Ludvika

Ludvika, so sind wir uns nach kurzer Zeit einig, ist eine ziemlich gesichtslose Stadt. Wäre da nicht dieser feine Campingplatz mit seinen Linden und der Standort zwischen Uskavi und Falun, wären wir hier wohl vorübergefahren. In Erinnerung wird mir dieser Ort dennoch bleiben. Wegen der Begegnungen und Erlebnisse.

Vorgestern der freundliche Autofahrer, der mich hierher gefahren hat. Gestern die Begegnung mit Thorsten, der schon seit Mai durch Schweden wandert. Und auch unsere Stunde in der Kirche werde ich wohl nicht vergessen. 

Mangels wirklichem Futter für unsere von Kunst verwöhnten Augen haben wir uns der Kirche Ulrika (?) genähert. Ich mag ja Friedhöfe sehr. Auf einmal, wir sitzen auf einer Bank, fallen die ersten Regentropfen und wir überlegen, ins Zentrum zurückzugehen und uns bei Kaffee und Tee aufzuwärmen. Aber wieso eigentlich nicht in der Kirche den Schauer abwarten?

Eine katholische Kirche. Gebaut mit vier Flügeln, wie ein Kreuz also. Anders als die romanischen Katholen-Kirchen ist diese hier angenehm unkitschig (wer mich kennt, weiß, dass ich mit Kirchen, insbesondere katholischen, wenig am Hut habe). Ich fühle mich hierdrin richtig wohl. Das Klo ist hochwillkommen, eine Steckdose fürs Handy gibt es auch. Und Innehalten hat noch niemandem geschadet. Ich schließe die Augen, döse im Sitzen weg, genieße die fast totale Stille. 

Später appe ich ein paar Bilder, das hier zum Beispiel, und wir spazieren zurück ins Zentrum.

  

Mangels wirklicher Augenweiden, nehmen wir Dinge wahr, die wir womöglich sonst übersehen hätten. 

  

Gras und Mauern mal anders …

  

Als wir die zweite Tasse Tee resp. Kaffee trinken, regnet es sich ein. Nicht schlimm, guter Radlerregen, aber eben nicht wirklich gemütlich. Wie anders hätten wir die Stadt wohl wahrgenommen, wenn wir gestern Sonne satt gehabt hätten?

Zurück auf dem Platz – von einem Busfahrer, der seinen Job zu lieben scheint und die Menschen, die er herumkutschiert auch gleich mit – legen wir uns für ein Nickerchen ins Zelt. Schön, dieses Plätschern an der Außenwand. Warm ist es hier drin. 

Pünktlich um 19 Uhr, wie die Wetterapp vorhergesagt hat, hört der Regen auf. Wir gehen wieder zu den Linden rüber, an einen Tisch, der fast trocken geblieben ist, und kochen uns ein leckeres Essen.

Zu Reis gabs gestern Fetagemüse. Geht übrigens mit fast allen Gemüsen. Klein geschnitten in die Trangia-Pfanne, also in den beschichteten und gefetteten Deckel, geben (gestern waren es Zwiebeln, Pilze, Brokkoli). Darüber einen ganzen Fetakäse in Streifen geschnitten. Zuerst eine Weile anbraten/andämpfen, damit das Gemüse unterm Fetadeckel garen kann, dann umrühren. Der Feta zerfällt so und würzt das Gemüse. Fertig garen. Genießen. Aufgeschrieben auf Irgendlinks Wunsch. 🙂

Und nun? Packen und frühstücken wir und dann gehts los. Per Bus & Zug nach Falun bei mir, per Rad bei Irgendlink.

Ich freue mich schon sehr aufs Häuschen … 🙂

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PS: Wer eine der obigen Bilder als Postkarte will, schreibe es mir als Kommentar. Ich verlose drei Karten unter den Interessierten.

Wenn eine eine Reise tut – oder so

Das erste Stück, die vier oder fünf Kilometer auf dem Bergslagsleden durch den Wald, waren echt Klasse. Trotz des Rucksacks, oder wegen ihm sogar? Pilgerflow. Mein Tempo. Dazu Sonne. 

Kaum war Irgendlink nämlich losgefahren und hatte ich meine Auslegeordnung, die ich auf einem Tisch im Trockenen fertig verpackt, als auch schon die Sonne wieder kam. Das Zelt indessen hat Irgendlink nass verpacken müssen.  

Mein Bus Richtung Norden würde erst 14:55 in Fanthyttan losfahren, ich konnte mir also Zeit lassen. Eine halbe Stunde zu früh war ich an der Kreuzung und überlegte mir sogar kurz, zu trampen. Was wäre wenn?

Ich setze mich an einen Platz aufs Gras und warte. Warten, dein Name sei heute Sofasophia. Um zehn vor drei stand ich bereit für den Bus. Der Himmel hatte sich bereits vor ein paar Minuten zu verdunkeln begonnen, ich ahnte den nahenden Regen. Wie bewusst ich mir als Wandernde werde, wie abhängig ich doch vom Wetter bin! Ein erster Regentropfen fällt. Warte noch, lieber Regen, biitteee!, murmle ich. Da, der zweite, der dritte. 14:56 bereits. Komm Bus! 

Es tropft ein bisschen mehr. Und noch mehr. 14.58. Mensch, habe ich den Fahrplan falsch gelesen? Es tropft immer dichter. Tropft mir auf den Rucksack. Ich stelle den Rucksack auf den Boden, ziehe mir die Jacke über und öffne die Pelerine. 15:00. Oh Mann, hätte ich doch bloß getrampt. Also wirklich!

Ich kauere mich mit der angezogenen Pelerine um den Rucksack und hoffe, dass der Bus doch noch kommt. Halbherzig strecke ich den Daumen raus, könnte ja sein, dass ein Auto anhält.

15:03 – Ich habe eben doch noch den Regenschutz des Rucksacks aufgemacht und um diesen gehüllt, als der Bus endlich kommt. Ich steige hastig ein, klitschnass wie ich bin, und will – wie schon die vorigen Male – meine Zeche mit der Bankkarte zahlen. Geht aber nicht. Bar geht auch nicht. Nun denn, ich darf bleiben. Eigenlich hätte ich bis Stora fahren sollen, wenn ich den Fahrplan richtig gelesen hätte, aber weil der Bus ja eh nach Kopparberg, wo ich ebenfalls hin muss, fährt, bleibe ich sitzen. Dort will ich nochmals zu zahlen versuchen, doch der Schofför winkt ab. Ich danke herzlich und stürze mich raus in die Regenfluten. Zum Glück gibt es ein Wartehäuschen. 

