Eines Tages

Ich esse Vollkornbrot vom Großverteiler, aus, so vermute ich, monokulturell angebautem Getreide. Schmeckt gut. Das Ei, das ich mir dazu gebraten habe, sei Bio, steht auf dem Karton. Ob das Huhn, das es gelegt hat, glücklich ist? Ob es ahnt, wie ein Hühnerhof aussieht? Tiergerechte Haltung – was wissen wir schon?
Mmh, köstliches Zitronenjoghurt. Auch Bio. Ich stelle mir glückliche Kühe auf grünen und blumenbunten Magerwiesen vor, mit Margeriten und Hahnenfuß, mit Weiß- und mit Rotklee. Und mehr als nur zwei Grassorten. Glückliche Kühe. Food Facts. Auf den Becher gedruckt. Aufs Gramm genau kann ich schauen, was ich esse. Wie viel Eiweiß die Kuh aus Gras und Blumen generiert hat.
Meine Gedanken schweifen ab.
Gestern schrieb ich in einer Mail an S., dass ich mich zurzeit sehr ausgeschrieben fühle, ausgeleert und ausgewrungen. Und nichts mehr zu sagen habe, sozusagen. Alles gesagt. Und dass ich darum das Bloggen sein lassen werde. Eigentlich stimmt das nicht ganz. Es ist nur ein Teilaspekt, denn das Schreiben und das Denken kann und will ich nicht lassen.
Hier geht es um Energie. Meine Energie, die ich zurzeit als sehr begrenzt erlebe. Der Austausch mit meinen Leserinnen und Lesern ist mir zwar wichtig, doch ich stelle oft fest, dass mich das Antworten nicht befriedigt. Dass mir, um mich zufriedenzustellen, mehr Energie zur Verfügung stehen müsste. Kurze Antworten werden den Kommentaren nicht gerecht und sind auch immer mal wieder missverständlich und lange Antworten sind oft so persönlich,  dass sie im Blog nicht am wirklich passenden Ort sind. Zu öffentlich. Darum habe ich mich nun durchgerungen, die Kommentarfunktion zu deaktivieren. Obwohl ich den Austausch mit euch liebe. Obwohl ich die Kommentare schätze. Obwohl. Ja.
Mit einem Augenzwinkern gesagt, befreit mich und dich das davon, um jeden Preis etwas Schlaues zu meinen Artikeln und den Kommentaren sagen zu müssen. Wer will, darf natürlich gerne per Mail mit mir Kontakt aufnehmen. Die Adresse findet sich auf der Kontaktseite oben. Oder ihr habt sie schon.
Da sitze ich also und esse Vollkornbrot, Bioeier, Biojoghurt und denke über das Bloggen nach. Aber ich denke auch an den Drachenläufer. Gestern geguckt. Eine wunderbar von Marc Forster umgesetzte Geschichte nach dem gleichnamigen Roman.
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Wegen eines ethnischen Makels – ja, unsere Herkunft stempelt uns fürs Leben! – geht eine Bubenfreundschaft unwiederbringlich kaputt. Und vor allem wegen Feigheit, fehlendem Mut. Auch beim Geschichtenerzähler, dem Buch von Mario Vargas Llosa, das ich gerade lese, geht es um Ethnien. Um Akkulturierung. Um den Verlust der Wurzeln und um Kolonialisierung, Verwestlichung, Domestizierung, Anpassung und Unterdrückung. Wenn ich es mir so recht überlege, ist das Dschungelbuch – die uralte Filmversion aus den Vierzigern (!), die ich neulich geguckt habe – eigentlich ein Film voller Übergriffe und Falschinterpretationen uns unbekannter Kulturen und Lebensweisen. In Bezug auf das „exotische“ (indische) Volk ebenso wie auf die den Urwaldtieren angedichtete Charaktere. (Das Buch habe ich – ja wirklich! – nie gelesen. Andere Verfilmungen kenne ich nicht. Ich mache hier nur eine Aussage über diesen einen Film).
Fazit: Wir domestizieren. Wir beherrschen. Wir unterdrücken. Wir manipulieren. (Falls du nicht und nie auch nur ein bisschen, dann Glückwunsch. Lies einfach weiter – oder lass es bleiben.)
Aber wir passen uns auch an. Wir lassen uns die Flügel stutzen. Wir hören uns an, wie wir zu sein hätten. Wir lassen uns vorschreiben, was richtig ist. Zutiefst menschliches Verhalten in wohl fast allen gewesenen und lebenden Kulturen der Welt, wie ich vermute.
