Die rote Bank

Genau hier war es. Vor zweiunddreißig Jahren muss es gewesen sein.

Hier, auf dieser Bank, die inzwischen bestimmt einige Male frisch gestrichen worden ist, habe ich damals gehockt. Ein bisschen geschlottert habe ich. Vor Müdigkeit und weil es so früh war. Hier, auf dieser roten Bank, schrieb ich damals jenen vermaledeiten Schulaufsatz. In der dritten Bez. muss es gewesen sein (was ungefähr der neunten Gymiklasse in Deutschland entspricht).
Maimorgen war der Titel dieses zu schreibenden Aufsatzes und eine Bedingung dazu war unumstößlich: vor Sonnenaufgang sollte der Schreibplatz, draußen in der Natur, aufgesucht werden. Und dort sollen wir mindestens eine Stunde sitzenbleiben. Beobachten und beschreiben, wie die Natur erwacht. Ein edles Ansinnen unsres Deutschlehrer, doch ein Rudel Fünfzehnjährige für solcherlei zu begeistern? Na ja. Hätte ich nicht den Aufsatz meiner drei Jahre älteren Schwester lesen dürfen, die – man ahnt es – beim gleichen Deutschlehrer ihre Zeit abgehockt hatte, wäre die Sache womöglich übel ausgegangen, denn ich hatte verschlafen. Die Sonne war schon aufgegangen, als ich auf dieser roten Bank hier Platz nahm. Mit dem Schreibblock in der Hand (nicht mit dem iPhone, in das ich jetzt diese Zeilen hacke und von dem ich damals noch nicht mal träumte) schrieb ich über die Geräuschkulisse und das sich verändernde Licht. All dies hat sich seither wohl kaum verändert.
Dörfer und Bäume sind einfach da. Zuweilen wachsen sie, wie mein Dorf hier, ein wenig oder viel. Und da und dort stirbt ein Baum, wird ein Haus abgerissen. Seltsam ist es mir zumute, die ich heute, als Bluestherapie, auf meinen alten Wegen gehe.
Die riesige Tanne, zu deren Füßen wir damals die Urnen unserer Eltern beigesetzt haben, ist gefällt worden. Ich erkenne den Platz nicht mehr mit Sicherheit. Kurz macht mich das traurig, doch schon schieben sich Erinnerungen an Sonntagsspaziergänge durch diesen Wald hier vor meine geistigen Augen. Das nächste Dia. Spaziergänge, bei welchen mir mein Vater, ziemlich erfolglos allerdings, versuchte die Namen der Bäume beizubringen. Erfolgreich war nur sein nicht deklarierter Wunsch, mir seine Liebe zu den Bäumen und zum Wald zu vermitteln.
Ich bleibe immer wieder stehen, spüre hin, was diese altbekannten Wege mit mir machen, die ich mit unsern Hunden früher fast täglich gegangen bin. Und nun schon so lange nicht mehr. Auf einmal bin ich wieder fünfzehn und schaue mich nach unserem Hund um. Komm her, komm bei Fuß. Das Waldstück, wo wir unsere Baumhütte gebaut und Niele geraucht haben, besuche ich das nächste Mal.
Oh weh, das Hexenhäuchen und das Haus vom alte Pfiifejokeb sind weg. Beide abgerissen worden und Neubauten gewichen. Das Rad der Zeit. Das „Neue Schulhaus“ feiert auch schon bald vierzigjähriges Jubiläum, rechne ich vor mich hin. Und die Hühnerfarm gackert zwar noch immer, hat aber längst auf nette Tierhaltung umgestellt.
Was wohl aus Freundin U. geworden ist, mit der ich meine erste Zigarette geraucht habe. Und Ch., mein Erstgeküsster – ob es ihm gut geht?
Eben hatte ich mich unversehens in „meinen“ geliebten Berner Könizberg-Wald versetzt gefühlt und vor mir, links zwischen den Bäumen, den Gurten, Berns Hausberg, zu sehen erwartet. Ein universelles Gefühl macht sich in mir breit. Gerade eben könnte ich überall sein. Doch durch meine Wahl bin ich genau hier. Wo der Gurten wäre – wenn ich jetzt woanders wäre, meine ich – sehe ich nun die drei Schlösser. Eins nah, die beiden ein bisschen weiter weg. Auf sanften Hügeln. Weichhügliges Juraland auf hartem, kalkigem Gestein.
Ich nehme Abkürzungen, als wäre ich nur ein paar Wochen weg gewesen. Atme tief, sauge das Grün und die Waldluft in mich auf.
Meistens kritele ich ja an meiner verkorksten Kindheit herum, doch wie ich heute betrachte und mich erinnere, wie idyllisch ich im Grunde aufgewachsen bin, weicht meine innere Zensorin ein paar Meter zurück und macht Dankbarkeit Platz. Die Erinnerungen ein bisschen zu schönen, schadet hier sicher nicht.
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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Von Tee, Wein und Tabubrüchen