Ein junger Schwarzer erklärt mir die Weiterfahrt. Es gibt einen Ersatzbus nach Ställdalen, weil der Zug zurzeit (?) nicht fährt. So richtig kapiert habe ich das alles aber erst, als der Ersatzbus tatsächlich kommt, kurz nach halb fünf, und uns alle samt der Leute, die schon in Stora im Bus sitzen, nach Ställdalen bringt. Auf dieser kurzen Strecke – vielleicht zehn Kilometer – hört der Regen auf und auf dem winzigen Bahnhof, der nur aus einem Wartehäuschen besteht, scheint uns allen die Sonne wieder. Nun bin ich wieder im Plan, den ich mir heruntergeladen habe: 17:08 ab Ställdalen bis 17:31 in Ludvika. 

Auch nach Ludvika führen viele Wege!

Der Zug fährt ein und lädt seine vielleicht dreißig Fahrgäste ein. Die meisten sind arabischer oder afrikanischer Herkunft, sehr freundliche Menschen und sehr hilfsbereit. Ich steige hinten ein, weshalb die Billettkontrolle erst spät kommt. ‚Last Minute Ticket‘ bekommt hier eine ganz neue Dimension, denn erst eine Minute vor Ludvika kaufe ich meine Fahrkarte, und siehe da, meine Bankkarte funktioniert. Wusst‘ ich’s doch. Seltsam!

Ludvika hat einen mittelgroßen Bahnhof und ein sehr großes Busterminal. Hätte ich mir doch bloß die Zeit genommen, mir alles genau anzuschauen, doch ich habe Kopfweh, bin müde und sehne mich nach einer kleinen Siesta. Im Wartebereich des Bahnhofs kaufe ich eine heiße Schokolade und dem Liebsten eine Nussmilchschokolade – mit Schwizer Nöt drin -, wo er doch neulich seine Tafel an die Wandersleute verschenkt hat. 

Ich appe ein paar Bilder und gehe später zum Busterminal rüber, wo der Bus nach Räfnäs, wo unser Campingplatz liegt, fahren soll.

Nun ja, mein Fahrplandownload hatte recht. Der Bus heißt 293 und fährt um 18:15. Ich stand nur am falschen Gate. Weil dieses Gate mit Smedjebacken angeschrieben ist und auch hier ist ein 18:15-Bus ausgeschildert. 

So stehe ich also beim falschen Bus, der richtige fährt mir da drüben buchstäblich vor der Nase weg. 

Nun denn, sieben Kilometer bis zum Campingplatz, dann gehe ich die halt zu Fuss. Denke ich. Solange ich an der Hauptstraße gehe, versuche ich dennoch nochmals zu trampen. Keine Chance.

Ich quere die Straße und finde einen schönen Quartierweg. Dank meiner GPS-App kenne ich die Richtung. Gut. Schöner Weg. Schöner Abend. Das wird schon. Irgendlink ist auch schon in der Nähe, schrieb er, als ich Zug fuhr. Hier kann ich keine SMS schreiben. Geht nicht. Warum auch immer. 

Was für ein hübscher kleiner See hier – eine Art Déjà-vu überkommt mich. Waren wir nicht schon mal hier, der Liebste und ich? Vor vier oder vor fünf Jahren? 

Als ich einen kleinen verkehrsberuhigten Hang hinaufwandere, versuche ich nochmals mein Tramperinnenglück. ein kleiner weißer Lieferwagen hält. Der Fahrer, ein sympathisch aussehender älterer Mann, nimmt mich mit und fährt mich direkt zum Campingplatz. Wir unterhalten uns sehr angenehm und ich bin froh, dass er mich fährt, weil sich der Weg doch recht in die Länge zieht.

Nach einer kleinen Runde durch den Campingplatz sehe ich, dass Irgendlink noch nicht da ist. Einen möglichen Stellplatz habe ich bereits ausgemacht. Ich gehe zurück zur Rezeption, die nur morgens ein paar Stunden offen ist, schreibe uns ins Buch ein und schon kommt Irgendlink an. Wie schön, dass auch bei ihm alles geklappt hat. Die Regenschauer haben auch ihn nicht verschont, aber nun ist er da und alles ist gut. 

Er war einkaufen, der Gute. Brot und Milch und Bier und so. Schwarze Schokolade für mich. Wir tauschen unsere Goodies und grinsen darüber.
Das Zelt ist schnell aufgebaut. Den Türcode, den es hier für die Toiletten und Duschen braucht, erfrage ich bei einer Frau, die in der Nähe steht. Doofe Dinger, diese Tippschlüsseldinger. Ich übe lange, mit voller Blase, bis ich endlich den Trick kapiere. Nun denn …

Wir picknicken an einem Tisch unter den Linden, die hier überall wunderbar blühen. 

Köstlicher Tee gibt das heute Morgen. Frisch vom Liebsten gejagt. Und ans Zeltbett serviert. 

Ich bin auf die Stadt gespannt und ob wir unsere beiden iranischen Zeltnachbarn von Uskavi treffen werden.

 

Auf dem Bergslagsleden
  
Selfie
 

Mein achter Tag

Heute vor einer Woche saß ich im Zug nach Zürich Flughafen. Erst eine Woche? Ich liebe es, wie sich in den Ferien die Zeit ins beinahe Unfassbare ausdehnt. Tageszeiten naht- und übergangslos ineinander übergehen. Wochentage kaum eine Rolle spielen.

Nun ja, gestern war Sonntag, aber einer, der sich in ein Montagspelz gewickelt hat. Oder so. Ständig fiel Irgendlink oder mir was runter und mich nervte ständig etwas. So ein Tag halt.

Da saß ich friedlich nach Irgendlinks Seebad (ja, ich gestehe es, mir war es zu kalt) noch allein auf dem Badesteg an der Ab-und-zuen Sonne, die mit den Wolken schäkerte, während der Liebste sich im Zelt nach Kleidern umschaute, als auf einmal ein junger Typ kaum einen halben Meter neben mir auf dem riesigen, ansonsten leeren Steg Platz nahm.


Ich öffnete kurz die Augen, nickte ein wenig in seine Richtung, nahm meine Beine ein bisschen mehr zu mir und schloss die Augen wieder. 

Da. Auf einmal werde ich nassgespritzt. Ob es ein Kopfsprung war, dazu ein eleganter, bezweifle ich, ich tippe ja eher auf einen „Ränzler“, so wie das gespritzt hat. Als der Typ wieder auftaucht, knurre ich ein „Thank you“ in seine Richtung und rausche beleidigt ab. Nun hat er den Platz für sich. Was vielleicht sein Ziel gewesen ist. Sollte es aber das Ziel gewesen sein, mir zu imponieren, nun denn …

Später, auf unserm Platz, der zurzeit uns allein gehört, denn alle andern sind abgereist, wollen drei Erwachsene auf dem Zeltplatz Ball spielen. Irgendlink liegt noch im Zelt, ich bin eben, nach dem Nickerchen, rausgekrochen und sitze an der windigen Sonne. Ich verteidige den Platz, sage dass das hier ein Zelt- kein Spielplatz sei und fühle mich einerseits gut, weil ich unsere Ruhe verteidige, fühle mich aber andererseits auch ziemlich Schei***, denn ich bin am Zähnezeigen, am Knurren, und das ist ja so was von nicht nett.

