Bei meinem heutigen Netz- und Blogspaziergang habe ich, wie oft, auch bei Luisa vorbeigeschaut. Heute hat sie von Zeitschriften, die sie mag erzählt, interessiert an rarer intelligenter Lektüre. Unter anderem erwähnte sie die beiden Frauenzeitschriften Fräulein und Missy. Was für abstoßende Namen, dachte ich, doch da muss Qualität dahinter stecken, anders würde Luisa diese Magazine nicht erwähnen. Ein paar Google-Minuten später wusste ich mehr. Kontraste zu Frauenhochglanz-Zeitschriften sollen gesetzt werden, und andere Themen behandelt als immer nur Diät, Männer, Kosmetik und Mode. Auch Gefühle und Befindlichkeiten sollen Platz haben. So ungefähr stand es in der Eigenwerbung von Fräulein. Woanders las ich über diese noch recht neue Zeitschrift, dass die Oma des Herausgebers, damals eben noch Fräulein genannt, sich – in ihrer Tätigkeit als Tennisspielerin – erdreistet hatte, ihren beim Sport hinderlichen langen Rock auf Kurzhosenlänge abzuschneiden. Damals ein mutiger Akt, ohne Zweifel. Heute? Würden wir damit knapp ein müdes Gähnen ernten. Hut ab vor diesem mutigen Fräulein, also.
Eine Zeitschrift ohne Mode, Männer, Kosmetik und Diät? Klingt gut, da es hier offenbar um mehr als Schein und Fassade geht. Und ich frage mich mal wieder, warum wir Frauen uns von diesem vermeintlich männlichen Blick überhaupt diktieren lassen, wie wir zu sein und auszusehen haben. Wenn ich allerdings Männer auf ihre Schönheitsideale anspreche oder einfach nur dabei zuhöre, wie sie die Welt und die Frauen sehen, erstaunt es mich, dass dieser von uns Frauen geglaubte Blickwinkel nicht wirklich zutrifft. Eher leider so: Wir Frauen zensurieren uns in erster Linie selbst und lassen es auch gleich noch von anderen Frauen mit uns machen. Wir Frauen bekritteln uns Frauen gegenseitig mehr noch als es Männer tun. Anders auf jeden Fall. Wir Frauen wetteifern gegenseitig: bin ich dicker, bin ich dünner, bin ich netter, bin ich dümmer? Bin ich schön?, wie Doris Dörrie einen Film lang fragte. Werde ich geliebt?, auf Emotionen übersetzt.
Wer hat den ersten Dominostein angestoßen? Und warum purzeln wir alle mit? Wer macht die Mode (und wer bekommt das ganze Geld)? Und wer sagt, was geht und was nicht? Wer definiert all diese Must-Haves und No-Gos der Gesellschaft? Zwei Wörter übrigens, die mehr Macht über uns haben als der alte Bundeskanzler.
In Frankreich läuft, so las ich im Internet irgendwo, aktuell eine politische Aktion gegen gepimpte Modefotos. Fotos sollen nicht mehr bearbeitet werden dürfen, ohne dass dies auch deklariert wird. Der Grund: Perfekte Models lösen Magersucht und Minderwertigkeitskomplexe aus. Oder fördern sie zumindest. Sagen die BefürworterInnen der Aktion. Zwar sind die Models auch nur dank Photoshop und Konsorten perfekt, doch daran denken die wenigsten. In Australien, so las ich, gibt es eine Zeitschrift, die keine Bildbearbeitungen bei Models mehr vornimmt. Die Zeitschrift Brigitte verzichtet neu sogar gänzlich auf Profi-Models und setzt neu auf ganz normale, schöne Frauen.
Natürlich geht es längt um mehr als Mode. Und um mehr als Aussehen und Verhalten. Manipulation ist das Wort der Stunde. Subtil jene dünne, wie Säure ätzende und alles durchdringende Schicht unter den Hochglanzwerbeplakaten. Zeigt den Menschen ihre Mängel auf! Lasst sie merken, wie unzulänglich sie sind! Lasst die Menschen sich in ihren Minderwertigkeitsgefühlen schmoren, ja, kocht sie weich, so werden sie formbar. Formbar, weil unzufrieden. So werden sie konsumieren.
Da war dieses Telefongespräch gestern, mit Freundin C.(2), Mutter von zwei Kleinkindern. Ihr Erziehungsstil unterscheidet sich sehr vom Mainstream, ist aber weder Waldorf, noch Montessori, noch Wild. Vielleicht in der Essenz ähnlich, doch letztlich ist ihre Praxis einfach ihr Stil, initiiert aus Beobachtungen, gewachsen im täglichen Umgang mit den Kids und in der stetigen Reflektion ihres Verhaltens. Sie setzt auf ihr Bauchgefühl und lässt ihren Küken viel Raum für deren individuelle Entwicklung. Sie behandelt die beiden dem Alter gerecht und manipulationsfrei.
Werden meine Kinder eines Tages Außenseiter sein, wenn ich sie weiterhin in ihrem Sich-selbst-sein-dürfen so umfassend es geht, unterstütze und stärke?, fragte sie mich. Werden sie sich später fremd fühlen in der Gesellschaft? Aber ich kann sie doch nicht einfach verbiegen, nur um sie in die aktuelle Form zu bringen.
Deine Kinder erhalten eine wunderbare, liebevolle Basis zu Eigenständigkeit, die ihnen helfen wird, im Leben auf ihre eigene Intuition zu hören und sich nicht im Mainstream zu verlieren!, sage ich. Weil ich das glaube. Aber klar, dafür gibt es natürlich nie Garantien. Außerdem machen wir alle Fehler.
Doch wenn ein Kind bist, das von Anfang an das Gefühl vermitteln bekommen hat, dass es so wie es ist, gut und wertvoll ist, wirst du der Versuchung, dich von den WeichkocherInnen dieser Welt in die Pfanne hauen zu lassen, kleiner, als wenn du ein Kind bist, das, aus was für Gründen auch immer, über wenig Selbstvertrauen verfügt.
Stell dir vor, sagte ich beim Frühstück, stell dir vor, alle Menschen würden alle anderen Menschen so akzeptieren und respektieren, wie sie sind (ja, Utopia! Davon träume ich, seit ich denken kann). Stell dir das mal vor! Und jetzt stell dir vor, wie wir alle herumlaufen würden. Niemand würde sich darum kümmern, ob das, was wir tragen schick oder unmodern ist. Nein, alle würden sich so kleiden, wie sie wollen. So, wie sie sich wohlfühlen. So eben, wie es ihnen gefällt. Wie bunt die Welt dann wäre! Stell dir mal alle diese kreativen Frisuren vor und alle diese Geschichten. Und alle diese glücklichen Menschen.
Nur schon der Gedanke daran macht mich glücklich, doch – ehrlich – auch mir fehlt der Mut zu solcher Kompromisslosigkeit. (Notiz an mich: Da ist wohl noch zu viel Scham?).
Ich träume dennoch weiter. Und ja, ich träume gerne, denn alles fängt immer mit einem Traum an.