Wie ich gestern mit dem Rad zum nahen orangefarbenen Groß-M fahre, um ein paar Kleinigkeiten einzukaufen, treffe ich Freundin T..
Komm doch auf eine Tasse Tee vobei!, sagt sie, was ich nach dem Einkaufen auch tue. Angeregte Gespräche, wie immer, auch mit ihrem Mann P.. Auf dem Heimweg bringe ich das Schmunzeln in meinem Gesicht nicht mehr weg. So nahe von zwei so tollen Menschen zu wohnen, ist einfach ein Geschenk. Und macht meine zeitliche Trennung vom Liebsten, mein Stohwitwentum, ein bisschen erträglicher.
Tun und lassen, was ich will, ja das kann ich!, sage ich einige Stunden später. Ob das eher einfach oder eher schwierig ist, fragt Freundin R., die in der nahen Kleinstadt wohnt und mich spontan am Abend besucht. Wir trinken Wein und sofasophieren über Göttin, die Welt und die Männer. Wie früher oft, doch nun schon eine ganze Weile nicht mehr. Die Männer, ja. Und nein, keine Details, nur dies: R. orientiert sich in ihrer langjährigen Beziehung neu, so neu, dass das Alleinsein für sie zur neuen, ungewohnten, großen Herausforderung wird.
Ich, die ich neben aller geschätzten Geselligkeit, Alleinsein unbedingt für mein Wohlergehen brauche, verstehe dennoch, wenn sie sich wundert, dass ich einen Sonntag, dazu einen Ostersonntag, allein mit mir verbringen will. Als Familienfrau natürlich eine berechtigte Frage. Ob es nun einfach oder schwierig ist, nirgends angebunden zu sein – freiwillig oder durch familiäre Verpflichtungen – ist nicht so einfach zu beantworten. Ich bin jedenfalls lieber freiwillig allein als unfreiwillig ständig mit Menschen zusammen. Und ebenso gerne bin ich freiwillig mit tollen Menschen zusammen.
Ich frage mich, warum sogar ich besonders an Feiertagen mein selbstgewähltes Alleinsein eher seltsam finde. Nein, nicht schwierig, jedenfalls nicht aus meiner Sicht. Nur, wenn ich mein Leben von außen betrachte. So wie andere mich sehen. Obwohl das ja eigentlich egal ist. Sein sollte. Ach, jetzt bin ich wieder in die Falle des Michrechtfertigenmüssens gepurzelt.
Fakt ist: Alleinsein ist ein kleines Tabu in unserer Gesellschaft. Ein Makel. Auch Stille. Wir tun so vieles, um ja bloß nicht ein paar Stunden still und mit uns allein sein zu müssen. Dabei nährt mich doch beides so sehr.

Gib laut, Männlein!