Nochmals knurre ich, als ein Riesenwohnwagen, kurz darauf, auf dem riesigen Platz ausgerechnet sieben Meter neben uns parken will. Ich mache Handzeichen, die sowas wie „mehr Abstand bitte!“ signalisieren sollen. Zum Glück nimmt er mich ernst. Und stellt sich nun ungefähr zwanzig Meter von uns entfernt auf. Obwohl es da und da und dort noch soooo viel Platz hätte. Er baut eine Trotzburg vom feinsten auf, inklusive Zwerghundezwingerchen. Aber immerhin ist die Familie nett, leise, rücksichtsvoll.

Weniger leise ist die französische Teenie-Bande, die auf dem Platz einfällt, als wir von unserer späten Nachmittagswanderung auf dem Bergslagsleden zurückkommen. Etwa zwanzig Jungs und Mädels bauen an zentralster Lage ihre Zweierzelte auf. Die Fahrräder stehen am Zaun. Die Kids sind konzentriert am Zeltbau. Später erst geht der Radau los, der zum Glück kurz nach zehn abebbt.

Was mich – ichgestehe es – geärgert hat, ist, dass sie das gemütliche Wohnzimmer, auf das wir uns – zwecks Geräteaufladen – gefreut hatten, annektiert haben. Ich habe mir halt gedacht, dass sie unten am See an der Feuerstelle grillen würden. Wie frau sich täuschen kann …

Und ja, wir haben den gestrigen Abend doch geräteladend verbracht: In und vor der Rezeption oben. Ruhig zwar, aber kühl. 

Kurz und gut – gestern war Montag!

Darum kann heute nicht mehr Montag sein. Darum werden wir heute einen guten Reisetag haben. Irgendlink wird auf dem Sverigeleden nach Ludvika radeln, ich auf dem Bergslagsleden nach Fanthyttan wandern (etwa 4 km) und von dort mit zwei (oder sind es drei?) Bussen auf den Camping in Ludvika reisen. 

Über unsere Pläne für die nächsten zehn Tage habe ich gestern bei Irgendlink drüben als Homebase ein paar Zeilen geschrieben. 

Nun denn … wir werden demnächst packen, frühstücken und Uskavigarden verlassen. 

Wer weiß … vielleicht, falls wir ja mal den Bergslagsleden wandern werden, kommen wir wieder. 

Euch allen da draußen einen tollen Montag, einen tollen Wochenstart und Dankeschön fürs Mitwandern.

Begegnungen

Dass ich über die Menschen am Weg schreiben könnte, ist mir erst gestern zum ersten Mal eingefallen. Seltsam eigentlich, wo ich doch ständig am Beobachten bin. Ziemlich wertfrei meistens, manchmal mit Unverständnis, manchmal mit Staunen. 

Gestern aber war so ein Tag, an dem wir noch und nöcher über Lebensgeschichten, über Ausschnitte von Lebensgeschichten, gestolpert sind.

Nach unserer Rückkehr vom Einkauf und unserer schon beinahe rituellen Teatime im Zeltplatz-Café fahren wir mit unseren Rädern zum Zelt. Oh, wie leer er ist! Nur noch die Familiengruppe ganz hinten (die im Vorvorartikel vermuteten acht Zelte sind übrigens nur drei) und am zweiten Tisch ein Wanderzelt, das etwas größer ist als unseres. Vorne, gleich nach dem Eingang der Zeltwiese, mühen sich zwei junge Menschen, ein Mann und eine Frau, erfolglos mit dem Aufbau eines kleinen Zeltes ab. Mühen im doppelten Sinn: Der Wind spielt ihnen ganz schön mit und die Technik, die Handhabung des Zeltbaus, scheint ihnen wenig vertraut. Wir grüßen im Vorübergehen freundlich, stellen unsere Räder ab und schielen zurück. Irgendlink hat kaum den Fahrradständer aufgeklappt, als er sich auch schon auf dem Absatz dreht und auf die beiden zugeht. 

Ob sie Hilfe brauchen, fragt er. Sie nicken erleichtert. Ich habe meine Sachen vom Rad genommen und gehe nun auch hinüber zu der kleinen Gruppe, denn ein Zelt hat ja vier Stangenenden, die in  vier Ecken müssen. Ergo braucht es vier Menschen für den Aufbau. Wir lächeln uns an und bauen nun zu viert das Zelt ruckzuck fertig auf. Ein kleines, einfaches Zelt aus dem Supermarkt – ohne Überzelt. Hoffentlich regnet es nicht, sag ich noch. Wir reden ein wenig, bekommen von den beiden jungen in Schweden aufgewachsenen Iranern – die Frau ist seit einjährig im Land, der junge Mann seit zweijährig – Nougatgoodies mit auf den Weg. Und viele Dankesworte. 

Solange die Sonne scheint, ist der Wind erträglich, und die Temperatur ebenfalls. Irgendlink überlegt sich sein zweites Seebad heute. Held spielen heißt das bei uns beiden. Er verzichtet. Zugunsten einer heißen Dusche, diesem Heldentum des kleinen Mannes. Ich setze mich derweil ins gemütliche Wohnzimmer, denn es ist kühl geworden und ich tauge wenig zur Heldin und masochistisch veranlagt bin ich ja auch nicht wirklich, obwohl man sich – so von außen betrachtet – ja fragen kann, ob Menschen, die sich Wander- und Radtouren antun, ein bisschen selbstquälerisch veranlagt sein müssten. Von außen betrachtet natürlich nur.

Außen- und Innensichten weichen oft sehr voneinander ab. Im warmen Wohnzimmer setze ich mich an „unsern“ Tisch, wo wir schon am Vorabend gemütlich gehockt und unsere Telefone an den Steckdosen aufgefüllt haben. 

Am Nebentisch sitzen die Kinder der Nachbarszeltsippe und spielen ein Kartenspiel – mit ganz normalen Jasskarten. Ganz normale gesunde Kinder zwischen neun und vielleicht fünfzehn Jahren. Die beiden Elternpaare wuseln unaufgeregt zwischen Küche und Wohnzimmer herum, decken Tisch, kochen für alle und es fühlt sich ein bisschen an wie in einem Schullager. Die beiden Wanderer-Nachbarn sind ebenfalls da, sitzen am Tisch vor der Küche und studieren Wanderkarten, derweil ich den gestrigen Blogartikel fertig schreibe.