Betrachte ich das Blatt Papier vor mir (dass ich von Hand mit den obigen Sätzen beschrieben habe, während ich frühstücke), betrachte ich meine Schrift, betrachte ich die aufgedruckten feinen horizontalen und vertikalen Linien meines Schreibblocks, stelle ich fest: Meine Lehrpersonen waren erfolglos damit, mir meine wilde Schrift ab- und mir dafür eine andere gesellschaftskompatible, lesbare, nichtmeine Schrift anzugewöhnen. Nicht, dass ich nicht auch (relativ) lesbar schreiben könnte. Wenn ich muss und wenn ich will. Aber wenn nicht, dann nicht. Selten treffe ich Zeilen oder Linien. Die a, die e, die z, die s, die g, die undsoweiter sehen bei mir nie gleich aus. Jede Graphologin würde sich die Haare raufen. Mein Vorteil: Ich kann die meisten Handschriften auf Anhieb lesen. Aber ich schweife ab.
Wie wären wir wirklich? Wie wäre ich wirklich? Wenn? Wenn ich nicht? Wenn was? Ohne die Zivilisation? Ja, wie wäre ich – heute und hier – ohne unsere jahrtausendelange Wegführung von der Verbundenheit, die der Mensch eins zur Natur hatte. Zu den Tieren. Zu Pflanzen und Elementen. (Natürlich sind all diese Fragen müßig, aber ich denke sie trotzdem. Und gerne.)
Diese tiefe Sehnsucht nach Wildheit und Eingebundensein in die ursprünglichen Zusammenhänge hatte ich schon immer. Spontane Naturrituale machte ich schon als Kind. Beim Toter-Vogel-bestatten ebenso wie Beim durch-den-Wald-streifen. Und beim Steinesammeln ebenfalls. Meine Intuition erscheint mir heute, als Erwachsene, zuweilen wie ein Relikt aus uralten Zeiten, die mich in dieser überzivilisierten Welt – wie eine Kompassnadel, die von zu vielen Geräten irregeführt wird und wild im Kreis tanzt – oft in die falsche Richtung weist. Richtig schon, aber nicht umsetzbar, denn würde ich ihr immer gehorchen, könnte ich schon bald nicht mehr in dieser Gesellschaft leben. Zum Beispiel empfiehlt mir meine Intuition in einer Stresssituation Rückzug und Ruhe, doch die Umsetzung ist meist nur schwer möglich. Oder falls ich es tue, manövriere ich mich ins Abseits.
Back to topic. Born to be wild? Thrill um jeden Preis. Highheels statt barfuß. Weil es kaum mehr Orte gibt, wo wir Wildheit und Urtümlichkeit spüren, leben, riechen, berühren können und erfahren (falls wir es denn noch wollen, noch spüren, noch ersehen), schaffen wir uns diese Orte selbst. Wir springen an Seilen von Brücken, ohne Seil dafür mit Stoff über dem Kopf aus Flugzeugen und besteigen die höchsten Berge und Türme.
Nein, ich darf nicht verallgemeinern. Das sind ja eh immer alles nur die anderen. Und außerdem haben wir alle grundverschiedene Bedürfnisse. Haben wir das? Ist da nicht der Wunsch in uns allen, uns lebendig zu fühlen? Lebendig und in Verbindung mit uns und dem Leben?
Schnitt. Zoom. Ich. Wie gehe ich mit dieser Zerrissenheit um? Ich lebe hier in meiner zivilsierten Welt mit Warmwasser und Kühlschrank, mit Laptop, iPhone, DVDs und Büchern, mit Internet und Telefon. Ich liebe diese Dinge. Ja, und ich liebe die Natur. Die Aare. Wasser und Feuer. Wind. Erde an den Händen.
Entweder-oder geht hier nicht mehr. Sowohl-als auch ist der Weg, für den ich plädiere. Integration. Zurück in die Steinzeit kann ich nicht. Und will ich auch nicht. Dennoch frage ich mich, wie es wäre, wenn … Und auch, wenn es anders gewesen wäre. Wenn die Zivilisation organischer vorangegangen wäre. Weiblicher, matriarchaler. Ob die Atombombe erfunden worden wäre? Sexismus und Rassismus wäre vielleicht Wörter ohne Inhalt. Und darum inexistent.
Integration – was genau ist das überhaupt? Ist es das Zauberwort, um mich aus meiner Zerrissenheit und dem schmerzhaften Spaghat zwischen uralt-innerem Wissen und dem pseudouniversellen Wissen des weltweiten Netzes zu befreien?
Wie das Biohuhn, das mein Ei gelegt hat, wohl wenig Ahnung von einem richtig tollen Hühnerhof hat und schon gar nicht, wie es in der Wildnis aussieht, die es für Hühner bestimmt auch einmal gegeben hat, wie das Biohuhn also, bin ich eine Mischung aus alle dem, was ist und war. Verbunden durch meine EUrinnerungen, durch alle Zeiten mit allen Zeiten und mit allem, was lebt.