Dass Hunde ihr Gebiet markieren müssen, ist hinlänglich bekannt. Dass das Männer ebenfalls tun, nun ja, ist vermutlich ebenfalls durch wissenschaftlichen Studien nachweisbar. Ob oder ob nicht, ist eigentlich egal, Tatsache ist es auf jeden Fall. Spannend für allfällige Nachweise und Studien ist die Beobachtung, von Männern, die aufeinander treffen. Wie es zu und her geht, wenn nur Männer zusammen sind, weiß ich nicht. Jedenfalls nicht aus erster Hand. Doch zu beobachten, wenn Männer, vor allem solche, die sich noch nicht kennen, in befrauten Räumen aufeinander treffen, ist immer wieder faszinierend. Wie Hunde beschnüffeln sie sich. Testfragen gehen hin und her. Reaktionen werden beobachtet. Stimmen werden lauter. Andere leiser, verstummen gar. Analog zu Rüden, die sich vor dem Alphatierchen auf den Rücken legen. Waren früher Muskelkraft und Jagderfolg Hauptkriterien zur Erlangung des Alphastatus unter Männern, entscheiden heute unter anderem Unterhaltungswert, Schlagfertigkeit, berufliche Stellung und Leistung über den Platz in der Hackordnung. Und Lautstärke.
Ein Studienobjekt der Spezies „Lautes Männlein“ wohnt in der Wohnung über mir. Als lärmempfindlicher Mensch habe ich mich gefreut, dass mein Vormieter mir das Haus als leise empohlen hat. Na ja. Da er nur abends hier war und die Wochenenden in der Ostschweiz bei seiner Familie verbrachte, ist er leider keine wirklich zuverlässige Referenz. Und vielleicht schwerhörig.
Mein Nachbar B. ist knapp dreißig, eher jünger, fährt einen weißen, schnittigen Wagen, den er sogar nur bis zum Briefkasten oder was weiß ich braucht. Und er telefoniert gern. Seinen lauten Bass habe ich bereits persönlich angesprochen. Der hämmert nämlich gerne und oft drauf los. Seine Reaktion auf meine freundliche Kritik war ebenfalls freundlich, entschuldigend. Ich werde mich arrangieren müssen. Und ich werde ab und zu etwas sagen. Nur: ob das etwas bringt?
Als Studienobjekt für das Phänomen „Männlein“ (so nennt mein Liebster diese Untergruppe der Spezies Mann) eignet sich mein neuer Nachbar perfekt. Das Markierverhalten lässt sich an ihm hervorragend analysieren. Spricht er am Telefon, redet fast nur er, redet und lacht laut, leicht hysterisch. Dabei geht er meistens durch die Wohnung, so dass ich nirgends vor seiner Stimme sicher bin. Ja, er weiß, wie man sich seinen Raum nimmt. Nicht mal im Schlafzimmer, wenn ich mein Yoga machen will, bin ich vor seiner Stimme sicher. Okay. Tief durchatmen.
Ob ich mit ihm mal über Zimmerlautstärke diskutieren soll? Kann sich ein Mensch von rücksichts- respektive gedankenlos in Richtung aufmerksam verändern? Ja, ich weiß, so Menschen gibt es überall. Darum würde ich oft am liebsten die ganze Welt verändern. Sensibler und aufmerksamer sollten sie sein, meine Mitmenschen, jawohl.
Zurück zum Objekt meiner Studien: „das Männlein“. Markieren war das Wort. Dieses Objekt hier tut es besonders durch Lautstärke, wie gesagt. Durch Laut geben, wie ein Hund. Statt bellen nimm Musik und Stimme. Hört her, ich bin da. Seht her, das ist mein Auto. Was dahinter steckt – bei ihm, bei Männern? Minderwertigkeitskomplexe? Potenzprobleme, wie ein Freund von mir immer behauptet hat?
Ach du, Studienobjekt Mensch, du bist mir je länger je mehr ein großes Rätsel.! Und du, Studienobjekt Mann, erst recht!
(((Warnung: Das hier ist eine Satire. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Packungsbeilage.)))