Als Irgendlink, frisch geduscht, zu uns allen stößt, entspinnt sich ein Gespräch mit der einen der beiden Mütter, die sich nun zu den spielenden Kindern gesetzt hat und mitspielt. Aus Leipzig seien sie und kennen sich aus Kindergartenzeiten der Kinder. Sie machen oft zusammen Urlaub. Mit Zelten auf günstigen Plätzen wie dem hier. Norwegen schon paarmal. Nun eben Schweden. 

Als das Essen der Famiilien fertig ist – und mein Blogartikel ebenfalls – überlegen wir beide hin und her. Am Zelt kochen (bei Wind und Kälte) oder unsere Sachen holen und hier in der Campingküche kochen … Irgendlink geht schon mal vor. Als ich ebenfalls zum Platz komme, steht er mit den beiden jungen Iranern, die ihr Zelt soeben wieder abgebaut haben, zusammen. Sie werden zurückfahren, nach Ludvika, wo sie wohnen. Das Zelt ist ihnen doch ein wenig zu witterungsunsicher. Der kurze Platzregen von vorhin hat sie ernüchtert. Wir tauschen Nummern, denn sie möchten uns unbedingt zum Essen bei sich einladen, wenn wir ab Montag für zwei Tage in Ludvika sein werden. Wir sind gerührt und freuen uns. Verabschieden uns herzlich. Bis bald!

Irgendlink hat die fürs Kochen und Essen notwendigen Sachen in die Packrolle geladen und wir gehen rüber in die Campingplatz-Küche. Gemüseschnippeln, Reiskochen, Tischdecken … ja, wirklich, es ist gemütlich hier. 

Während wir die Dinge vor sich hin kochen lassen, erfahren wir mehr vom Wanderpaar, das ich so auf Mitte fünzig schätze. Sie wandern seit fast drei Wochen den Bergslagsleden, sind hier nun auf der zweitletzten Etappe angelangt und tragen 24 resp. 28 kg auf den Rücken. Mindestens je acht Kilo sind dabei gefriergetrocknete Lebensmittel und andere Survivals, denn auf diesem 280 km langen Wanderweg gibt es kaum Einkaufs- und Verpflegungsmöglichkeiten. 

Sie kommen ursprünglich aus Magdeburg, aus der Jerichower Gegend, leben nun aber, der Arbeit wegen, die ihnen dort abhanden gekommen ist, in Bayern. In Augsburg.   Warum sie so schwer tragen, wird mir später bewusst, als ich sie nach einer Webadresse frage: Resrobot.se ist DIE Adresse, wenn man in Schweden mit ÖV unterwegs ist. Gibt auch einf tolle App!

Die Adresse hat die Frau in ihrem Leerbuch, das mindestens ein halbes Kilo wiegt, notiert. Er liest einen dicken, kiloschweren Wälzer. Das Kartenmaterial wiegt sicher ebenfalls zweihundert Gramm. All das habe ich, wird mir bewusst, in meinem smarten Telefon: Karten, Bücher und Notizbuch.

Irgendlink schenkt ihnen seine angebrochene Schokolade. Meine schwarze Bitterschokolade mögen sie nicht (zum Glück, ähm ja …).

Wir sitzen noch eine Weile da, surfen Infos über den Camping von Ludvika, dessen Standort nicht ganz klar ist – gibt es einen oder zwei?  – und gehen schließlich ins Zelt. 

Dort ist es, wie immer, schnell kuschelig warm, sobald wir drin sind. Wie es jedoch bei zehn Grad oder weniger sein wird, will ich lieber nicht wissen. 

Nun ist es früher Morgen. Irgendlink ist rausgekrochen und hat Kaffee und Tee gekocht und nun sind wir wieder im Zelt. Der Wind, nun schon über vierundzwanzig Stunden sehr stark, geht an die Nerven. Nicht nur, weil er am Zelt rüttelt, er ist auch laut und – wenn man draußen ist – auskühlend. Ich würde ihn gerne in den Süden schicken, wo er bestimmt willkommen ist, falls es dort noch immer so heiß ist wie in den letzten Tagen. Könnte man doch das Wetter ausgleichen. Gewichte und Lasten gehen bedingt, aber Wetterverhältnisse?

Da gibt es nur das Ja. Ein Nein zum jeweils herrschenden Wetter macht krank. Dinge, die sich nicht ändern lassen, zu akzeptieren, gehört zu meiner Lebensaufgabe mit dazu. Ich übe noch.

Panorama Zeltwiese Uskavigården

Umwege und die Bedingungslosigkeit

Wie wir – diesmal mit einem am Zeltplatz kostenlos ausgeliehenen rostigen, robusten, Dreigänger-Rad – Richtung Guldmedshyttan aufbrechen, nehmen wir diesmal den Svergieleden statt der Autostraße, die wir vorgestern getrampt sind.

Ein Umweg. Den Nerven zuliebe. Auch auf dem Rückweg, vollgepackt, schwer beladen, nehmen wir wieder den Umweg mit seinen Auf und Ab in Kauf. Das schont die Nerven, sagt Irgendlink. Ein weiser Entschluss. Eine traumhaft schöne Landschaft.

Anachronistisch ist es, so zu leben, wie wir leben, denke ich. Nicht die schnellsten, nicht die kürzesten Wege zu gehen, weil es effizienter ist; nicht nach dem Teuersten, Besten, Leistungsfähigsten zu streben, weil man das doch so macht, sondern einfach das Gute, das da ist wertschätzen.

Die Dreiganggurke zum Beispiel, die wir uns in der Rezeption ausgeliehen haben, fährt gut. Die heutige Aufgabe ist klar: Eins werden mit dem Rad – ich gestehe, dass ich es nicht auf Anhieb geschafft habe. Nur drei Gänge! Keine Vorderradbremse – hinten Rücktritt. Nun denn – wir sind dennoch Freunde geworden, das Rad und ich. Auf einmal war ich eins mit ihm.

Und die Hügel und ich auch. Eins werden mit dem Berg war vor einem Jahr das Thema Nummer eins bei mir, damals, als wir uns pilgernd an die Besteigung des Gotthardpasses gemacht hatten. Wind und Regen trotzend, waren wir bergan gestiegen. Schritt für Schritt.

Sich den Berg in Stücke zerdenken macht es einfacher. Ich habe es heute wieder geübt. Auf dem Rückweg musste ich das Rad nur einmal schieben, weil mir für jene eine Steigung die kleinen Gänge gefehlt haben. Bei den andern Steigungen habe ich mich gaaanz langsam hochgekurbelt. Tret für Tret. 

