Schwerkräfte

Halbe Geschichten immer wieder. Anfänge. Halbe
Träume. Massenweise Notizen und
Plots. Alle nicht schlecht, doch
fehlt ihnen etwas. Der Schluss? Hätten sie einen, wären sie
fertig. Am Ende. Und genau
das dürfen sie nicht sein, denn alles geht.
Alles! Geht! Immer! Alles geht
immer weiter. Irgendwie. Auch meine Geschichten. Die
Figuren leben, so stelle ich es mir vor, auch ohne mich
weiter. Nachdem ich sie erfunden habe. Immer weiter.
Ewig.

Da ist R., die sich Gedanken darüber macht, was der größte
gemeinsame Nenner dessen ist, was
Menschen brauchen, um sich
wohl zu fühlen. Frische Wäsche? Wasser? Eine saubere
Wohnung? Oder sei das bereits Luxus. Denkt sie. Lebendig
geworden durch meine Tastatur. Zum Leben
erweckt. Zur Denkerin gemacht.

Und dann? Wie weiter?

Oder D.. Sie dreht bisweilen das Gesetz der Schwerkraft
und sich selber auf
den Kopf und fällt beim
Liebemachen himmelwärts. Schwebt
dort ein wenig. Kommt wieder
zurück. Noch da. Dort. Hier. Überall. Nur
nicht im Alltag.

Und dann? Wie weiter?

Oder T., dessen Vater eines Tages nicht mehr aufsteht. So viel
unfertiges noch zwischen ihnen. Unausgesprochen auch die
Liebe. Trotz all dem Mist, der sich da
angesammelt hat.

Und dann? Wie weiter?

Tja. Alltag kommt in Geschichten selten vor, jener langweilige, immer wiederkehrende Alltag. Pinkeln. Wäschewaschen. Geschirrspülen. Einkaufen. Briefmarken aufkleben. Vielleicht weil wir Lesenden, aus dem Alltag fliehen wollen. Weil wir nicht alltägliche Geschichten lesen wollen. Mit nichtalltäglichem Alltag drin. Mit überraschenden Alltäglichkeiten. Dennoch wollen wir uns in ihnen wiedererkennen. Zumindest als Zerrbild. Im Spiegel der Geschichten, denn dies sind sie alle. Immer. Immer ein wenig zumindest. Wiedererkennen also. Sich selber. Andere. Und über unsere Menschlichkeit weinen. Oder lachen. Oder beides. Gleichzeitig.

Doch sag mir nun bitte eine oder einer, was denn eine ganze Geschichte ist!

Wie kann ich einen Text vollenden, endlich, ohne seinen Geist umzubringen, weil ich seine Dynamik, seine Entwicklung kappe, wenn ich die Geschichte für vollendet erkläre und sie einsperre. Zwischen zwei Buchdeckeln, auf denen vorne mein Name steht.

Da bleibe ich wohl besser bei meinen halben Geschichten, die das Leben mir zeigt, und lasse mich immer wieder auf neue Figuren ein. Gehe immer wieder neuen Spuren nach. Höre hin. Schaue zu. Schließe die Augen. Träume offenen Herzens und mit geöffneten Sinnen meine Welt um und forme aus der Essenz alldessen neue Bilder. Fiktion gibt es nicht. Alles ist Fiktion.

Buchstaben hat es ja genug. Zum Glück. Ganze Buchstaben. Das reicht.