Von Ausnahmezuständen, Sorgen und so Sachen

Da war ich gestern vier Stunden in der Stadt. Beim Arbeitsamt und einkaufen. Vier Stunden ohne einen einzigen Blick auf die Displays meiner zwei Handys. Vier Stunden ohne Nachrichten vom Meer. Da drüben ist alles in Ordnung, ermutigte ich mich ständig.
Vier Stunden ohne Lebenszeichen von ihm. Und das war umgekehrt auch mein Liebster. Später gestand er mir, dass er sich gesorgt habe.
Um mich?, frage ich, um mich, die ich hier in Sicherheit bin?
Bist du das?, frage er. Warten denn nicht überall Gefahren?
Nein, wirklich in Gefahr habe er sich noch nie gefühlt, meint Irgendlink gleich darauf.
Ich auch nicht, sage ich. Aber. Ja, natürlich. Überall lauert Unvorhergesehenens. Und ja, ich mache mir Sorgen.
Vor zehn Tagen sind unsere vertrauten Gewohnheiten geknackt worden. Alltagsvertrautheit – plötzlich weg. Gemeinsames Aufstehen, ständiger Austausch in Worten oder einfach durch die bloße Anwesenheit – alles weg. Auf bestimmte Zeit zwar nur, aber doch: einfach weg. Nun, temporär, nur über das weltweite Netz und die Telefonleitung verbunden. Und gedankenlesend natürlich. 🙂
Auf einmal ist alles anders. Ich finde mich langsam in meinem neuen Rhythmus ein. Einen, den ich noch nicht so genau kenne. Ähnlich dem alten ist er schon, doch anders. Ein bisschen ist er eine Wiederaufnahme des alten Lebensgefühls von Bern. Vor einem Jahr und davor. Wiederaufnahme? Hm, ist es nicht das, was ich ständig in vielerlei Farben tue? Weil neues so anstrengend ist. Langsam weicht das Fremde auf und wird mit bekannten Farben gemischt. Neue Hausgeräusche werden vertraut. B.s Fernseher oder Bass zum Beispiel.
Diese Verrücktheit meines aktuellen Alltags – die Ver-rücktheit, die Verschobenheit, das Aus-dem-alten-Rhythmus-gefallen-sein – braucht viel Energie. Ausnahmezustände ertrage ich, aber bitte nicht allzu lange. Zu anstrengend sind sie, wie gesagt. Irgendwann, selbst in Ausnahmezuständen drin, muss ich mir eine Struktur schaffen. Eine Routine. Rituale des Alltags. Damit in diesen von mir geschaffenen Gefäßen drin stets das Neue Platz findet und wachsen kann.
Ich gebe den Dingen, die in meinen Umzugskartons liegen, ihren Platz. Das Handtuch muss dort hängen, irgendwie logisch, und der Toaster hier stehen. Details, die aus dem Bauch heraus entschieden werden, meiner inneren Logik gehorchend. Ähnliches geschieht in meinen Innenräumen. Ich horche auf mich. Ich gehorche mir. Ja. Oder wohl eher nein, noch nicht ganz. Doch bin ich dahin unterwegs. Darum habe ich mich heute für eine Probelektion Yoga – hier im Ort – angemeldet.
Schritte gehen. Diese Mischung von Struktur und Freiraum ausbalancieren. Wie Seiltanzen.

krass, diese Sache mit Grass

Ich lese endlich wieder, mit einigem Nachholbedarf, Zeitung. Heute kam mir sogar die vor drei Wochen in Mainz erhaltene Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung in die Hände, die zwischenzeitlich zu Packmaterial mutiert war.
Nach umzugsbedingten medienarmen Wochen erschlagen mich dieser Tage gewisse Informationen geradezu und ich weiß nun auch wieder, wieso ich oft Zeitung und Medien meide. Weil sie mich unendlich hilflos zurücklassen. Schreiben hilft.
Auch andere schreiben sich ihre Empörung vom Herzen. Gestern schon hat Sherry über Günter Grass und dessen mutiges Gedicht zum aktuellen Iran-Irak-Konflikt berichtet. Sein Gedicht, dort zitiert, wäre ja eins. Das andere ist die Reaktion der Medien. Grass wird nun unter anderem Antisemitismus vorgeworfen. Und mir vielleicht auch, wenn ich hier laut denke:
Darf eine ehemalige Opfer-Nation, die natürlich und zu Recht viel Respekt verdient, darf diese Nation heute einfach alles tun, was sie will – nur weil sie einst Opfer war? Ich finde nein.
Und was ist eigentlich mit der Meinungsfreiheit?
Lest dazu weiter auf „Liberté“:

Grass‘ “irres Hassgedicht”: Warum laufen deutsche Medien Amok?
Grass hat ein Gedicht gegen den Krieg geschrieben, gegen Israels drohenden Erstschlag, gegen den Maulhelden Ahmadinejad, gegen seinen Populismus und gegen das deutsche Schweigen – gegen das immerwährende, deutsche Schweigen. Stellen Sie sich nur eine Sekunde lang vor, dieses Gedicht sei nicht an Israel adressiert gewesen, sondern an die Islamische Republik Iran. Wie hätten die Medien reagiert? Wie viele kritische Artikel wären gegen dieses Gedicht entstanden, wie viele Sendungen aufgezeichnet, wo doch Israel eine Bedrohung für das Land Iran darstellte, folgt man den Drohgebärden? Wenn Sie ehrlich sind: Gar keine, denn die IRI wird schon seit zehn Jahren zur Achse des Bösen gezählt und zur globaler Gefahr heraufstilisiert, obwohl sie die größte Gefahr einzig und allein für das eigene Volk darstellt. Und noch immer warten wir auf die große „Bombe“ die platzen wird.
Doch stellen Sie sich vor, dieses Mahngedicht gegen die Islamische Republik Iran wäre doch von vergleichbarem Interesse gewesen. Die Reaktion, die daraufhin von den Medien erfolgt wäre, wäre ein simultaner Applaus aus allen Ecken. Herr Grass hätte vermutlich einen weiteren Nobelpreis bekommen, der Stil und die Eleganz seiner Sprache wären hochgelobt worden {auch, wenn sie einfacher nicht hätte sein können}, man hätte ihm stolz auf die Schulter geklopft und ihm mitgeteilt, dass man gar nicht gedacht hätte, dass der Gute in seinen späten Jahren noch so einen messerscharfen politischen Durchblick habe. Ist dieses Szenario für Sie vorstellbar? Sicherlich. (weiter …)

Quelle: Liberté-Blog, by Sherry Iranique

dem Nichtwissen hingegeben

Es hat fast gar nicht wehgetan. Außer, dass es sehr lange dauerte. Statt einer verbrachte ich gleich anderthalb Stunden im Beratungsgespräch mit dem Beamten der regionalen Arbeitsvermittlung. Das Gespräch wurde, wie so oft in meinem Leben, wenn ich mit Menschen an solchen Schlüsselstellen ins Gespräch komme, ziemlich persönlich, Es gelang mir, und ich finde zu recht, das Vertrauen dieses Beamten zu erwerben. Teil des Gesprächs war eine Standortbestimmung.
Während Herr B. meinen Lebenslauf durchblättert, runzelt er die Stirn und nickt vor sich hin.
Sie haben schon so vieles gemacht, haben verschiedene Berufe, haben viele Begabungen. Was schwebt Ihnen denn bei der aktuellen Stellensuche vor?, fragte er schließlich. Ich seufze. Denke, wenn ich das wüsste!, und zähle auf.
Wichtig sind mir Menschen. Kommunikation. Redaktion. Sachbearbeitung im kulturellen oder sozialen Umfeld. Schreiben. Sprache. PR. Bin Generalistin, jawohl. Hat nicht nur Nachteile.
Wie ich mir zuhöre, begreife ich, wie viel ich schon in meinem Leben gemacht habe. Was ich alles kann. Und auch, warum ich schon so viel gemacht habe: Weil ich so vieles mag. Weil ich die Menschen mag. Weil ich die Dinge mag. Doch nicht alles, was ich kann, möchte ich auch wieder tun. NIcht alles, was ich kann, kann ich auch tun. Heißt, ich will nicht alles tun, was ich könnte. Und vor allem will ich mich dem offenen Weg hingeben. Meinem Weg.
Büne Huber, der Kopf der besten (Schweizer) Rockband aller Zeiten, Patent Ochsner, schreibt – ähnlich wie mein Liebster auf seiner Radreise ums Meer – zu bestimmten Zeiten Internettagebuch. Immer dann, wenn die Band neue Platten aufnimmt oder wenn sie auf Tournee ist. In seinem ganz besonderen, witzig-ernsten Stil, der zum Lachen und zum Nachdenken bringt. Gestern habe ich mich endlich wieder auf den neuesten Stand über die Freuden und Dramen der laufenden CD-Produktion gebracht und all die verpassten Texte der letzten Wochen gelesen. Gestaunt habe ich mal wieder. Über seine Gedankengänge, die ich so gut nachvollziehen kann. Da schreibt er beispielsweise, dass er es nicht mag, wenn er am Anfang schon weiß, wohin führt, was er macht.