Dinge um ihrer Selbst willen tun oder lassen. Menschen um ihrer Selbst willen mögen, lieben, leben lassen. Wege um ihrer Selbst willen gehen. Wieso fällt mir diese Hingabe an das Eine, an den Moment eigentlich oft so schwer? Wieso packe ich in alles immer noch einen Zweit- oder gar Drittsinn mitrein?

Aufs Klo gehen und gleich noch die Wasserflaschen auffüllen oder Geschirr spülen – Effizienz sogar in den Ferien. Kollateralhandlungen. Nichts nur so. Fällt echt schwer, läuft meiner praktischen Ader zuwider. 

Kleine Pause im Freizeitmöbelshop in Fanthyttan

Tret für Tret nähern wir uns dem Campingplatz und entscheiden unterwegs, bis Montag hierzubleiben, weil es uns hier so wohl ist.

Das letzte steile Stück. Ich steige in die Pedalen. Was für ein Gegenwind aber auch! Da, auf einmal seine Hand im Kreuz, an der steilsten Stelle. Er schiebt mich an, einhändig auf dem schweren Rad fahrend. Was für ein Geschenk!

Eine Metapher auch: Geschoben werden. So erlebe ich grad die Blog- und Twitterwelt, obwohl ich zurzeit selbst kaum bei andern lesen kann (Ressourcenökonomie).

Danke!

[PS: Mit der neuen WordPress-App für iOS lässt sich übrigens doch offline entwerfen, es gibt einen Entwürfeordner. Die Anzeigen mit „Synchronisieren nicht möglich“ einfach ignorieren. Der Entwurf ist dann aber nur lokal (also auf dem Handy) gespeichert!]

Bleiben oder gehen

Uskavigården ist ein Platz, der einem die Weiterreise nicht leicht macht. Nach meinem körperlichen Tiefpunkt heute Morgen geht es mir wieder besser. Trotzdem sind wir hier geblieben, haben geschwatzt, gelacht, geplant, an der milden Schwedensonne gefaulenzt und Minigolf gespielt. Mein vielleicht fünftes Mal. So langsam verstehe ich, was andern daran gefällt.

Du musst eins werden mit dem Ball, sagt Irgendlink. Es gelingt nicht schlecht. Und die zweite Runde gewinne ich sogar, nach der ersten unentschiedenen.

Auch mit der Reise muss man eins werden. Mit allem, das uns umgibt muss man eins werden. Sonst ist es unerträglich. Vielleicht muss man sogar mit den  neuen Zeltnachbarn eins werden?

Jeden Tag ändert sich das Bild auf dem Campingplatz. Jeden Tag ein neues Luftbild wäre sicherlich spannend – zum Zeitraffer-Filmchen montiert sicher witzig.

Heute morgen waren nur noch wir und die Familie am gegenüberliegenden Ende der großen Zelte-Wiese da. Herrlich weit der Platz. So mag ich es. Enge widerstrebt mir.

An Abend, als wir von unseren Streifzügen auf den Platz zurückkommen, hat sich das Bild total verändert. Hinten links, aber in sicherem Abstand zu unser kleinen Insel, bestehend aus Rad und Zelt und Tisch, stehen etwa acht neue Igluzelte. Ein paar Autos darum herum und ein Menschengewusel. Alles aber weit genug weg, um nicht zu hören, in welcher Sprache diese Menschen sprechen. Nun ja, sollen sie doch. Solange sie uns nicht zu nahe kommen.

Schlimm, diese meine ‚Unser Boot ist voll‘-Haltung, sage ich noch zu Irgendlink – es ist halb neun oder so, wir haben eben fertig gekocht – als ein weiterer Wagen, ein Kombi mit Gepäcksarg oben drauf – auf den Zeltplatz einfährt. Der Wagen parkt zwischen uns und dem nächstnäheren Zelt der Achtergruppe. Nun ja, eigentlich eher näher bei uns, ziemlich nahe bei uns, um genau zu sein. Wir essen unser Gericht und ich kommentiere kicherend wie der Zeltbau vorangeht, weil Irgendlink es nicht sehen kann. Und ich, nun ja, ich sehe eigentlich auch nicht, was mich je länger je mehr befremdet: wie nahe nämlich die drei Männer, ein älterer, ein junger und ein Bub, sich bei unserm Zelt niedergelassen haben. Kein weiteres Zelt hätte zwischen dem Zelt des jungen Mannes uns unserem mehr Platz.

Schlimm ist das eigentlich nicht. Nun ja, schlimm wäre das eigentlich nicht, wenn es nicht vorne auf der Wiesen noch riesig viel Platz gehabt hätte. Für mindestens acht Zelte mehr. Ohne dass die drei uns so sehr auf die Pelle hätten rücken müssen.

Auf unserem Abendspaziergang am Waldrand und am Seeufer entlang – ein Sonnenuntergang vom feinsten! – überlegen wir, warum uns das so beschäftigt. Und was genau es ist, was uns an dieser Nähe nicht behagt.
Nun gut, wir sind zwei Menschen, die unabhängig voneinander einen recht hohen Grad an Freiraum mögen. Respekt vor dem eigenen Raum und den Grenzen anderer ist uns beiden sehr wichtig. Ein bisschen eigen und eigenbrödlerisch sind wir ebenfalls beide, obwohl wir mit lieben, uns vertrauten Menschen Nähe gut und gerne teilen mögen. Aber eben: Rücken uns nicht bekannte, uns nicht vertraute Menschen zu nahe auf den Leib, wird es uns schnell einmal eng, zu eng. Unbehaglich fühlt sich das an. Und ich kann dann schon mal ein bisschen – wie ein kleiner giftiger Hund – bellen. Noch eher aber ist es so, dass ich nichts sage, mich aber zurückziehe.

Wir könnten, sage ich darum, als wir fertig gegessen und die drei ihre beiden Zelte fertig aufgebaut haben, wir könnten ja unser Zelt auf die andere Seite des Tisches verschieben.

Beim Spaziergang sagt Irgendlink, wie sehr es ihn immer wieder erstaunt, wie unterschiedlich Menschen Nähe und Intimsphäre wahrnehmen und wertschätzen oder überhaupt keinen Sensor für solcherlei haben.

Die stammen vielleicht aus einer Großstadt, wohnen in beengten Verhältnissen und kennen vielleicht nichts anderes als Lücken aufzufüllen, mutmaße ich, während wir beide, als Landeier groß geworden, den Raum drumrum kennen und schätzen.

