Der dritte Tag

Drei hat was. Immer schon. Eine magische Zahl. Im Märchen müssen Probandinnen drei Prüfungen bestehen. Drei Dinge sind es, die den Menschen ausmachen – Geist, Seele und Körper. Und drei Wünsche sind es, die uns zustehen, wenn wir denn das Glück haben, uns etwas wünschen zu dürfen.
Drei Tage sind es erfahrungsgemäß, bist wir uns auf einen neuen Rhythmus einlassen können. In den Lagern, die ich früher mit leitete, war der dritte Tag der große Heimwehtag der Kinder. Drei Tage steigen wir abwärts ins Neuland. Denn Neuland liegt immer tiefer als altes. Unten angekommen, stoßen wir uns ab und kommen wieder hoch. Bauen neue Treppen ins Jetzt.
Heute ist so ein dritter Tag für mich. Drei Tage seit meinem Abschied von Deutschland, vom einsamen Gehöft, vom lieben Nachbarspaar. Und drei Tage ist es auch seit meinem Abschied von Irgendlink. Fast auf die Stunde genau. Obwohl wir uns täglich mehrmals per Skype austauschen, vermisse ich ihn sehr. Seine physische Abwesenheit ist sehr ungewohnt. Ich weiß zum Glück, dass es gut ist, wie es ist. Trotzdem.
Ja. Trotzdem. Trotzdem fühle ich mich nach diesen überaus intensiven, körperlich wie seelisch anstrengenden Wochen wie durch den Fleischwolf gedreht. Noch immer plagt mich eine rechtsseitige Sehnenscheidenentzündung am Arm und in der Schulter. Kein Wunder, dass sie nicht heilen kann, wenn ich die ganze Zeit Umzugskisten auspacke und am Laptop sitze, um Irgendlinks „Ums Meer“-Blog zu redigieren. Ich fühle mich außerdem halbkrank. Schlapp. Ein bisschen fiebrig. Doch das Chaos in meiner neuen Wohnung lässt mir keine Ruhe. Abschalten geht da nicht. Außer nachts. Schlafen kann ich gut. Zum Glück.
Gleich kommt mein Lieblingsbruder zu Besuch und übernachtet hier. Auf dem Bettsofa. Umgeben von noch nicht ausgepackten Kisten.
Neues ist immer zauberhaft. Neues ist jedoch auch immer kräftezehrend. Ich webe an einem neuen Stück Leben. Verwebe neue geografische Fäden in das bekannte Netz, da ich die Gegend hier ja ziemlich gut kenne. Neues trifft also vertrautes, das sich aber in den Jahren meiner Abwesenheit sehr verändert hat. Und neu sind immer auch die Geräusche eines neuen Ortes. Im Haus. Im Quartier. Im Städtchen. Dazu die Nachbarskatze, die mich umwirbt und Streicheleinheiten einfordert.
Gestern die zweistündige Info-Veranstaltung des regionalen Arbeitsvermittlungsamts. Gute Sache. Viel Respekt wird uns Stellensuchenden entgegengebracht. Sehr wohltuend. Sehr menschlich.
Ihr seid Stellensuchende, nicht Arbeitslose. Arbeit habt ihr ja. Nämlich eine neue Stelle zu finden. Stellenlosigkeit kann alle treffen, also schämt euch nicht. Geht aufrecht durchs Leben und schaut hin, was ihr alles könnt. Packt euren Rucksack aus, betrachtet eure Talente und verliert den Mut nicht!, sagte die resolute, aber sehr herzliche Kursleiterin, die uns nicht nur unsere Pflichten nahelegte, sondern auch unsere Rechte aufzeigte.
Am Abend treffe ich die Nachbarin jenseits des Holzstapels. Der Postbote war froh gewesen, dass er mir ihr Paket hatte überreichen dürfen. Sie war froh, dass wir ihr dadurch der Gang zur Post erspart hatten. Und ich war froh darüber, eine sympathische Nachbarin kennenzulernen.
Der dritte Tag. Ich lasse mich sinken. Müde. Am liebsten würde ich mich ins Bett legen und mir die Decke über den Kopf ziehen.
Aber sonst, ja doch, sonst geht es mir eigentlich ganz gut 🙂