Während ich mich heute Nachmittag vor dem Bürgeramt – von Bürgerinnen mal wieder keine Spur! – auf eine lange Wartezeit einstellend, auf einem Stuhl niederlasse, sondiere ich die Lage. Bei vier von sieben Büros hängt die Tafel „geöffnet“, bei den anderen steht „geschlossen“. Könnte also bei zehn wartenden Menschen ungefähr eine Viertelstunde bis eine halbe Stunde dauern, rechne ich aus. Aber wie weiß ich, wann ich an der Reihe bin, wenn ich mir die Leute nicht anschaue? Ich muss mir alle Gesichter merken, damit ich nicht überholt werde, überlege ich, und komme mir dabei lächerlich und kindisch vor.
Da kommen zwei Damen von links. Sie trippeln ungeduldig vor eben jener Türe auf und an, vor der ich mich hingesetzt habe. Meine Tür sozusagen. Ich habe eben noch gesehen, wie zwei Menschen dahinter verschwunden sind, ehe ich mich hingesetzt habe. Nun sehe ich drei Fußpaare hinter der Glasfront. Der Rest der Wand ist weiß-gräulich, undurchsichtig, so dass ich nur die Silhouetten sehe.
Wie läuft das hier? Kommen als nächstes die am längsten Wartenden dran oder die vor dieser Türe Schlange stehenden? Keine Ahnung, denn so weit eingeweiht in die deutschen Gepflogenheiten bin ich nun doch noch nicht. Ich stelle fest, dass die beiden neuen Damen nur zufällig zusammen gekommen. Sie kommunizieren nämlich nicht miteinander. Halt, stimmt nicht! Sie kommunizieren nonverbal: Ich war zuerst da!, sagt die Blonde. Nein ich!, sagt die Braunhaarige. Eben will ich mein Talent Körpersprache lesen zu können verfluchen, als auch schon die Türe aufgeht. Ich stehe auf. Vergesse, dass andere schon länger warten – allerdings vor einer anderen Türe. Von uns dreien vor dieser Türe bin definitiv ich die Nächste. Während die Schritte der beiden Menschen, die vor mir im Büro waren, allmählich im langen Flur verhallen, stellt sich die Beamtin in die Türe und blickt in die Runde der Wartenden.
Wieso gehen Sie denn nicht in eines der anderen Büros. Es sind ja noch drei weitere geöffnet!, sagt sie lachend. Ich runzle erstaunt die Stirne, sage aber nichts, denn die eine der Frauen, die nach mir gekommen sind, spricht eben die Beamtin an.
Sind Sie schon an der Reihe?, fragt sie die blondierte Frau und wirft dabei einen Blick auf mich, denn sie scheint ebenfalls des Körpersprachelesens kundig zu sein.
Die Blonde schüttelt beschämt den Kopf und zuckt mit den Schultern. Derweil schlüpfe ich ins Büro. Ich melde mich in Deutschland ab. Zwei Minuten später bin ich wieder draußen, Weltenbürgerin ich, mit Heimweh im Rucksack.
Ich wünsche Ihnen alles Gute auf ihrem weiteren Weg!, hat sie gesagt, die Frau vom Amt. Und ich schlicht: Danke gleichfalls.
Warum zum Teufel glauben wir der Schlange immer?, frage ich mich auf dem Weg zum Auto.