Ich denke darüber nach, dass ich mit meiner Haltung im Grunde auch etwas wie Angst ausdrücke. Kommt mir bloß nicht zu nahe!, signalisiere ich und weiß jetzt auch, warum ich durchaus gernen wild campiere. Nein, es ist keine rassistisch motivierte Abgrenzung, im Gegenteil bin ich Menschen aus anderen Kulturen gegenüber fast toleranter als SchweizerInnen, weil ich mir bewusst bin, dass jene anders funktionieren. Aber von Menschen aus meinem Kulturkreis möchte ich eben besonders gerne, dass sie meine Grenzen respektieren.

Hoffentlich schnarchen sie nicht, sage ich und bringe es damit vor mir selbst auf den Punkt. Ich mag vor allem den Lärm nicht, den andere Menschen produzieren. Ich möchte nicht in die Geräuschewelt anderer mir unbekannter Menschen eintreten müssen; nicht nachts und nicht ungefragt.

Manche Leute vertragen gewissen Lebensmittel und gewisse Pollen nicht, ich vertrage Geräuschemmissionen nicht. Gehörverschmutzung bekommt mir nicht.

Ich liebe es, wenn es keine Geräusche hat, außer jener, die die Natur selbst erschafft. Hier Blätterrauschen, Wasserwellen auf dem Sandstrand, Vogelgezwitscher. Oder wie vorhin am See: Auf einmal das Stelldichein der Möwen direkt vor uns über dem See. Zuerst eine, dann zwei, drei, dann ganz viele – kreischend ziehen sie ihre Bahnen, im Kreis, auf, ab, immer wieder … dann zerstreuen sie sich, zwei setzen sich aufs Wasser, wie Entchen, dort drüben noch zwei … Und schon ist es wieder ruhig.

Ob wir wohl für die Tiere ein ebenso unverständliches  Rudelverhalten an den Tag legen?

Ob wir Uskavigården morgen oder erst übermorgen verlassen werden – gehen oder bleiben? – entscheiden wir morgen. Ludvika, unser nächstes Ziel, lockt ebenfalls mit See und Campingplatz, aber ob der so schön ist wie der hier?

Leisten, funktionieren und/oder Nichtstun

Da habe ich doch vorhin, noch im Zelt, einen Artikel in die Tasten gehackt, direkt in die WordPress-App, wie früher oft, und nun ist er weg. Einfach weg. Die ‚Entwurf im Offline-Modus‘-Funktion gibt es offenbar seit dem neuen App-Update nicht mehr. So doof. Seid gewarnt, ihr da draußen!

Zum Glück habe ich aber eine schlichte Schreib-App und da bin ich jetzt drin, werde klassisch mittels Copy-Paste bloggen und keine Risiken mit upgedateden Apps mehr eingehen. Der Einstieg ins Thema war zwar anders gedacht gewesen, doch eigentlich passt das hier auch irgendwie. Gehören nicht alle Erfahrungen irgendwie zusammen?

Wie wir gestern frühstücken, frage ich den Liebsten, ob für ihn diese Tage hier ebenfalls zur Tour zählen – oder doch eher nicht. Weil er ja streckenmäßig kaum vorankomme, pausiere, innehalte, sage ich – kurz und gut, da er ja im Toursinne weniger leiste. Und, nun ja, ich will halt auch wissen, ob er sich von mir und von unserer Ferienzeit ausgebremst fühle.

Ich trenne nicht. Das gehört alles zusammen. Das ist alles ein Ganzes, sagt er später, als wir Richtung Nährmutter ICA wandern.

Der nächte Laden, so haben wir an der Rezeption des Campingplatzes erfragt, sei zehn Minuten entfernt, links vom Kreisvortritt Richtung Norden. Zehn Autominuten – vermuten wir, machen den nächsten Weiler aus und peilen ihn als mutmaßlichen Einkaufsort an. Dahin gibt es sogar einen Wanderweg. Und was für einen! Schon bald stellt sich Ruhe ein, die Stille des Waldes umschließt uns, erinnert an die Pilgerwanderung vor einem Jahr. Ich fühle mich trotz allem auch sehr  müde – stelle fest, dass ich echt erholungsbedürfig bin. Die letzten strengen Monate bei der Arbeit melden sich aus allen Zellen. Ich keuche den Hügel hinauf und bin froh, in meinem eigenen gemächlichen Tempo gehen zu können. Was für ein Wald! Dafür hat sich die weite Reise aber gelohnt!, sage ich. Unser Bonmot, an dem wir vor Jahren auf der Reise an den Polarkreis an jeder schönen Ecke gemeißelt haben.

Im nächsten Weiler angelangt, erfahren wir, dass der Laden noch mindestens sechs Kilometer entfernt sei. Oh neiiin!, jammern wir theatralisch. Weil … hier gibts wohl keinen Waldweg und diese Straße hier ist befahrener als die andere und wir beide hassen Straßentippelei.
Lass uns trampen, schlage ich vor. Oder, sagt Irgendlink, wir wandern zurück und ich gehe später mit dem Fahrrad dahin?

Fünf Minuten – lass es uns fünf Minuten probieren, sage ich. Das letztmögliche Auto hält an. Ein Volvo. Der Fahrer kommt aus Leksand, wo wir vor Jahren das tolle Glockengebimmel und den Markt genossen haben. Er mag die Hitze, von der wir erzählen. Dass es heute um die vierzig Grad sei in der Schweiz, sagte ich. Er wolle, wenn er pensioniert sei, in Spanien ein Winterhaus kaufen.

Schließlich lädt er uns an einer Konsuminsel aus, bestehend aus ICA, Café, Pizzeria, Tankstelle und Busstation. ICA, du Nährmutter du! Wir schlendern durch die Regale, uns bewusst, dass wir alles nachher schleppen müssen, was wir kaufen. Reis, sage ich, ist eine gute Pastaalternative. Brot. Milch. Und Goodies, natürlich. Das muss einfach. Mindestens einmal pro Skandinavienaufenthalt. Dreißig, was sage ich? fünfzig!, Sorten Schleckzeug – von Gummidingern über Schockonussstückchen – stehen zur Auswahl. Tüten und Schäufelchen wie in alten Krämerläden. Nur halt in Selbstbedienung. Wir schlagen zu. Hauen rein. In der Tankstelle bekommen wir Rödsprit, wunderbar.
Siesta auf einer der Picnicbank-Inseln im Gelände. Muffin- resp. Donut-Pause. Er ist der Donuttyp, ich die Muffin. Was das wohl über uns aussagt?

Es gibt einen Bus, eine halbe Stunde später, der dahin fährt, wo wir in den Volvo gestiegen sind, findet Irgendlink heraus. Wir versuchen es dennoch zuerst mit trampen, haben aber diesmal kein Glück. Der Bus bringt uns zur Weggabelung und wir wandern den gleichen Weg durch den Wald zurück.

