Spätabends an Irgendlinks Ofen. Der Tag danach.
War das ein schöner Umzug! Schön? Nein, normalerweise assoziieren wir mit Umzug eher Adjektive wie stressig, anstrengend und so weiter. Schön ist aber möglich. Schön neben anstrengend. Das auch, ja.
Noch auf der Fahrt spürte ich mich im engen Trichter der Zeit verkeilt und langsam, von einer geheimnisvollen Schwerkraft gezogen, dem engsten Punkt näher kommend.
Im Konvoi mit Irgendlink fahren war eine verrückte Erfahrung. Das letzte Mal Konvoi gefahren bin ich vor etwa fünfzehn Jahren, erinnere ich mich unterwegs, denn die Gedanken können abschweifen. Denken übernimmt für einmal J. für uns zwei, da er eh das absolute geografische Gedächtnis hat. Ich schweife also ab zu jener Fahrt im Konvoi. Mit drei anderen Fahrzeugen. Alle voller Freunde jenes schamanischen Kreises, in dem ich damals verkehrte. Deutsche, SpanierInnen, ein ecuadorianischer Schamane, mein damaliger Partner und ich. In Vierstundenschichten lösten wir uns ab, fuhren von Südspanien in ca. vierundzwanzig Stunden nach Frankreich bei Genf. Mein Sekundenschlaf beförderte uns zum Glück nur in den flachen Straßengraben, aber ein Schock war es dennoch, nachts um drei mit einem Auto voller Menschen vom Kurs abzukommen. So sinne ich vor mich hin, während ich Irgendlinks Überholmanövern folge.
Was wohl einfacher ist? Folgen oder führen? Der vorne, bei uns J., muss wissen, wohin er will und wie er dorthin kommt, sinniere ich. Der oder die hintere oder hinteren haben alle Freiheiten von Followern. Entscheidend ist: Folge ich blind oder weil ich vertraue? Es braucht die Herdentierchen, denn nicht alle können und nicht alle wollen führen. Doch auch wer folgt, trägt Verantwortung. Für sich und für das, was er oder sie tut.
Am Rheinfelder Zoll scheiden sich die Geister. MIt der Gepäckliste in der Hand muss ich zuerst links am Schweizer Schalter die Einfuhr deklarieren, dann rechts, am deutschen Schalter, die Ausfuhr abstempeln lassen, um dann wieder am ersten Schalter, die Erlaubnis zur Weiterfahrt entgegen zu nehmen. So weit so gut. Die Völkerverständigung klappt gut. Alle wuseln an ihren Schreibtischen, stempeln dies und jenes ab und stapeln hoch. Ameisenhaufen. Zahnrädiges Getriebe. Ich sage Merci vielmol und wir können weiterfahren. Eine halbe Stunde verbummelt.
Da wir Landstraßen fahren, um die Autobahngebühren zu sparen, kommen wir eine Viertelstunde zu spät bei meiner neuen Wohnung an. Als wäre ein roter Teppich ausgerollt, stehen meine Freundinnen M.(2)*, T.* und U.*, sowie Freund P.* bereit. Ich umarme sie alle und muss fast weinen. Sentimentaler Sack, der ich bin!
T. und P. haben Apfelkuchen dabei und ein Willkommenschild an die Türe geklebt. Auch Freundin M.(1)* kommt kurz, bevor sie weiter muss. Wegen J. ganz besonders – zum Adieu sagen und eine gute Reise wünschen. Wie schön! Auch schön, dass Bruder U. doch kommt und mithilft und schon fährt auch Feundin L.(1)* vor. Jippie! Was J.* und Kollege T.* fast drei Stunden lang feinsäuberlich, akribisch ausgetüftelt und bestimmt sehr mühsam ins Auto geschichtet haben, ist in einer lockeren Stunde oder noch schneller ausgeladen und in die Räume verteilt. Der Gartensitzplatz ist unwiderstehlich, T.s Apfelkuchen erst recht.
Wie schön! Echt wahr. Schön ist, wenn sich Freundinnen und Freunde, die sich nicht oder nur vom Hörensagen kennen, begegnen. Schnell war der Smalltalk vorbei und wir sanken tiefer, entdeckten Verknüpfungen und genoßen das Sein und die Sonne. Wie schön, inmitten von Menschen zu sitzen, mit denen ich schon so viel erlebt habe.
Später, allein, stellen wir nur das essentiell Wichtige auf. Bett und Tisch. Essen Brot und Salz – von Freundin U. mitgebracht. Alle haben sich freiwillig zum Helfen angeboten, sage ich zu J., vielleicht liegt da der Schlüssel zu diesem friedlichen Miteinander.
Heute hat J. alle fragmentierten Möbel defragmentiert und an die neuen Plätze gestellt, während ich in der Küche herumwuselte, einkaufte und mich auf Gemeide und Arbeitsamt anmeldete. Muss ja auch sein.
Mit einem feinen Risotto bei T. und P. gestärkt, fuhren wir heim. Vom einen Trichter, aus dem ich bei der Ankunft in W. weichgepresst herausgepurzelt bin, bin ich auf der Heimfahrt nach Z. in den nächsten gefallen.
Der nächste Countdown. Nächsten Dienstag – so unser Plan – machen wir uns auf die Reisen. Nach Norden und nach Süden.
Was bin ich müde. Und dankbar. Glücklich. Und traurig. Ich hasse Abschiede. Aber ich liebe Neuanfänge.
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* siehe „Who is Who“