Schwerwiegende Entscheidungen

Dass auch so heikle Angelegenheiten wie Intersexualität und Suizid Thema eines Tatort-Krimis sein können, dazu erst noch mit viel Fingerspitzengefühl vermittelt, hat uns das Schweizer Tatortteam aus Luzern gestern bewiesen. Ein deutsches Filmteam hätte den gleichen Plot ganz anders umgesetzt. Mir hat die Schweizer Inszenierung ausgesprochen gut gefallen.
Zur Geschichte: Sonntagnachmittag. Im Wald. Dee Kinderarzt Dr. Lanther wird während eines Benefizlaufes, an dem er teilgenommen hat, tot hinter einem Baum, mit einem Skalpell im Hals, aufgefunden. Verdächtige gibt es viele, denn beliebt war der in die Jahre gekommene Arzt weder im Team noch bei den Patientinnen, Patienten und deren Eltern.
Wie die Leute des Luzerner Kriminalpolizeiteams da im Sitzungsraum beraten, drückt die schweizerische Umgangsart, die ich so mag, durch. Da sitzen sie, vor ihren Laptops und einem riesigen, mit Details zum Fall überfüllten Flipchart und sammeln Beobachtungen. Dieses nicht hierarchische Miteinander auf gleicher Augenhöhe – es ist ungekünstelt und authentisch. Ich nehme die Menschen als einzelne wahr. Niemand flippt cholerisch aus, alle hören sich zu. Und doch wird deutlich sichtbar, was jeder denkt, eigene Ansichten haben Platz nebeneinander. Bereits da fällt die junge Brigitte auf. Sie ist sichtlich angespannter und betroffener vom Mord am Kinderarzt als die andern.
Verdächtige gibt es zuhauf, wie gesagt. Als erstes werden die schöne Witwe und deren Liebhaber – ebenfalls Kinderarzt und nicht nur privat sondern auch im Krankenhaus ein Konkurrent des ermordeten Arztes – in U-Haft genommen. Dies nicht, weil das Kommissarenteam Reto Flückiger und Liz Ritschard, die das fünfköpfige Ermittlungsteam leiten, das so sehen, sondern weil es der medien- und wahlstimmengeile Vorsteher des Polizeidepartements befiehlt – eine herrliche Karrikatur eines braunen Hardliners. Er will Resultate. Und er will Macht.
Noch vor der Vernehmung bittet Brigitte ihren Vorgesetzten Flückiger um Dispens während diese Falles. Ihrer Schwester gehe es nicht gut, sagt sie. Ich kann dich nicht entbehren. Wir brauchen dich hier!, sagt er und so vernimmt sie wenig später mit Liz zusammen die Witwe, während Reto und ein junger Kollege sich deren Liebhaber vornehmen. Als die Frau in ihre Zelle geführt worden ist und auf ihrer Pritsche weinend zusammenbricht, öffnet Brigitte kurz die Sichtklappe der Zellentür. Ihr Gesicht spiegelt Betroffenheit. Ein Bild, das hängenbleibt.
Diese Spur führt ins Leere und die Verdächtigen werden entlassen. In diesem Moment erreicht eine dramatische Todesnachricht das Team. Brigittes Schwester hat sich das Leben genommen. Um die Situation zu begutachten, Gewalteinwirkung von außen auszuschließen und ihrer Kollegin Brigitte beizustehen, fahren Reto und Liz sofort zur Wohnung der Familie. Das noch junge Mädchen hat sich in der Badewanne – mit einem Skalpell – die Pulsschlagadern aufgeschnitten. Klarer Fall von Suizid. Allmählich wird klar – obwohl die Eltern das Tabu nicht anrühren, denn darüber redet man nicht – dass Brigittes Schwester intersexuell geboren, doch ganz früh zum Mädchen gemacht worden ist. Von Dr. Lanther. Obwohl sie sich später immer als Junge gefühlt hat.
Als weitere Suizidfälle von frühoperierten Intersexuellen in den Akten gesichtet werden und das Team im Internet die Website eines Initiativkomitees gegen Frühoperationen bei Intersexualität findet, verdichtet sich der Verdacht, dass Dr. Lanther mit seinem Ansinnen den doppelgeschlechtig geborenen Kindern eine schlimme Kindheit zu ersparen, diesen einen Bärendienst erwiesen hat. Ihre Persönlichkeitsentwicklung verlief ganz oft sehr schwierig, vor allem in jenen Fällen, in denen das Kind sich mit dem gegenteiligen Geschlecht zu identifizieren begann. Ohne seine Geschichte zu kennen.
Als typisches Beispiel treffen Liz und Reto die junge Claudia an, die als Kind zum Buben operierte Tochter des heutigen Komitee-Initiators. Sie erzählt Reto und Liz, während diesen auf ihren Vater warten, davon, wie es ihr ergangen ist, bevor ihr Vater sie über ihre OP als Zweijährige in Kenntnis gesetzt hatte. Sie habe sich nie als Junge gefühlt, wollte sich sogar umbringen, wusste nicht, warum sie das Gefühl hatte, verkehrt zu sein. Erst mit der Aufklärung kam Licht in ihr Leben und dieses führt sie nun als junge Frau, doch in einem männlichen Körper gefangen. Ihr Vater kämpft heute dafür, Intersexuelle erst zu operieren, wenn diese es selbst wollen.