einen plan schmieden und ihn dann mustergültig umsetzen, das interessiert mich einfach nicht. wenn unterwegs nicht die möglichkeit besteht, dass am schluss alles vollkommen anders ist, als ursprünglich geplant, lähmt mich die arbeit. klar, mit einer solchen haltung kann man kein haus bauen (…) aber ich bin der festen überzeugung, dass man nur mit dieser haltung (…) songs schreiben, bilder malen oder geschichten erzählen kann.

Quelle: Tagebuch/File 122: „Die Glocke und das Wasser“
Schnitt.
Nach dem Gespräch mit dem Beamten geh ich gleich noch schnell bei der Arbeitslosenkasse vorbei. Dort stehen meine Papiere Schlange sozusagen. Sie warten auf Bearbeitung, sagt die Dame am Schalter.
Wa wottsch mache? Abwarten und Tee trinken.
Ende Monat gibt‘s Geld!,
verspricht sie.
Danke, Helvetia!,
verspreche ich.
Aber Schuhe brauche ich jetzt, murmle ich. Denn am vorletzten Samstag, noch auf dem einsamen Gehöft, sind meine geliebten uralten Turnschuhe am und vom Feuer kaputtgegangen. Die Sohle hat sich sozusagen selbständig gemacht. Für mich sind Turnschuhe ein Muss. Leichte bequeme Schuhe für den Alltag brauche ich wie Luft zum Atmen. Und zum Joggen brauche ich sie auch. Jawohl, das will ich auch bald wieder. Lauter solche Gedanken im Hinterkopf.
Auf der zuerst erfolglosen Suche nach einem USB-Verlängerungskabel für den Drucker fand ich mich im Elektrozöixhaus Groß-F., wieder.
Ne, haben wir grad nicht vorrätig, sagt der krawattierte Junge am Schalter und wühlt in den Gehängseln.
Schade, sage ich und denke: Also doch im Internet bestellen. Wie ich schon den Laden wieder verlassen will, kommt er auf einmal mit einem Kabel daher. Ob ich so eins meine. Einmal weibliche, einmal männliche Buchse (welche welche ist, kannst du dir ja denken). Was das kostet, will ich wissen, ausgepackt wie es ist.
Oh, das schenke ich ihnen!, sagt das Bürschlein. Das liegt hier nur rum. Ich bin perplex, packe mein zweitliebstes Lächeln aus und sage Dankeschön. You made my day, denke ich und gehe beschwingt zur Schuhabteilung, denn eben habe ich ungefähr zwanzig Franken gespart. Startkapital für neue Schuhe. Perfekt!
Die nette Verkäuferin schickt mich einen Stock höher, nachdem ich vergeblich bei den Kindersportschuhen rumgefummelt habe. Dort werde ich wie eine Königin behandelt und spaziere bald mit superbequemen Turnschuhen meiner Lieblingsmarke, schwarz mit lila Bändeln, aus dem Laden. Nicht einmal viel gekostet haben die Treter. Und sitzen tun sie wie angegossen.
Einkaufen vor einem Feiertag macht deswegen nicht mehr Spaß. Ist aber nötig, denn der Kühlschrank ist fast leer. Und wo ich schon mal da bin … Die Kassiererin erzählt der Kundin vor mir von den heute extralangen Arbeitszeiten. Bis acht Uhr! Früher hätten sie vor Feiertagen immer früh Feierabend gehabt. Früher!
Vollgepackt wie ein Esel radle ich heimwärts und denke dabei an meinen Geliebten, der mit seinem Rad noch mehr Gewicht verschiebt. Und der jetzt schon von Boulogne-sur-Mer Richtung Calais unterwegs ist. Ich zirkle bei Feierabendverkehr an der vielbefahrenen Hauptstraße entlang, nehme, sobald wie möglich, Schleichwege und lange schließlich nudelfertig zuhause an.
Ach, mein Leben ist grad so verrückt. Alles fügt sich an seinen Platz. Alles passt irgendwie. Ich passe mich langsam in mein neues Leben ein. In mein neues Paar Schuhe sozusagen, das ich mir mit dem Umzug angezogen habe. Ein Paar, das passt und dennoch eingelaufen werden muss. Denn man muss einfach das tun, was man muss. Weil man es so will. Und frau natürlich auch.

