Letzte Male

Für helles Sehen und klaren Durchblick habe ich gestern gesorgt. Und nebenbei gleich noch alle meine Pforten gereinigt. Fenster und Türen als magische Orte, Putzen als magische Handlung – die Welt neu verstehen, die wir zerstückelt haben und nun neu zusammensetzen. Im Tun, im Gehen intensiv erleben, was gerade jetzt ist.
Seltsamerweise habe ich seit Tagen nicht das geringste Bedürfnis, zu fotografieren. Bilder zu bearbeiten schon gar nicht. Weder die noch vollen, noch die leeren Räume habe ich zu Zwecken der Erinnerung und Dokumentation in Bildern festgehalten. Nur in mir drin. Festhalten geht eh nicht. Erinnern schon.
An Freitagabend und Kollege T.s Bar-Eröffnung (DIE Tapas-Bar in Homburg) werde ich mich erinnern, auch ganz ohne Bilder. An die wunderbaren Salatsaucen, die T. und P. gezaubert haben, an den gemütlichen Abend mit Journalist F., an die Freude des frischgebackenen Wirts über die zahlreichen Gäste.
An gestern Abend werde ich mich als erstes Grillfeuer der Saison erinnern und an die tolle Vegi-Pfanne mit gefüllten Pilzen und anderen Leckereien, die Irgendlink komponiert hat, an Künstler P., der am Nachmittag wie ein Geist aus der Flasche plötzlich da war und Irgendlink zur Hand ging, Feuer und Grillgut unter seine Fittiche nahm. An die Freunde und Freundinnen, die nach und nach eintrudelten um mit uns die Wärme und das Knistern des Feuers zu teilen.
An heute Morgen werden ich mich erinnern als an einen goldenen Morgen mit Hühnergegacker und Vogelgezwischer. Das erste Frühstück der Saison in der Sommerküche. Sonne satt!
Ich werde diesen Ort vermissen. Gut zu wissen, dass ich spätestens in ein paar Monaten wiederkommen werde. Voller Erinnerungen werde ich übermorgen abreisen.
Ach, Erinnerungen! Sie verbergen immer ein Stück Traurigkeit unter ihren Röcken. Die Restspuren, Fingerabdrücke des Losgelassenen, bleiben haften. Hinterlassen Eindrücke in der Seele. Unterscheiden uns von Maschinen. Erinnern ist eminent wichtig um zu lernen und Zusammenhänge verstehen zu können. Und erinnern ist wichtig, damit wir wachsen können. Jede Erinnerung schenkt uns einen Baustein für unsere Entwicklung.
An das erste und an das letzte Mal erinnern wir uns immer am besten. Was dazwischen lag, ist ätherisch. So erinnere ich mich besser an die ersten Tage hier als an all jene mittendrin. Und ich werde mich sehr gerne an diese letzten Tage erinnern. Dankbar bin ich und reich beschenkt.
Noch zwei Nächte hier … seltsamer Countdown.
Das Leben – vielleicht einfach ein großes Rad, das sich dreht und dreht und dreht …