blick oder ein Wort. Gut hinspüren, Lachen und Lächeln sind Magie pur.“
Gestern Mittag fuhr ich für ein paar Stunden nach Wiesbaden. Im Frauenmuseum war die Buchpräsentation und Ausstellungseröffnung von Cambra Skadés neuem Buch. Die Frage, wie sich ein Buch, dazu ein Blog-Buch, überhaupt ausstellen lässt, wurde auf sehr überraschende Weise beantwortet. Doch da lasse ich wohl besser die Bilder sprechen … (((Die Ausstellung dauert übrigens noch bis Ende Oktober. Hingehen lohnt sich!)))

(((durch Anklicken werden alle Bilder größer …)))
Viele der im Buch abgebildeten Szenenbilder hat Cambra auch gleich mit ausgestellt, was dem Ausstellungsraum Tiefe und Heiterkeit verlieh.


Gleich zu Anfang fand im Erdgeschoss nach einer tiefsinnig-heiteren Laudatio, umrahmt von den Herzgesängen einer begnadeten Musikantin, eine szenische Einführung von Cambra und zwei Freundinnen statt. Sehr stimmungsvoll und sehr stimmig. Alltag-Magie-Schamanismus-Kunst. Alles verbunden. Ohne Punkt und ohne Komma. Alles gehört zusammen.
Das Summen der mehr als hundert Frauen- und wenigen Männerstimmen vor der Veranstaltung wirkte auf mich, die ich von den langen Ausstellungstagen in Mainz schon recht weichgekocht war, angenehm einschläfernd. Geborgenheit. Geborgen in ganz viel Frauenkraft. Mutige Männer, die sich auf diese anarchistische Energie, die in diesen Räumen waberte, eingelassen haben! Kindergeschrei. Marktplatzstimmung. Und immer wieder Stille. Heiterkeit auch. Übermut sehr. Danke, Cambra, ich bin froh, gekommen zu sein.
Kür ist, wenn ich mir nach und neben all den Pflichten, die einfach getan werden müssen, den Raum zum Schreiben schaffe.
Die Tastatur ist die Türe zu meinem Innern, mein Verdauungsapparat sozusagen.
Ich wünsche mir, dass ich in der nächsten Zeit wieder mehr dazu kommen werde …
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Bilder: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).