Ein Anfang zu sein

Ein bisschen wie der kleine Prinz von Saint-Exupéry komm ich mir vor. Täglich jätet der kleine Kerl seinen kleinen Planeten, damit das Unkraut nicht überhandnimmt. Täglich befreit er seine Rose von den gefräßigen Raupen, damit sie sein Ein-und-alles nicht zu Grunde richten. Und täglich verschont er ein paar Raupen – um der Schmetterlinge willen. So hab ich es im Kopf. So ähnlich jedenfalls. Falls mir das Buch beim Einrichten des Bücherregals in die Finger kommt, will ich es wieder lesen. Eins meiner ewigen Lieblinge. Längst zerfleddert, aber heiß geliebt.
An den kleinen Kerl denke ich, wie ich meinen Laptop auf starte, um auf dem Irgendlink-Live-Kunst-Reise-Blog auf Raupensuche zu gehen. Auf der iPhonetastatur schleichen sich nämlich ganz schön schnell Tippfehler ein. Damit diese nicht allzu störend beim Lesen sind, mach ich die meisten weg. Nicht alle. Nur jene, die sinnverfremdend sind. Aus heite mach ich heute. So Sachen halt. Die andern lass ich – um der Schmetterlinge willen.
Zum täglichen Ritual, das ich bereits nicht mehr entbehren möchte, gehört das Illustrieren der von ihm zurückgelegten täglichen Reiseroute mittels Guuglmäps und das Downloaden von Irgendlinks Texte und Bilder in ein Textdokument. Das neue Buch im A5-Format hat bereits jetzt – samt der verkleinerten Bilder und dem Vorspann – um die siebzig Seiten. Nach nur einer Woche. Könnte also sein, dass da ein dicker Reiseschunken entsteht. Möge sich ein toller Verlag dafür finden. Obwohl die ganze Liveatmosphäre halt schon was ganz und gar einzigartiges hat. Etwas süchtigmachendes.
Ich lese im neuen SPUREN-Heft (103, Thema Neubeginn) einen genialen Artikel. Es ist ein Buchauszug aus einem Buch von Dirk Grosser namens Selbst ein Anfang sein. Es geht darin um die Möglichkeiten, die wir haben und allzuoft verstreichen lassen.
Ich zitiere:

Warum sollten wir alle das gleiche Gebet sprechen? Woher kommt dieses Misstrauen dem eigenen Erleben gegenüber? Unsere Einzigartigkeit ist das Wertvollste, was wir besitzen – niemand kann unseren Platz in dieser Welt einnehmen. Niemand kann der Welt das geben, was gerade wir geben können. Unsere Talente, unsere spezielle Wahrnehmung, unser Ausdruck, unsere Liebe … Wäre es nicht tragisch, aus Rücksichtnahme auf ein System, welches gar nicht das unsrige ist, darauf zu verzichten? Warum nicht selbst der Anfang von etwas Neuem sein? (…) Alle (diese) vorgefertigten Wege wollen uns zu „Etwas“ machen. Doch „etwas sein“ bedeutet immer eine Grenze ziehen und somit „etwas anderes“ nicht sein. So schränken wir uns selbst und die Vielfalt des Kosmos ein.

