Von Ausnahmezuständen, Sorgen und so Sachen

Da war ich gestern vier Stunden in der Stadt. Beim Arbeitsamt und einkaufen. Vier Stunden ohne einen einzigen Blick auf die Displays meiner zwei Handys. Vier Stunden ohne Nachrichten vom Meer. Da drüben ist alles in Ordnung, ermutigte ich mich ständig.
Vier Stunden ohne Lebenszeichen von ihm. Und das war umgekehrt auch mein Liebster. Später gestand er mir, dass er sich gesorgt habe.
Um mich?, frage ich, um mich, die ich hier in Sicherheit bin?
Bist du das?, frage er. Warten denn nicht überall Gefahren?
Nein, wirklich in Gefahr habe er sich noch nie gefühlt, meint Irgendlink gleich darauf.
Ich auch nicht, sage ich. Aber. Ja, natürlich. Überall lauert Unvorhergesehenens. Und ja, ich mache mir Sorgen.
Vor zehn Tagen sind unsere vertrauten Gewohnheiten geknackt worden. Alltagsvertrautheit – plötzlich weg. Gemeinsames Aufstehen, ständiger Austausch in Worten oder einfach durch die bloße Anwesenheit – alles weg. Auf bestimmte Zeit zwar nur, aber doch: einfach weg. Nun, temporär, nur über das weltweite Netz und die Telefonleitung verbunden. Und gedankenlesend natürlich. 🙂
Auf einmal ist alles anders. Ich finde mich langsam in meinem neuen Rhythmus ein. Einen, den ich noch nicht so genau kenne. Ähnlich dem alten ist er schon, doch anders. Ein bisschen ist er eine Wiederaufnahme des alten Lebensgefühls von Bern. Vor einem Jahr und davor. Wiederaufnahme? Hm, ist es nicht das, was ich ständig in vielerlei Farben tue? Weil neues so anstrengend ist. Langsam weicht das Fremde auf und wird mit bekannten Farben gemischt. Neue Hausgeräusche werden vertraut. B.s Fernseher oder Bass zum Beispiel.
Diese Verrücktheit meines aktuellen Alltags – die Ver-rücktheit, die Verschobenheit, das Aus-dem-alten-Rhythmus-gefallen-sein – braucht viel Energie. Ausnahmezustände ertrage ich, aber bitte nicht allzu lange. Zu anstrengend sind sie, wie gesagt. Irgendwann, selbst in Ausnahmezuständen drin, muss ich mir eine Struktur schaffen. Eine Routine. Rituale des Alltags. Damit in diesen von mir geschaffenen Gefäßen drin stets das Neue Platz findet und wachsen kann.
Ich gebe den Dingen, die in meinen Umzugskartons liegen, ihren Platz. Das Handtuch muss dort hängen, irgendwie logisch, und der Toaster hier stehen. Details, die aus dem Bauch heraus entschieden werden, meiner inneren Logik gehorchend. Ähnliches geschieht in meinen Innenräumen. Ich horche auf mich. Ich gehorche mir. Ja. Oder wohl eher nein, noch nicht ganz. Doch bin ich dahin unterwegs. Darum habe ich mich heute für eine Probelektion Yoga – hier im Ort – angemeldet.
Schritte gehen. Diese Mischung von Struktur und Freiraum ausbalancieren. Wie Seiltanzen.

krass, diese Sache mit Grass

Ich lese endlich wieder, mit einigem Nachholbedarf, Zeitung. Heute kam mir sogar die vor drei Wochen in Mainz erhaltene Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung in die Hände, die zwischenzeitlich zu Packmaterial mutiert war.
Nach umzugsbedingten medienarmen Wochen erschlagen mich dieser Tage gewisse Informationen geradezu und ich weiß nun auch wieder, wieso ich oft Zeitung und Medien meide. Weil sie mich unendlich hilflos zurücklassen. Schreiben hilft.
Auch andere schreiben sich ihre Empörung vom Herzen. Gestern schon hat Sherry über Günter Grass und dessen mutiges Gedicht zum aktuellen Iran-Irak-Konflikt berichtet. Sein Gedicht, dort zitiert, wäre ja eins. Das andere ist die Reaktion der Medien. Grass wird nun unter anderem Antisemitismus vorgeworfen. Und mir vielleicht auch, wenn ich hier laut denke:
Darf eine ehemalige Opfer-Nation, die natürlich und zu Recht viel Respekt verdient, darf diese Nation heute einfach alles tun, was sie will – nur weil sie einst Opfer war? Ich finde nein.
Und was ist eigentlich mit der Meinungsfreiheit?
Lest dazu weiter auf „Liberté“:

Grass‘ “irres Hassgedicht”: Warum laufen deutsche Medien Amok?
Grass hat ein Gedicht gegen den Krieg geschrieben, gegen Israels drohenden Erstschlag, gegen den Maulhelden Ahmadinejad, gegen seinen Populismus und gegen das deutsche Schweigen – gegen das immerwährende, deutsche Schweigen. Stellen Sie sich nur eine Sekunde lang vor, dieses Gedicht sei nicht an Israel adressiert gewesen, sondern an die Islamische Republik Iran. Wie hätten die Medien reagiert? Wie viele kritische Artikel wären gegen dieses Gedicht entstanden, wie viele Sendungen aufgezeichnet, wo doch Israel eine Bedrohung für das Land Iran darstellte, folgt man den Drohgebärden? Wenn Sie ehrlich sind: Gar keine, denn die IRI wird schon seit zehn Jahren zur Achse des Bösen gezählt und zur globaler Gefahr heraufstilisiert, obwohl sie die größte Gefahr einzig und allein für das eigene Volk darstellt. Und noch immer warten wir auf die große „Bombe“ die platzen wird.
Doch stellen Sie sich vor, dieses Mahngedicht gegen die Islamische Republik Iran wäre doch von vergleichbarem Interesse gewesen. Die Reaktion, die daraufhin von den Medien erfolgt wäre, wäre ein simultaner Applaus aus allen Ecken. Herr Grass hätte vermutlich einen weiteren Nobelpreis bekommen, der Stil und die Eleganz seiner Sprache wären hochgelobt worden {auch, wenn sie einfacher nicht hätte sein können}, man hätte ihm stolz auf die Schulter geklopft und ihm mitgeteilt, dass man gar nicht gedacht hätte, dass der Gute in seinen späten Jahren noch so einen messerscharfen politischen Durchblick habe. Ist dieses Szenario für Sie vorstellbar? Sicherlich. (weiter …)

Quelle: Liberté-Blog, by Sherry Iranique