Ihr Vater ist trotz dieser wichtigen Aktion dringend tatverdächtig. Bei einer Tatortbegehung will Flückiger ihn von seiner Theorie des Tathergangs überzeugen, gemäss welcher er den Arzt umgebracht haben soll. Doch der Verdächtige streitet die Tat glaubwürdig ab und muss schließlich mangels Beweisen gehen gelassen werden. Derweil Brigitte noch immer in U-Haft sitzt, da sie ebenfalls am Lauf teilgenommen und ebenfalls ein starkes Motiv hat. Doch leider bisher ohne Alibi. Der Ermordete habe immerhin das Leben ihrer Schwester, die eigentlich ein Junge wäre, zerstört, waren die Argumente des Teams, obwohl natürlich alle von ihrer Unschuld überzeugt sind. Hier wiederholt sich die Szene mit der Klappe an der Zellentüre. Diesmal ist Brigitte jedoch auf der anderen Seite, als Gefangene, und eine Kollegin schaut betroffen zu ihr hinein.
Erst kurze Zeit nachdem eine Gruppe Jugendlicher, darunter ein Mädchen, das eigentlich ein Kerl ist, bei einer Nachtaktion auf dem Luzerner Bahnhof festgenommen werden, findet sich ein Zeuge, der Brigittes Alibi bestätigt. Sie wird unverzüglich freigelassen und übernimmt sofort die heikle Aufgabe, den jungen Menschen – nicht Mädchen, nicht Junge und beides zugleich – über seine ehemals doppelte Sexualität aufzuklären.
Noch immer viel zu viele Verdächtige und viele Motive. Die beiden jungen Ermittler des Teams überprüfen andere Eltern von Suizidopfern und stoßen dabei auf die Eltern von Toni. Anton-Antonia. Auch die beiden haben ein starkes Motiv. Ihre Wut auf den Arzt, der schon früh ihren Sohn in ein Mädchen verwandelt hatte, verbergen sie nicht und auch nicht ihre Erleichterung über seinen Tod. Doch sie haben ein sicheres Alibi. Die beiden jungen Ermittler bleiben dennoch misstrauisch.
Das Team tauscht sich immer wieder intensiv aus. Die kleinen Alltagsdialoge kommen authentisch rüber. Schön auch die Szene mit Reto und Liz, nachts am Luzerner Bahnhof. Am Hotdog-Stand erwarten sie das Auftauchen des Mädchens, das eigentlich ein Kerl ist. Wer bist du sonst so?, will Reto von seiner neuen Kollegin Liz wissen. Sie kontert und beide lachen herzlich. Besonders bei diesem Dialog ist mir klar geworden, wie unterschiedlich in Deutschland und der Schweiz im Alltag geredet wird. Feinste Nuancen sind es, die hier sehr gut wiedergegeben werden. Zwischendrin wird auch mal vaterländisch geflucht – auf gut Schweizerdeutsch. Natürlich wird ansonsten hochdeutsch geredet, doch die schweizerdeutsche Melodie und Satzstellung, Schweizer Redewendungen und Helvetismen kommen ganz natürlich, selbstbewusst und ohne Plumpheit rüber. Unser Deutsch ist anders, aber es ist gut so!, scheinen sich die DrehbuchautorInnen beim Schreiben der Dialoge gedacht zu haben. Sympathisch!
Im Verlauf der Tatortbegehung kam Reto auf die Idee, dass das Skalpell, das Dr. Lanther umgebracht hat, auch aus weiter Distanz hätte abgeschossen werden können. Sofort fällt den beiden jungen Ermittlern der zuvor besuchte Vaters jenes andern Suizidopfers ein. Der ist nämlich Armbrustschütze. Und – trotz Alibi – hätte er höchstens zwanzig Minuten bis zum Tatort gebraucht. Wem fällt an einem Fest schon auf, wenn einer zwanzig Minuten Pause macht?
Sofort fährt das Team zur Werft am Vierwaldstättersee, dem Arbeitsort des Vaters. Dieser flüchtet und verschanzt sich in einem Atelier. Die mit einem Abhörgerät verwanzte Brigitte und die Frau des mutmaßlichen Täters sollen als Vermittlerinnen fungieren. Doch während Scharfschützen und Sonderkommandos draußen die Umgebung sichern, wechselt die Ehefrau, kaum im Atelier drin, die Seite und zeigt ihr wahres Racheengelgesicht. Brigittes wütender Appell bringt endlich die Wende, so dass der mit seiner Armbrust bewaffnete Mörder zur Einsicht kommt und sich nun gegen seine Frau richtet, die ihn zur Tat angestiftet hat. Am Ende einer dramatischen Aktion werden die beiden überwältigt und festgenommen.
Die abschließende Szene ist weise gewählt: Der Teenie im Untersuchungsgefängnis wird entlassen. Flückiger übergibt ihm seine dicke Krankenakte, die in der Schweiz von Rechts wegen dem Klienten gehört. Der Junge im Mädchenkörper, der nun endlich die Wahrheit über sich weiß, hat sich beruhigt. Noch vor zwei Tagen hat er Flückiger bei der Festnahme gewalttätig Widerstand geleistet und ihn ins Gesicht geschlagen.
Sorry, wegen dem Auge, sagt er und verschwindet im Lift.
(Rezension des Fernsehkrimis Tatort vom 28. Mai 2012, Skalpell, Drehort: Luzern/Schweiz)