(Quelle: siehe oben)
So ähnlich erlebe ich meinen Neubeginn hier in der Schweiz. Mal misstraue ich meinem Erleben, meiner Wahrnehmung, meine, dass ich zu wenig tue. Tun, was von mir erwartet wird. Doch wer sagt, was ich tun soll? Als wäre tun der Schlüssel zu allem.
Dann wieder kann ich einfach sein. Doch einfach so sein ist so einfach nicht.

Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin

Noch trocknen die Tränen, während ich das hier schreibe. Ich weine vor Dankbarkeit. Denn es gibt sie doch, die Hoffnung. Eben habe ich diesen Blogartikel des Bloggers denkbonus hier gelesen:
We will never bomb your country

… und diesen Youtube-Film geguckt. Was Internet alles kann! Wozu Menschen in der Lage sind. Auch in der Lage sind. Nicht nur, aber auch.
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=mYjuUoEivbE]

sinnig

Was Sinn stiftet, ist von Mensch zu Mensch – wem sag ich das? – ganz und gar verschieden. Für den einen ist Reisen sinnstiftend. Für andere Bloggen. Denken. Nichtdenken. Fühlen. Wahrnehmen. Nichtstun. Putzen sogar. Und ja, auch Kisten auspacken, wenn du umgezogen bist. Leben eben.
Gestern habe ich mir auf YouTube einige Filme über das heikle Thema Aktive Freitodbegleitung angeschaut. Seit einer Weile lese ich das Blog von Wolfgang Herrndorf mit. Es sind dies die sehr authentischen Aufzeichnungen eines dem Tod Geweihten. Eines unheilbar kranken Schriftstellers.
Mein Tod gehört mir (oder so ähnlich) war der Titel eines Filmes, auf den ich beim Surfen, angeregt durch das besagte Blog, gestoßen bin. Ein gut gemachter Film, der die Praxis in Deutschland jener in der Schweiz gegenüberstellt. Was in Deutschland verboten ist, ist in der Schweiz unter bestimmten Schutzkriterien möglich. Kritisch tastete sich das deutsche Filmteam an das heikle Thema heran und zeigte aus einer sehr weiten Perspektive, wie wichtig die Würde eines Menschen ist. Und begleitet einen todkranken Mann zum Sterben in die Schweiz.
Ein kontroverses Thema. Ist ein Leben unter Schmerzen denn nicht mehr lebenswert? Nein, um den Lebenswert geht es bei dieser Diskussion nicht. Auch nicht um Lebenssinn, der abhanden gekommen ist, weil sich jemand nicht mehr selbst pflegen kann. Oder weil jemand vor lauter Schmerzen keine Freude mehr erleben kann.
Es geht vielmehr darum, ob jemand ernst genommen wird, wenn er beschlossen hat, dass er nicht mehr leben, sondern sterben will. Es geht um Freiheit und Autonomie. Und darum, den Tod, besonders auch den selbstgewählten Tod, zu enttabuisieren. Ein Thema, das mich seit vielen Jahren beschäftigt, da ich ein paar sehr nahe Menschen durch Suizid verloren habe.
Ein Thema, das – ich gebe es zu – nicht so recht zum Frühling passen will. Zum Frühling, der meine Kraft und meine Lebensenergie weckt.
Vergessen wir nicht: Sterben ist der Anfang von Leben. Und das Ende. Erde ist unter anderem totes Laub. Ist der Anfang von neuem Leben. Ist Kreis. Ist endlos. Grenzenlos.
Sinn? Sinn, ja!

heute blau-grün

Kleines Radtourchen auf den nahen Hügel. Weitsicht ins blaugrüne Land.

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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit der Photo-App Pro HDR, montiert mit der App AutoStich. Eine App ist eine ins iPhone integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone (Handy mit Photo- und anderen Funktionen) ausgeführt.