Eigentlich wäre das hier ein Artikelchen über unser aller Klischees über Skandinavien im allgemeinen und Schweden im speziellen geworden, und ich hatte schon mal ein paar der Dinge, die für mich auch sehr zu Schweden gehören, zu einem schwedischen Frühstück insbesondere, zu einem kleinen Stillleben drapiert. Schweden ist ja nicht nur Pippi Langstrumpf, Knäckebrot, rote Holzhäuser, unendliche Wälder und Rentiere. Schweden ist auch Käse (oder Salami) aus der Tube. Und Schweden ist auch Senap (=Senf), aber Schweden ist noch viel mehr.

Seit heute Mittag habe ich wieder ein rotes Fahrrad mit drei Gängen und Rücktritt. Unsere Vermieter haben es uns ausgeliehen. Sie wohnen im Nachbarhaus, sind heute aus den Ferien kurz hierher gekommen und haben uns herzlich willkommen geheißen. Susanne und Per sind sehr herzliche Menschen und waren von unserer Reiseart hell begeistert.
Dank des Fahrrades konnten wir heute Nachmittag zu zweit die etwa acht Kilometer nach Falun radeln, konnten uns somit den Bus sparen und hatten so ein ganz anderes Reiseerlebnis.
Ich mag Falun. Die Stadt Falun berührt mich mit ihrer Alltäglichkeit. Eine bodenständige Stadt ohne Allüren, ohne Schnickschnack, mit Zerfall da und dort, mit Blütendüften und Schätzchen dort und hier. Viele Bilder habe ich geerntet. Einiges ist bereits verappt. Anderes wartet noch.

Kurz vor sechs, bevor wir wieder daheim anlangten, fing es leise zu regnen an. Froh über das Dach über dem Kopf schlossen wir die Haustür hinter uns zu. Nun gemütlich bei einer Tasse Tee mal wieder ein bisschen Mails abrufen, in der Twittertimeline lesen, Blogkommentare genießen … so der Plan. Oder Postkarten gestalten, wie es Irgendlink zurzeit fast ständig tut. Kunstinteressierte beachten bitte dazu seinen heutigen Blogartikel.
Oh, wir haben kein WLAN?! Der portable Router, in dem die schwedische SIM-Karte steckt, tut keinen Wank. Die Handys zeigen zwar das Netz an, aber es tut sich nichts. Endlich begreifen wir, dass der Datenpass aufgebraucht ist. Wir begreifen – es ist halb sieben oder sieben -, dass wir vom Rest der Welt abgeschnitten sind.
Nun ja, ich habe Spielkarten dabei, sage ich. Und eBooks haben wir auch. Und Gesprächsstoff eh. Aber … beide werden wir unruhig. So unerreichbar zu sein, so abgeschnitten von all den Menschen, die uns am Herzen liegen, das fühlt sich ziemlich unerträglich an. Ziemlich sehr sogar.
Einen neuen Datenpass kauft man sich in Schweden im Laden, auf Poststellen, im Tabakladen etc. Sollen wir, es regnet inzwischen dauerhaft, einfach bis morgen warten? Oder ich gehe kurz in den Laden und kaufe neues Guthaben, biete ich an. Irgendlink sagt: Nein, ich gehe. So geht es hin und her, bis wir beschließen, zusammen zu gehen. Mit den Rädern. Sind ja nur ein paar Minuten. Anderthalb Kilometer.
Unter der Pelerine fährt es sich gar nicht mal so schlecht. Was für ein Abenteuer nur fürs Internet! Wir kichern und machen Witze über unsere Sucht nach der virtuellen Verbundenheit. Im Quartierladen, einer mittelgroßen Filiale, in der wir eine Stunde vorher noch ein paar Sachen eingekauft haben, gibt es aber zu unserem Erstaunen keine Datenpässe von Telia. Schade. Der Tabakladen, in den wir geschickt werden, hat schon zu und nun wissen wir auch nicht weiter. Hätten wir doch bloß am Nachmittag schon gemerkt, dass das Guthaben aufgebraucht ist, als wir in der Stadt gewesen sind! Nun denn …
Irgendlink erinnert sich, dass wir auf dem Rückweg an einer Einkaufsmall vorbei gefahren sind. Etwa zwei Kilometer, meint er, mein Ritter. Ich fahre hin, sagt er, du kannst gerne ins Häuschen fahren. Wieder wollen wir uns gegenseitig die Jagd nach dem neuen Guthaben abnehmen. An unserer Kreuzung ist es sogar Irgendlink, der sagt: Ach komm, wir können ja morgen um zehn zum Tabakladen fahren.
Und dann fallen die Würfel, fast von allein, und wir radeln auf einmal gemeinsam stadteinwärts. In der Pelerine sammelt sich immer wieder eine Pfütze, die ich wegklopfe, doch ansonsten ist Regenradeln eigentlich nicht mal sooo übel. Besonders dann nicht, wenn man, wie wir, weiß, dass man hinterher ein warmes Häuschen hat. Zeltaufstellen wäre so aber nicht wirklich spaßig.
Hinter jeder Kurve, in die sich der Radweg in die Stadt windet, wähnen wir den Laden, doch er kommt und kommt nicht. Sicher die halbe Strecke Hosjö-Falun radeln wir – eine halbe Stunde fast – bis die Mall endlich auftaucht. Juhu! WILLYs verkauft tatsächlich Telia-Guthaben und wir sind wieder an der Nabelschnur namens Worldwideweb angedockt. Fühlt sich echt gut an.
Der Heimweg zieht sich hin. Nass und müde und glücklich und stolz und hungrig kehren wir nach unserer Jagd nach Hause zurück. Und wenn sie noch nicht eingeschlafen sind, surfen sie heute noch.