Was gut tut nach diesem kleinen bunten Konsumrausch eben.
Das Auf und Ab geht echt ganz schön in die Beine, merke ich. Die Wanderroutine ist noch nicht wieder da. Macht nichts. Wir haben es ja nicht eilig.

Auf dem Campingplatz ist es kurz vor Cafeteria-Schließung und wir schaffen es grad noch, eine Tasse Kaffee und eine Tasse Tee zu bekommen.

Glitzerlicht über dem See. Gewitterwolken. Märchenstimmung. Eigentlich wollten wir ja baden, doch es geht ein kühler Wind. Das Wasser ist vom gestrigen Regen auch wieder ein oder zwei Grad kühler … nun ja … später, nach einem Nickerchen machen wir einen auf Helden, schlüpfen in die Badeklamotten und gehen in den See. Ich nur ganz kurz, der Liebste, der sich ja abhärten muss fürs Nordkap, schwimmt eine kleine Runde. Zähneklappernd dusche ich heiß, froh über diese Möglichkeit hier.

Nach dem Abendessen (ja, richtig, keine Pasta!), heute gibt es Reis – dazu gebratenen Feta mit dreierlei Gemüse – suchen wir ein paar Geocaches, finden aber nur die Hälfte, dafür aber einen Ausschnitt des Bergslagsleden, eines 280 Kilometer langen Wanderweges, den wir irgendwann mal wandern wollen.

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Unterwegs sagt Irgendlink: Lass uns noch einen Tag länger hierbleiben. Einfach mal nichts tun. Nichtstun. Gar nicht so einfach, denn Bloggen ist ja auch nicht nichtstun. Und Bilder bearbeiten, Karten gestalten auch nicht.

Die -Tour ist ja eine Kombination aus dem allem, und darum ist auch ein scheinbarer, zumindest örtlicher Stillstand kein Stillstand. Ich bin eine Kunstmaschine, ich kann nicht nicht kunsten, sagte Irgendlink einst. Künstler haben nie Pause, ist auch so ein Satz aus seinem Mund. Stimmt.

Darum zählen auch diese Tage hier und auf dem Weg nach Falun, sogar die Tage in Falun dazu. Sie nähren die Kunstmaschine, damit sie nachher wieder frisch gestärkt ans Nordkap radeln kann. Ähm, er natürlich, er, der Mensch, der Künstler, eine Maschine ist er nämlich nicht. Eine Maschine hat kein Herz.

2300 Kilometer seien es, auf dem Sverigeleden, und wenn er jeden Tag – ohne Pause – so um die siebzig bis achzig Kilometer fahre, könne er es bis Ende August schaffen bis ans Kap, denkt er laut.

Und wenn auch nicht – es ist, wie es ist. Und das ist gut so.

Camping-Impressionen

Nachts eine Stille, die von nichts außer meinem Tinitus gestört wird. Ich bin kurz erwacht, weil ich mich gedreht habe. Im Schlafsack, vor allem wenn er offen ist, muss beim Drehen ja immer das ganze Paket mitgedreht werden, weshalb das fast nicht ohne kurz zu erwachen geht. Im Winzig-Zelt muss zudem auch darauf geachtet werden, dass ich dem Liebsten nicht meine Füße und Arme in die Rippen stoße. In der richtigen Position angekommen, alle Beine und alle Arme wohlplatziert und der Kopf ebenfalls, wird mir bewusst, dass da draußen nicht das geringste Geräusch ist. Keins. 

Kein Vogel. Kein Auto. Kein Blätterrauschen. Keine Insekten. Nichts. Und wie immer in skandinavischen Sommer ist es nie wirklich total dunkel. Ich sehe einen winzigen Käfer an der Zeltwand und überlege mir, ob er sich der Endlichkeit und Sinnlosigkeit dieser Wanderung bewusst ist. Ob wir uns der Endlichkeit und Sinnloigkeit unserer Wanderungen bweusst sind. Der Müßigkeit aller Anstrengungen. Und ich frage mich, was unser Käfer wohl seinen Verwandten erzählen wird später. Wie der Ohrwurm gestern, der im Innenzelt von Örebro hierher mitgewandert ist. Er wird vermutlich nie mehr in Örebro sein. Ob Ohrwürmer Verwandtschaften pflegen? Ob sie Heimweh kennen? 

Sandmännchen kommt wieder vorbei und ich döse weg. Später muss Irgendlink mal kurz raus. Zurück kommt er mit ein paar Tweets auf der Zunge und er weckt darum sein Handy auf. Es ist halb fünf. Ich schlafe weiter. Der Schlaf und ich haben noch was vor miteinander, murmle ich. 

Diesmal träume ich von einer Klassenzusammenkunft, einer fiktiven, in meiner Heimat. Ich kann da genauso gut hin, sage ich mir, derweil Irgendlink in der Stadt ist und ich auf ihn warte. 

Da, schaut, sage ich später zu den Kolleginnen von einst, als der Liebste auftaucht. Er war beim Frisör, obwohl ich ihm doch normalerweise die Haare schneiden darf. Stolz erzähle ich den Kameradinnen, was er zurzeit so treibt. Dass er ans Kap radelt. 
Ich erwache mit einem Schmunzeln und betrachte den Schlafenden neben mir andächtig und staunend. Schlaf ist eine wunderbare Sache. Und obwohl das Zelt so klein ist und es gewiss komfortablere Unterkünfte gibt, möchte ich mit niemandem auf der Welt tauschen. Ich schlafe wunderbar in diesem portablen Zuhause.

Heute bleiben wir hier, in Uskavi, und werden eine Wanderung in den nächsten Ort mit Laden unternehmen. Eine gemütliche Zehn-Kilometer-Wanderung. Die Sonne scheint. 

Herz, was willst du mehr?

  

Uskavigården – Camperinnenträume werden wahr

Uskavigården – ein Ort am Ende der Welt. Kein Ort eigentlich, nur ein paar Häuser in der Pampa. Seeanstoß. Rasen. Ein paar Wege. Vielleicht 40 Caravan-Stellplätze und ein großer Platz für die Zelte. Leer bis auf einen Wohnwagen, der sich hierher verirrt hat. 

See- oder Meeranstoß: Das ist das Bild, aus dem meine Skandinavienträume schon immer waren. 

Es ist kurz vor halb vier als ich ankomme. Die zwei Busse, einer bis Nora, ein zweiter ab dort, haben mich durch eine stetig wilder und ländlich werdende, unbewohnte Landschaft hierher gebracht. Eine Minute, bevor ich aussteigen darf, setzt ein Platzregen ein. Die Sonne versteckt sich nicht, lacht über den Regen und verzaubert die Szene mit einem surrealistischen Glitzern in etwas Hollywoodeskes und so verlässt die Heldin mit geschultertem Rucksack den Bus, steht vor dem glitzerden Märchenschloss und bittet um Einlass. 

