Seit As it is in Heaven habe ich es nicht mehr erlebt … Das Publikum bleibt selbst nach dem Abspann sitzen. Wir beide sind die letzten, die aufstehen. Gut so, inzwischen konnten meine TrĂ€nen trocknen.
Anders als Mani Matter ist Maman Simone allerdings nicht wirklich beim Coiffeur gewesen. Doch als Ausrede taugt der Spruch ganz gut. Als Ausrede und als Selbstschutz. Von metaphysischem Gruseln und Spiegeln, die sich in Spiegeln spiegeln, blieb Simone dennoch nicht verschont.
Ein Film, dessen Plot uns, fĂŒr sich gesehen, kaum ein mĂŒdes LĂ€cheln entlockt. Ein Familiendrama mehr? Umso grossartiger die Leistung der Kanadaschweizerin LĂ©a Pool (Regie) und Isabelle HĂ©berts (Drehbuch). Mit unspektakulĂ€ren Dialogen, die gerade durch ihre AlltĂ€glichkeit ĂŒberzeugen, mit Mimik, Ungesagtem machen sie fĂŒhlbar, sichtbar, was WIRKLICH abgeht. Beklemmend banal, bedrĂŒckend normal, wie Kinder empfinden, was Erwachsene inszenieren. Kleine Stilmittel reichen. Maman zöpfelt Elises Haare nicht mehr. Denn Maman ist weg. Nicht beim Coiffeur, sondern von Kanada nach London gereist. Hat die Familie zurĂŒckgelassen. Wegen eines Mannes. Wie (fast) immer. Und doch immer wieder anders.
Böse Mutter? Oder böser Vater, der nach vielen Familienjahren endlich begreift, dass er homosexuell tickt und sich in einen seiner Golfpartner verliebt hat? âIch kann deine Mutter nicht glĂŒcklich machen!â, sagt er so ehrlich wie sonst kaum je, als Elise von ihm wissen will, ob sie die Schuld daran trage, dass Maman gegangen sei.
Wie gesagt, die Haare trĂ€gt Elise seither offen. Noch ganz viel anderes ist ganz anders geworden, seit Maman gegangen ist. Doch Maman ist nicht einfach gegangen, um sich als Korrespondentin in London zu verwirklichen. In den spĂ€ten Sechzigern war das noch nicht wirklich DAS Thema. Sie mĂŒsse gehen, weil sie sonst sterben wĂŒrde, sagt sie ihrem Chef. Fliehen. Sich selber retten als Schadensbegrenzung. Alles andere muss warten. Die Ăberlebensinstinkte einer Mutter. Geht die Mutter unter, ertrinken auch alle anderen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Denn die Geschichte kommt ohne Wertung aus. Der Vater ist weniger schuldig als hilflos und ĂŒberfordert. Seine ganze berufliche Kompetenz als Biochemiker nĂŒtzt ihm nichts angesichts der Not seiner Kinder. Seine klugen SprĂŒche bringen ihn nicht weiter. So flĂŒchtet er sich in die Arbeit und ĂŒberlĂ€sst die Kinder mehrheitlich sich selbst. Will heissen Elise, seiner Ăltesten.
Und wir? Wir sehen einfach zu. Sehen zu, wie sich Conrad, Coco genannt, in der Garage verschanzt, um endlich seine Seifenkiste zu vollenden. Ans Klavier, dieser BrĂŒcke zu seiner Mutter, setzt er sich nur noch selten. Seinen Schmerz schluckt er hinunter. Nur im Schlaf fliessen seine TrĂ€nen. Obwohl Elise stark wirkt, hat auch sie den Boden unter den FĂŒssen verloren. Sie sucht Zuflucht am Fluss. Die (verbotene) Freundschaft zu einem taubstummen, „unheimlichen“ Fischer, der ihr das Fischen beibringt, hilft ihr, die Trennung von der Mutter auszuhalten, die ihre drei Kinder bald nach London holen will. Am schlimmsten jedoch ist es fĂŒr den kleinen BenoĂźt, der in den Augen seines leistungsorientierten Vaters, zurĂŒckgeblieben ist. Maman Simone, die wir zu Beginn des Filmes als sehr authentische, herzliche und emotionale Frau erleben, nahm den Kleinen so, wie er ist. Das liebevolle Band von NĂ€he zwischen den beiden wurde mit der Trennung von einem Tag auf den anderen zerrissen. Der hochsensible Bursche beginnt allerdings erst nach dem Besuch beim Kinderpsychiater wirklich damit, sich auffĂ€llig zu verhalten. Als da wĂ€ren Selbstverletzungen, das Zerstören seiner Puppen, das Zerschlagen des Fernsehers, auf dem seine Mutter als Nachrichtensprecherin zu sehen ist. Wie wichtig die Mutter doch fĂŒr alle ist! Wie wichtig diese allererste Beziehung eines Kindes. Der ĂŒberforderte Vater ist froh, als die Ferien endlich zu Ende sind und die Kinder wieder zurĂŒck an die Schule sollen. Sollten jedenfalls!
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Einer der besten Filme, den ich in den letzten Monaten gesehen habe. Starke Dialoge. Emotional. Klischeefrei. Authentisch. AlltĂ€glich. BerĂŒhrend. Beklemmend. FĂŒnf Sterne. Mindestens!
Danke, K., du treuer Blogleser, fĂŒr dieses Geburtstagsgeschenk. Ich habe den Abend und das Aftercinema-Bier mit dir sehr genossen.
S’het gfĂ€gt!
chelaas
ich wagte mich via rah mal in deinen blog vor und liess mich von deinem filmtipp (maman est chez le coiffeur) zum kauf zweier tickets fĂŒr eben diesen film fĂŒrs open-air kino bewegen. nimmt mich wunder, wie ich ihn finde, aber deiner beschreibung nach sollte mir der sehrwohl passen:)
wie fandest du no more smoke signals? (http://aramatique.blogspot.com/2009/05/no-more-smoke-signals.html)
đ
LG
@aramatique
willkommen in meinem blog. habe gestern deinen besucht und abonniert! đ no more smoke signals – da hatte ich das blog noch nicht, aber den fand ich auch absolut genial. in seiner einfachkeit, dokumentarisch und doch als geschichte erzĂ€hlt, ĂŒberzeugend, berĂŒhrend, aufwĂŒhlend, authentisch – wie du auch geschrieben hast. wir scheinen da ja einen Ă€hnlichen filmgeschmack zu haben! freue mich, wenn du hin und wieder vorbei schaust. so I do …
na dann werd ich mir den film wohl auch noch angucken gehen đ
ich bin ĂŒberzeugt, dass du ihn mögen wirst!
er ist ebenso lustig wie traurig. wie das leben …