Über den Unterschied zwischen der Arbeit einer Töpferin und eines Bildhauers haben J. und ich schon oft diskutiert. Die eine erschafft aus nichts – sprich: etwas nur für sie in ihrem Innern sichtbarem –, ein Werk, eine Schale, eine Figur. Aus nichts anderem als einem Klumpen Lehm. Aus einer formlosen Masse. Auch der Kunstmaler und die Schriftstellerin gehören übrigens zur Spezies Töpferin: aus den von ihnen bevorzugten Grundmaterialien – Wörter, Farben – formen sie Unsichtbares in Sicht- und Fassbares um. Der Bildhauer dagegen nimmt den vorhandenen Stein und befragt ihn und sich nach dessen Essenz. Mit Fingerspitzengefühl, Materialkenntnis, Kunstverständnis sowie Klopf- und Schleifgeräten arbeitet er heraus, was im Stein schlummert. Auch die Fotografin und der Appspressionist gehören zur Familie der Bildhauer – sie nehmen sich, was da ist und verdauen es neu. Pixelmeißelei nennt J. das. Unter anderem.
Ich mag das eine so sehr wie das andere. Und die diesen Arbeiten innewohnende Wahr- und Weisheiten. Mal geht es darum, das eigene Innere nach außen zu krempeln, mal geht es darum hinzuschauen und bereits Vorhandenes, Gesehenes, Gedachtes, Beobachtetes in eine eigene, neue Form zu bringen. Natürlich schöpft auch der Bildhauer aus seinem Innern, klopft die dort aufgehängten Bilder nach neuen Inspirationen ab, und die Töpferin schaut ebenfalls nach außen und synchronisiert Innenschau und Außenwelt. Wohl niemand tut nur das eine.
Gestern habe ich L. kennengelernt, einen sogenannt geistig behinderten Mann. Hat er niemanden, der ihm zuhört, weiß er trotzdem sich und seinem Spiegelbild eine ganze Menge zu erzählen. Nicht sehr gut verständlich für „normale“ Ohren allerdings, doch egal. Hauptsache es kann raus. Höre ich ihm aufmerksam zu, erzählt er mir davon, dass er Angst vor dem Regen hat. Und auch, warum. Er will wissen, ob ich mich auch vor dem Regen fürchte, was ich verneine. Erst gegen Schluss unserer Begegnung verstehe ich die Geschichte, denn die einzelnen Teile seiner Erzählung hat er mir nicht chronologisch präsentiert (wozu auch!), sondern Puzzleteilen gleich, die erst als ganzes ein sichtbares Bild ergeben. Seine Angst vor dem Regen begründet sich, so glaube ich nun zu wissen, in einem an Weihnachten gemachten, unangenehmen Erlebnis: Nass und kalt war es und er wäre wohl damals lieber nicht hinaus gegangen. Vermutlich ist dabei die eine oder andere schöne Erinnerungen an weiße Weihnachten kaputt gegangen. Dass wir „Normalen“ sein Wort Angst hier wohl eher mit Abscheu oder Abneigung umschreiben würden, ist nicht relevant. Angst steht für Unangenehmes. Das muss reichen. L. malt mit andern Farben als ich und du.
Seine Ausdrucksversuche grenzen, will er verstanden werden, an Schwerarbeit.
Wieso versteht die mich denn nicht?, denkt er womöglich. Wieso muss ich alles immer und immer wieder erzählen, bevor sie endlich kapiert? Schwer von Begriff ist sie, ja, wirklich, darum belohne ich sie mit einem Lachen, wenn sie mich richtig wiederholt. Endlich hat sie es kapiert.
L. ist der Töpfer, der in seinem Innern nach formbaren Lauten, Farben und Mustern forscht. Er ist der Bildhauer, der die Wörter, die er aufschnappt, in seine Sätze mit einbaut. Und auf einmal gelingt ein verständlicher Satz. Was für ein Erfolgserlebnis! Und so gar nicht selbstverständlich.