Für lumpige 120 Kronen gehört das alles ihr. Ähm, mir. Ich meine: Uns. Für eine Nacht. Doch wir dürfen gerne länger bleiben, sagt die Rezeptionistin.

Ich ziehe mir die schweren Schuhe aus, zippe die Hosenbeine auf Halbmast und wate durch den See. Kühl. 19 Grad schätz ich mal. Nicht so warm wie die Dschungelwelt „Lost City“, das Erlebnisbad mit den sechs gefährlichen Kreisch-Rutschen, das wir heute Morgen heimgesucht haben, weil es zum Eintritt des Örebroer Campings gehört.

Krasser Kontrast das! Örebro: Mondän, modern, animiert. 

Uskavigården: Natürlich, ruhig, überschaubar.

Beide haben Spielplatz und Minigolf, okay, sonst aber kaum Ähnlichkeiten. Den hier ich mag ich irgendwie lieber. Der Stille wegen. Kein Auto-Dauerrauschen. Wenn mal jemand vorbeifährt, hörst du es.

Ich mag beide Plätze (so ähnlich wie ich beide Lebensmöglichkeiten mag), aber der hier ist – nun ja – eher mein Ding. 

Gleich kommt Irgendlink. Er ist die 60 km hierher geradelt, während ich gemütlich im Bus und am See saß, später ein wenig gelesen und nun ein diese Zeilen hier getippselt habe.

Die Sonne hat die Gewitterwolken durchbrochen. Wunderbar das!

Später. Halb neun. Irgendlink ist um halb sieben rum hier gelandet. Frisch eingekauft hat er auch gleich noch: Gemüse, Goodies, Früchte, Joghurtdrink und Co.

Wir erzählen, packen aus, bauen das Zelt auf und kochen. Herrlich, diese Ferienroutine, dieses Vertraute, wo und wann immer wir zusammen unterwegs sind.

Nun sind wir vom Regenschauer ins Zelt geflüchtet. Platzregen aus blau-grauem Himmel. Gemütlichkeit ist in der kleinsten Hütte, heißt’s doch so schön.

  

Toller Tag das!

Zwei Pläneschmiede

Da ich immer mal wieder in Mails gefragt werde, wann wir denn nun unser Häuschen in Falun beziehen würden, ein paar Fakten zu Beginn: Weil ich das Häuschen in Falun ja bereits im Frühling gebucht hatte, konnte ich noch nicht wissen, wann Irgendlink wo sein würde. Auch hatte ich damals noch keine Ahnung gehabt, wie lange ich im Sommer Ferien nehmen können würde. Sicher zwei Wochen, eher zweite Julihälfte, aber das wars auch schon.

Lauter Eventualitäten also – bei mir ebenso wie bei Irgendlink. 

Und nun das hier: Örebro Mitte Juli. Allen Wetterprognosen zum Trotz hat es heute kaum geregnet. Morgens kurz, am Mittag kurz und nachher einmal fünf Minuten getröpfelt. Dann nicht mehr. Gegen Abend fernes Donnerrollen, Gewitterwolken, die vorüberziehen. 

Und nund liegt ein voller, reicher Tag hinter uns. Ich bin angekommen. Hier, bei Irgendlich, bei mir. 

Kurz vor halb zehn. Wir sitzen auf Jürgens Schlafmatte draußen vor dem Zelt. Über uns ein noch immer blauer Himmel mit ein paar Wolkenschlieren. Knapp 20 Grad. Die Sonne, die sich bereits in der Nähe des Horizonts aufhält, aber nicht wirklich daran denkt, ganz zu verschwinden. Bestensfalls nur kurz. 

Ja, ich mag diese hellen skandinavischen Nächte, gehöre zum Glück zu jenen Menschen, die auch bei Tageslicht schlafen können, wenn ich müde bin.

Am Himmel Wildgänse oder -schwäne, die in Schwärmen den Himmel durchstreifen, das Gurren von Nachtvögeln, das Rauschen des Durchgangsverkehrs mischt ebenfalls mit, von der Pferdekoppel jenseits des Campingplatzes hin und wieder ein Wiehern. Die Nachbarn sind zum Glück ziemlich ruhig.

Wir haben den Tag mit Ausschlafen, Brunchen, Ausruhen und einem Urban ArtWalk durch Österbro verbracht. Eine klasse Stadt übrigens. Ray hat um 10 nach vier den Bus via Oslo nach Kopenhagen bestiegen und nun sind wir allein zu zweit.

Wie es wohl sein wird, frage ich den Liebsten, wenn du ganz allein unterwegs sein wirst? Durch Deutschland warst du noch beinahe zuhause und hast Leute getroffen, deine erste Schwedenzeit warst du mit Ray und jetzt mit mir unterwegs, aber dann, später?

Auf die Frage bin ich gekommen, weil Irgendlink, nachdem Ray losgefahren war, geseufzt hat. 

Jetzt fehlt mir ein Stück meines Rudels, meinte er. Nun werde ich bis ans Kap alleine unterwegs sein. 

Schon morgen werden wir weiter nach Norden ziehen. Er mit dem Rad, ich mit dem Bus. Nora oder Uskarigarden peilen wir an. Auf dem Camping dort bleiben wir, solange es uns gefällt. Und wenn es uns weiterzieht, ziehen wir einfach weiter. Ziemlich einfach. 

So werden wir am 22. Juli in Falun ankommen, das Häuschen acht Tage bewohnen und uns danach ein weiteres Mal voneinander verabschieden. Diesmal für länger. 

Doch bis dahin ist es noch ewig weit hin, denn bereits erlebe ich, wie die Zeit sich dehnt. Wie immer – oder meistens – wenn wir zusammen sind. Ins Unendliche wachsen die Tage in die Tiefe und Weite. Wie das Land hier. Ob ich es darum so mag?

Ich gestehe, dass ich es als Einstieg zwischen Alltasgszivilisation und Outback geschätzt habe, auf diesem großen, sehr gut ausgestatteten Camping anzukommen. Aber ich gestehe ebenfalls, dass ich mich freue auf das „nur die Natur und wir“. Auf Wanderungen durch Wälder. Auf Zeltnächte in der Pampa – es lebe das skandinavische Jedermannsrecht, das Campen überall erlaubt. 

Ich hoffe, dass uns die WettergöttInnen wohlgesinnt sein mögen, denn alles steht und fällt mit dem Wetter, wenn man kein festes Dach über dem Kopf hat.  Und ich lasse mich gerne, wie heute, eines besseren belehren, nämlich dass die Prognose oft falsch sind, und genieße es sehr, dass die Sonne noch immer scheint. Für alle. Irgendwann. Irgendwo.