Die Zeit, das Leben und ich

Unter der Dusche ein Gedankenblitz: mich als Kind, wie ich immer dachte: Wartet nur, wenn ich endlich groß bin, kann ich machen, was ich will. Ein großer Gedanke war das. Einer, der bald mein Kehrreim war, je älter ich wurde und je öfter mein Dürfen-was-ich-will eingeschränkt wurde von Verboten, von Geboten, von elterlicher Neugierde. Doch statt zu erzählen, was ich vorhatte, erfand ich immer öfter Halbwahrheiten. Von meinem ersten Freund zum Beispiel wussten meine Eltern nichts. Ich gehe mit meiner Freundin in die Stadt!, sagte ich vielleicht, wenn ich ihn am Mittwochnachmittag besuchen wollte. Oder Wir haben eine Klassenfête, wenn ich ihn am Samstagabend treffen wollte. So richtig kontrollieren konnten sie mich ja nicht. So ohne Handy wie ich damals war. Ich und wir alle. Von Handys träumten damals höchstens ein paar Visionäre und verrückte Spinner. Wir nicht. Auch nicht von Internet und von Facebook und Konsorten. Noch nicht mal von Karriere träumten wir. Damals war noch vielmehr möglich, es würde dann schon irgendwie werden. Und irgendwas kommen. Obwohl – so richtig an alle Möglichkeiten glaubte ich schon damals nicht. Und schüchtern war ich auch. Bin es noch immer. Oft jedenfalls. Aber ich würde ja bald einmal groß sein und dann konnte ich endlich tun, was ich wollte. Und ich würde es ihnen zeigen, den Erwachsenen. Ja, dieses Erwachsensein schien mir das Maß aller Dinge. Wenn ich dann endlich die Schule und die Ausbildung abgeschlossen haben würde. Ja, wenn ich dann endlich …

Meine Erwachsenen sagten immer: Genieße das Kindsein, solange du noch kannst. Bitterkeit schwang leise mit und manchmal auch eine leise Drohung. Was ich nie verstand, denn Erwachsensein war doch das Ziel …?

Unter der Dusche also, heute Morgen nun, auf einmal dieses Paradoxon mit allen Fasern spürend:
Das Kind will groß und frei sein zu tun und zu lassen, was immer es will. Die/der Erwachsene sehnt sich nach der Narrenfreiheit ihrer/seiner Kindheit.

Ich jedenfalls tue es. Oft. Ich will das Kind-in-mir nicht verlieren. Nie.

Und doch … manchmal nerve ich mich, ganz ehrlich, über diese Neue Infantilität, die ich ganz oft in unserer Gesellschaft spüre. In meiner Generation und in der nächsten, nachwachsenden. Ob es dafür wohl psychologische Bezeichnungen gibt? Und eine pathologische Diagnose? Oder ist es einfach bloß eine Zeitgeist-Erscheinung?

Viele Erwachsene sind nie wirklich erwachsen geworden. Versteht mich richtig: ich meine nicht jenes Erwachsensein, das sich an Krawatte oder Deuxpièces messen lässt; nicht Anzug und nicht Highheels meine ich. Ich meine innere Reife, inneres Wachstum, wachsende Weisheit. Es geht mir um das Abstreifen jener kindischen Weltsicht, die glaubt, dass ich der Mittelpunkt der Welt bin und sich alles um mich dreht; in der negativen Form, dass ich an allem Schuld bin, sowohl am Streit meiner Eltern als auch am Erdbeben in Südafrika und sogar an Frau Meiers Sturz auf dem Glatteis.

Ich wünsche mir für uns ein Erwachsensein und ein Erwachsenwerden im Sinne eines erweiterten Blicks auf die Welt. Auf das Geschehen in ihr. Auf die gesellschaftlichen Entwicklungen. Erwachsensein im Sinne von Mitverantwortung tragen und von Mitgefühl empfinden.

Die Zeit und ich
Die Zeit und ich

Sogar das Kind-in-mir kann das, denn von Kindern – den inneren, den eigenen und fremden – können wir viel lernen. Ich werde es mir nicht nehmen lassen, auch in Zukunft quer über matschige Felder oder durchs Unterholz zu streifen und wann immer möglich lieber Umwege statt direkte Wege zu nehmen (es sei denn, eines Tages versagen meine Beine mir diesen Dienst).

Und ich will mir auch bis ans Ende meiner Tage meine Meinung selbst bilden und sie sagen, wenn ich es für angebracht halte. Ich will dem Kind-in-mir Raum geben für Übermut, für Luftsprünge, für Tränen, für Wut, für Empörung. Kinder können all diese Emotionen oft viel besser und viel unmittelbarer ausdrücken und loswerden. Ich will, dass das Kind-in-mir und die Große, die ich auch bin und immer mehr werde, Freundinnen sind. Sich gegenseitig unterstützen. Miteinander statt gegeneinander unterwegs sind.

Und ich will bis ans Ende meiner Tage mit Gedanken, mit Worten, mit Metaphern und Bildern jonglieren, spinnen, weben, leben. Erwachsen und kindlich, verspielt und weise will ich sein.

Bin ich. Werde ich.